Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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( אדר א׳" תרס״א• י׳ vז״ו Dar Zionismus erstrebt für das Jlldischa Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*• An die Zionistischen Ortsgruppen und Vertrauensniännei I Der 17 Defedertcnisg der Zionistischen Vereinißnng für Deutschland wi׳d für Mitte Mai einberufen weiden. Das Wahlrecht der Ortsgruppen zum Dekg.ertentag ist von der rechtzeitigen Abführung dcrlandesbeiträge ab. hSngig Wir fordern datier eile Ortsgruppen nur, die rückständigen Lan desbeiträge für 1920 nun• mehr schleunigst an uns abzuführen. Bis zum Delegiertentage muß ferner auch die erste Hälfte der Landesbeitrüge für 1921 abgelicfcrt werden. Der Landes• beitrag betrügt für die Ortsgruppenmltglieder 5 Mark pro 5ihr, für Mitglieder des Misrachi und des HapoSi* llazaTr Mark, fiir Jugcndmltglicder 2 Mark. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Berlin W 15, Sächsische Str. 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Zionistische Vereinigung tür Deutschland. Bankkonto: Nallonaibsnk für Deutschland, Depositenkasse Kurfürstendimm 211, Ein Schwarzbuch Von Chajim Aharon Krupnik. Nachdem aile Farben des Regenbogens und ihre Schattierungen von allen alten und neuen Staaten für die Bezeichnung ihrer Aktcnsammiungen in Anspruch genommen waren, blieb uns, dem alten, aber unbeliebten Volke, das erst jetzt daran geht, auch seine ״Akten“ zu veröffentlichen, nichts übrig, als die altbekannte aber ebenfalls unbeliebte Farbe zur Bezeichnung seiner Aktensanimlung zu wühlen: die schwarze. Aber während die Bezeichnungen anderer Völker vollkommen willkürlich gewählt zu sein pflegen, während die Farben anderer Aktcnsammlungen nichts mit dem Inhalte zu tun haben, und man die Farben dieser Riiclier beliebig vertauschen kann, ohne daß dadurch dem Charakter derselben Abbruch getan würde, patit unsere Farbe zu sehr zu dem Inhalte unserer Akten. Wahrlich, solche ״schwarzen“ Akten hat die Welt kaum je gesehen. Was in diesem Schwarzen Buche*) erzählt wird, ist so überwältigend, so niederschmetternd, daß es die ganze Welt mit Entsetzen füllen könnte — wenn die Welt es hören wollte. Aber die Welt hat eine Ausrede — die Kriegsmüdigkeit, die Abstumpfung während des Krieges und durch die Kricgsgreuei. Dabei ist diese Ausrede so verlogen, wie die ganze Politik dieser ״Kulturwelt“. Denn dieser Weit ist alles Politik — die heiligsten Gefühle von Menschen und Völker, wie die gemeinsten und niedrigsten Instinkte eines Pöbels, für dessen Taten die Be- Zeichnung tierisch nur noch eine Schmeichelei sein kann. Ja, die vorgeschützte Abstumpfung ist nur ein Vorwand. Jedem Schieber und Defraudanten, besonders wenn er einer anderen Partei angehört, wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als den schauderhaftesten, grausamsten Metzeleien, deren Opfer die Juden der Ukraine sind. Was sich jetzt in der Ukraine abspielt, ist so beispiellos, so singulär, sogar in unserer Leidensgeschickte, daß man ratlos dastcht und nicht weiß, worüber man sich mehr empören soll: über die niederträchtige Teilnahmslosigkeit der ״Kultur“welt, die sich nicht in die ״inneren Angelegenheiten eines Landes“ hineinmischen will — wenn es ihr nicht paßt, wenn sie sich nämlich davon keinen Vorteil versprechen kann — oder über die unglaublich niedrige Stufe, auf die ein ganzes Volk sinken kann, über die grausamsten aller Grausamkeiten, über die absolute Sinnlosigkeit dessen, was wir in der Ukraine erleben, über den erschreckenden Zynismus, mit dem ein ganzes Volk das andere ausrolten will. Alle Beschönigungsworte, mit denen man bis jetzt versucht hatte, uns über unsere Leiden hinweg zu trösten, ihnen einen Sinn zu verleihen, sind fallen gelassen worden. Hat man im Mittelalter von uns verlangt, daß wir uns taufen lassen, hatte man es später auf unser Vermögen abgesehen — so konnten wir uns damit trösten, daß die aufgeklärten, toleranteren oder materiell besser situierten Völker ihren Haß auf uns mildern würden. Die jetzigen Berichte aus der Ukraine sprechen aber von einem blinden, grenzenlosen und sinnlosen ,.*) Dcr jüdische Churbln in der Ukraine. Matena.jon und Dokumente, Herausgegeben von L. C h a - 1-0Witz, Verlag Judäa״ Berlin, 1920 (in jiddischer Haß. Kosaken, Soldaten, Bauern, Arbeiter verschmähen Geld, Schmucksachen, Gegenstände — all das fällt ihnen nachher sowieso zu — sie verlangen nur eines: das nackte jüdische Leben, das sie in teuflisch raffinierter Weise, unter Ernicdrigtingen und Qualen, gegen die die spanische lnquisition erblassen muß, nehmen. Wir schrecken davor zurück, auch nur einige Einzelfälle hier wiederzugeben, so unglaublich, so höilisch-phantastisch klingen sie. Und doch ist cs keine Ausgebart einer kranken Phantasie, kein Hirngespinst, sopdern dokumentarisch fcstgestelltc Tatsachen, die in unseren ״Schwarzen Akten“ niedcrgelegt sind. Oder soll man solche Fälle für möglich halten? Soll man es glauben, daß int Jahre des Heils 1920 eine ganze jüdische Gemeinde, Männer, Frauen, Kinder und Greise, gefesselt wird, auf dem Marktplatz zu Boden geworfen und über ihnen von den Kosaken ein Pferderennen veranstaltet wird, bis die ganze Masse in ein Gemcngsel von Blut, Fleisch, Knochen und Kleiderfetzen zerstampft wird?*) Oder folgende Tatsache: Die ganze Gemeinde wird äufgefordert, vollzählig, vom Säugling bis zum Greis, in der Synagoge zu erscheinen, um über die ״Vcrständigungsbedingungcn“ zu beraten. Darauf wird die Synagoge von Kanonen und Maschinengewehren umstellt und das Feuer eröffnet, das so lange andauert, bis alles zu einem blutigen Trümmerhaufen zusammengeschossen ist. Wer nicht im Qualm erstickt ist, wird unter den Trümmern lebendig begraben, wer durch die Fenster zu entkommen versucht, wird von einem Kugel* regen aus den Maschinengewehren empfangen. ln einer Gemeinde (Teplik) versammelte sich der größere Teil in der heiligen Synagoge des Baal-Schem, in dem Glauben, daß der Heilige seine Schutzbefohlenen nicht der Sthandc ausliefern werde. ־ Der andere Teil war in einem benachbarten Gebäude untergebracht, das aber sofort von den Mördern entdeckt wurde. Mit verhaltenem Atem hörten die in der Synagoge Versammelten die schrecklichen Hilferufe ihrer gemarterten Brüder und Väter, ihrer vergewaltigten Schwestern und Mütter. Plötzlich fing ein Kind an zu weinen: es hatte Hunger. Die ganze Gemeinde war verzweifelt, sie hatten Angst, von den Mördern bemerkt zu werden. Da nahm der Vater, um die Gemeinde nicht zu verraten, das Kind und stopfte ihm die Nase zu — bis es erstickte. Aber als die Mutter entdeckte, daß sie ein totes Kind in ihrem Schoß hält, fing sie an, entsetzlich zu jammern — die Synagoge wurde bemerkt, von Kanonen umstellt und kein einziger Jude entkam aus diesem Blutbad. Das Resultat dieser Verwüstungen ist so schrecklich, daß man es in allen Auswirkungen noch gar nicht abschätzen kann. Ueber 2000 oben geschilderter Pogrome haben in den letzten zwei Jahren stattgefunden. Ungefähr 150000 Juden wurden ermordet, mehrere hunderttausende verwundet. 300000 Waisen irren in der ukrainischen Hölle schütz-und obdachlos herum und mit Recht wurde auf die Gefahr hingewiesen, die uns in der Zukunft von dieser Seite droht. Tausende irren, von Entsetzen wahnsinnig geworden, in den Wäldern herum. Aile sind bis aufs letzte beraubt, und die Vernichtung des Handels und des Gewerbes in Rußland nahm ihnen jede Möglichkeit, ihre materielle Lage wicderhcrzustellen. Die meisten Opfer sind Männer, zurückgeblieben sind Frauen, von denen noch tausende das Mal ihrer Schande unter ihrem Herzen tragen und tausende dazu verdammt sind, die Kinder der Schmach zu erziehen und sic mit der Zärtlichkeit einer jü-! dischen Mutter zu pflegen... ' In zahlreichen jüdischen Gemeinden sind überhaupt nur noch Frauen und Kinder geblieben. Viele aber sind vollständig ausgerottet worden. Das ukrainische Judentum hat einen solchen Aderlaß erlitten, daß von einem ukrainischen Judentum fast nicht mehr die Rede sein kann. Der große Verlust, den dies für das Gesamtjudentum bedeutet, wird sich erst langsam und allmählich zeigen. . Nach dem furchtbaren Aufstand von Bogdan Chmielnitzky (1648), der ebenfalls wie ein Fege¬ •) ,.Hascliilonch“, Jerusalem, 1921, 379 u. ff. ״Aus der •ukrainischen Hö:le.“ Protokolle des Rabbiners von Ungenl, Mosche Rebefski. feuer die ganze Ukraine umloderte und viele jüdische Gemeinden vernichtete, sind kaum hundert Jahre verflossen״ als im ukrainischen Judentum jene Bewegung entstand, die bei aller Bildungsfeindliclikeit vielleicht unsere schönste religiöse Bewegung der letzten Jahrhunderte darstellt. Der Chassidismus wurde zu einer Quelle von tiefem, religiösen Empfinden, wahrer Frömmigkeit und zugleich einer starken Lebensfreude, voll Poc־>ie und Schönheit. Sein Einfluß ist noch bis auf unsere Tage in Leben und Literatur unverkennbar. Als das aufgeklärtere, gebildete und politisch reifere Litauen die nationale Bewegung hat stark werden lassen, schloß sich ihr das ukrainische Judentum mit Begeisterung an und, gemütsvollcr als der rauhe Norden, nahm es besonders regen Anteil an der Schaffung der neuen Literatur: Bialik, Tschcrnichowsky, Achad-Haam, Schaiom-Aleichem, zum Teil Mendeic Mocher-Spharin, Fichmann, 1. Steinberg, Sch. Ben-Zion, Dr. Berdyczewsky und viele andere Vertreter unserer modernen Literatur sind Kinder des ukrainischen Judentums. Materiell war das ukrainische Judentum bedeutend reicher, als das arme Litauen. Synagogen, Schulen, Bibiiotheken, Krankenhäuser, soziale Institutionen, wie Genossenschaften, Hilfskasscn, Volksbanken usw.' waren fast in jeder jüdischen Stadt. Das alles ist jetzt zugrunde gerichtet worden — und es besteht keine Aussicht, daß dies in der nächsten Zukunft auch nur im entferntesten wiederhergestellt werden kann. Lange, lange noch wird das Judentum der ganzen Welt den Schlag spüren, der ihm durch die Vernichtung dieses seines Teiles versetzt wurde. Die Lage der ukrainischen Juden ist um so tragischer, als sic sich vollständig verwaist und vereinsamt fühlen. Sic wissen zu gut, daß man von allen Seiten, besonders aber in Amerika, die größten Anstrengungen macht, um ihnen Hilfe zu reichen. Aber der Vulkan, auf dem zu bleiben sie verurteilt sind, ist in steter Unruhe, alles bebt und brennt unter ihren Füßen. Es herrscht in der Ukraine eine vollständige Anarchie, wie sie die Geschichte kaum kennt. Weder können sie von dort heraus, noch kann man hinein. Das Geld hat keinen Wert. Sie brauchen Gegenstände, Bedarfsartikel. Was dem Gewalttode entrann, geht an Hunger, Krankheiten und sonstigen Entbehrungen dem langsamen Tode entgegen. Dabei haben sie nicht einmal den schwachen Trost, daß ihre Leiden den übrigen Juden bekannt sind. Sie sterben den Tod der Heiligen in dem schreckliehen Bewußtsein, von Gott und aller Welt verlassen zu sein... Ab und zu dringt ein Notschrei durch dicken, blutigen Nebel zu uns, aber Europa schweigt, Europa ist abgestumpft, Europa will das letzten Endes von ihm mitverschuldete Morden nicht sehen. Wie ein Mörder vor dem Geiste des Ermordeten, wendet sich Europa von dem Judenmassakre ab, und — gibt sich dem Tanz und anderen ״Zerstreuungsmitteln“ hin. Ist es denn sicher, daß das Feuer auf den Osten beschränkt bieibt und an der Ostgrenze Halt macht? War denr Kiew nicht eine europäische ״Kuiturstadt“? Was aber dort an Juden geschehen, ist so niederschmetternd, daß das ein paar hundert Kilometer westlicher liegende Europa daraus eine Lehre ziehen könnte, sowohl das christliche als insbesondere das jüdische. Als Bialik im Jahre 1903 die Stätte des ersten Pogroms in Kischinew gesehen hatte, schrieb er das ergreifende Gedicht: ״Himmel! Bittet um Barmherzigkeit für mich! Wenn ihr einen Gott habet, und den Weg zu ihm kennt, den ich nicht mehr finde bittet ihr für mich! Mein Herz isi tot ־— kein Gebet kommt über meine Lippen mehr. Wer spricht von Rache? Eine solche Rache, eine Rache für das Blut eines Säuglings hat Satan selbst nicht erfunden. Und gibt es Gerechtigkeit — so zeige sie sich sofort. Wenn sie aber erscheint, nachdem 1’ch unter dem Himmel vernichtet bin — möge ihr Thron auf ewig in Stücke zerschmettert werden..." Was Bialik gesehen hatte, war' ja nur ein Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir erleben, war ja nur das erste unterirdische Grollen eines Vulkans, dessen Ausbruch unsere unglücklichen Brüder in voller Härte zu erdulden haben.