Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus erstrebt für das JOdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“! Oie Z. V. f. D. zur Krise * Oie Tagung des Landesvorstandes der Z.V, f. D. hat die Stellung des deutschen Zionismus zur gegenwärtigen Krisis in der Gesamtorganisation bestimmt. Die Tagung erhielt ihre ungewöhn-; liehe Bedeutung durch die Tatsache der Anwesen- I iieit und Teilnahme Jabotinskis, die zum erstenmal I wieder Gelegenheit zur direkten Aussprache der 1 deutschen Zionisten mit einem in der Weltorgani- I sation wenn auch nicht formell führenden, so doch | in alle Einzelheiten des politischen Geschehens und des Lebens in Palästina eingeweihten Manne bot. Jabotinski sicht das ganze zionistische Problem unter politischem Aspekt, und er hat es verstanden, seine Anschauung über die heutige Lage und über die begangenen Fehler mit zwingender lieber- ן zeugungskraft darzulegcn. ln der Diskussion erwies { cs sich, daß innerhalb des deutschen Zionismus 1 kaum eine Meinungsverschiedenheit darüber bc- 1 steht, daß die heutige Leitung der Weltorganisation j den Forderungen der Stunde nicht gewachsen ist ו und daß die Leitung einer Umgestaltung bedarf. Dabei wurde unzweideutig der Wille ausgesprochen, daß die zionistische Bewegung ihren politischen und nationalen Charakter bewahren und daß daher jenen Tendenzen entgegengetreten werden muß, welche auf politischen Schwung, auf Propaganda und Erziehung bereits verzichten zu können glauben und sich nur auf praktische Wirtschaftsarbeit in Palästina beschränken wollen. Der Zionismus als politische Bewegung ist noch nicht am Ziele, und; der wirtschaftliche Aufbau Palästinas kann nur 1 gelingen, wenn das ganze Volk durch die Kraft; J der zionistischen Idee von einer nationalen Leiden- \ Schaft erfüllt wird, die wir heute noch vermissen, j ln diesem Sinne wird die Exekutive aufgefordert, ’ | die Einheit der Organisation und ihren nationalen 5 I Charakter wiederhcrzustcllen und §ir die einheit- [, \ liehe Aktion für Keren hajessod in allen Ländern ן׳י Sorge zu tragen. ׳ Denn zionistische Arbeit heißt heute vor allem , Keren hajessod. Die überwiegende Mehrheit des Landesvorstandes teilte Jabotinskis Meinung, daß *die Mittel für Palästina durch!;einerlei Propaganda , für einzelne Wirtschaftsunternehmungen zu be- | schaffen sind; diese Propaganda soll zwar auch | gemacht werden, sie genügt aber bei weitem nicht. ו Zur Aufbringung der Mittel für das gigantische ן Werk des Ar.fbaus Palästinas bedarf es der gigantischen Anstrengung de•• jüdischen Volkes, der Zusammenfassurig aller materiellen Kräfte und Aus- Schöpfung aller vorhandenen Energien. Der (]«.•danke, der den großen Ernst dieser Forderung zum Ausdruck bringt, ist der Maasser. Es wird heute von jedem Juden, in erster Reihe natürlich von jedem Zionisten, eine nationale Abgabe in . der Höh? von 10"., «cs Vermögens und durch fünf I;;.hrc Hi ׳' > des Einkommens erhoben. Dieser Fonds י muß den ausführenden Organen des jüdischen * Volkes zur Verfügung stehen. Wir wissen nicht, ob es genügen wird, das Eine aber wissen wir, daß cs das Minimum dessen ist, was wir leisten müssen. Der Landesvorstand hat die Arbeit für Keren hajessod in Deutschland beraten und sich nachdrück-; lieh auf den Boden des Maasser gestellt, ln erster i Linie ist die Aktion unter den Zionisten in diesem ■ Sinne zu führen. Alle unsere Erfolge, auch nach j außen hin,!längen davon ab, ob wir imstande ן sind, in dieser Stunde zu erweisen, daß es uns 1 selbst zutiefst ernst ist mit der zionistischen For-; denmg, und es gibt keinen anderen Beweis, als die Bezahlung des Maasser, Die Forderung wird in vollem Maße durehgeführt werden, und der Landesvorstand hat eine Kontrollinstanz geschaffen, die das Nachprüfungsrech: für die Zeichnungen der Zionisten erhalten hat und ermächtigt ist, ungenü- , '׳H״־dc Zeichnungen zurückzuweisen. Auf diese ן V-• oise werden alle Zionisten erfaßt werden, und niemand wird sich der Forderung entziehen können.; Um gewissen moralischen Bedenken Rechnung zu *!ragen, wurde ausdrücklich beschlossen, daß bei j kleinem Einkommen, oder bei einem solchen, das ן durch anderweitige Ausgaben besonders stark belastet und dadurch zu einem niedrigen herabgeminuert ist, eine Herabsetzung des geforderten Prozentsatzes erfolgen kann. Gerade durch Festsetzung dieser Ausnahme ist klar ausgesprochen, daß die Die Ergebnisse der Reorganisationskommission Interview mit Ussischkin ln einem Interview äußerte sich Ussischkin, der Vorsitzende der Zionistischen Kommission in Palästina, zu einem Vertreter des ״Haarez“ über die Resultäte der Tätigkeit der aus den Herren Julius S i in on, Nehcmia de Lieme und Robert Szold bestehenden Reorganisationskommission. Die Kommission, führte er aus, hat die ganze Arbcitswcisc, die Rechnungen und Belege der Zionistischen Kommission genau geprüft Es fanden einige ausgedehnte Sitzungen mit den Leitern der verschiedenen Abteilungen der Zionistisclicn Kommission und Vortreten! des Waad Halcumi, der Lehrervereinigung und den Arbeiterorganisationen statt. In manchen Fragen wurde eine völlige Ucbercinstimmung erreicht, manche andere müssen der Entscheidung des Aktionskomitees unterbreitet werden. Die Differenz, die sich zeigte, betraf die Einwaudcrung. Die Reorganisationskommission war der Meinung, daß die Einwanderung entweder beschränkt oder zeitweise eingestellt werden müsse, bis die für Errichtung von Häusern und Sdiafhmg von Arbeitsgelegenheiten nötigen Fonds aufgebracht sind. Unsere Meinung jedoch war, daß die Einwanderer an den Abfalirtsorten streng gesichtet werden sollten, und daß die Einwanderung fortgesetzt werden kann, wetm man Elemente ins Land bekommt, die physisch und psychisch geeignet sind, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Eine Unterbrechung der Immigration wäre aus vielerlei Gründen katastrophal, nidit zum wenigsten deshalb, weil das jüdische Volk das Interesse an Palästina verlieren würde, wenn die Einwanderung untersagt wird. Wenn jedoch die Einwanderung selbst unter ungünstigsten Verhältnissen fortgesetzt wird, wird das jüdische Volk mit der Aufgabe wachsen, uml die nötigen Mittel für die Untersuitzung und Eingliederung der Einwanderer in die Arbeit werden da sein. Die Ein- Wanderer, die im li t/len Jahr nach Palästina gekommen sind, sind augenblicklich unsere größten und wichtigsten Aktiva. Die Reorganisationskommission akzeptierte schließlich mit gewissen Vorbehalten diesen Standpunkt, und die 1 m m i g r a t i o n wird daher nicht unterbrochen werden. Die Einwanderung wird ausgewählt, aber nicht eingeschränkt sein, uml das erste in Europa uml Amerika aufgebrachte Geld soll zur Organisation der Einwanderung und Arbeitsbcscliafmng für die Chaluzim verwendet werden Betreffs der L a 11 d k ä u f e bestand die Rcorganij sationskommissiou auf Ansichten, welch•■ im schroffsten i Gegensatz zu eien von uns vertretenen stehen. Es wurden ' zahlreiche Vorschläge t'ftr die Erwerbung von Strecken; Landes für den N'.-F. uml für Private unter verschiedenen I Bedingungen erörtert, aber bei keinem kam es zu einer I 11ebereinstimmiing, und da die ganze Frage über die j Details jetzt nicht veröffentlicht werden kann, \vird j erst auf der A.-C.-Sit/ung entschieden werden, j Am stärksten schieden sich unsere Ansichten in der! E r z i e 11 ti!1 g s f r a g e , die «1011 größten Teil unserer j Zeit in Anspruch nahm; schließlich wurde vereinbart, j daß das A.-C., oder vielleicht der Kongreß in dieser überaus wichtigen Frage eine Entscheidung treffen solle.! Inzwischen bleibt das in London beschlossene Budget für Erziehung und Kultur des laufenden Jahres in Kraft. Dieses Budget, das von der Zionistischen Exekutive akzeptiert wurde, beträgt zirka 118 000 ägypt. €, wovon di6 Zionistische Organisation 100 OÜO C beisteuert, wahrend der Rest durch Schulgelder und Subventionen von Städten und Kolonien aufgebracht wird. Die versprochene Erhöhung der Lehrergehälter für drei Monate wird vom 1. April in Kraft treten. Allgemeine Uebcreinstiinmung herrschte darüber, daß die kleinen genossenschaftlichen Landarbeitergruppen sobald wie möglich in Ansiedlungen von Kleinpächtern (״Mosdtawe Qwdim“) umzuwandeln seien. Die Differenz zwischen tms und der Reorganisationskommission entstand über die Frage der sofort jetzt zu treffenden Verfügungen, wenn es nidit möglich ist, sie in Kleinpächter-Sicdlungen zu verwandeln, und wenn es wenig andere Tätigkeitsbereiche für Chaluzim gibt. Wir stimmten zwar dem Grundsatz zu, daß die eigentliche Aufgabe des J. N.-F. die Erwerbung und nicht die Bewirtsebaftung des Bodens ist, aber wir verlangten; daß trotz der schwierigen finanziellen Lage ein von Juden behaupteter Posten unter keinen Umständen aufgegeben werden dürfe. Nach langen Verhandlungen wurde beschlossen, die meisten dieser Gruppen beizubchaltcn, mit Ausnahme von fünf (Kalandia, Talpioth, Ein-Ganim, die Kwuzah am Carmcl und die bei Jaffa), welche entweder ganz geschlossen oder beträchtlich verkleinert.werden sollen. Ferner wunde beschlossen, einige der mehr theoretischen Arbeiten unserer Landwirtschafts- und Kolonisationsabteilung einzustcllen. Gleiclizeitig schlug die Re-, organisationskommission vor, neue Versuchsstationen in Galiläa und Judäa unter der Leitung von Herrn Wilk a ת s k y zu errichten, ein Vorschlag, dem wir gern zustimmten. Die technische Abteilung wird, wie wir selbst bcabsichtigtcn, geschlossen weiden, sobald Arbeiten, mit denen sie momentan beschäftigt ist — Häuserbau, Wasserleitung usw. -- beendigt sind. Es wird noch zwei bis drei Monate dauern, bis diese Arbeiten ab• j geschlossen sind. Die Abteilung wird wieder eröffnet j weiden, wenn die zu diesem Zweck erforderlichen /YiiUcl! vorhanden sind. 1 Die Frkdensgerichte sind von der Zionistischen j Kouimi'siou auf den Waad leumi übertragen worden, j Es ste llt zu b-offen, daß dieser in der Lage sein wird, diese; rein lokalen Institutionen aufrcclit/.ucrhaltcn, besonders j da das monatliche Budget dafür verhältnismäßig geging jst. ״Ich glaube“, schloß Herr Ussischkin, ״daß auf der j nächsten! A.-C.-Silznng die Lage gänzlich geklärt wer- | den wird, und daß es möglich sein wird, die wirklich j wichtigen Arbeiten lörtzusetzen, wie die Erwerbung von j Ländereien, die Errichtung von Kolonien und Ansicd-! lungeu, eine große Einwanderung, Erziehtings- und Kul- | turarheit und politische Arbeit innerhalb des iandes. j Alle diese Dinge hängen v. > n den Mitteln ab, die man uns zur Verfügung stellt. Selbst die Fragen des Mandats und der Grenzen sind nicht so ausschhiggebend, wie die Frage der Mittel. Möge das jüdische Volk diese Mittel aufbringen, entweder als nationales oder als privates Kapital, als Darlehen au Institutionen und Gesellschaften oder als Spenden für den Keren hajessod und den Nationalfonds -- und unser Land wird wieder aufgebaut werden, vorausgesetzt, daß bei dieser Arbeit die gemeinsamen Energien aller Schichten unseres Volkes, die Kräfte der amerikanischen Juden sowohl, wie die der europäischen, aufgeboten werden.“ Hauptforderung ausnahmslos und unbedingt aufzufassen ist, Für die Bedürfnisse der Landesorganisation, deren Etat von! Landesvorstand genehmigt wurde, muß sich außerdem jeder Zionist selbst mit einem angemessenen Betrag besteuern. Diese Steuer ist im Vergleich zum Keren hajessod natürlich klein, aber aucli sie ist außerordentlich wichtig, denn mir durch ihre Leistung kann der Betrieb und organisatorische Apparat" der Z. V. f. D. im Gange erhalten weiden. Dies ist aber gerade jetzt, wo so gewaltige Anforderungen an die Organisations- Maschine gestellt werden, von größter Bedeutung. Der Landesvorstand hat auch die Probleme der inneren zionistischen Arbeit in Deutschland besprochen. Dabei wurde /war kein Beschluß gefaßt, die Debatte hat aber in wesentlichen Punkten eine Klärung herbeigefiilirt, und wenn auch die Aussprache über gewisse prinzipielle Differenzen bei anderen Gelegenheiten weiter geführt werden wird, so durfte doch der Vorsitzende der Z, V. f. D. in seinem Schlußwort mit Recht darauf hin weisen, daß durch die Debatte gewisse, stets von neuem erhobene Einwände gegen bestimmte zionistische Arbeiten sachlich ein für allemal erledigt wurden. Im Mittel* punkt des Meinungsstreites stand diesmal die Frage des Radikalismus der Jugenderziehung. Manche ältere Zionisten wollen nicht anerkennen, daß für die Jugend der Zionismus einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben bedeuten müsse und ihr unbedingter Palästinawille keine Rücksichten auf persönlielic oder Faniilienverhältnisse zuläßt. Die Jugend aber bat aus tiefem zionistischen Verantwortungsgefühl diese Bewegung des unbedingten Palästinawillens geschaffen und fordert von der zionistischen Partei ihre Respektierung und Unter- Stützung. Eine ernste und sachliche Aussprache wird auch in dieser Frage selbst verschieden denkende Zionisten verbinden können. Leider pflegen aber diese Debatten auch bei uns auszuarten, und es soll nicht verschwiegen werden, daß ein Redner in bedauerlichem Maße von dem gebotenen Niveau abgcglitten ist. Wenn auch dadurch der äußere Eindruck der Tagung gelitten hat, so ist doch festzustellen, daß gerade diese Tagung inißeroidentlich wichtige und sachliche Arbeit geleistet hav und für die Stellung des deutschen Zionisnuis «n der Weltorganisation angesichts der bevorstehenden Entscheidungen von großer Bedeutung war. "י״י^יו