Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 83 (23.11.1920)
- Date
- 1920-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ptaj, Konto Nr HA Pin R« •] .1 ^•nnt.ir י׳יוח n * 06 nv H « f 12 Kislew 5681 XXV, Jahr«, D«r Zlonlwno» «ntrebt für das fSdlsöt® Voll; öl* C&affung ©laer BJfeatMcb-ireciitück gesichert®» Heim.tStte In Palßstlaa. ״Baseler Programm“ Die Grenzen Palästinas Jerusalem, 15. November. (Jewish Corr. Ruro). Die zweite Tagung des aus Vertretern aller Glaubensbekenntnisse bestellenden Adviscry Council, die am 12. November ziisammeiigetretui ist, fällte folgende Resolution: ״Als Vertreter sämtlicher palästinensischen Einwohner fordern wir ein stimmig, dali die Nordgrenze den unteren Lauf des L i th a n i f 1 u s scs, alle Gebiete der Jordan- und jarmuktäler und alle Flüsse einschließen soll, und ersuchen den High Commissioner, die hierfür notwendigen Schritte zu unternehmen.“ Ach ad liaam über Kenn hajessod In einer Unterredung mit dein Korrespondenten der ״Hazcfirah“ gab Ussischkin folgende Aeußerung Ach ad Haa ms wieder: Achad Ha am sagte mir in London, .,dal» uns die Well alle ver- Bieintlidxm Sünden verzeihen würde, nur nicht den Mangel an Geld. Es wäre das größte Verbrechen, wenn das jüdische Volk mit seinem Reichtum und seinem finanziellen Einfluß es nicht fertigbringen könnte, die für die Erlösung seines Landes nötigen Mittel zu beschaffen.“ Ussischkin wies dann auf die kahlen Berge und hänge rings um Jerusalem, die nur kleinen Ülivenwäldchen geschmückt sagte: ״Solche Wälder könnten alle diese steilen Felsen schmücken, wenn wir von ihnen die im Laufe der Jahrhunderte gebildete Sandschicht enticmai und die alten Terrassen wiedcrhcrstcllen. Gebt uns die Mittel, und wir verwandeln Palästina ui das schönste Land der Welt!“ steilen Abmit einem sind, und Inte! uientng lästiger Ausländer Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, beab- «iclitigt die Preußische Regierung bereits in allernächster /.dt ein Internierungslager für diejenigen Ausländer zu errichten, welche nach den bestehenden Bestimmungen unter den Begriff der ״Kriminellen“ fallen. Ferner sollen in dieses Lager alle diejenigen verbracht werden, die einem bereits an sie ergangenen Ausweisungsbefehl keine Folge geleistet haben. Gegen diese Maßregel ist prinzipiell nichts einzuwenden. Die Internierung solcher Ausländer, die gegen die Gesetze verstoßen haben oder wirklich dringend der Gesetzesiiivertretung verdächtig sind, kann nur be- Criiftt werden. Im übrigen wird alles Von der Art abhäugen, in der die in kürzester Frist zu erwartende ministeriell«; Verfügung in die Praxis übertragen wird. Die Verordnung kann, wenn ihre Ausfiihrungsbestim- 1uu1!״cn der hinreichenden Klarheit entbehren sollten, •eielit zu Mißgriffen führen, vor allem gegenüber den Ostjuilen. Wir erwarten sowohl vom Ministerium wie 'on den zuständigen .jüdischen Instanzen, daß sie streng darüber wachen, daß nicht etwa untergeordnete Organe der Verfügung eine Auslegung geben, die von der Regierung nicht beabsichtigt ist. , Amerikanisches Einwanderungsverbot? New York, 10. November. (Tel.-Komp.) Der Kongroß wird sich in einer seiner nächsten Sitzungen mit einem Eiinvaiiderungsgesetz befassen, das die Ein wänderung angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit in Amerika auf mehrere Jahre verbieten wird. Wall Street ist dem neuen Gesetz günstig gestimmt, aus welchem Grund eine Annahme als wahrscheinlich bezeichnet werden kann. I Die Lage wird durch «len starken Preissturz in Amerika ״och erheblich verschärft. Der Kongreß 10 7 1• n Die J, P. Z. meldet: ״ln zionistischen Kreisen Lond«ns verlaufet, daß geplant wird, den zionistischen Weltkongrell im August 1921 nach London ein/ubenife».“ Offiziell ist hierüber bisher nichts bekanutgegeben «orden, wir halten jedoch die Nachricht für unwahr- “ehe in lieb. Zionistische Expedition nach Amerika. ״Haarez“ Kält mit, daß als Mitglieder der zion Is tisch en, De- P111 a t i o n von London nach Amerika reisen werden: •>. W«iz״1.1״n, Dr. Sefimarja Levin, die Herren Jabo- «insky, Naiditsch und Zlatopolsky. Dr. Levin, der zura<t m Jerusalem weilt, fährt zunächst nacht London, von ס״י aus er die Deputation nach Amerika begleiten wird. Die Prager Exzesse | I Die Vorgänge, die sich ln der vergangenen , Woche in Prag abgespielt haben und die in unserer i nächsten Nahe, int Herzen eines Staates, von! hoher europäischer Gesittung, an dessen Spitze einer der weisesten und gütigsten Staatsmänner 1 der heutigen Welt steht, die ans Juden immer drohende Gefahr enthüllt haben, sind auch politisch eine gute Lehre. ln Eger haben tschechische Legionäre das Kaiser-Joseph-Denkmal gestürzt. Dcutschnationale haben es wieder aufgestellt, haben eine alldeutsche Demonstration veranstaltet, die tschechische Schule demoliert und allen Mädchen, die bei einer von dem tschechischen Militär veranstalteten Tanz- Unterhaltung angetroffen wurden, die Haare abgeschnitten und sie auf dem Marktplatz, auf einem nach mittelallerlichen Vorbild errichteten Pranger msgestcllt. Am nächsten Tage haben in Prag tschechische Legionäre alle deutschen Gebäuden besetzt, das deutsche Theater wurde gezwungen, tschechisch zu spielen, die Schulen wurden durchsucht und die Einrichtung verwüstet, insbesondere alle habsburgischen Kaiserbilder zertrümmert. Die Parole war: Rache für Eger! ' Rache für Eger? Sofort hörte man daneben den zweiten Ruf: ״Nieder mit den Juden!“ Er wurde immer deutlicher und lauter. Am gleichen Tage in den Abendstunden zogen die Legionäre in die ehemalige Judenstndt, stimmen das althcrühmte jüdische Rathaus und demolierten die EinriciiUmg, zerstörten die Archive und die Matrik, sprengten alle Kästen auf, rissen alle Akten und Papiere in Stücke, /ersclmitteii die alten Bilder, zerfetzten zwei aufgefundene Tliorarolien, streuten die Papierfet/en auf die Straße, wo die wartende Menge Berge von Papier mit sich wegtrug. Die wichtiger!,, historisch wertvollen Archive wurden vernichtet, die für die laufenden Amtshandlungen unentbehrlichen Dokumente, wie die Akten der Matrik, Stiftsbriefe usvv\, sind verloren. Glückliclierweise ist die wertvolle Gcnieindebjbliothek, die in einem abseits gelegenen Raume untergebracht ist, verschont worden, in der •im Rathausgebliude befindlichen Synagoge wurdeji alle Gashähne geöffnet, eine Explosion wurde durch Zufall verhütet. Im Festsaal des Rathauses sind die jüdischen Flüchtlinge untergebracht, die auf Veranlassung des ״Joint“ unter amerikanischen Schutz gestellt wurden. Die Menge ließ die Fliicht-; Hugo zunächst unbclielligt, erst am nächsten Tage wurde» auch sie insultiert. Die Polizei hat untätig zugeschaut, trotzdem unmittelbar neben dem Rathaus eine Polizeiwachtstubc sich befindet. Nach Beendigung ihres Zerstörungswerkes zogen die Demonstranten in andere Stadtteile, statteten auch dem Gebäude des Humanitätsvereins Bne Brith einen Besuch ab und versuchten, an einzelnen Stellen sogar in Privatwohnungen einzudringen. Die beiden deutschen Zeitungen, ״Prager Tagblatt“ und ״Bohemia“, wurden demoliert und am Erscheinen verhindert. Aber auf dem Anschlagbrett des ״Prager Tagblatt“, waren •fschechische Aufschriften zu lesen, die nichts mit Deutschcnhaß und nichts mit Eger zu tun haben, zum Beispiel: ״Jericho ist genommen, jetzt schnell auf nach Palästina, bevor es zu spät ist!“ — oder: ״Kaftanträger, heraus aus Prag, sonst gebt es schlimm!“ usw. — Am nächsten Tage hatten alle jüdischen Geschäfte geschlossen. Die Menge zog düreb die Stadt und attackierte alle Geschäfte, deren ־Inhaber als Juden bekannt sind, holte die Firmentafeln herunter, trotzdem sie ganz tschcdusch sind, und zertrümmerte sie auf der Straße. Der Jlideuschaft hat sich eine große Aufregung bemächtigt Da die Ausschreitungen von ״den Legionären geführt werden, gibt es keine Macht, die ihnen erfolgreich entgegentreten könnte. Die Regierung scheint sehr schwach zu sein. Es macht ganz den Eindruck, als ob die Polizei Auftrag gehabt 'hätte, nicht cinzugreifen. Erst am dritten Tage ging sic etwas energischer vor. Zur selben Zeit, da in Genf der Völkerbund Zusammentritt, an׳ dem auch der tschechische Minister des Aeu- Gern Dr. Bene sch teilnimmt, wird in der Hauptstadt das Recht der Minoritäten in brutalster Weise vergewaltigt. Die Lehre der Ereignisse ist einfach. Die Deutsehen veranstalten in Eger einen 'Ischcchenpogrom, die Tschechen antworten in Prag mit deutschfeindliehen Exzessen, eines der ersten Opfer ist i» Prag das jüdische Rathaus. Das Judentum der ganzen Welt protestiert gegen diese Gewalttat. Das jüdische Volk hat mit dem chauvinistischen Machtkämpfen der Völker und mit dem nationalen Streit nichts zu tun. Aber es ist die Aufgabe jüdischer Politik, diese Tatsache nicht durch Polemik, son* dem durch positives jüdisches Auftreten zu erweisen. Die israelitische Kultusgemciude-Rcpräsentanz in Prag war seit jeher ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Sie war ein Hort der deutschen Assirnilatian gewesen. Die politische Weisheit des offiziellen Judentums hat in den Zeiten der Habsburger Monarch!© nie weiter gereicht als zu Loyal•־ tätsbesteueningen gegenüber der herrsche :ule« Macht. Ebenso wie die Juden in Ungarn sich als Exponenten der magyarischen Gewaltpolitik gegenüber den Minoritätsnationen mißbrauche* ließen, so haben die Juden in Prag «ler deutsche* Staatspolitik Dienste zu leisten sich beflissen gezeigt und dadurch die Gegnerschaft der Tschechen provoziert. Das ist der Fluch der Opportunitäts- Politik, der Fluch der Assimilation, die meint, daß sie durch die ״Aufklärung“ zur modernen Kultur gekommen ist, in Wirklichkeit aber seelisch nocH ganz, und gar im Ghetto steckt, in der ewiges Abhängigkeit von anderen, von den ״Herren“, nach denen man sich richtet, um seine eigene Stellung zu festigen. Nicht als selbständiger Faktor mit eigenem Lebensrecht will man gewertet sein, so®- dern nur ais taugliches. Aliitei, aX geci^iwits Instrument, dessen Wert man in einer primitiven Argumentation durch den Hinweis auf die Zwecke, für die cs dient, rechtfertigen kann. Wir sehen heute in Böhmen bereits die der früheren Politik entgegengesetzte Erscheinung: Die tschechischen Assimilantcn, deren Zeit jetzt gekommen zu sei» ־ scheint, bemühen sich naebzuvveisen, daß sie stets von Loyalität gegenüber der tschechischen Bevölkerung erfüllt waren; sie schreiben Broschüren, um zu beweisen, daß wenigstens ein Teil der Juden gute Tschechen sind. Es ist genau dieselbe, der momentanen Situation angepaßte Opportunitäts- Politik, die immer wieder zum Schaden ausschlägt, oft freilich erst bei der nächsten Generation, deren Zähne stumpf werden, weil die Väter Harlinge gegessen haben. Das Judentum ist in seinem rein biologische» Lebensrecht bedroht. Es kann sich durch keinerlei Assimilation am Leben erhalten, sondern nur durch die Kraft der Wahrheit, durch eine ehrliche, aufrichtige jüdisch-nationale Poliük. Diese einfache' Tatsache hat schon gelegentlich der dcutsch-tscheduschen Demonstrationen im Jahre 1S<J7 Theodor‘ Herzl erkannt. Sie hat später konsequent zur Auf־. Stellung eines jüdisch-nationalen politischen Pro-. gramms in Ocslerreidi geführt (Krakauer Programm 190b) und sic ist noch heute die einzige, verläßliche Leitlinie für eine jüdische Politik in ■ den national-gemischten Staaten Mittel- und'Osteuropas.' Es ist ein ganz unbegreiflicher Irrtum,! wenn heute auch von zionistischer Seite die Riehtißkeit dieser Politik in Frage gezogen wird. Das unklare und jn seinem wesentlichen Gehalt iukonsequente Buch von Zollschan hat in dieser Beziehuug verwirrend und verderblich gewirkt, und jüngst hat es sogar Max Nordnu für nötig gehalten, in einem Artikel der Brüsseler ״Haükwah“, der eint* völlige Verständnislosigkeit für das Problem und gänzliche Unkenntnis der Tatsachen verrät, ׳ gegen die nationale Politik Stellung zu ״dunen. Seltsamerweise hält Nordau sich selbst für den geistige» Urheber dieser Politik, weil er zu Kriegsbeginn in einem Interview die kulturellen und politischen Minoritätsrechte jn gemischt-nationalen Ländern als eine Friedensforderung der Juden bc- ■ zeichnet hat; in Wahrheit ist das Programm der jüdisch-nationalen Autonomie im Galuth weit älter als dieses Interview. Nordau meint, daß durch jüdisch-nationale Minoritätsrechte die Kluft zwischen den Juden und ihren Mitbürgern vergrößert werde»