Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1920-11-19 · Heft 81-82 (19.11.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 81-82 (19.11.1920)
Date
1920-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2652228-2652305--13551-2671288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

*\d»ktU0 •nd Verlag W. 15, .SU. 8. l־:rM־J1ciut pdcu DU״»'.»* »Q(i F1«lUg. BfUigseiti* b«i der EtyfWiikm wnd de»!*••U1<u«*ra Vi«rtcl|»btl1ch 12,50 M. in DeuUchUod. Au*UmU«bnm»•• ■•»ta «v«rd«a in •i**r XÄihrwBg dar ainaelnen L«r.t}t־r beradH^t. ׳ ״jMtm.1.. mx * Nummer 81/82 | Berlin. 19. XI. 1920 Verlag■ Alwin Locwenthal, Berlin \ J> iS, Sächsische Str.S. Telephon: Ar.1l Uhlnrnl H4% und KT5. Jur die H1rl>«0N»nn»riUl«jMU• MAO M., FncniJiennnxri^en mit 2u 0■■g Aufsddng'. Ass*elt©*hs®Linfi: Dlrnatasr ״«d Freitag tt«ch«3.UUf 4 Uri־.;a«2«s Telephon: Amt lJhl*nü R15 und .'1 LU, i’oahdsflsirhfsat•; Herlia K», n TTJ, Ks» Of"׳iteneivh: P»*\&p»rknManftmt hJPien, Koni# Nr. 15<ל CIO. l*hr Tidh«־dm«!ow*k*I. P««tjnp.1rkeM#rittst Prag, Koni• Nr. 156 CKJO, KH*kU0a״»d1!nB 5•»»!*; und Miltwom »■ahmiUaj. 8. Kislew 5681 XXV. Jahrg. Der Zloulomue erstrebt für das iCdUche Volle äo 3 dis einer SricntHcli-rechtlld» gesicherten llclsastütte In PetSstinn. ״Baseler Programm" ״Keren hajessod“ I Erste Voraussetzungen Von B 0 1111 ־ o I d F c i \v e I. Ls ist der 2. November, der Deklarationstag, an dem diese Zeilen über den Keren hajessod geschrieben werden. Unwillkürlich fliegt die Eruincrting /urück /um geschichtlich gewordenen Datum. Welch eine ungeheuere Flut des Ent husiasmus! ״Die jüdische (lasse“ schäumte über. Manifestationen, StrahenUmzüge, Falliten und Musik. Der inbrünstige Lebetisschrei eines Volkes, eiementar und mystisch zugleich,, wie der erste freie Atemzug eines Todkranken, der sich der Krisis ״ntringt. Und daun ein Abebben und allmählich v. eder die dumpfe Agonie des Alltags. Und später, nach Jahr und Tag, noch einmal dasselbe exsta-!!sein• Aufbrausen mich Sau Rcmo. Und wieder allmählicher Rückfall und Versinken in die grobe Not des Augenblicks mit seinen Hilfsmitteln, zu• 1 uck in das Düster des Golus, dessen unendliche Dauer sich in die Monotonie grauer Tage auflöst, die sieh schleppen wie nacliscTileifendc Sklaven• ketten Was für ein Volk sind wir? Sind wir ein Volk? Sind wir wirklich, was wir fühlen, sind wir wirklich, was wir sein wollen? Jedenfalls dir einfache Kunst des Schmiedes, der die Weibglut entfacht, um sein Eisen daran zu schweißen, die organische Funktion nationaler Völker, die den Brand nationaler Begeisterung nutzen, tun ihn in nationale Energie uiii/.uset/en, wir Italien sie verloren wenn wir sie überhaupt im (iolus bisher lemals gekannt haben. Wir sagen ״Keren hajessod“. Wir nennen eine gewaltige Zille:■; 25־ Millionen Pfmu'. Wh sprechen von der Grundlegung unseres nationalen Heims in F.rez Israel. Fan Flitterwort der Name, eine Phrase die Losung, ein Ziffernrauseh die Milli• oiien, wenn wir nicht iu tiefem, heiligem Ernst, in letzter Ehrlichkeit, in strengstem Verantwortungs• gefültl uns vor allem sagen: Keren hajessod heißt zuerst die ganze Mentalital, die ungewohnte Psychologie des jüdischen Volkes mit einer ungeheuren Anstrengung in Be* lehnuig, Aufklärung und IJebcrrcdung von (irund aus tuii/iiwandeln. Keren hajessod heißt zuerst das jüdische Volk aus seiner Neigung zu periodischein Gefühlsüberschwang mit darauffolgender Passivität oder Depression, zum Erfassen der Wirklichkeit, zum zwcckhewußten Handeln in der Wirklichkcit zu erziehen, die ״Träumer des Ghetto“ aus der Irrealität ihrer Gefühlswelt herauszureißen und jeden einzelnen, jeden einzelnen vor die Arheit in der Werkstatt zu stellen, in der die Zukunft seines Volkes geschmiedet wird. Keren hajessod heißt amorphe Bereitschaft in lebendige (k-staltmig Umsetzen, heißt nationale Wärme, deren wir genug haben, in nationale Energien um zuwandeln, deren wir nie genug haben können. E s g e 111 u in jede n c i n z e I ״ e n. Denn das gehört mit zur Irrealität unseres Golusdaseins, daß bisher das Verhältnis gerade uni'gekehrt war. Eingehüllt in messiauische Vorstellungen von Ix•- rückender (iröße und Schönheit, oder verloren in der Knlturlosigkcit zahlloser Kulturen, haben die Millionen jüdischen Individuen sich zur breiten Masse, jüdisches Volk genannt, geformt, die von einem groben Mann oder einem grollen Geschehen, das wirken würde, außerhalb von iimen und ohne ihr Zutun, das Heil erwartet. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte, in allem übrigen grausam genug, hat diesem so passiven und darum so gefährlichem Wunderglauben der Massen dreimal Recht gegeben und das sind wahrhafte Glücksfiille und unverdiente, würde inan hinzusetzen, hätten nicht lange (iesdilccliter vor uns und unsere Generation für ihre unmeßbaren Leiden auch einmal eine grobe Gunst verdient.' Das Schicksal hat ihnen Theodor Herzl, hat ihnen mit den Führern der letzten Jahren die Balfour-Deklaration und San Rcmo gebracht. Das jüdische Volk hat Männer und Ereignissc begleitet, kaum anders als der Chor in der griechischen Tragödie die gewaltigen Peripetien im Drama. Man muß es in alle Hirne hämmern: Fs ist | keine Zeit me 11 r, keine Aus sic!11 111 e 11 r, e in v i e r t e s W 1111 der z 11 c r w a v t e 11! Das Verhältnis hat sich jetzt umgekehrt, mußte sielt umkehren. Kein einzelner, und sei er ihh'Ii so grob, kein Geschehen, und sei es :toclf so Ppochal, kann ein Land aufhaueii. Die Führer sind hilflos, die San Remo-Deklaralioii ist ein Blatt Papier, das jeder Windslob verwehen mag, wenn das Volk jetzt nicht Axt, ITammer, Pflugschar ugd Spaten in die eigenen Hände nimmt, wenn es nicht huchstäblicli und wirklich Besitz ergreift von seinem Lande. Keren hajessod, das heißt: den Grund legen durch das Volk, durch die Leistung, durch den Tribut, durch die Wirkung jedes einzelnen. Auch die Tat, die wirklich hingebungsvolle Tat, hat das ■Volk verlernt. Wir wissen und he• zeugen es dankerfüllt, daß es an opferwilligen Pionieren unscics Landes, au tadbcrciten״ Verteidigern unserer Ehre nicht gefehlt hat, und kein Volk iiaf eine erhabenere Martvriologic als unseres von Geschlecht zu Geschlecht. Und dennoch: Das kollektive Individuum des Volkes hat die große Tat verlernt. Es ist eine .abergläubische Vorstellung und auch ein Brauch mancher Urvölkor, vo.1 dem wir nicht «lute Schauder hören, daß in den (irund irgend eines Baues, der ewigen Zwecke:! dienen soll, ein lebendiges Menschenkind mit eingemauert wird. Ein grausiger Brauch, aber wie oft, so auch hier, verbirgt sich hinter der fetischistischen Form eine fiele, urnienscliliche Wahrheit: daß der Grundhau zu etwas Ewigem and Geheiligtem aus mehr, als nur lotein Gestein gefügt sein muß, daß uuendlieh kostbareres Material, etwas von Blut und Lehen der Erbauer, mit einstrümen muß. Keren hajessod heißt den Grund legen für das heilige Land mit Hand, Vermögen und mit der Seele. Keren hajessoti üeilil air jeden J ulen hei/ngiiHii von dem, was er hat, was er kamt, was er le l>t. Das Gülus hat auch eine Irrealität der persöuliehen Hingabe geschaffen: sie heißt Barmherzigkeit. In ihr schwelgt das Volk wie in seinen Ekstasen von Hoffnung und Verzweiflung. Wir sind ״ein Volk der Barmherzigkeit“. Das ist ein grober Ehrentitel sicherlich, aber es ist ein Golus-Ehrentitel. Normale Völker sind nicht ״barmherzig“. Sie üben in ihrer Volksgemeinschaft soziale Hilfsbereitschaft «der nicht, sie stehen auf einer höheren oder geringeren Stufe sozialer Gerechtigkeit. Barm- Herzigkeit ist eine Tagesinedizin, sie paßt sich der Tagespsyckulogie, dem Tageskalender des (io- Ins an. Wir müssen die edle, aber kleine und wcielimiitige Barmherzigkeit bei den Spitälern mul Armenhäusern des Gniiis zurücklassen. Keren hajessod heißt nicht Barmherzigkeit, heißt nicht AItuoseti. Keren hajessod heißjt: Pflicht, Pflicht zur groben Opferleisfting. Keren hajessod lu-ibt Selbst- Steuer, heißt Volkssteuer. Auch die bisherige zionistische Denkungsart, die sicli bewußt über den Wohltätigkeitsgedanken hinausgehoben hat, ist noch viel zu enge. Der Schekel, die kleine Münze, hat, falsch ausgelegt, den Maßstab verschoben, das Maß herabgedriiekt. Der Schekel bekundet die Zugehörigkeit zur Zionistischeu Organisation, aber nicht durch seinen Münzwert; er ist eine symbolische Bekundung des• Willens, der zionistischen Gemeinschaft an/ugehören, ein symbolischer Akt, der au uralte Tradition anknüpft. Er ist ein Siegel unter eine Anschaumig, aber er ist kein Zeichen einer Opferbereüscliaft. Auch der Keren hajessod knüpft an eine alte 1 radition an, aber sie ist Symbol und Opferbeveitschaft zugleich und sie heißt Man ß e r. Der ״Zehent“ ist ein Gebot, das sagt : das Letzte, das Aeußcrste, was du geben, dessen du dich eutäußeiü kannst, gib deinem Volk. Der Maaßer ist dei Ausdruck der Volkssteuer, der Staats- Steuer. Keren hajessod heißt dann״: letzte Hingäbe des Staatsbürgers für sein Land, für seine Volksgemeinschaft. Es ist die vorausgenmnmene Aii die Leser! Infolge der ArbeiUruhe am Bufjtag erscheinen die Nummern 8t und BZ in der vorliegenden | gemeinsamen Ausgabe. ' 0 ־ Pflicht jedes Juden, in Geist mul Tat, Bürger, oder wenigstens Mitbürger in Lrez Israel zu sein. Koten hajessod ist eine Geldsache, eine Sache gewaltiger < ielcler. Auch hier hat die Mentalität des Volkes ttm/ulonicii. Wenn die ganz grollen Millionen-(iekier in Frage kommen, wendet sich der Blick des Volkes instinktiv den ganz großen Millionären, den ״großen Wohltäter״“ zu. Einmal war es Baron Hirsch, ein atuleies Mid Baron Rothschild oder die I.C.A. jetzt heißt der grobe Wohltäter vielleicht Amerika. Audi ein Zeichen der Goluscngv und Kurzsichtigkeit, den (Tolus-WuiKlerglaubens. Dieser Wunderglaube ist nicht mehr erlaubt. Ls gibt keine andere Instanz, au die das Volk appellieren kann, als an sich selbst. Kein einzelner kann an die Stelle des Keren hajessod treten, kein Teil der Juden heit kann ihn alleine auflüllen. Der Keren hajessod ist ein 11 a t i o n a 1 e r S eh a!•/. Der Keren hajessod ist eine Sache gewaltiger Gelder. Ein Kolonisatumswcrk, wie es kaum noch da war. ist unter den schwierigsten Umständen zu schaffen, von den Eiuigraiüeiiharacken lind der Urbarmachung des Landes an, bis zu du! letzten Ausläufern der Zivilisation, der elektrischen Kraft- Verteilung tun! den Hochschulen. Fs ist also nicht nur eine Geldsache, es ist die Konzentration jüdisehcr Arbeitsfähigkeit, jüdischer < icisteskraft, unserer wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Dualitäten, cs ist eine ungeheure Aufgabe, die nicht mehr und nicht weniger ist, als der Nachweis unserer nationalen Lxisten/beiechiigimg. Doppelt müssen wir 1111s die Heimat gewinnen: erstens, indem wir Besitz ergreifen von ihr und /um zweiten Male, indem wir ein Gemeinwesen darauf errichten, vvirtschaftlich fruchtbar, sozial fortgeschritten und von kulturellem Eigenwert. Ans der Rolle des Gas!. *olki'S h.n'OI! VVi! tibuZugehu! /,‘,..t \v II I-, I s ist ein Uebergaug von zweifacher historischer Bedeutung, ein Uebergaug zu nationaler Selbständigkeil, zu nationaler SeHliaftniadmng. Ls ist eine Sache unserer nationalen Emanzipation und unserer nationalen 1 üchtigkeit und auch das ist der Keren hajessod. Aller Keren hajessod ist mich mehr. Er ist die Antwort auf das Vertrauen, das uns einmal, zum ersten Male seit unserer Golusexistenz, die Volker geliehen haben. Es ist ein Angebot mul zugleich ein Auftrag־ an das ganze jüdische Volk. Würden sie mißlingen, sic würden nicht mehr wiederholt werden. Würde die Erfüllung hinausgeschoben, das Vertrauen würde schwinden. Darum darf die Erfüllung nicht ausbieihen und darf nicht verzögert werden.־ Der Keren hajessod muß in einem ungeheuren Elan des ganzen Volkes im Zeitraum eines Jahres geschaffen werden. Und während dieses!,ihres muß er zu jede! Stunde vor jedes Juden Augen stehen, als die große Schick״ salsfrage seines Volkes: Sein oder Nichtsein ist in ihm beschlossen. Der Keren hajessod heißt nicht nur 25-MiHioncn-Fonds Keren hajessod heißt die Erfüllung eines historischen Auftrages, heißt jüdische Geschichte bauen. VVeizmanns Amerikareise Auf vier am 17. Oktober stattgefuiideiicti Sitzung der amerikanischen Zionistisch*׳!* Exekutive wurde ein Telegramm W e i z 111 a 11 n s. vorgeleseu, wonach er sein« Reise nach Palästina bis zur Rückkehr der jetzt dorthin abgegangencii zionistischen Kommission verschiebe und bald nach Amerika zu kommen gedenke, wo er an der in Buffalo vom 25, 2S, November stattfindeiulen Jalireskonferenz teil/unehmen beabsichtige. Nach längerer Diskussion wurde eine um Mack vorgelegte Res.י• lution angenommen, wonach Wes/m.mn m Amerika stets willkommen sei, jedoch folgende Wünsche ausgesprochen werden: Wegen der ökonomischen Fragen sei es wichtig, daß er jetzt nach Amerika komme, hn Einklang mit der Verständigung, die zwischen ilnn und der amerik;mischen Delegation getroffen wurde, wird nochmals wiederholt, dall es höchst wünschenswert wäre, wenn er nach Amerika bestimmte Pliine mithringvu würde, besonders bezüglich der Konz e s s i o 11 en a u f die K ro n I ä 11 d e r e i e 11. Er solhe auch in Begleitung von Sir Alfred Mond «vier einer andere״ einen! ähnlichen• Stande angehörenden Personlichkeit kommen, um auch 'ui Amerika bei denselben Kreisen Interesse zu erwecken. (| p ד v %

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.