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Jüdische Rundschau · 1920-10-22 · Heft 74 (22.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 74 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hch-rccL'tSIdi jjec!c£»ejrte0 ISelmslSkte In PnlSstina. ,,Baseler Programm" Unsere ״amerikanische Frage“ Brandeis’ Memorandum I Falscher Alarm Kritik aus Amerika Dali die Haltung der amerikanischen Zionisten heute eine derjenigen Fragen ist, die ganz im Vordergründe des Interesses all derer stehen, die lebendigen Anteil an der Bewegung ,nehmen, verdein sich von selbst. Weniger verständlich ist es, dali über dieser Frage machen Kreisen bei uns jenes Mali von ruhiger Ueberlegung und ver- -.fündiger Zurückhaltung abhanden zu kommen droht, das nie nötiger ist als dann, wenn irgendwelche Entwicklung in jenes kritische Stadium eingetreten ist, in dem Behutsamkeit oberste Pflicht wird. ״Jcwish Chionicle“ überschreibt einen ausfülirliehen Artikel über den amerikanischen Zionismus mit dem alarmierenden Titel: ,,Secession“. Die Beschlüsse, welche die Exekutiveder Zionistischen Organisation Amerikas gefaßt hat und das Memorundum von Brandeis, — dessen wesentliche Teile wir nachfolgend im Wortlaut bringen, --- sind ihm schlüssige Beweise dafür, daß die Amerikaner trotz aller schönen Worte über die ZusammenarLcii mit der Gesawitorgauisation im Begriff sind, eigene Wege zu gellen, die unweigerlich aus der alten Organisation hinausführen.“ ״Sie . haben,“ meint das Londoner Blatt, ,,die rote Fahne der Empörung gehißt und darauf das Wort ,Amerikanischer Zionismus4 geschrieben.“ Wir haben, im Gegensatz zu unseren englischen Freunden, in den letzten zwei Jahren sehr viele ״rote Fahnen“ hissen sehen, deren Trägern es an radikalen Baiiuerspriielilein nicht gemangelt hat Vielleicht sehen wir gerade deshalb die ״Ernpürung“ der Amerikaner mit ruhigeren Augen an. Und sicherlich haben wir vor denjenigen, die heute bereits ״Sezession“ rufen, die sehr wichtige Erfahrung voraus, daß es verwerflich ist, Dinge, die ge■ schoben könnten, auszusprechen, als wären sie bereits geschehen! Das ist nicht die richtige Art, Krisen zu beschwören! Wir wissen um ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen den Amerikauern und uns, und sind wahrlich sehr weit davon entfernt, diese Dinge leicht zu nehmen. Aber wir wissen auch, daß die Aussprache, der innere Konnex /wischen dem amerikanischen Zionismus und dem europäischen kaum begonnen hat. ln London sind beide Teile zum ersten Mal in nähere Berührung miteinander gekommen, und die Atmosphäre war nicht danach angetan, aus Kongrcßbesuchern Mensehen zu machen, die gegenseitig ihr Wesentliches offenbaren konnten. Dort trat eigentlich nur in Erscheinung־, was als Gegensatz wirkte. Man darf hoffen, daß, wenn jetzt eine ganze Reihe alter Führer nach Amerika kommen wird, die Ameri• kaner in der Luft ihres eigenen Hauses sich als zugänglicher und weniger ״offiziell“ zeigen werden, üs in London. Und es heißt doch letzten Endes merkwürdig wenig Vertrauen in die Kraft des zio- •fistischen Gedankens setzen, so wie die große Mehrheit in Europa ihn versteht, wenn man glaubt, daß die Amerikaner sich ihm auf die Dauer ent- /:eilen könnten. Es geht aus dem Artikel in ״jewish Cl1.ro• "icle“ leider nicht klar hervor, worin nun eigentlidi das entscheidende Merkmal der ״Sezession“ liegen voll. Zweifellos sind die Resolution der ameribnischen Exekutive und das Memorandum von ßrandeis Dokumente einer starken Opposition und tragen diesen Charakter mit einer gewissen Absichtlichkeit zur Schau. Die Art, in der Bran- ׳'eis mit einer Präzision, von. der wir fcststeüen müssen, daß sie sehr vorteilhaft von unseren meisten amtlichen Aeußenmgcn absticht, seine Auj sichten über den Aufgabenkreis der amerikanischen ( Or<׳anisation und die zu ergreifenden Maßnahmen kuudgibt, hat einen nicht zu verkennenden, beinahe ultimativen Ion. Und sowohl sein Atemoianduiu wie die Resolution der amerikanischen Exekutive strömt reichlich Wallstreet-Geruch aus. Manche Dinge, die wir schon in London mit gar nicht gelindem Entsetzen gehört haben, wie die gleichsam auf ״Wasser und Brot“ gesetzte Erziehung, werden hier wieder in einem Ton gesagt, der beweist, daß den Ameri• kauern gewisse Gnmdlagen des Zionismus als geistiger Bewegung seither nicht klarer geworden sind. Aber alles das berechtigt noch nicht im mindesten, von einer ״Sezession“ der Amerikaner zu sprechen. Bis jetzt vermögen wir noch nicht mehr zu sehen als eine starke Opposition, eine Opposition ,,״ l’aniericaine“. Das ist schlimm und bedarf all unserer Aufmerksamkeit. Zum Generalmarschschlagen ist aber wirklich noch nicht die Zeit. Höchste Zeit dagegen ist es, immer und immer wieder auf den Kein des Gegensatzes?.wischen (.uropäischem und amerikanischem Zionismus zurückzukommen. Es gilt zunächst festzustellcn, daß Meinungsverschiedenheiten doch nur in ein paar, allerdings entscheidenden Punkten herrschen. Wir haben schon betont, daß Brandeis’ Memo randum in vier ganzen Anlage, in seinen präzisen, inetivierten Vorschlägen auf uns einen sehr guten Eindruck macht. Wir haben stets von unseren amerikanischen Freunden als ihren geistigen Anteil an der Politik der Bewegung das erwartet, was wir ״Tachles“ nennen können, wcim man nicht nur im angelsächsischen Sprachgebiet verstehen soll, was gemeint ist. Wogegen wir uns aber wehren ist, daß die Spezialität Amerikas, ״efficiencry“ oder ״Tachlcs“ genannt, in Zukunft restlos und urteiltgeschränkt auf den Zionismus übertragen werden soll. Es hieße an der Kraft unserer Argumentation und am Begriffsvermögen der Amerikaner uncrlaubte Zweifel liegen, wenn wir glaubten, es sei ihnen nicht klar zu machen, daß es keinen Zionismus ״to make in America“ geben darf. Man mache sich doch auch einmal klar, was eine ״Sezession“ aus der Zionistischen Weltorganisation für den ״revoltierenden“ Teil bedeutet. Schließlich ist die Zionistische Organisation doch nicht weniger als das organisierte jüdische Volk. Und die amerikanischen Zionisten sind letzten Endes auch Juden, zum überwiegenden Teil sogar Juden aus denselben Breiten, in denen jene nationaljüdische ״Kultur“ geschaffen worden ist, für die die Amerikaner angeblich keinen Dollar übrig haben. Wir müßten uns sehr täuschen, wenn hei ihnen nicht die gleichen seelischen Imponderabilien vorhanden wären, wie jenseits des großen Wassers, jene unwägbaren, aber entscheidenden Kräfte, die doch wohl die letzte und sicherste Grundlage der Bewegung sind. Man kann aus dem Zionismus nicht ״sezedieren“. Und nichts spricht bis heute dafür, daB die Amerikaner das Undenkbare wollen. Was ist ein amerikanischer Separatzionismus? Nichts! Er kann, — zweifellos — die Bewegung im cntschei* elenden Moment um Jahrzehnte zurückwerfen. Mehr kann er nicht. Ist das ein Ziel? Wäre das ״efficicncy“? Man sbll rote Fahnen nicht eher sehen, als sie wirklich an der Stange flattern. ״Jcwish Chronicle“ bläst falschen Alarm. Uns tut ruhig Blut vor allem Not, C. Z. K. Die große öffentliche Versammlung, welche Ursprunglieh für den 20. September ,angesagt und dann autgeschoben war, wird nunmehr am 25. Oktober ln Lon-‘ don stattfimien. Dr. W c i z 111 a «1 u wird eine Ansprache über den Aufbau Palästinas halten. Das Präsidium wird Sir Alfred Mond innchaben, Dr. Wcizmann wird auch am 23. und 2b Oktober mehrere Konferenzen mit jüdisehen Organisationen und Synagogenvereinen. abhaJten» zu denen spezielle Einladungen ergeben. Die Jahreskonferenz der Zionisten Jugoslawiens findet von» 25. bis 27.' d. Mts. statt. Brandeis' Memorandum Das nachstehende Memorandum von Jnstice Brandei s ist von der Exekutive der Zionistische« Organisation Amerikas als Richtschnur für die von ihr zu senaffemlcn Pläne iur die Paläsünaarbcit und die Neuorganisation des amerikanischen Zionismus angenommen worden (Siehe vorige Nummer der ״Jüdische« Rundschau“.) Br and eis bezeichnet es zunächst ah das Ziel, Palästina in verhältnismäßig kurzer Zeit mit einer überwiegende« jüdischen Einwohnerschaft zu bevölkern, die aus wirtschaftlich liiureicheud kräftigen Elementen hesteht, sich mit der Zeit zu einer cinhci'lidicn yolksgeineinschaft verschmilzt, um schließlich ein unter Selbst- Verwaltung stehendes Gemeinwesen. (Commonwealth) zu werden. Er stellt fest, daß das Land d.e Voraussetzungen für Ansiedlung und Entwicklung erfüllt, um sodann ausführlich von den naturgegebene״ und temporären Schwierigkeiten der Siedlung zu sprechen. Diese Dar-!einstigen fassen Dingo zusammen, die zur Genüge bckaum sind. Dann lolgen nachstehende* .Ausführungen zur Frage: Wie soll das Geld für diejengen :tilgemeinen, grundlegenden öffentlichen Lrkmiermsse aufgebracht werden, die als ״Kricgsauxgahen“ zu hetrachten sind und deren absolute Notwendigkeit nicht gestattet, auf ״Rentabilität“ zu schon. Die Aufbringung der Gelder. ״Diese Aufgabe kann nicht völlig oder auch nur in erheblichem Maße privater Unternehmung überlassen werden, — wenigstens ttidit privatkapitalistischer Praxis int ׳' gewöhnlichen Sinne des Wortes. lX-au bet gleich* zeitiger ' Be'wdigungsmöglidskeit an anderen Unteriiehmuiigen würde kein Kapitalist bei uns ein Risiko ringelten ohne Aussicht auf entsprechende« Gewinn. Die* aber besteht bei den augenblicklichen (ieldverlullmsseii und Anschaffnngskostcn überhaupt nicht und wäre jedenfalls nur bei Anwendung eines Ausbcutungs- Verfahrens denkbar, das dem Pittsburger Programm widerspräche. Aber abgesehen von diesem Programm würde solche Ausbeutung nie geduldet werden. Es bleibt den Juden als einziger Ausweg, daß sie selbst die nötigen Fonds aufbringen und verwalten. Da das palästinensische Judentum hierzu in nennenswertem Umläng nicht beizutragen vermag, müssen diese Gelder aus dem Gallith k;!!unten. Die auf/ubringenden Summen würden am besten in Form von Kapitalanlagen gezahlt werden, wie beispielswcisc beim I. C. T. oder der ״Zionist Commonwealth“, da hierin keine Verpflichtung einer Gegenlcistung enthalten ist. Aber sie dürfen nicht die Form von Investierungen oder Darlehen auuehmeti, die Zins tragen, — da Zinsen auf lange Zeit hinaus nicht herausgcwirtschaftct werden können und mir durch neue Erhebungen bezahlt werden könnten. Wir dürfen weder ausgesprochen noch stillschweigend die Vorstellung erwecken, daß irgendwelche Gegenleistung in Form von Dividende ist Kurze möglich sei. Die einzige Vcrpfhchtun״, die übernommen werden kann ist die, daß uns Geld in vernünftiger und wirksamer Weise, ausgegeben wird, d. 11. im Wege zweckmäß'ger Anlage bet größter Sparsamkeit., Geschieht dies, so werden ciiese Airsgaben als gute Anlagen zu betrachten sein, d h. als solche, von denen das jüdische Volk und mit ihm die Einzelbesiizcr der Einlagen und Anteile hoffen dürfen, einen entsprechenden ״Ertrag“ zu erlangen. Abgesehen von den Aufgaben des Landkaufes, der Aufforstung und der Befriedigung unerläßlicher öffentlir.her Erfordernisse bleibt ihr die Juden im Gallith eju weites Betätigungsfeld in der Aufbringung solcher Fonds, die als reguläre Kapitalsanlage behandelt sein wollen, Finanz-Institutionen. Die Kreditbeschaffung für landwirtschaftliche, industrielle und kommerzielle Unternehmungen und solche' seitens, der Gemeindeverwaltungen sind nicht so sehr von öffentlichen Aktionen abhängig, trotzdem werden auch hier öffentliche Institutionen in Ergänzung der privaten uns gute Dienste im Hinblick au» die Ent- Wicklung des Landes leisten. Das Vorhandensein öffentlicher Mittej ward die notwendige Zinseidaxt erleichtern. Mißbrauch in der Kreditgewährung wird durch, sie verhindert und es besteht größere Sicherheit in bezug auf eine zweckmäßige Verwendung der Gelder. Ferner ersparen sic den Geldgebern jene Unzuträglichkcitcn, die aus der Kontrolle der Krcditqueücit durch private Instanzen sich ergeben. Einbegriffen in den Kreis der KreditertciUr sind die Konsumuna Produktionsgenossenschaffen A.P.C. and I.C.T. Im allgemeinen ist das die Aufgabe, die A.P.C. und I. C. '1. ursprünglich übernommen und zum Teil ja bisher auch erfüllt haben. Sie sind jetzt dazu nicht mehr imstande, teils, weh ihre Kapitalien dazu nicht ausreichen, teils, weit ein erheblicher Teil ihrer Gelder in . Darlehen der Zionistischen Organisation oder der ״Zionist Cotnmissiou“ angelegt sind oder aber in Grundbesitz, und Hypotheken. Das arbeitende Kapital des I.C. T. und der A.P.C. sollte so verstärkt werden, daß sie in der Lage wären, kurzfristigen ‘ Kredit für Handel und Industrie zu gewähren. Dies lütte zu geselrehen teils durch Kapitalserhöhung, teils durch Abzahlung der Darlehen, welche der Zionistischen Organisation und der ״Zionist Comrr.ission“ gegeben wurden, ferner durch Verwertung des Grundbesitzes und der Hypotheken. Zu diesem Zweck sollte

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