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Jüdische Rundschau · 1920-10-15 · Heft 72 (15.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 72 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Zionismus erstrebt für da• Jüdiacbe Volle 8210 C: 1 ,rr ׳*-I“ X, . einer offeatllcli-ree*־.tIicS ״ccJcliertaa Heimstatt:® In PalgaHaw. »Baader Programm 1 p״.H. 88*. Kiel) || 1 Sh;00. 1:1׳־ ׳ Das Doppelspiel des Antisemitismus Dir ״Kölnische Zeitung“ veröffentlicht am 28. September einen Artikel über die Ostjuden in Deutschland, der sich heftig gegen die Tätigkeit der jüdischen Arbeitsämter wendet. Der Artikel weist darauf hin, daß durch den bekannten Erlaß des Ministeriums des Innern vom 1. November ldP) fü d» Arbi״.׳.. . - ..-- Wanderung ins rheinische Industriegebiet werden die deutschen Arbeiter von ihren Arbeitsstellen verdrängt. (ileiehzeitig wird dem Blatte mitgcteilt, daß das Laiidesarbeitsamt Westfalcn-Lippe in Münster an die ihm unterstellte״ Arbeitsnachweise nachstehendes Sdireiben gerichtet hat: ״Das sogenannte jüdische Arbeitsamt in Dinsbürg fördert planmäßig die Einwanderung ostjüili- Heller Arbeitskräfte in unsern Ikv.irk. Seine Tätigkeit iiat schon wiederholt die auf die Regelung der Arbeits- Verhältnisse gerichteten Bemühungen in unheilvoller Wisse durelikreiut. Es richtet sieh nicht nach den Erfordernissen der deutschen Volkswirtschaft, sondem nach den Bedürfnissen der ostjüdischen Eiiwvanderer. Wir bitten deshalb die Arbeitsnachweise dringeint, in /iilainlt jegliche Zusammenarbeit mit dem jüdischen Arbeitsamt almilelmen und bei Lern־ gesprochen aus Duisburg genau 711 prüfen, ob ־das Gespräch vom dem Städtischen Arbeitsamt oder dem Jüdischen Arbeitsamt in Duisburg ausgellt.“ Wir haben festgestellt, daß diese Anweisung des Landesarbeitsamts Westfalen-Lippe bereits zu Beginn dieses Jahres ergangen ist und auf Veranlassuiig der Berliner Zentralbehörde widerrufen werden imißte. Warum diese sonderbare Verfügung gerade jetzt und in diesem Zusammenhang veröffentlicht wird, ist sehr durchsichtig. Man will den Anschein erregen, als ob die zuständigen amtliehe Stellen selbst die Erfahrung gemacht hätten, daß die osljtidische Einwanderung die deutsche Arbeitsvermittlung stört und will dadurch in den Kreisen der Arbeiterschaft antisemitische Keime säen. Dali jedes Mittel für die antisemitische Propaganda gut genug ist, ist eine Erfahrung, die fiir uns nicht neu ist. Dennoch lohnt cs, diese Publikation der führenden Zeitung Westdeutschlands näher zu betrachten. Die Motivierung, die der Antisemitismus darin findet, ist vielsagender als alle aiitiseinitisdien Schmähschriften. Sofern die ganze Veröffentlichung nicht bloß ein Manöver ist, um auf die Arbeiter Eindruck zu machen, zeigt sich hier das reine Wesen des Antisemitismus, das man nur allzuoft zu verschleiern versucht. Der Antisemitismus ist ein reiner Machtkampf; er ist nichts anderes als die brutale Ausnützung der günstigeren Position dessen, der im Besitze gewisser Güter und noch überdies in der Mehrheit ist. Er beruht auf dem, ganz primitiven tierischen Instinkt, der um seinen Futtertrog besorgt ist und nicht das höhere Spiel menschlicher Kräfte kennt, durch deren Zusammenwirken höhere Stufen der Wirtschaft erzeugt werden. Aber die Antisemiten liebten es, diesem reinen Machtkampf das moralische Mäntelchen umzuhängen. Sie bekämpften die Juden, weil sje ein ״zerstörendes Element“ sind, weil sie Schieber, Schleichhändler und Wucherer sind. <fte wenden sich mit Abscheu und 1110ralisclier Entrüstung von diesem arbeitsscheuen Schadicr-volk ab und haben jetzt das erhebende Bewußtsein ihrer Ucbcrlegcnlieit, von der sie mit Berechtigung auf die parasitischen jüdischen Handler hinunterspucken können. Nun aber geschieht vor den Augen des deutsehen Volkes etwas Unwillkommenes. Die Ost- Juden erweisen sieh als anders, als cs der antisemitischen Propaganda in den Kram paßt. Sie wollen nicht mehr Schleichhändler sein. Inmitten des furchtbarsten Zusammenbruches, den jemals ein Volk erlebte, machen diese verachteten Ostjuden die größten Anstrengungen, den Weg zur Arbeit zu finden, Das arbeitsscheue Gesindel, das in Wahrheit durch jahrhundertlangen Zwang der Arbeit entwöhnt und entfremdet ist, macht den Versuch, selbst der schwersten physischen Arbeit gewachsen zu sein, vom Beruf des Händlers zum Beruf des Industriearbeiters . über/ugelien. ln welche Wirtschaftsgemeinschaft der ostjüdische Arbeiter eiutritt» er wünscht ein nützliches^ Mitglied der Gesellschaft zu werden, das ,durch seiner Hände Arbeit den Reichtum der Gesellschaft fördert. Dieses Volk ist heute mehr als jemals preisgegeben. Jüdische Flüchtlinge irren von Land zu Land, von den Städten des Pogroms und der Ver- Wüstung, wo ihre Angehörige tot oder wahnsinnig Zurückbleiben, werden sie in verschiedensie Länder verschlagen und dort, wo sie die erste Ruhe finden, müssen sie ihr Leben fristen - man m 11 ß ihnen irgendeine Möglichkeit geben. Diese Menschen sind nicht aus der Welt zu schaffen; daß sie zu andern Völkern kommen müssen, ist ihre Tragik, wahrhaftig nicht ihr Vergnügen, und stark ist in ihnen die Ewigkeitslioffnung nach Erriclituug der eigenen Heimat. In Deutschland sind nicht viele dieser unglücklichen Ostjuden. Ein winziger Bruchteil ist hierhergekomiiien und wartet hier, bis sieb iluu Wege in freundlichere Einwaudenmgsgebietc öffnen. Aber während ihrer An- Wesenheit in Deutschland müssen diese Menschen leben, und wenn man ihnen jede Möglichkeit einer produktiven Tätigkeit cnt/ieln, dann zwingt man sie zum Schleichhandel zu greifen. Der zitierte Erlaß des Landcsarbeitsanites Westfalen ist dafür äußerst charakteristisch. Denn erstens ist er iysofern verlogen, als er die Behauptung aufstellt, das Jüdische Arbeitsamt fördere die ostjüdische Einwanderung, während in Wahrheit das Jüdische Arbeitsamt bloß den Arbeitsnachweis und die Arbeiterfürsorge fiir die in dieses Gebiet versclilageiien Einwanderer übernimmt. Zweitens aber will er die Tätigkeit lies jüdischen Arbeitsamtes unmöglich tuadieii ׳ und sieht es offenbar als ״Erfordernis der deutschen Volkswirtschaft“ an, daß diese ostjiidischeu Einwanderer gezwungen werde״, sieli durcii Schleichhandel zu ernähren, obwohl sic bereit waren, industrielle Schwerarbeiter zu werden. - Wer wagt es noch, von jüdischen Schiebern zu reden?. Das Bild, das sieh vor unsern Augen abspiidt,' ist ein Spiegel der ganzen jüdischen Geschichte, linincr wieder haben die Juden versucht, sich in ehrlicher Arbeit den Wirtschaftekörpern ihrer Wolmländer einz.uglicdcrn. Immer wieder wurden sie von ihren Arbeitsplätzen verdrängt und verjagt, depossediert und pauperisiert, immer wieder jeder Arbeitsinögliclikeit gewaltsam beraubt und künstlich zu Luftinensdieii gemacht. *'Wenn daun ihre Lebenskraft ihnen andere Wege wies, wenn sie nicht sterben wollten und in den Poren der Wirtschaft andere Plätze für sich suchten, wurden sie verachtet 11ml beschimpft. Heute nennt man sie Schieber und Schleichhändler, die als Schädlinge der deutschen Wirtschaft entfernt werden müssen. Solche Behauptungen standen sogar in offiziellen Schriftstücken, z. B. in dein hekannten Bericht des ehemaligen Berliner Polizei- Präsidenten Ernst. Und wenn jüdische Institutionen geschaffen werden, um den Flüchtlingen hei dem Aufsuchen von Arbeitsplätzen zu helfen, dann wird die Tätigkeitdieser Institute unterbunden. Das ist die Politik iles liakeukreii/es, derselbe blinde 1 laß, der auch gegen den jüdischen Gelehrten und Forscher mit dem Argument des Knüppels zu Felde zieht, der seinen brutalen Herrentrieb an den wehrlosen Juden befriedigt, der ganz ohne Unterschied Juden beschimpft und prügelt, keiner Vernunft Zuganglieh, mir auf das Recht des Stärkeren gestützt. Dieser Antisemitismus feiert heute seine Orgien in Deutschland; cs ist jedenfalls interessant zu beobachten, welches Netz von Zusammenhängen hier bestellt, wie von allen Seiten und an allen Stellen angesetzt wird, um. die jüdische Position zu erschüttern. Es gibt daher nur einen Weg: Das deutsche Judentum muß entschieden und entschlossen diesem Feind die Front bieten und dabei die Bemühungen fortsetzen, die das Flüchtlingsproblem und das Arbeitsproblcm rationell lösen wollen, und alle gutgesinnten Deutschen werden nicht aus Judenfreundschaft, aber aus Logik und Gerechtigkeit diese Bemühungen stützen müssen. T. H. Ruhe in Palästina Offizieller Bericht über eine Reise Samuels London, 7. Oktober. (Jewish Corr. Bur.) Einer R e u t e r 111 e I d u n g zufolge kehrte Sir Herbert Samuel soeben von seiner lour durch Palästina zurück, auf der er sieben wichtig• Städte und 24 arabische und christliche Dörfer und jüdische Kolonien besuchte. Er wurde überall sehr wann begrüßt. Das Land ist ruhig und ein vorzüglicher Geist herrscht in allen Bevölkerungsklassen ICA und Rojhschild So ko low und Weizmann verhandeln mit der ICA und Baron Edmond Rothschild über deren Teilnahme am Aufbau Palästinas. Die Verhaue!- lungen sind, wie das J.C. B. berichtet, ziemlich weit gediehen und ist begründete Aussicht, daß sie ehebaldigst zu einem günstigen Abschluß gelangen werden, _ Die Krise des amerikanischen Zionismus! Nachdem über die Haltung und eigentlichen Zwecke der Amerikaner auf der Jahreskonferenz in der zionistischen Presse viel gestritten worden ist, liegt uns nun die authentische Aeußcrung der Atnerikaner selbst vor. Es läßt sich daraus ein gewisses Bild gewinnen, lind die Krisis des amerikanischen Zionismus wird immer verständlicher, wenn man nicht Schuld und böse Absicht, sondern lediglich eine notwendige Entwicklung darin sicht. Der Artikel von F r o 111 cnso 11 in ״M a eca ba e a 11“ kann zweifellos als offiziös genommen werden. Frontensoll , bemüht sich, das Mißverständnis auf der Jahreskonferenz aus der Sachlage zu erklären, insbesondere durch die lange Trennung und die inzwischen im europäischen 'Zionismus vor sieh gegangenc Differenzierung. Am heftigsten kritisiert er die ״Veteranen“, die auf Grund ihrer Verdienste in der verflösse neu Periode des Zionismus auch jetzt meinen, daß sie die fähigsten Leute für die• heutigen Aufgaben sind. Sie kritisieren zwar heftig einer den anderen, vertragen aber keine Kritik von neu 1 liiizukoumieiiden. Die Tendenzen der Atnerikaner stellt Froinensoii sehr harmlos dar, betont immer wieder ihr Stichen nach ״cfficiency“ (Sachlichkcit), zu der die europäischen Zionisten unfähig sind, weil ihr Geisteszustand infolge der allgemeinen Ereignisse in Europa überreizt ist und sie alle europäischen ״Wendungen“ mitmachen wollten (die Worte ״Wendungen“ und ״Weltanschauungen“ werden von Froinensoii immer deutsch geschrieben). Fromenson versucht zwar weit auszuholen, es gelingt ihm aber nicht, in die Tiefe der Dinge zu dringen und seine Darstellung haftet an der Oberfläche. 1111 übrigen halten wir seine Auffassung, daß auf der Konferenz der amerikanische Standpunkt gesiegt hat, für richtig, wenn auch ihr Plan bezüglich der Leitung nur mit Acnderiingeii angenommen wurde. Die Amerikaner haben gesiegt, weil die Majorität der Konferenz es resigniert aufgegeben hat, ihren Standpunkt z.u verteidigen, und weil sie auch die innere Kraft dazu nicht hatte. Nach den Darstellungen, die in der letzten Zeit von den amerikanischen Tendenzen gegeben werden, konnte es den Anschein haben, als ob die östlich-mitteleuropäische Majorität wirklich gegen das Prinzip der Sachlichkeit gekämpft hätte. Es ist daher notwendig, einmal mit aller Deutlichkcit fest/ustellcii, daß dies eine völlige Ver- Schiebung der Tatsachen ist. Alle Delegierte» ohn• Ausnahme sind zu dieser Konferenz gekommen mit dem Bewußtsein, daß die neuen Aufgaben ein neues System erheischen, daß vor allein der Aufbau Palästinas nach fachmännisch kolonisatorischen Methoden erfolgen muß, daß wir dazu Fachmänner hcranziehen müssen, daß wir gegen Dilettantismus und fiir äußerste Sachlichkeit in der Ausführung unserer Pläne sorgen müssen. Gerade in dieser Hinsicht hat man auch von den amerikanischen Zionisten viel Förderung erwartet, und niemals hätte man diese Tendenz bekämpft. Wo-

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