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Jüdische Rundschau · 1920-10-06 · Heft 69 (6.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 69 (6.10.1920)
Date
1920-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hel—tHtl־■ ־ j «■*«>-• - Die Feuerprobe Die beiiimihigcmlen Nadirichtcn über die Arbeitslosigkcit in Palästina,' <lie zunehmende Auswandei ung, die Geldknappheit haben die zionistische Leitung veranlaßt, die Parole zur Einstellung der bereits in FluII geratenen Einwanderung■ aus/11.geben. Nur gewisse qualifizierte Kategorien von Einwnu- .derer« sollen bis auf weiteres abgeschickt weiden, vor allem solche, die über hinreichende Mittel vorfügen, lim sich selbst erhalten zu können. V/,ihrend vor dem 1, August immer die politischen Schwierigkeiten, die militärische Besetzung usw, als Gründe für die Unmöglichkeit der Liuwaudciung angeführt wurden waren und stets auf den Augenblick der Einführung der Zivilverwaltung vertröstet wurde, erkennt man erst jetzt, nachdem seit Ilerbert Samuels Amtsantritt politische Hindernisse nicht mehr bestellen, daß die Hauptschwierigkeiten, mit denen man vorher nicht ernsthaft genug rechnete, wirtschaftlicher Natur sind. Es gibt vorderliaml nur sehr beschränkte Arbeitsmöglichkciteii, die meisten Arbeiten sind äußerst schwierig und anstrengend, richtige Pionierarbeit, die nur seelisch entsprechend vorbereitete Menschen aiishalteu können. Gerade für die seelische Vorbereitung der Einwanderer ist aber wenig geschehen, und so kommt es häufig vor, daß diejenigen Linwanderer, die in Palästina nicht gerade eine Idylle \ <>rfinden, enttäuscht dem Lande!den (dicken keinen und pessimistische Stimmung ins Volk tragen. Aber auch die arbeitswilligen Elemente, die alle Müllen auf sich zu nehmen entschlossen sind, finden nicht immer Arbeit; mau konnte bisher keine großzügige Arbeit beginnen, wir sind für diesen Moment wirb scliaftlich, organisatorisch und vor allem finanziell nicht vorbereitet. Die gegenwärtige Krise, ־ denn von einer Krise muß man nach allen Nachrichten aus Palastiiia sprechen - ist vor allem eine f i 11 a 11 / ie 110 Krise. Sie besteht darin, daß die Zionistische Exekutive infolge Geldmangels das Budget des Waad liazirim kürzen mußte, so daß nicht nur au neue Gründungen nicht zu denken ist, sondern auch das bestellende Kolonisationswerk in höchster Gefahr ist. Dieser unerwartete Zustand wild zurückgeführt auf das Ausbleiben der amerikanischen Gelder. In Palästina herrscht große Erbitterung gegen die Amerikaner, die den Jisehuvv so plötzlich im Stich gelassen haben; nach Aeußeruiigeu aiiieiikanischer Zionisten nach der Konferenz, muß man aber schließen, daß die Amerikaner sieh ihrer finanziellen Verpflichtungen auch für die Zukunft bewußt sind. Wie dem auch sei, die momentane Sperrung der Gelder hat zur Folge, daß eine allgemeine Reduktion der Arbeit gerade in dem Momein notwendig wird, wo das ganze Volk eine Vergrößerung erwartet hatte. Am empfindlichsten getroffen weiden die landwirtschaftlichen Siedhinge״. Die landwirtschaftlichen Siedlungen, insbesondere die Arbeitergenossenschaften, bilden nach der allgemeinen Ansicht Palästinas die Basis unserer gesamten nationalen Arbeit, sie sind die Zellen des kündigen Gemeinwesens. Die Besetzung des Landes kann nur durch mühevolle Erschließung' des noch unbebauten Bodens, durch Entsteinung, Aufforstung und allmählichen Ucbergang zu intensiver Wirtschaft erfolgen; solche Meliorationen werden in der ganzen Welt vom Staate durchgeführt und gehen auf Kosten des Staates, ihre Resultate kommen der Allgemeinheit zugute. Diese Siedhinten können natürlich nicht im Privatwirtschaftschaftlichen Sinne rentabel sein» sie sind aber die Voraussetzung der gesamten Volkswirtschaft Die Arbeitslöhne in den Kwuzoth sind so gering, daß sie kaum zur bescheidensten Lebenshaltung ausreichen, ganz abgesehen von den äußeren Schvvierigkeiten der Lebensführung wie Wohnungsmangel, klimatische Verhältnisse, Ueberfällc usw. Es ist daher höchst unverständig, wenn die Kwuzoth als ״neue Chalukah“ bezeichnet und ihnen iiire Defizite vorgeworfen werden. Die Schaffung der landwirtschaftlichen Grundlage unseres Gemeinwesens muß eben aus öffentlichen Mitteln bestritten werden. Wenn diese Mittel nicht da sind, so stehen wir einer Katastrophe gegenüber, die die ganze zionistische Arbeit in Frage stellt; Die öffentliche Meinung Palästinas ist über die. Maßnahinen der 1 Leitung außerordentlich gereizt; in dein Lesthaltcii au den’ nationalen Positionen, in der Forderung nach Erhaltung der laiidwirtsehaftlicncn Siedlungen mul nach Aufrechterhaltmig der Chaluziiiieinwamle- 11mg wenigstens in dem bisherigen beschrankten Umfang sind alle Schichten und Parteien Palastmus einig. Der ganze Jisclmw hat seinen Willen kundgegeben, selbst das Aciißcrste zu leisten, um die notwendigen Mittel zu beschaffen. Dci Waad hasmaui hat auch beschlossen, sich mit einem eigenen Manifest, das die Situation im Lande aufklärt, an die imiiitonnierte zionistische Ueffeutliclikeit zu wenden. Ein Beispiel hat die Lohrerversummhmg in Jaffa gegeben, die den Beschluß gefaßt hat, daß zur Abwendung der drohenden Einschränkung der Kulturarbeit jeder Lehrer sich verpflichtet, zwei Stunden wöchentlich unentgeltlich zu unterrichten, ein Opfer, dessen Größe erst ermessen werden kann, wenn man bedenkt, daß der unter weit schwierigeren Verhältnissen als anderswo arbeitende palästiueusische Lehrer ein wöchentliches Stuiuleiiausinaß von dreißig Lehrstunden zu geben hat. Die Lehrerschaft hat auch ihre Solidarität mit den landwirtschaftlichen Arbeitern bekundet und die Uebcrz.euguiig ausgesprochen, daß ohne iaudwirtschaftliehe Grundlage auch das gesamte Kulturieben im Lande zusainuienbreclieii muß. Diese Stimmung des nationalen Idealismus und der Opferwilligkeit im Bewußtsein der höchsten Gefahr erfüllt'■ den ganzen Jischuw. Es ist befremdlich und bedauerlich, daß das offizielle ״Zionist Bulletin“, das sonst über jede Kleinigkeit des palästinensischen Lebens, über die neuen Briefmarken und die Reform des Gewielitssystcins in Palästina genau zu berichten weiß, weder die Sitzung des Waad hasmani und die dort gefaßte Resolution, noch die Lehrerversammhing auch nur mit einem Worte erwähnt Das (Manifest der Exekutive, das jetzt, zehn Wochen nach der Julireskoiifereiiz, erschienen ist, enthält kein Wort des Hinweises auf die akute Krise. Wir sind aber überzeugt, daß gerade die Kenntnis dieser Tatsachen mehr;11s alle Uebei reduugskunst geeignet ist, dem jüdischen Volk die Augen über die Bedeutung der Stunde zu öffnen und den Willen zur Rettung des Jischuw, zur Vergrößerung' und Erweiterung unserer nationalen Positionen und Arbeiten, zum Aufbau Palästinas zu wecken. Das jüdische Volk hat immer in Stunden der Gefahr sieh besser bewährt als in Zeiten des Wohlergehens. Allzu bedeutende Erfolge, allzu rosige Darstellungen der Lage haben immer ein Nachlassen der nationaleii Energie zur Folge gehabt. Wir haben im letzten Jahr schon mehrfach kritische Situationen erlebt. Der Pogrom \«11 Jerusalem war der Höhe• punkt der politischen Krise, jetzt stehen wir mitten in der finanziellen Krise, Der palästinensische jischuw bestellt jetzt seine Feuerprobe. Er hat schon in den blutigen Pessachtagen, er hat dam! während der Geulalnvoche gezeigt, daß er entschlossen zusammeiizustelieii und Opfer zu bringen vermag. Er wird auch jetzt alle seine Kräfte anspannen, er richtet nicht nur Forderungen nach außen, sondem gellt selbst mit dem Beispiel voran, erweist sich wieder als der wahre nationale Vorposten. Das jüdische Volk in der Diaspora steht vor der Frage, ob es Palästina im Stiche lassen will. Ohne Unter- Stützung von außen kann der Jischuw jetzt noch nicht existieren, denn die jüdische Volkswirtschaft Palästinas kann nur von der materiellen Kraft des g;111 z e u Volkes, auch soweit es heute nicht im Lande lebt, gehalten werden. Wenn unsere landwirtschaftliche und kulturelle Arbeit jetzt ans Mangel an Mitteln zusainincnbricht, wenn die nuuierisch minimale Einwanderung der in allen Ländern bereitstellenden Arbeitskader eingestellt werden muß, dann hört alle nationale Arbeit und alles nationale Leben im Lande auf und auch unsere politische Stellung muß dadurch eine empfindliche Schädigung erfahren. Wir fordern von der Leitung, daß sic mit allen Mitteln diese Katastrophe abz.uwenden sucht und alle Kräfte der zionistischen Bewegung für diese Rettungsaktion mobilisiert. Das Volk aber muß durch die Art, in der es auf den Appell der Leitung reagiert, sein Verständnis für den Ernst der Sachlage erweisen. R. W. Die Konferenz der Palästinaämter Die Konteren/, der PalästiiKiäuiter in Mähr.-( )slr.it! ist vom 7. auf den 11 Oktober verschoben worden, lii'lier haben sieh I)elegierte aus Wapwliair, Lemberg mul Triest niigemeklet. Die Zahl der Delegierten wird fünfzig erreichen Holländer bauen den Hafen von Jaffa Jaffa, 15. Sept. (mi.) Vor einigt•!! Tagen ist eine Abordnung der in Port-Said tätigen holländischen 11 a f e n l) a 11 g e s e 11 s c h a f t in Jaffa eingetroffen. Sie kommt hierher, um die bereits fertigen Halenji 1:111 e für die Stadt J a ( l a der Regierung in Jerusalem zu unterbreiten 1111.1 mit derselben über die finanzielle Seite des Unternehmens zu konferieren. Nach den citigebraeliten Vorlagen soll der Haien z.unächs, in mittlerer Größe ausgebaiit werden. Die Kosten belaufen sieh, nach den Angaben der Leiter des Unternehmens, auf zirka 000 000 Pfund Sterling. I>1e Gr Seilschaft will den Hafen auf Kosten der Regierung bauen, welche zu diesem Zwecke eine Anleihe benötigen wird. Man versichert in gut informierten Kreisen, daß die Finanzfrage trotz der gegenwärtigen Krise unschwer gelöst werden und daß die Arbeiten für den Bau des Hafens in Jaffa im März nächsten Jahres beginnen können. Der Bau wird drei Jahre dauern und nahezu tausend Arbeiter und Allgestellte beschäftigen. Die Verbilligung der Lebensmittel Jaffa, 10. Sept. (mi.) Eine Regierungsverordnung enthebt die Irischer in ganz Palästina von ihrer Pflicht, einen Teil ihres Gewinnes an die ״Dctte Publique Ottoinane“ zu zahlen. Diese Maßnahme gehört zu den wichtigsten, die vom Obcrkonunissar in bezug auf die Verbilligung der Lebensmittel im Lande getroffen wouleit ist. Bisher mußten näntiieh die Fischer alljährlich enorme Beträge an die ottomaiiische Staatsseliuldenveiw.dtung abtragen. Für den Bezirk Jaffa hetrug der Anteil zirka 5000 e. & oder 125 00!) Gokliratikcu (Normalvaiuta). Natürlich mußten dann die Fischer diese Stcuerlcisuuig auf die Konsumenten abwälzen, und so kam es, daß in einer Hafenstadt wie Jaffa, wo inan tinhegren/te Mengen dieses wichtigen Nahrungsmittels haben könnte, Preise wie 8—10 Eres, das Kilo nichts seltenes waren. Zugleich mit der Steuerleistuiig fällt auch die Bestimmung weg, wedelte die Fischerei als StaatsmonopoS erklärte. Die freie Konkurrenz wird die Preise im ganzem Lande rasch zum Sinken bringen und einen ausgedehnten Hände! mit diesem bedeutenden Produkt ermöglichen. Die Holle in Ostgalizicn Ein in Prag lebender Stauisluuvr erhielt eben von seinen Angehörigen folgenden Brief, den die ,,Selbstwehr" veröffentlicht: ,(Wir sind von Dir ohne jede Nachricht; doch es, wiuiücrt uns nicht, da wir von der ganzen Weit abgeschnitten mul ei «geklammert .sind. Niemand hört unser Stöhnen und Schreien um Hilfe. Kannst Dir kaum vorstedlen, was wir immer tiii.tiiache.t und was wir mitgemacht haben. Tagtäglich kommen Flüchtlinge atnis verschiedenen Stillten und Dörfern gelaufen, wedelte barfüßig, kaum mit dem Leben davongekommen sind. Die״ Spitäler in eien größeren Vhäclteu sind überfüllt von Juden, wedelte in brutalster Weise von den llajdamaken (Schwarze Hundert) massakriert wurden elenen liündc* und Julie vom Körpei, Ohren und Nasen vom iicsicht ab^cx'hnittcH wurden; Gremdtaten die, seit die Wcltflaminc lodert nidit vorgekonimen sind. Ueberall sieht man wahnsinnige Gesichter der geschändeten 1׳rauen, welche itt der Stadt heriunirrcn, und dies alles geschieht in der l nijiubtin^ Stanislaus. Wir Mk*!! in einer swKhcn 1 o d e s a 11 g s t, daß sielt die Elten! täglich schwächer fühlen, aus Furcht es erwarte uns dasselbe Schicksal. Die Banden der ukraii ischcn ״Wilden Division", welche m General Pctljuras Armee eingereiht sind, )ijnterlasscn wo sie durchziehen, Bilder der Verwüstung und Verddung. Alle Organe sind diesen gegenüber machtlos. Lme Kettung für das östgalizische Judentum, welches vogelfrei dastellt, wäre vielleicht die Veröffentlichung] in allen auslandtsdicn Zeitungen, das Appellieren an I111j4h1nu und Amerika um!!Hilfe, xtiist <fvhcn wir 1IU? dem Verderben entgegen, ohne, da« wir i-rendwolim fliehen können.“ 1 «11ei1urv.m1v.1uu1 Das unter Vorsitz Sokolows für den 20 v. Mt in London unberufene; Massenmeeting, auf dem Wci mann, vor seiner Abreise nach Palästina, Bericht c statten sollte, wurde verschoben, da Sokolow und Wei mann infolge unvorhergesehener Umstände länger a erwartet 111 Paris aufgelialten wurden. 'Harry Sacher, bisher Mitglied des politische Departements des Londoner Zionistischen Büixts l> gibt sich nach Palästina, tun die Leitung des Palestü weekly“ zu übernehmen. Sacher eincr” deM tenden Redakteure des ״Manchester Guardian“.

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