Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 65-66 (20.9.1920)
- Date
- 1920-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahr! einer öffciitItch-recLtHd» ״cnlclicrten HelmstStte ln PalSstla« Baseler Pre^ratcm Der Zionismus erstrebt iSr da• fOdlccba Voll! die?€ף* 7«4 Oie ״Wiener MorgciizciUing“ bringt nadistehciuU.• Meldungen aus Ostgali/ieii: Seitdem das jH»!11ischc Aniieckonuijamlo dem <>stukrainischen B.indenliäuptling Petljura die Vcrw.11mag Ostjjfali/.k'.ivs bis zum Dnjestr übertragen. lut, lut dort eine systematische Jagd gegen die jüdische Bevölkening eingesetzt. Wo immer die l’etljurahamlen erselieincn, fallen ihnen die jüdischen Massen der kleinen Hecken zum Opfer. So wird aas Jozlowice, Jezerziany Wiclkie und aus Borszczow gemeldet, daß die gesamte jüdische Bevölkerung dort bis aufs Letzte ausRC• plündert wurde. Schändungen und V 0 r g e - wat t i gu n g e n jüdischer Frauen und ,Mädchen gelioren zu den gewöhnlichen ,Erscheinungen. Buczacz hat vor! den Pctljurabamlen am schrecklichsten zu leiden. Kein jüdisches Haus ist da der Plünderung entgangen, und wer nichts herzugeben hatte, wurde Tiiedergeschossen. So wurden der 63jährige;Greis Abraham Sommer und die Kldnliäudlerin Horn erschossen. Im Hause der Frau Sommer haben sechs andere Juden teils leichte, teils schwere Schußwunden davongetragen. Einem anderen Juden wurde das Ohr mittels Bajonett einfach weggeschnitten. Fs wiederholen sich überall die alten bestialischen Exzesse wie in der Ostukraine. Selvr oft schießen die Soldaten zum ״Scherze“ Wind in die jüdisehen Häuser liLncin, wodurch wiederholt Kinder ihr Leben verloren haben. Das Städtchen W o j n i 1 o w bei Stanislau war drei Tage hindurch der Schauplatz, eines schrecklichen Pogtoms, den die eierte Schwadron der achten Petljura- Kosakenbrigade unter Kommando des Fähnrichs Zuha veranstaltet hat l>ie genannte Schwadron marschierte von Kalusz zur Dnjcstedinie una machte unterwegs in Wojnilow Halt Die .jüdisclie Bevölkerung des Städtchens wurde vollkommen ausgeplündert. Der Sachschaden beträgt über zwei Millionen polnisdier Mark. Es wurden viele Juden ,verwundet und getötet. 1X11 Frauen riß man die Kleidungsstücke herunter und trieb sic nackt durch die Straßen des Städtchens. Fünfzehn Mädchen wurden vergewaltig! Eine weitere Meldung besagt:! Die Pogrome der Petljura-Banden dauern noch immerfort an. Zwischen dem 20. und 25. vorigen Monats fanden schreckliche Pogrome statt in Je zu pol (Zahl der Ermordeter nicht festgcstcllt), B o 1 s z. o wc e (21 Juden ermordet), Hnlicz (lö Juden ermordet), liursztyn (11 Juden ermordet). In Bukaczowce allein wurden während der schrecklichen Ereignisse am 20. August 24 Juden ermordet oder schwer verwundet. Der Schneider Juda Mulbiga wurde in Stücke gehauen. Schwer verwundet und mit Säbeln stark zugerichtet wurden: Leib Küpper, Chaim Gelber, Elias Holler, dem die Petljura-Soldatcn xnit Säbeln die Hände weggesdmitten hatten, sodann Markus Marchfeld, Frau Finkeistein. Vielen Juden wurden die Kleidungsstücke gewaltsam heruntergerissen und ihnen selbst das kilnstliehe Gebiß aus dem Munde licrausgezogen. ״Wperetl“, das Organ der ostgalizischukrainischen Sozialdemokraten, schreibt über diese neuen Mordtaten der Petljura-Banden wie folgt: ״Die Naeliriditen, die wir aus den von den “113 SS Petljura-Tnippen besetzten Teilen Ostgalizions erhalten, sind derart schrecklich und derart tni* menschlich, daß man mit errötendem Antlitz fragen muß, ob denn dies möglich sei? Die Wojnilower Exzesse, von denen wir hören, verdammen wir aufs entschiedenste. Das ruTlicitische Volk in Ostgalizicn kann für sie keinesfalls verantwortlich gemacht werden “ Eine aus Östgalizien in IVutsdilaml «״!getroffene Dame schildert uns die grauenhaften Zustände und Leiden der Juden in Ostgali/ien. Wir entnehmen ihrem licridit nachstehende Angaben: ln Stanislau und Umgebung Bolsezowcc, Kalusz, Wojnilow. Pcvchcusky, Je zu pol ist es zu schrecklicher» .Exzessen gekommen. Am 28. August sind in Wojnilow 50 Juden gemartert worden. Jedem wurde ein Glied abgenommen. 1X111 Schojchet ist ein Arm, amloren 'Ohren, Zunge, lteiu us\v, mit Gewalt entfernt worden. Außer diesen sind viele in Stücke zerschnitten worden. Die 50 schwer Verwundete» sind nach dem Krankenhaus in Kalusz gebradit worden, wo die Dame die Verwundeten selbst besucht lut. Jn Bolszowcc soll es auch furdithar zugegangen sein, ,auch 12>ährigc Mädeben hat man vergewaltigt. In Sta n islau kam es ,zu Kämpfen, wo viele von der jüdischen Miliz verwundet wurden, auch gab es zelui Tote. Diese Taten haben die Petljtrrabanden verübt. Die Polen leisten bei den RaubiqhI Mordtaten natürlich Mithilfe. Am. 2. d. M. war die Dame in Krakau und lut das Elend der an Polen ausgeliefertcn Deserteure gesehen. Fünf Tage haben sie keine Nahrungsmittel bekoimncu. Viele von iluien sind söion gestorben. Liebesgaben werden nidit z ״gelassen. Jeder der wußte, daß die IXime nadv dein Ausland fährt, flehte, daß man die Taten, die jetzt in' Üstgalizien vorgekommen sind, im Auslände bekanntmachen möge: sie selbt können es niclit, der Zensur wagen. Die Presse ist ihre einzige Hoffnung. Die jüdischen Flüchtlinge in der Tschecho- Slowakei Der Generalsekretär der Zionistischen Organisation in London Herr S. Land man, welcher dieser Tage in Prag weilte, wurde vom Minister des Aeußcm l>r. Bene sch empfangen. Herr Larxlman ersuchte den Minister, die Erlaubnis zu erwirken, daß die in allerletzter Zeit auf tschechoslowakisches Gebiet aus Polen und Insbesondere aus Ostgalizien geflüchteten Juden, welche die drohende Ankunft der bolschewistischen Heere oder die Pogrome der Petljura-Banden aus der Heimat vertrieben haben, bis zu ihrer endgültigen Auswanderung in andere Länder in der Tschecho- Slowakei verbleiben können. 1 X־r Minister versprach, einem speziell gegründeten Komitee Wohngelegenheit für die Flüchtlinge in eigenen Baracken zur Verfügung z u s t e U e n. L>as Komitee besteht aus der Prager Filiale des Joint, Vertretern des Jüdischen Nationalrates, des ostjüdischen Hilfskomitees und des Prager Palästina-Amtes. LHe Lebens- und Geldmittel werden hauptsächlich vom Joint beigestellt Erfahrungen eines Halbjahrs Das ArlH‘itsan1t der zionistischen Arbeiterpartei 11״.ijxiel-H.izair“ in Jaffa veröffentlicht eine Statistik der Einwanderung der letzten vier Monate, welche au dieser Stelle besprachen zu werden verdient, weil sie zu Betrachtungen über den gegenwurtigen Stand der zionistischen Arbeit in Paliistina Anlaß gibt. Vorausgeschickt muß werden, daß die von dein erwähnten Amt in der gleichnamigen Zeitschrift wiedergegebenen Ziffern keineswegs auf Vollständigkeit Anspruch erheben, da sie mir diejenigen Einwanderer berücksichtigen, die durch das Arbeitsamt des 1״ iapoel-Hazair“ Arbeit zuge viesern erhielten; außerdem gibt es aber noch eine g'.tze Reihe selbständiger Einwanderer sowie solcher, die durch andere Büros installiert wurden. Die Statistik nebst ihren Kommentaren hat also vor allem illustrativen Wert, wobei allerdings zu heachten ist, daß der weitaus größte Teil der arbeitenden Einwanderer dieser Periode tatsächlich darin erfaßt ist. Die Einwandcrungswellc hat im April, nach der Ankunft der zur Prager Konferenz entsandten palästinensischen Delegierten des ״Hapocl- Hazair“ in Europa, eingesetzt; sic betrug im Monat Ijar 27, iin Siwan 149, im Tainus 214 und in der ersten Hiilfte Ab 210 Einwanderer, vom 15. bis 26. Ab meldeten sich bereits 430 Einwanderer. Man sieht also, daß die Zahl rapid ansteigt, und das Lcbcnsproblem des neuen Palästina liegt darin, daß es gelingt, die 7. ״strömenden Massen in produktiver Arbeit untcrzubruigen. Der Bericht ist darum so interessant, ׳weil er den ganzen Ernst dieses Problems erkennen läßt,, für dessen Lösung bis heute von der zionistischen Leitung leider noch' außerordentlich wenig getan wurde. Von den 1075 Einwanderern der Statistik wurden alle (bis auf die allerletzten, über die der Bericht noch keine Auskunft geben kann) an Arbeitsstellen befördert. Hiervon entfällt jedoch! mir durchschnittlich ein Viertel auf zionistische Arbeit. Ein großer Teil wurde von der lea heschäftigt, ein Teil in den Kolonien und in den Städten. Die Arbeit ist nicht immer leicht und die lokalen Verhältnisse oft sehr ungünstig. Umsio peinlicher wird es empfunden, daß für die Aufnähme dieser Einwanderer garnicht vorgesorgt ist. Es fehlt an den primitivsten Gebrauchsgegenständen! und die von der Zionistischen Kommission zur Urburmachung übernommenen Grundstücke, die an aus Immigranten gebildete Arbeitergruppen vergeben werden, können nicht einmal mit Zellen und den notwendigsten Geräten verseilen werden:. Es scheint an jeder Voraussicht zu mangeln. Durch' die Ankunft einer Einwandercrgnippc wurde die zionistische Leitung stets völlig überrascht, es beginnt ein Telcgrammwechsel zwischen Jerusalem und London über die zur Installierung erforderliehe Geldsumme, im letzten Moment müssen dann Zelte und Gebrauchsgegcnstünde im Lande selbst zu ungeheuren Preisen gekauft werden, auf diese Weise gehen Geld und Kräfte verloren. Durch die neue Einwanderung ist neues Leben nach Palästina getragen worden, man begann unter großen. Entbehrungen mit neuer Arbeit verschiedenster Art und man schöpfte wieder Mut; aber schon hier im Kleinen zeigte sich ein bedrohliches Versagen der Zionistischen Verwaltungsmaschinerie. Die Einwanderung läßt sich nicht mehr eindämmen und es. ist notwendig, daß sofort Einrichümgcu getroffen weiden, um sie in richtige Bahnen) zu lenken. Itelitisch ist die Möglichkeit für eine — angesichts der Verhältnisse — beinahe unbeschränkte Einwanderung gegeben, aber Wirtschaftlieh werden die Schwierigkeiten immer größer. Jetzt schon herrscht Arbeitslosigkeit unter den Neuein•, gewanderten, an manchen Stellen auch Unzufriedenheit, für die sanitäre Fürsorge wird viel zu wenig getan, so daß sehr viele Einwanderer vom Fieber befallen und äußerst geschwächt werden. Die Aus- Wanderung aus dem Lande nimmt einer.! betrachtliehen Umfang an. Und demgegenüber steht kein fester, der Oeffcntlichkeit bekannter Plan, keine Voraussicht und keine Sicherheit baldiger Abhilfe, sondern nur die Sorge um die kleinen Bedürfnisse׳ des Alltags und um jdas tätliche Geld. Die neue Periode״ die nach der Londoner Konferenz im Zionismus anbricht, muß im Zeichen der großzügigen Palästinaaufbauarbeit stehen. Das palästincnsischc Leben muß auf gesunde Wirtschaftliehe Grundlagen gestellt werden, die es ermögliehen, die neu zuströmenden Einwanderer in der jüdischen Wirtschaft unterzubringen. Dazu bedarf cs vor allem des Geldes. Es ist die wichtigste Funktion des Keren;Hajcssod» die Mittel hierfür zu liefern. Dabei sind nicht nur die Anlagen, großer• wirtschaftlicher Unternehmungen gemeint, sondern• die Bestimmung dieses Fonds ist cs auch, die erforderlichen Einrichtungen für die Aufnahme und Ucberleitung der Immigranten zu schaffen. Die Bedürfnisse müssen rechtzeitig gedeckt werden können, man darf nicht durch momentane Geldverlegenhcit große Summen zu verschleudern genötigt sein. Die Schuld an den bisherigen Mißständen trägt mindestens zur Hiilfte das jüdische Volk selbst, das nicht genug Geld für Palästina gegeben hat. Aber auch die bisherige zionistische Leitung kann von Schuld nicht frei gesprochen werden. Auf der Londoner Konferenz wurde an der Zionist-Commission heftig Kritik geübt, ohne daß jedoch ein neuer Weg gezeigt worden wäre. Denn zur Kolonisation gehört nicht nur Geld, sondern es gehören dazu vor allem auch Ideen» ein großer Zug׳, ein klarer Wille. Es gehört dazu die Erkenntnis der Notwendigkeiten, die sich nicht von der Wirklichkeit überrumpeln und von jedem neuankommenden Schiff überraschen läßt. Unsere bisherige Palästinaarbeit war auf zu. kleine Maßstabe zugeschnitte«, — nicht etwa weil man an zu geringe Zahlen von ‘Einwanderern dachte; vielleicht sind sogar die offiziellen Zahlen noch zu hoch gegriffen sondern weil man sich immer nur mit den Einzelheiten des Tages begnügte und nicht die staatsersetzende kolonisierende Funktion begriff;, die der Zionistischen Organisation zufällt. Auf der Londoner Konferenz wurde das Eoonoiuical Council eingesetzt, dem nunmehr die Prüfung der wirtschaftlichen Projekte für Palästina obliegt. Hoffent-v lieh wird diese neue Instanz bald auch initiativ eingreifen uhd der!wirtschaftlichen Entwicklung neue Wege weisen. Es ist jedenfalls keine Zeit zu verlieren, wenn nicht eine »Krise in Palästina ausbrechcn soll. Wir hoffen auch, daß nach' dem Zusammentritt der (Assefath Haniwcharitn das palästinensische!Judentum laut und vernehmlich auf die drohende Gefahr Hinweisen wird und daß; dann die Gründe für die ernste Lage untersucht werden. Das letzte Halbjahr war außerordentlich , lehrreich. Hätte die vom ״Hapocl-Hnzair“ angeregte Einwandeiung nicht stattgefunden, so würden wir heute nicht über die Erfahrung verfügen, die unerläßliche Basis der Zukunftsagrbeit ist. R. M