Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 63-64 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 500 Nr. 63 64 JUEDiSCHE RUNDSCHAU andere» Menschen“, als ״eine Gefahr für jede Kultur“ וין bezeichne»? Darf mau bei einem Manne, der über eine der geistig fiihremlen uml, wie der Gang tler Cieschichte bewies, politisch weitsichtigste» Zeitungen Deutschlands tlic schmählichsten Verleumdungen aus- *freute, fiir die er nach dem Urteil des Gerichtshofes ״nicht den Schein eines Beweises erbringen konnte“, darf inan bei einen! solchen Manne bona fkles annehmen, wenn er aller historischen Wahrheit zum Trotz das Judentum als einen Herd bezeichnet, ״aus dem semitische Intoleranz Jahrtausende lang allem Edelsten zum Fluche, dem Christentum zur ewigen Schmach, «ich wie ein Gift über die Erde ergießen sollte“, wenn er ״ohne den Schein eines Beweises erbringen ־zu können“ den Juden den ״Lehrmeister aller 111t«!eranz, alles Glaubcusfanntismir«, alles Mordens um der Religion willen“ nennt, ״der an die Duldsamkeit immer nur dann appellierte, wenn er sich .bedrückt fühlte, sie ׳selbst jedoch niemals übte nocli üben durfte, denn sein Gesetz verbot es ihn! iiikI verbietet cs iluu auch heute - und morgen.“ Soll man einem Mann, der sein eigenes Volk so wenig kennt, daß er 1915, als England fiebernd den Krieg betrieb, in Deutschland die Ansicht veilueiteti״ ,־in l'nglaml denkt Weiler Herr noeh Hauer, weder Kaufmann, noch Arzt, noch Anwalt, noch Beamter daran, sich um Kriege zu beteiligen oder seine ׳ Sühne dafür hiu/ugeben“ - soll man einen solchen nicht Kenner, sondern Niciitkenncr der Historie als Interpreten auf dem dunklen Gebiet der Vorgeschichte Israels anerkennen? Soll mail einem Mann, den der Biograpl! Gobincaus öffentlich gefragt hat, ״ob es gentle» tnaolike wäre, duB Chainberlain der französischen Quelle seines unverdienten Ruhmes kaum anders als mit den verächtlichsten Ausdrücken unter groben Miß- Verständnisse» oder F.11ls|e]lumf,ren gedenkt“, soll man einem also öffentlich als Plagiator gcbrantlmarkten Manne Glauben schenken, wenn er dem ihm verhallten Volk den gleichen Vorwurf macht und behauptet, dali alles Grolle, das dem Scholl des Judentums entsprossen, oiclit Figcnsehöpftnig, sondern nur Entlehnung und Gerinajienle ist trug wäre? Soll ein Volk vor der Rezension eines Mannes, der 1915 von Bcthmann Hollweg sagte: ״Die beiden Reden des edlen Reichskanzlers sind ln ihrer!»!rhetorischen Schlichtheit unvergängliche Dokumcule“ und denselben Bethinatm Ilollweg nach seinen* Kan/lersturz ״den unglückseligsten Staatsmann, von dem die Weltgeschichte zu berichten weiß“ genannt hat. soll cii» Kulturvolk wie das jüdische vor der Kritik eines solchen Segdriehters uml Windfängers der öffentlichen Meinung seine grollten Geister aus der Liste der Menschheitsgenien streichen und zufrieden sein, gemäß seiner Wertschätzung an Spinoza einen klugen Bocher und an Heine einen talentvollen Bänkelsänger zu besitzen? Diese biographischen Notizen lassen wenig Vertrauen aufkommen zu den Tctulen7.cn uml Methoden des Bannerträgers der Gernianenlheorie und seiner Lehre von der Rasscumindcrwcrtigkeit der Juden. Aber die Gerechtigkeit kennt nicht den Täter, sondern nur die Tat, nicht den Theoretiker, sondern nur die Theorie. (Der Widerlegung dieser Theorie dient das Buch ״Die Juden als Rasse und Kulturvolk“, dem diese Charakteristik entnommen ist. [Welt-Verlag], Es zeichnet sich durch seinen lebendigen Stil ebenso aus, wie durch die wissenschaftliche Fundierung «einer Beweisführung.) Kleine Nachrichten Juristenkonferenz. Nach, der Besetzung Palästinas durch die Engländer hat das Palästinaamt spezielle judischc Friedenstfcriclite eingesetzt, die zum Teil schon während der türkischen Herrschaft existiert haben, aber von 1 )jemal Pascha aufgelöst worden sind. Schon damals wurden einzelne Stimmen laut, diebehauptete», daß die Zeit der jüdischen Friedensgerichte vorüber wäre. Trotzdem haben sie sich bewährt, und ihre Zahl hat sich nach der Entscheidung von San Rcmo und der Ernennung Sir Herbert Samuels wesentlich vergrößert. Um zu dieser jetzt akut gewordenen Frage der Aufreehterlialtuug der f rk-dcnsgcrichte Stellung zu «HhiiK'ii, fand, wie 1״ laared* mitteilt, - am 29. Juli in Jerusalem eine Tagung jüdischer Rechtsanw.ilte unter Ikteiligung jüdischer Richter, Vertreter des Waad-Hasniani und Waad-Hazirim (l>r. Ruppin), Vertreter der Leitung der Friedensgerichte statt. Leiter der Versammlung war f>r. Thon, rferr Daniel Auster referierte über die Tätigkeit der Friedensgcrichte und das Verhältnis der Regierung zu denselben. Gegenwärtig bestehen jm Lande 19 Friedensgerichte, die durchschnittlich 20t) Gerichtsurteile monatlich fällen, Alle Diskussionsredner betonten die Wichtigkeit der Aufrechtcrhaltung der Friedensgerichtc, nachdem ihnen die Bevölkerung großes Vertrauen eiitgegeiihringe. Es wurde betont, daß das Gerichtswesen im (feiste des alten jüdischen (Gesetzes geleitet werden soll. In den weiteren Debatten wurde die Meinung geäußert, daß die große Mehrheit der Versammelten 111 der Entwicklung der Fricde^isgcriclite eine Notwendigkeit sieht, aber gleichzeitig auch eine rege Anteilnahme an den zivilen Gerichten befürwortet. Es wurden auch Verschiedene Reformen im Gerichtswesen besprochen und die Herausgabe einer reChtswissenschaftticlien Vierteljahresschrift beschlossen. - ׳ Von Nanny Margulies. z.w ei tausend jähriges Unglück hat im jüdischen Volk Eigenschaften entwickelt, die in Ihrer Kraft ebenso einzigartig wurden wie sein unseliges Geschick. Aus immerwährendem Elend, aus nie erlöschender Furcht vor neuen Schlägen erwuchs eine stifte, grolle■ Bereitschaft zum Leid, eine Passivität 01111c Gleichen, die viele Jahrhunderte hindurch seine einzige Waffe im Lebenskämpfe blieb. Das Haupt des Juden! beugte sich in Erwartung komm enden Ucbols, sein Rücken krümmte sich in der Demut des Ewig-Geschlagenen. So ist der Jude den anderen Völkern bekannt, so sahen sie ihn stets nur aLs demütig-hündisches Wesen — ohne je die erhabene Größe seiner Leidensbcreitschaft, die furchtbare Tragik des ewig auf ihm lastenden Druckes zu begreifen. Erst das neue Jahrhundert schuf mit dein Erwachen des nationalen Geistes auch jene positiven Kräfte neu, die am meisten die Juden selbst seit Lange, lange erloschen glaubten. Das starke Bewußtsein von der Zugehörigkeit zu einem uralten Adelsvolk straffte den geln-iigten Rücken, das jüdische Haupt hob sich frei in stolzer, (rotier llutfmmg auf eine würdige Zukunft. Und endlich, in unseren Tagen sollen wir die ewige Bereitschaft zum Leid sich wandeln in eine Ber e i t s c 11 a f t zum Opfer — nicht zum passive», gezwungenen Opfer jedes eigenen, würdigen Lehens, nein, zum freudigen Opfer für etwas selbst Gewolltes, etwas selbst zu Erbauendes — für unser Volk und für unser Land. Nie aber hätte das jüdische Volk die helle Zeit beginnender Wiedergeburt erlebt, wenn es nicht für sein« Wunden durch olle Jahrhunderte! hindurch ein helfendes, lebeiistäikeivdes Elixier besessen hätte, das nie versagte, das immer bereit war: die jüdische Barmherzigkeit. So groll wie sein Leid war auch die Bereitschaft zur Hilfe. Jeder Leidende war der Bruder «lessen, der gerade weniger litt, und wenn man die Juden aus einem Lande verjagte, so fanden sie offene Herzen und Häuser bei ihren Brüdern jenseits der Grenze. Eine so bis in die kleinste Ortschaft verzweigte, so planvoll organisierte, so warmherzig und selbstverständlieh ausgeübte Wohltätigkeit findet in der Welt nirgends eine Wiederholung. Und diese stets bereite Hilfe der Briiiler gab den Juden die Kraft, ihre Leiden zu trage» im festen Vertrauen auf die komiiieiklen Zeiten, die mit Gottes Hilfe, mit Hilfe des jüdischen Bruders die besseren werden sollten. Es gab eine kurze Spanne Zeit wir dem großen Kriege, da glaubten wir, die besseren Zeilen seien gekommen, die Zukunft des jüdischen Volkes sei heller und freudiger als je. Wir erstrebten seine Wiedergeburt im alten I leimatlande, und fast glaubten wir, die Judennot in der Welt sei ini Niedergang, die üesundirugi stände nahe bevor. Aber da kam der Krieg, — und mit seinen entsetzlichen Schlägen hämmerte sieh hx unser Bewußtsein die Erkenntnis, daß noch jedes Menschheitsunglück zehnfach schwer auf das jüdische Volk herniedcrbrach. Die geahnte freiere Zukunft floh weit, weit zurück — es blieb eine Juclennot, 90 groß und fürchterlich, wie sie seit Jahrhunderten nicht mehr geherrscht hatte, weil sie jetzt so viele Lander auf eitvmal tiaf, daß die helfende Bruderhand zu schwach und diesmal auch durch unüberwindliche Landesgrenzen von der Not getrennt war. Und nun, nachdem unser altes Jahr zu Ende Ist und wir rückschauen auf die Spanne, die uns zur Friedeivsz.eit hätte werden sollen: jetzt Die neuesten Urteile! Berlin C. 2, den fl. September 1020 Hinter der Garnisonkinhe 1a ״tflerdurdi bitte idi am Fortsetzung meines Inserates in der gehabten Größe und freue midi, bei dieser Gelegenheit miiteiten zu können, daß idi mit dem Erfolg der Anzeigen außerordentlich zufrieden bin." A. Warmuth, Speditionsgeschäft ges. Leopold Loewenthat. Berlin <1, den ».September 1020 Taubenstr. 33 ״ . .. . HU dem Erfolg der Anzeigen In der ״Jädisehen Rundschau" hin tu! sehr zufrieden und bitte um den Besuch Ihres Vertreters xvecks Auftragsvertängerung,״ H. Basedow Nach/, ges. Bruno DobrsynskL So urteilen unsere Inserenten! Wirersuchen daher alle Leser der ״Jüdischen Rundschau“, unsere Zeitung in weitgehendstem Maße zur Veröffentlichung geschäftlicher und privater Anzeigen zu benutzen und auch in Bekanntenkreisen zu empfehlen. Bei größeren Aufträgen bitten wir kostenlose Preisanstellung einzufordern. Jüdische Rundschau Anzeige!»Verwaltung Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. lesen wir die Berichte von der Karlsbader Welthilf!»- Konferenz, hören die 'Geschichte des Judenleides aus allen Ländern, und unser Herz ist schwer von all dem Jammer, der sich dort «Mithüllte. Und nur eine Hoffnutig hilft uns ihn ertragen: «laß! die Hilfe große» sei als die Not. Uns jüdischen Frauen hat aus allem Elend des Krieges eines am meiste» ans Herz gegriffen: die Not des jüdischen Kindes. In seiner grenzenlosen Ver■• wahrlosung, seiner unaufhaltsamen Verelendung sahen wir den letzten Schein jeder Zuhirnftshoffnung erlöschen; sein unverschuldetes, noch fast unbegriffenes Elend er- ׳.״eckte in uns den festen Willen, hier zu retten, Was noch zu retten war. Wenigstens die Kinder können noch frohere Zeiten sehen: in ihnen schlummern noch ungo־ ahnte Möglichkeiten, in ihnen ruht noch die l lofimmg unseres Volkes, die ihm die traurige Gegenwart als nicht vergeblich durcldittcn erträglich macht. Wir wolle» «len Kindern helfen, wir, die wir Kindern so nahe sintl, die wir das Leid und die Freude des Kindes so spüren, als wäre cs unser eigenes Weh uml eigen«״* Glück, Unsere eigenen Kinder malmen uns durch ihr Gedeihen au die, welche welken müssen ohne unsere Hilfe, ihnen wollen wir helfen. Am'tta Müllers wunderschönes Beispiel hat überall Widerhall gefunden; sie hat das gewaltige Verdienst, gerade die KinJcrnot als gesondert zu erkennenden, gesondert zu heilende» Teil der allgemeinen Judennot herausgegriffen zu haben. Ganz andere Mittel zur Hilfe, ganz, andere Wege erfordert die Not des Kindes, uml allen ist Frau Müllers Arbeit uml ihr großer Erfolg bekannt. Wenn auch Wien wohl das Schlimmste in Mitteleuropa darstcllt, dem zu helfen nötig war, so erwies es sich doch als sehr zwingend, auch in Deutscl*■ iand, teils durch stärkere Unterstützung der bereits bestellenden Hilfsorganisationen, teils durch Schaffung neuer Institutionen dem Elend der Kinder nachzugelicn untl ihm nach besten Kräften zu helfen. Auch in den d,׳utsehen Großstädten gibt es Kellerlöcher, in denen sieben Kinder mit ihren häufig kranken Eitern beisammen hansei», ohne Sonne, ohne Wärme, oft ohne Rcniigentlo Nahrung!md Kleidung; auch hier gibt es verkümmerte, rhaelütische Kinder, die mit sieben Jahren 8-9 Kilo wiegen; auch hier gibt; es geistig Kinder, die aus Mangel an frischer Luft hinwclkcn. Rasch genug ergab sieb die Notwendigkeit, an einer zentralen Stelle das gesair.te Material zu konzentrieren, um stets die richtigen Mittel uml Hilfsstellen zur Hand zu haben. So schloß sich im Friilisommer dieses Jahres ein Komitee zusammen mit der Zentrale in Berlin*), «Lessen Titel ״Jüdische Hilfe für da» judiscäc Kind“ - »ein ganzes Programm darstcllt. Dem jüdischen Kinde zu helfen in allen Nöten, aber auch ihm echt jüdisch«! Hilfe zu bringen, jene herzliche, liebevolle Hilfe von Mensch zu Mensch, bei der nicht der Geldbeutel die Hauptrolle spielt, sondern das warme jüdische Herz — das ist unsere Aufgabe. Nur in kleinstem Umfange war es bisher möglich, unsere Pläne zu verwirklichen, abe* schon heute kommen weit über hundert unserer Ferienkinder aus ihre!» Sommerfrischen gekräftigt zurück, und in stetem Wechsel nehmen andere ihre Plätze ein. I!» kleinstem Kreise nur konnten wir wirke», uiul doch fließe«» fast ohne unser Zutun uns Spende» zu, darunter 1־i11c, die uns besonders erfreuen muß: «!10 Saimnlung der Jugendzeitschrift ״Bar Kodibu'*, für «üc ausschließlich von jüdischen Kindern für jüdische Kinder über 12000 M. herbeigebracht wurden. Für die gewaltigen, brennend eiligen Aufgaben der Kinderhilfe brauchen wir selbstverständlich große Mittel; aber wir haben das feste Vertraue» zu den jüdischen Menschen, daß sie, ohne Rücksicht auf sonstige materielle Inanspruchnahme, mit vollen Händen zu unserem Werke spenden werden. , Am RoschliaschaiMli erkennen wir ün Gebet drei Hauptaufgaben des jüdischen! Herzens: Reue, Buße und barmherzige Hilfe. Wir bereuet», wenn wir bisher ZU wenig unserer Brüder ge da eilten, wir sclilagcn uns an die Brust und tun Bulle: möge die gute Tat, «110 milden Werke unseren jüdischen Kindern zugute komme«. Deutschland Die deutschvölkische Hetze in Königsberg und den sanuändischcn Bädern Au» Königsberg wird uns geschrieben: In! Juli hatte in Cranz, wie schon im Vorjahre um die gleiche Zeit, eine wüste deutschvölkische Hetze eingesetzt, diesmal im Zeichen des Hakenkreuzes, mit pseudopatriotischen Umzügen, schwarzweißrojen Fa men, unter Absingung patriotischer Lieder mit dem Refrain: *) ״Jüdische Hilfe für das jüdische Kind“, Berlin W. 15, Bleibtreustr. 34/35. Postscheckkonto: Gommer»- und Diskontobank. Berlin NW7 ״ Nr. 1302., Dcp.-Kassc & für Konto: ״Jüdische Küiderhilfe.“