Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 63-64 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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\ Sm-tJ j V. V ־ / Ksd»kli«0 and VerUj W. 15, S«ch*Ucht Str. 8. Eracbeiot jodoa Diioituf und Freitag. Rctuguprtta bei der Expedition und dna!*«atamirra vi«rt«l|ihriich 12,50 M. in Deutschland, Au*land«abonne• «oarta werden in der Währung der einselnea Linder berechnet. Kummer 63/64 I Berlin, 10. IX. 1 — — — _■ — ■_”_ ■ ....mm...... -׳aaaoap-.f.g..■:.;..^ . ... ai A I x e i^er.-Verwalt u n g׳: Verlag/ Alwin Loewenthal, Berlin V. 15> Sächsische Str, 8. Telephon: Amt Ulilnod S45 und 84b. A1u«l|iapr«t• <ür die *i«benv״»P»H»n• N«».n0*r«iU***U• '4,&ü M>( F»1mlien*nxoo<־n mit 2ü Aufidda״. Ameifeaichlaä; üienatag־ nad aachmittara 4 tTbr. f , '\mjr V, יי״״ד» ך״־־יד* ץיי• \ I I \ ' ä \ : j Telephon: Amt Uhland 540 uud H46. PoiiUcbfdikoet»{ Berlin Nt. 17 391. F»*t 0׳s*Urr*irih*, Pottapart Wie», Kontn Nr. 156 0?Ü. für Tsdiechoalowakei. PoaUp*rk*>»*n«tnt Pr*g, Kost• Nr. 156 C30. Redaktionascbluß Sonntag und Mittwoch eirnmittaf. 27. Elul 5680 XXV. Jahrg. Oer Zionismus erstrebt für das judinclie Voll tim Bö: ftימו» einer 0ffcntJ!cJ»-rccI1tIId» sedcherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm. Tag des Gedenkens Roscli-Haschnnah ist der Tag des Gedenkens. Nicht l.nitcm Festcsjubel <lient das Kommen eines neuen Jahres, sondern der Einkehr und Besinnung. Während die drei großen Feste Israels, gleichfalls Feste der Erinnerung, mit bestimmten histori• sehen Ereignissen verknüpft sind, ist dieser Tag das Fest der Erinnerung schlechthin, der lag der lebendigen, wechselnden Weitgeschichte, des grobe 11, stets sich erneuernden Werdens. ,, A. 11 diesem lag wird die Welt neugeboren‘’; solche Wiedergeburt ist kein Ereignis des Kalenders, sondern des menschlichen Bewußtseins. Tiefe innere Sammlung, Konzentration des Geistes und Ehrlichkeit vor sich selbst heischt diese Rückschau, die ein Anstoß zu Einblick in die Zusammenhänge des Geschehens, zu Selbsterkenntnis und Umkehr sein soll. 1 >01; n an dem l äge des Gerichts wird jeder vor den Richterstuhl gefordert; in diesen ,,furchtbaren“ lagen /.wischen dem Anschreiben mul Besiegeln des Schicksals soll nochmals jeder inne werden, wie sehr sein Schicksal in seine eigene llatul gegeben ist: jeder Mensch ist Mitbestimmer seines Schicksals. Und wie nach dem tiefen religiösen Sinn dieser Feste die einzelne Menschen• secle auf Grund ihrer ״Erinnerung“ an die eigene Schuld und Sünden um ihre Reinigung ringt, so kann auch der nationale Sinn des Jahresbeginns nur darin liegen, daß das Volk als Ganzes Rückschau hält nicht so sehr über das, was ihm gescheiten ist, sondern über seine eigenen Talen und sein Lehen, daß es sich wieder bewußt wird, in wie hohem Maße sein Schicksal in seine eigene Hand gegeben ist; und daß es vor sich selbst, vor seinem eigenen unbestechlichen Urteil Rechen• schalt ablegt über Leistung, Versäumnis ,und Schuld. Das Ende des Weltkrieges stand im Zeichen \ou zwei goMien Ideen, die, verzerrt und mißbraucht von einem völlig entarteten Zeitalter, zum Ver*׳ derben der Welt auszuschlagen drohen: (Me Idee der Demokratie und des ״Seibstbestimniungsrechtes der Völker“. Selbstbestimmung der Völker ein hoher Gedanke, wenn er als sittliche Ver• pfliclitung begriffen wird; aber wehe, wenn er zur Beschönigung tiefster Verrohung, zur Stütze des kleinlichsten brutalsten ‘Machttriebes, zu einem neuen Anstoß des Kampfes aller gegen alle wird! Die politische Emanzipation der Völker hat die tobende Welt nicht beruhigt, sie ist ein Freibrief für neue Unterdrückung, ein Erreger neuer Eifersucht und neuer (Kriege, eine Quelle neuer unerniedlicher Leiden geworden. So stehen wir verzweifelt und hoffnungslos vor der heutigen fiirchterliehen Krise des Menschengeschlechtes. Und wir sehen die einzige Rettung in der wahren Seihst- Bestimmung der Völker, die eine Bestimmung des eigenen Lebens durch das eigene Leben ist. Wir sehen die einzige Rettung in dem Sieg des Geistes über die blind wütenden naturhaften Triebe; das bedeutet aber: in der Besinnung auf die sittliche Aufgabe. Nur daun kann Nationalismus statt /er- Mörend attfbaiieud und segensreich sein, wenn er mit Selbstkritik und Selbsterzichurig beginnt, wenn er nicht so sehr nach der ״Selbstbestimmung“, als nach der ״Bestimmung“ des Volkes fragt und die Wirklichkeit des nationalen Lebens an der Norm der sittlichen ,Bestimmung mißt. Solange jedes Volk seine Hauptaufgabe in der Erweiterung da äußeren Macht sieht, kann es keine Verstaudiytiug der Völker geben; sobald aber die Völker lieferen Sinn, den alleinigen Sinn des Natio- "alismus zu verstehen Beginnen, dann .kann die ״l'״c Menschengcuieinscliaft aus neugeborenen, auf•!«Hebenden Völkern erbaut werden. Das jüdische Volk ist wie kein zweites be• gen wahren Sinn des Nationalismus zu ,,ealisicren. Kein anderes f/olk hat einen solchen Jahrestag der Rückschau, der individuellen und ״ulioiialen Besinnung. Keinem .anderen Volk ist 1's so eindringlich verkündet worden, daß seine nationale Existenz an seine geistige Aufgabe ge• hitnden ist. Der Glaube, der in unserer Geschichte wirksam war, darf in -dem Augenblick unserer I>olitischen Wiedergeburt nicht versagen. Die Wiederaufrichtung Zions ist die Tat des neu erwachenden jüdischen Geistes, der sich aus den ■ Wahrend der Feiertage erscheint die ״Jüdische | Rundschau“ an foljtendenTajjen: 10. September,ן ׳ 20. September, 1. Oktober, 8. Oktober. Die infolge der Feiertagsruhe ausfallenden Nummern werden durch verstärkten Umfang der erscheinenden ersetzt. Die deutschen Zionisten für den Keren hajessod Die auf der ersten Seite der vorigen Nummer abgtdrockte Resolution war durch einen Druckfehler sinnstörend entstellt und ist auf Seite 494 der heutigen Nummer in ihrem richtigen Text wiederholt. Fesseln der Verbannung löst. Noch sind wir als Volk nicht politisch befreit, aber unsere Selbst* bestimmung hat schon begonnen. Unser Schick• sal ist aufgesehrieben — es kann gewendet werden nur durch uns, ehe es besiegelt wird. , Das Jahr, das jetzt zu Ende geht, hat für unser Volk entscheidende Ereignisse gebracht. Was aber hat das Volk getan? Hat es begonnen, sieh für ein neues Leben bereit/uniaelnm, dem Wunder der Freiheit mit entschlossener Würde zu begegnen, alle Größe dieser Schicksalswende zu bejähen, dem Geist die Macht in seinem Leben einzurätiinen? Hat es die Bedeutung des neuen Zustandes begriffen, des Zustandes der Vera ntwortung für sein Schicksal und Leben? Flat es sich von leerer nationaler Prahlerei, von gedankeuloser Geschäftigkeit, von Seibstgerechtigkeit lind Selbstsucht freigehaltcn und alle Kräfte auf das Werk konzentriert? Hat es nicht auf andere vertraut, alle Akte seiner Befreiung von anderen gefordert, überschwenglich preisend, wo man ihm gab, unwillig remonstrierend, wo man ihm nicht gab, •und dort versagt, wo es auf eigene Leistung, auf Ermannt! 11g und Ernst, auf eigene Opfer ankam? Vermag es der-Prüfung des eigenen Ge- Wissens standzuhalten? Die Fragen zu beantworten, stellt dem Volk selbst zu, am heutigen Tag des Gedenkens, bei den ■ mahnenden Fanfnreiitönen des Schofar. Die Antwort aber ist zu geben nicht in Worten, sondern in den Taten des kommenden Jahres. Das •Jahr, j das heute aiibricht, wird sein Gesicht davon empfangen, ob es ein großes oder ein kleines Geschlecht des jüdischen Volkes antrifft. Aus der Rückschau kann, wer sehen wilj, die Lehren ziehen. Wenn wir wollen, wird Be diesem Tag die Welt neitgeboren. ״Heil dcn?nVolk, das den Posaunenschall versteht!“ Aber wehe, wenn es nur das Getöse, nicht die Harmonie wahrninmit, Robert Weltsch. Der Zionismus vor der Friedenskonferenz Eine Publikation der englischen Regierung. Die englische Regierung veröffentlicht eine olti/ielle 1 lug- ־'Chrift unter dem Titel ״Zionismus“. Sie isi eines der Handbücher, welches im Frühjahr 1910 unter der Leitung der historischen Sektion des Auswärtigen Amtes ihr die Frieilcnsk.inferenz. vorbereitet worden war. Die Broschüre ist 18 Seiten stark 'und wird durch eine redaktionelle Bemerkung eingclcilcs, die zum Ausdruck bringt, daß das Foreign Office nicht für die Richtigkeit jeder Einzelheit dieser und anderer Broschüren verant- ן wörtlich ist, beziehungsweise sich damit identifiziert. | Die Broschüre enthält eine sehr wertvolle Zusammen- ן Stellung in folgenden Kapiteln: Chronologische liebersieht; Zionismus in der Bibel; die Autonomie Paläsiims untei• Perser״ und Griechen; nach der Einnahme durch die Kölner; die Reformation; die französische Revolution; Montefiore, Shaftesbury und Mordechai Noah; Juden- Emanzipation in England; Antisemitismus und moderner Zionismus; die Entstehung des modernen Zionismus; lier/l; die zionistischen Kongresse; das Baseler Programin; Organisation; der Jüdische Nationalfonds; der Zionismus und das jüdische Gemeinwesen; die Zukunft Palästinas; Quellen (eine kurze Bibliographie, in der die einzige bemerkenswerte gegnerische AculSeruug der Artikel ״Die zionistische Gefahr“ von Lucien Wolf in der ״Jewish Quarterly Review“ vom Oktober 1901 ist). Der Verfasser zeigt ׳sich ziemlich gut informiert, jedoch scheint er durch die Diskussion«» innerhalb des englischeu Zionismus etwas beeinflußt zu sein, was sicliidurch die Deutung der Polemik des ״Jcwislt Cliranicle“ gegen Wei/.maim als Kampf zwischen ״zwei Schulen“ äußert. Bis auf dieses Schlußkapitel, das kleiner Richtigstellungen bedarf, ist die Schrift sehr brauchbar. Zur Jahreswende Von D r. H errmann Kadis c 11. Mit gemischten Gefühlen blickt das jüdische Volk in seiner Gesamtheit und speziell auch die Zionisten der diesmaligen Jahreswende entgegen. Nach fast sieben Jahren Weltkrieg, der ivoch lange nicht seinem Ende entgegenzugehen scheint und innerhalb dessen liekatomben von Blutopfeni auf den Schlachtfeldern dreier Weltteile gefallen sind, sehen die Verhältnisse Ln Mitteleuropa. Osteuropa, am Balkan, aber auch in einen» Teile Asiens und Afrikas so verworren aus. daß die Juden sich besorgniserregt fragen müssen, welche Zukimft noch ihrer lurrt.. Gewiß,, mit e inc m freudigen Gefühle überschreiten die Juden die Schwelle dieses Jahres: sic sind vor dein Weltforum als gleichberechtigtes Volk anerkannt, mit dem Anspruch auf ihre alte historische Heimat Palästina, mit dem Rechte, sielt als selbstiiivdige, natio- »nie Individualität, sowohl dort als auch in der Diaspora frei zu entwickeln, wo sie in kompakten Massen siedeln. Vertrage aber haben nur dann einet» Wert, wem» der Wille sie durcli/ufiiliren varliaodeit ist, auch wenn jene, in deren Interesse sie gelegen sind, die Macht besitzen, unter allen Umständen diesen Verträgen ihre Realisierung zu sichern. Von der Stärke der Zionistt• sehen Organisation, von der Prin/ipicutrcue ihrer Mitglieder. von der geschickten Taktik ihrer Führer und von den Sympathien in der nichtjüdische» Welt wird es gleichmäßig abhängen, ob all das, was durch die Friedensverträge erreicht wurde, am Papier bleibt oder zur Tatsache wird. Die Kuitnrwelt mul mit dir das jüdische Volk stehen an einer historischen Zeitenwende. Die alte Welt, wie sie vor 1914 bestanden, gehört wohl für immer der Vergangenheit an. Sie wird in der alten Gestalt nicht wieder nuferstehen. Aber andererseits ist es ebenso sicher, daß dem jetzigen Europa keim׳ lange Zukunft prophezeit werden kann. Die Schaffung von nem׳n, sich Nationalstaaten nennenden Nationalitätenstaaten hat das nationale Probleut nicht gelöst, sondern eher kompliziert und speziell daher auch das jüdische Problem. Durch den Zerfall Rußlands, O e s t c r r c i c h - U 1» g a r 11 s und der T ü r k e i wurden auch die J tt d e 1» dieser I ander atomisiert und sowohl in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht sehr geschädigt. Im Rahmen des heutigen T s c h c c!1 o s I o w a k i e n s, O Österreichs, Polens, U n ga r 11 s, j 11 g<> s I 1 w i e n s usw. mit der verhätuiismäUig geringen Anzahl von jüdischen Bewohnern und ihren vielfach divergierenden, wenn nicht gar c״tgegengesetzten politischen und ökonomischen Staatsinteressen Ist eine jüdische Voikspolink unendlich schwerer, als sie es früher in O e s t e r r e i c h - U ivgarn mit seinen 2 Millionen Juden war. Uebrigens zeigen die sich slc'ts vermehrenden nationalen und sozialer» Kämpfe innerhalb aller dieser Staaten genau so wie die Bedürfnisse der Entente, dpß ohne mindestens eine wirtschaftliche Föderation auf das Wort kommt es nicht an - Mitteleuropas und des Balkans ganz Europa und vor allem aber die Juden einer traurigen Zukunft entgegengehe״. Je mehr chinesische Mauern zwischen den einzelnen Staaten errichtet werdet», je größer die nationale Gchässigkeit allüberall wird, der Fremdenliafl in Zunahme begriffen ist, um so mehr erscheinen die Juden überall als lästige Ausländer, die von einem Land ins andere als Flüchtlinge ruhe• und rastlos wandern müssen, ohne it» der Lage zu sein, itn jetzigen Moment und für absehbare Zeit in ihrer Gesamtheit in Frez-Isracl Ruhe finden zu können. Und wenn dann als traurige Konsctpien/ einer seit Ml Jahren in ganz Europa grundvcrfcluten Nntionalitätenpolitik, die zuiit Kampfe Aller gegen Alle am ganzen Kontinente geführt hat, und die min auch A s i e 11 .und Afrika in ein Flammenmeer zu verwandeln droht, und wenn weiter als naturgemäße Folge einer ausnahmstos von allen Parteien vernachlässigten oder in falsche Bahnen geleiteten Wirtschaftspolitik die großen Massen der sozial Bedrückten ins Lager der kommuuistisclier» Bolschewiken getrieben werden und s:\lt ihnen auch noch die national Unterdrückten anschließen sollten, dann wird auch dafür in der antisemitischen l’ropagaiula das jüdische Volk in seiner Gänze verantwortlich gemacht werden. Dabei übersehen die Bolschewiken genau so wie ihre Gegner, daß die wachsende kommünistische Bewegung weder dem jüdischen Einflüsse ״och der Identifizierung ihrer Anhänger mit dem orthodoxen Marxismus ihr Wachstum verdankt, sondem vielmehr der ungeheuren Enttäuschung bzw. Erbittcrung breiter Volksschicht et» Europas teilweise mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen in den meisten Staaten, teilweise mit der nationalen Neuordnung, teilweise mit beiden.