Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 62 (7.9.1920)
- Date
- 1920-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die neue Leitung Hei der Londoner Konteren/ ist cs klar• geworden, daß sich im Zionismus zwei Tätigkeitskreise schneiden, die in ihrem Wesen von einander 1111al>h;ingig sind: die zionistische Bewegung und der Aufbau Palästinas. Bisher hat der eigentliche Aufbau nur einen winzigen Teil unserer Arbeit in Anspruch genommen; ritt wesentlichen dienten ihm einzelne Aemter und die palästinensischen Einrichtnngen, die grolle Masse der zionistischen Bewegung hatte daran keinen Anteil. Der überwiegende Teil der Organisationsarbeit war Propapaganda und erzieherische Einwirkung nach innen, Aufklärung nach aulfcn. Heute sjeht im Vorderjutimi das ungeheure kolonisatorische Problem, das zu bewältigen w׳cder die getroffenen Vorbereitungen noch der bisherige Apparat der zionistischen Partei .msrcicKten. So war auch die Ueherzeuguug ailgemein, dall es eines neuen Apparates und neuer M inner bedarf. Die glückliche Lösung der Aufgäbe hängt — neben den Leistungen des jüdischen Volkes — zum großen Teil von den Männern ab, die die Arbeit zu führen haben. Für die technischkolonisatorische Aufgabe des Aufbaus Palästinas braucht man Fachmänner auf allen Gebieten Wirtsciiaftlicbcr, administrativer und technischer Tätigheit; es bedarf großer organisatorischer Begabung und Fähigkeit des Ucberschaucus des ganzen Flaues. Das Werk kann aber nicht gelingen, wenn das jüdische Volk nicht seine Pflicht tut; der zionistischc Impuls im Volke muß heute stärker sein als jemals. Zur Leitung der zionistischen Bewegang braucht man Volksführer, Männer, die die Seele des Volkes verstehen, 'die seine Vorzüge und Seine,ichen kennen und imstande sind, durch Ein- ־»;׳heil auf die Bedürfnisse der Massen und durch gr,!ו!,angelegte volkserziebcrische Maßnahmen die notwendigen Energien aus dein Volke heraus/;! lud eil, Ibe Londoner jahreskonferenz stand von allem Anfang unter dem bedrückenden ׳Bewußtsein, daß unser technisch-kolonisatorisches Vermögen im gegenwärtigen Augenblick in keinem Verhältnis zu ihn riesigen Aufgaben steht. Es ist daher durchaus umständlich, daß eine starke Gruppe, darunter die Amerikaner, die zum Teil auch persönlich in die Mangelhaftigkeit unseres palästinensischen Vcrwaltungssyslenis Einblick gewonnen hatten, diese Seite 11« r zionistischen Aufgabe besonders stark betauten. Die Amerikaner und zahlreiche Delegierte ,.!!derer Gruppen forderten deshalb, daß alle anderen Angelegenheiten zurückgestellt werden zu-;,imsten der kolonisatorischen Arbeit; Uemcntspreeilend sollten in die ׳Leitung Fachmänner berufen!!erden, die für Finanz.- und Wirtschaftsverwaltung erprobt sind, selbst wenn sie der Bewegung ferner stunden. Auch Weizmann, der in vergangenen Pcri- («den der zionistischen Geschichte einer der stärksten Anwälte der lebendigen Bewegung gewesen war, der in den großen Generaldebatten des achten und neunten Kongresses gegenüber jedem Versuch einer lkschränkung• auf finanzpolitische und ׳administraiiu■ Aufgaben die lebendige Seele des Zionismus als Volksbewegung in wirkungsvollster Rede vortridigt hatte, ist offenbar angesichts des von ihm am stärksten empfundenen Versagens unseres kolonisatorischen Apparates und in der Hoffnung, daß das Eingreifen der Amerikaner in diesem Punkt Handel schaffen könne, -wenigstens am Anfang-der Inferenz, auf diese Seite getreten. Demgegenüber steht die Majorität der Zionisten ״' Mittel- und Osteuropa auf dem Standpunkt, daß ״׳,di die kolonisatorischen Aufgaben nur dann zu I’"w׳ä%en sind, wenn eine zionistische Bewegung ,st, die nicht nur numerisch, sondern innerlich ׳״'d. ist. Dazu gehören vor allein zwei Momente, hro.ens muß der zunehmenden Assimilation mit dlvii Mitteln entgegengearbeitet werden; es ist not- "’endig, nicht nur das jüdische Bewußtsein zu erdecken, nicht nur das Bekenntnis zürn jüdischen '0!k zu fördern, sondern dieses Bewußtsein muß j 1,1 den Realitäten des täglichen Lebens verankert G״ Was an Kulturwertcn ,des Judentums in der 1 Tiiuth lebendig gemacht werden kann, vor allein ü,c hebräische Sprache, muß wieder Volksbcsitz "״den, Die suggestive Kraft der fremdnationalen Bildung muß gebrochen werden, Bis Ässcfatli nhvcharini einberufen ן Jerusalem, 31. August (Tel. d. ״J. R.״) Das Datum des . ersten Zusammeniretcns der Konstituante der palästinensischen Juden (Asscfatl» haniweharim) ist für den 7. Oktober festgesetzt worden. Die deutschen Zionisten für den Keren hajessod Die bit/un״ des Laiulesvorstaiules (Oeschäftsiühzeiidcr Ausschuß und Zentralkomitee) der Z. V. f, D., die am Sonntag, den 5. d. M. tagte und an der ca. :30 Mitglicder teilnahmen, hat nach eingehender Diskussion über die Londoner Jahreskonferenz uod über Keren iia-;essod folgende^] Beschlud e i 11 s t i in in i g angenommen: ״Der Laudesvorstaml begrüßt die von der Loudoner JaJireskonfcrciu beschlossene Schäftung des Keren hajessod. Er verpflichtet alle deutsehen Zionisten, zu diesen! Fonds in der Kegel 10״״ des Vermögens, die gleichfalls in fünf• Jahresraten gezahlt werden können, beizusteuern. Die Aufbringung dieser zionistischen Beiträge für den Keren hajessod soll unverzüglich beginnen. Der Gesciüiffsführende Ausschuß wird bea!1ftragt, die nötigen Schritte, zu! tun, um ein Zusammenwirken mit den niclitzionistiselion jüdischen Kreisen auf dem Boilen de,r Keren hajessod-Arbeit herbeizuführen. Die Gründling eines zentralen, aus Zionisten und Nichtziotiistcn bestehenden Komitees des Keren hajessod für Deutschland, sowie entsprechender lokaler ' Komitces ist anzustreben. Die Sammlung soll im wesentlichen durch persöniiehe Erfassung einer möglichst großen Anzahl deutscher Juden durchgeführt werden. Der Landes- Vorstand richtet an alle für dic.se Sammeltätigkeit .geeigneten deutschen Zionisten die Aufforderung, sich für die DurehfüJmmg dieser Sammlungen während eines bestimmten Zeitraumes mit ihrer ganzen Arbeitskra.ft zur Verfügung zu stellen.“ Nach der Sitzung wurde bei der erste» Zeichnung von IS der anwesend»'» Herren ein Betrag von zirka 750 000 Mark subskribiert. Fenier stellten sieh 20 Herren für verschiedene Zeitdauer (bis zu einen! Jahr) zum freiwilligen Dienst für die Sammelarbeit zur Verfügung. Ein näherer Bericht wird folgen. indem man der fremden Schule die jüdische Schule, der fremden Zeitung die jüdische Zeitung gcgeiiiiberstellt. Aber zweitens muß auch im Volke der Wille zur nationalen Wiedergeburt entfacht werden. Die große revolutionierende und erzieherische Wirkung der zionistischen Idee darf nicht geschwächt werden, der kategorische Imperativ des Zionismus als der an jeden Juden unerbittlich herantretenden sittlichen Forderung muß mit deutentarer Gewalt im jüdischen Volk wirksam werden. Dann erst wird das Volk zu seiner geschichtlichen Tat fällig sein, dann erst wird es die Mittel und die Menschen für den Aufbau Palästinas hergeben. Darum ist es eine der wichtigsten Pflichten der zionistischen Leitung, diesen Geist der Wiedergehurt im Volke lebendig zu halten, alle Maßnahmen zu fördern, die diesem Zwecke dienen. Man kann diese zentrale Aufgabe nicht einfach als die Sache der einzelnen Landesorganisationen erklären. Sie muß von der Leitung aus geschehen, wenn auch nicht im Einzelnen ausführend, so doch anregend, helfend, fördernd; die jüdischen Massen verlangen] daß die zionistische Leitung dafür Interesse hat, denn in der Leitung sieht der einfache Zionist den Stellvertreter der zionistischen Idee auf Erden. De Leitung muß den ganzen Komplex der sogenannten Gegenwartsarbeit, die zum großen Teil Zukunftsarbeit ist, moralisch unbedingt stützen, wo nötig jedoch auch materiell, natürlich nach gewissenhafter Prüfung der Wichtigkeit und des Erfordernisses. Zu diesem Prinzip hat sich der Zionismus in der vergangenen (Berliner) Periode durchgerungen, und wir würden es als einen schweren Fehler ansehen, wenn diese Anschauung■ jetzt preisgegeben würde’. Wir fürchten, daß ein solches Verhalten eine Entfremdung der jüdischen Massen zur Folge haben könnte. Gerade weil heute die kolonisatorische Aufgabe so sehr im Vordergrund 'steht, halten wir es für notwendig, an diesen Sachverhalt zu erinnern. In London kam die Meinungsverschiedenheit am deutliebsten zum Ausdruck in «der Opposition der Amenkancr gegen jede praktische Unterstützung der I Gaiutharbeit, gegen die Kulturarbeit, ja sogar die Lehrerausbildung für Palästina, die zum Teil in der Galutli erfolgen muH, wurde von den Amcrtkauern abgeleimt. Dieselbe üruiulstimmung zeigt sich in der Gegnerschaft gegen die Beibehaltung und den Ausbau des Organisations-Departements, dessen Bedeutung nicht genügend gewürdigt wird. Bei der Einsetzung der neuen Leitung hat zunächst diese Richtung gesiegt; darum ist auch Dr. Flantke, der bisherige Leiter des Organisations-Departemeuts, aus der Exekutive ausgcsclueden. Die Einsetzung der neuen Leitung hat die Konferenz am ausgiebigsten beschäftigt. Denn.ich ist es nicht gelungen, dieses Problem befriedigend zu lösen.. Der leitende Gedanke war dabei stets die von allen Richtungen anerkannte Notwendigkeit, Einrichtungen zu schaffen, durch die Saciiverständige und Fachmänner für alle Gebiete des Aufbau* zur leitenden Arbeit herangezogen weiden können. Da zum Teil über die Personen selbst noch kein« Sicherheit bestand, wählte man in Anlehnung an einen früher von Brandeis «der Konferenz unterbreiteteri Vorschlag eine dreigliedrige Exekutive, die das Recht hat, ihre Mitarbeiter mit Zustimmung des Aktionskomitees zu ernennen. Von den drei Männern ist eigentlich nur Brandeis neu; er ist der überragende Führer des amerikanischen Zionismus, eine Persönlichkeit von ausgezeichneten geistigen Qualitäten, die in der intellektuellen Welt Amerikas und Englands das größte Ansehen genießt und auf der Konferenz, durch seine sachliche und vornehme Art der Verhandlung den stärksten Eindruck machte, persönliche Sympathien auch bei jenen Kreisen erwerbend, die in den Grundaiischauungen sachlich von ihm abweichen. Brandeis wird allerdings nurcincn kleinen Teil des Jahres in London oder Palästina zubringen können. Ucber die anderen zwei Mitglieder der Leitung, Weizmann und Sokolow, braucht kein Wort gesagt zu werden. Um die anderen Mitglieder der Leitung ging schon ein Kampf. Am Tage nach Schluß der Konferenz wurden Ussischkin, Julius Simon und De Lieme ernannt. Gegen Ussischkin waren zwar die Amerikaner heftig aufgetreten, er wurde aber trotzdem in der Kombination gehalten, weil ein großer Teil der östlichen und palästinensischen Delegierten, sowie der demokratische Flügel ihn stützte. Julius Simon, der bisherige Leiter des Palästina-Ressorts, der drei Monate vor'der Jahreskonferenz in Amerika war, hat auf der Konferenz besonders in budgetären Fragen den Standpunkt der Amerikaner extrem vertreten, z. B. gegen jede Kulturarbeit sich ausgesprochen. Er und De Lieme, der Leiter des Jüdischen Nationalfonds, wurden als eigentliche Vertrauensmänner der amerikanischen Richtung gewählt. Aus diesen sechs Männern setzt sich gegenwärtig die Leitung zusammen. Da beschlossen wurde, daß das Kolonisations-, Imutigrations- und Kultur-Departement nach Palästina verlegt werden sollen, da ferner Weizmann und Sokolow demnächst verreisen werden, Ussischkin bereits in Palästina ist, w׳ird die Arbeit in der Londoner Zentrale zunächst von neuen Männern gemacht werden. Es gibt in dieser schweren Stunde für alle zionistischen Gruppen nur eine Pflicht: die neue Leitung mit allen Kräften zu unterstützen. Das wichtigste ist die dringend nötige große Geldaktion (Keren Hajessod), der in der feierlichen Schlußsitzung alle Landsmannschaften und Fraktionen ohne Aur.nahmu die Sanktion erteilt haben. Für diese Aktion wird in Zcntraleuropa ein eigenes Büro geschaffen werdet», das Dr. Hantke leiten wird. Die europäischen Zionisten, voran die deutschen, werden zunächst finanziell ihre Pflicht zu tun haben. Sie haben zu beweisen, daß sie jetzt, wo es um die eutscheidende Tat geht, sich ganz eitizusetzcu vermöge״. Zugleich ist es aber Sache derjenigen Zionisten, die überzeugt sind, daß ,das jüdische Gemeinwesen in Palästina nur dann aufgebaut werden wird, wenn alle nationalen Kräfte auch in der Galuth konzenfriert werden, wenn das jüdische Volk wirklich von Erneuerungswillen zutiefst erfaßt wird, die mit tiefer Besorgnis den Verfall des jüdischen Volkskörpers, die zunehmende Assimilation, den Niedergang des nationalen Bewußtseins in weiten Kreisen des Volkes sehen, gerade im Augenblick des Aufbaues mit aller Macht die sieghafte Fahne der zionistischen Idee zu entrollen. R \er