Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 60 (31.8.1920)
- Date
- 1920-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 471 » 0. *len I‘;». halt;»ns- :iue; •fi.is I v;h, | i 1 ״ I '«!■ j •Ker um/ ■seii!luviril Die neu feit, beit i I ie*(• I Ari ein. I /er- 14.-11. Jen, gen »Ui- : die i auf iter -יו׳ב ihnocr- Die für icht *des!reu :scs Bich ter- Ai der dat l’S :war treu ei 1־- ,111 ־d Ulen ,der sie laad ulen Vielin ו¬! I ude, *inl hat *ing ‘Ge- »den ׳ ilie neuf:»ad alle hat den *len e.״• edinten Weil <l< - ■he״ mit j'.e• Auvorl i« , wir tppc;11.111 ndef äffen Er- Die Vortew. Bdon idon e zu 11 her ■5 i! 1 5 \ Nr. 60 Zar poalezionisfischen Welt* ן konferenz Kritische Streiflichter Von L>r. Hermann Kadi sch. Die jüngst in Wien abgchaltcne poalczionistische Wcltkonfcrcnz, in der ver- *chiedene, sich kreuzende Anschauungen über nationaie und soziale Probleme zutage traten, bietet einen ernsten Anlaß zur Erörterung des gegenseitigen Ver* hiiltnisscs der einzelnen jüdischen Volksschichten zueinander. Gerade die soziale Struktur des jü* *tischen Volkes — die sich vielfach von der anderer Völker unterscheidet -- sowie seine derzeitige traurige, politische Situation in fast allen Staaten, ist eine ernste Mahnung an alle auf nationaler und sozialer Grundlage fußenden Gruppen, noch einmal Programm und Taktik zu überprüfen und zu untersuchen, ob sie der allgemeinen Weltlage, der Situation des jüdischen Volkes, sowie der bisherigen sozialen Entwicklung entsprechen. Wer aufmerksamen Auges und nicht durch die Fraktionsbrille die verschiedenen Strömungen innerhalb aller Klassen, bei sämtlichen Völkern be-!rächtet, der darf die Tatsache nicht übersehen, daß der Abbröcklungsprozeß in allen Parteien - das zeigt unter anderem auch der Verlauf der poalezionistischen Weltkoiifercn/., — in Zunahme begriffen ist. Dem Gesetze der Entwicklung entsprechend folgt nach der Zersetzung, innerhalb »ler alten, auf dem Boden der kapitalistischen Wirtschaftsordnung fufknden Parteien nun auch die Zersetzung im Lager der Marxisten. (Die letzte poalezionistische Weltkonferenz endete tatsächlich mit einer Spaltung in einen rechten sozialdemokratischen und einen linken kommunistischen Flügel, die sich aus der Krise im marxistischen Lager ergeben mußte). Aber genau so, wie es ein Irrtum der Marxisten war, anzunclimen, daß aus dem Niederbruch des alten Wirtschaftssystems automatisch, sei es auf parlamentarischem Wege, sei es auf dem Wege der proletarischen Diktatur, der kommunistische Staat sich entwickeln werde, so ist es ein nicht minder verhängnisvoller Irrtum, anzunclimen, daß aus den marxistischen Irrtürnern und der aus ihnen folgenden Krise des Marxismus sich die Güte und die Dauer der bestehenden, wirtschaftlichen Einrichtungcn ergebe. Wahr ist es vielmehr, *laß die Stärke der marxistischen Theorie in der Kritik *ler bestehenden Einrichtungen gipfelt und daß die Mehrheit seiner Anhänger hauptsächlich aus Gegnerschaft gegen das jetzige Wirtschaftssystem, weniger aus klarer Einsicht in die von den Marvisten erstrebten Staatseinrichtungcn, sich zum marxistischen Sozialismus bekennt. Alle Mißerfolge der Marxisten in Theorie und Taktik werden aber ihre Gesinnungsgenossen Weht zu Anhüngern des jetzigen Wirtschaftssystems machen, sondern sie vielmehr zur Revision der Theorie und Taktik des Sozialismus insofern veranlassen, als sie zur Einsicht gelangen müssen, daß der Sozialisnius über Karl Marx hinaus einer Evolution entgegengellt. Hier nun liegt der verhängnisvolle Irrtum auch eines sehr großen Teiles der sögenannten staatscrhaltenden bourgeoisen Parteien (zu denen die jüdische Bourgeoisie neigt), zu glauben, *iaß mit dem Marxismus auch der Sozialismus fallen werde und mit ihm das Streben nach einer Neugestaltung der Gesellschaftsordnung. Ist die Erörterung dieser Kernfrage und der daraus folgenden Konsequenzen eine Lebensfrage für jedes Kulturvolk, so bedürfen diese Probleme gerade bei den Juden und speziell im Rahmen der volkstreuen Juden um so mehr der Klärung, einerseits mit Rücksicht darauf, (daß Palästina ein soziales Neuland bilden soll und daß andererseits innerhalb der Diasporajuden nicht nur das soziale Elend und die sozialen Gegensätze, sondern auch die Zerklüftung nicht nur in Klassen, sondern auch innerhalb der einzelnen Klassen, in bedenklicher Zunahme begriffen ist. Das zeigt im gleichen W!lk־ die zwiespältige Aufnahme der Beschlüsse 1'-r Londoner Jahreskonferenz in zionistischen kreisen betreffs der Bodenfragc in Palästina, wie die verschiedenartige Stellung der einzelnen poale- 11(׳1'׳istischen Gruppen zur Palästrnafrage im all-!teineinen und zum sozialen Problem daselbst (ebenso wie in der Diaspora). Der Kampf der Weltanschauungen um Ziel und Weg der sozialen Neugestaltung kann eben auf die Dauer auch im Lager der jüdischen Renaissancebewegung■ nicht weiter in den Hintergrund (durch rein organisatorische Streitfragen und parfieitechnische Momente gedrängt werden, ln letzter Linie bildet ja der Zionismus eine Bewegung und keine Partei im Sinne der anderen genau so wenig, als der Sozialistnus sich in den Parteiformen der Sozialdemokratic und des Kommunismus erschöpft. Und so, wie man den Manen Theodor Hcrzls nicht gerecht würde, wenn man nach San Remo und nach der großen, noch lange nicht beendeten Weltkrisc die Antwort auf sämtliche Schicksalsfragen des jüdischen Volkes aus ״Altneuland“ und dem ״Judenstaat“ sich holen wollte, noch viel weniger kann es zu einer Klärung der Streitfragen im poalezionistischen Lager kommen, wenn die Rechte und die Linke den Kampf gegeneinander sowie gegen die nichtproletarisclien Kreise nur unter Berufung auf Karl Marx führen, wobei es fraglich ist, ob Karl Marx, derzeit lebend, sich heute noch als Marxist im Sinne der Sozialdemokraten oder der Kommunisten bezeichnen würde. Zionismus und Sozialismus sind sicherlich keine Gegensätze, wohl aber sind Zionismus und Marxismus schwer vereinbar. Wenn das ökonomische Moment allein die treibende Kraft in der Entwicklung der ,Völker wäre — es bildet sie ebensowenig allein als ausschließlich nur das nationale oder das religiöse Moment — dann allerdings ist die Jmienfragc natüriieh nur eine wirtschaftliche, entspringt auch der Antisemitismus nur ökonomischen Motiven, und in diesem Falle bedeutet die Lösung der sozialen Frage auch die des jüdischen Fragenkomplexes und enthält die fundamentale Begründüng des Zionismus. Wenn nun in der poalezionistischcn Bewegung bei einzelnen Gruppen bereits der nationaljüdische Gesichtspunkt in den Hintergrund tritt, der Wert Palästinas für das jüdische Proletariat nicht mehr derselbe ist wie früher, führt das daher naturgemäß zum Zwiespalt in der poalezionistischcn Bewegung ebenso wie zur Erweiterung der sozialen Kluft zu den außerhalb der Poalezionisten stehenden Volkskreiscn. Allerdings darf die andere Tatsache nicht übersehen werden, Uaß nebst der Ent- Wicklung eines Teiles der Alarxisten nach links, zur Krise im poalezionistischcn Lager auch die Tatsache beiträgt, daß es manche Strömungen im zionistischen Lager gibt, deren wirtschaftlicher Kurs immer weiter nach rechts führt. Das muß naturgemäß, wenn nicht eine Umwertung der Anschaumigen, speziell durch eine moderne jüdische Jugendbewegung, einsetzt, zu einem gesteigerten Klassenkampf im jüdischen Volke führen, der unter Umständen gerade für die neuentstehende Heimstätte in Palästina katastrophal werden könnte. Dies sollte man gleichmäßig in zionistischen wie in poalezionistischcn Kreisen sich vor Augen führen. Der poalezionistische Weltkongreß, der ausschließlich mit der Spaltung und T a g u n g zweier Kongresse endete, hat nebst manchen unerfreulichen Momenten auch die erfreuliche Tatsache gezeigt, daß bei aller Differenzierung der Anschauungen die überwiegende Majorität nicht nur ein nationales Empfinden an den Tag legte, sondern auch Palästinaarbeit will, wenn auch über die Art 'der nationalen Arbeit und speziell der Palästinabetätigung ihre Meinungen mit denen der bürgerlichen Kreise, übrigens auch untereinander vielfach auseinandergehen. Es herrscht schon im ־zionistischen Lager selbst über viele zionistische Grundprobleinc, über das Verhältnis zwischen der Diaspora- und Palästinaarbeit, in der Sprachenfrage, betreffs des religiösen sowie sozialen Problems eine sich stets steigernde Verwirrung, die man als Konsequenz, der jetzigen Uebergangsepoche vom mechanischen zum organischen Zionismus bezeichnen kann. Dieses liebergangsstadium könnte durch Einschränkung der Freiheit der Diskussion und durch Ketzerriecherei einerseits, durch Sektiercrei andererseits, zu ahnliehen Konsequenzen auch itn ־zionistischen Lager führen, wie sic durch die Krise des Marxismus und Zionismus im Lager der Poalczümistcu sich ergaben. Sollen für die Zukunft bessere Be- Ziehungen zwischen den auf nationalem und sozialem Boden stehenden jüdischen Volkskreiscn platzgreifen, dann wird, wie ich bereits wiederholt in der ״Jüdischen Rundschau“ ausgeführt habe, nicht nur eine Klärung der Begriffe, eine Emanzipation von veralteten Schlagworten, sondern, vor allem eine grundlegende soziale Neu- Orientierung erforderlich sein. Nur dann werden die nächsten Tagungen produktivere Ergebnisse zeitigen, wie die Londoner Jahreskonferenz und die Wiener poalezionistische Weltkonferenz.. Die jSdische Tarnerschafi (Zum Vlll. Turntag *k; Deutschen Kreises.) Der Vlll. Turntag der Jüdischen Turnerschaft, der am 23. d. M. in Berlin stattland, war die erste iwtzungsgemäße Tagung dieser Organisation, die seit Kriegsende stattgesunden hat. Die Arbeit der Turnerschatt siand jedoch während des letzten Jahres unter dem l'infhiß einer Sitzung des erweiterten Kreisvorstandes, die im September 1019 in München stattfand und die Beschlüsse faßte, welche richtunggebend sein sollten. Diese ״Münchener Thesen*‘ sollten eine Intensivierung der Arbeit in jüdischer Hinsicht bewirken, sie verlangen über das nationale Bekenntnis hinaus nationaljüdische Betätigung, ״aktive Mitarbeit an der Wiedergeburt des jüdischen Landes*‘. Ais Aufgaben *ler Turnerschait bezeichncten sic neben der körperliehen Ausbildung in Turnen uni Sport uml ihr im Werte mindestens gleichgcordnet die Hebraisverung der Mitgliedschaft und das Studium *ler jüdischen Geschichte, sowie ״verantwortungsfreudig*■ Mitarbeit ari der Ansbreitung der nationaljüdischcii Idee, besonders unter der Jugend, und Kamp! gegen die Assimilation“. Dieses Programm durchzuführen, übernahm ein Vorstand, der den Vorzug einer seltenen Homogenität besaß und dein ein einstimmiges Vertrauensvotum das Gefühl geben durfte, Vollstrecker des einmütigen Willens der gesamten jüdischen Turnerschaft zu sein. Allerdings war es nicht mehr der gleiche Vorstand, der auf dem Turntag vom Oktober IdlS gewählt worden war; zahlreiche Amtsniederlegungen, nun größten Teil solche aus außerliehen Gründen, hatten slie Kooption anderer Mitglieder nötig gemacht. In dein Bericht, den dieser Vorstand dem Vlll. Turntag abstattete*), wird ausgefiihri, daß die Turnersciuft trotz beachtlichen /.ahlenmüßigen Aufschwunges in ihrer inneren Entwicklung nicht dem entsprochen hat, was von ihr erwartet werden durfte, *laß den meisten Vereinen der Vorwurf ungenügender Mitarbeit, wenn nicht passiver Resistenz, gegen die Münchener Thesen zu machen sei und daß er daher sein Amt nicdcrlcgc, eine Neuwahl ablehne und nicht in der Lage sei, Namensnennungen für einen neuen Vorstand abzugehei*. I>ie bisherige Leitung empfinde sich innerhalb der Turncrschaft als eine Minorität, die gezwungen ist, von der Führung in die Opposition überzutreten. Den Standpunkt des abtretvndeu Vorstandes vertrat in ebenso temperamentvoller wie beredter Weise E rns» Simon 1. Seine Rede, welche die Generaldebatte einleitete, war eine scharte Anklage gegen die einzelnen Vereine. Diese hätten aus den Münchener These*» nicht die nötige Konsequenz gezogen. Es sei Aufgäbe der Turncrschaft, sich in die radikale jüdische Jugendbewegung eümiordnen, deren Ziel es ist, de» ״palästinensischen Bürger“ zu erz.iehen. Die radikale zionistische Forderung, wie sie 1111 Blau-Weiß verwirklicht wird, müsse auch für die Turncrschaft Geltung haben. Das erfordere aber die unnachsichtige Ausmerzung aller derjenigen Elemente, welche dieser Forderung nicht nachkominen können oder wollen. Die Erfahrung habe gelehrt, daß an Acitercn Erziehung*- arbe-it in diesem Sinne ohne Erfolg bleibe. Die Vollwertigen unter ihnen werden dringend benötigt als Führer und Vorturner in den Jugendabteilungeix Was bleibe, sei Ballast oder in! besten Falle gleichgültig, müsse verabschiedet oder doch auf den Aussterbeetat gesetzt werden. Diese unerläßliche Maßnahme hätten die wenigsten Vereine durchgefülm und dadurch sei der Vorstand der Möglichkeit beraubt worden, den Münchener Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Er habe in wachsendem Maße das Empfinden gehabt, nicht das Vertrauen einer tragfahigen Mehrheit zu haben. Das Verhalten der meisten Vereine sei für ihn ein Mißtrauensvotum von besonderer Scharte, dem er mir Folge leiste, wenn er jede Wiederwahl ablehne. ln der Interpretation der Münchener Beschlüsse, wie Simon 1 sie gegeben hatte, lag eine Auffassung* vorn Wesen der Turnerschait ausgesprochen, die heftige!» Widerspruch auslöste. Zum Hauptsprecher dieser Richtung wurde, sehr gegen seinen Wunsch, der Schreiber dieser Zeilen. Während eine dritte Auffnssung, besonders vertreten von Dr. Felix D a n z i g e r, Hamburg, eine möglichst starke Dezentralisation der Fmnersehaft wünschte und dem Voistand nur sehr äußerliche Funktionen zuweisen wollte, Simons Vorschlage aber praktisch auf die Umformung iii einen ״Turn-Blauweiß“ hinausliefen, glaubte der Unterzeichuete am alten Gedanken der Turnerschaft fcsthaltei» und nach Mitteln suchen zu sollen, diesem Gedanke» eine den Erfordernissen der Lage entsprechende Organisationsform zu schaffen. Dabei hieß es zunächst scharf jener Auffassung zu widersprechen, die aus der Tumersehaft ausschließlieh eine Jugendbewegung, wie den Blauweiß, gestalte» will. Die Turnerschaft umfaßt einen Teil der jüdisehen Jugend, und dieser gehört zweifellos zur Jugendbewegung, aber sie hat von jeher das Ziel verfolgt, alle diejenigen zu vereinigen, die sich ün Rahmen turnerischer und sportlicher Gemeinschaft der nationaljüdischen Bewegung cinordtten wollen. Sic hat ihren nationaljüdischen Charakter nie verleugnet und die Tatsache, daß auch dieser Turntag wieder die Münebener Thesen bestätigt hat, beweist, daß die Intensität ihres nationaljüdischcn Bekenntnisses mit der Entwickhmg Schritt gehalten hat Die praktische Auswirkung dieses Bekenntnisses läßt zweifellos noch sehr viel zu wünschen übrig, ob- *) Siehe ״Jitlische Turn- 20. jahrg. juli/Aug. 1930. und Sportzeitung“,