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Jüdische Rundschau · 1920-08-24 · Heft 58 (24.8.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 58 (24.8.1920)
Date
1920-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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H«lm Kr, 1393 ל. pur Omt.rt.ich: Po.tnp.tts^ru.tnt Wi.o, Koato Nr. 156 03a. für Ttchcd)«s!nwnkel: F<wt»p.rt«..«n«mt l*1«J. Kont» Nr. 156 030, RedrktiomiililuS SoonUp und MiUwoÄ n.rhmitU*. 10. Etui 5680 XXV. Jahrg. Oer Zlonlamn■ erstrebt für das fßdlacho Voll! dlo Eehalfaag einer üffenUIcb-recbtlidh gcsiclierten llclmatiltte in Pal&sttna. ״Baseler Programm. Vier Monate Viur Monate sind seit dem Tage verflossen, an welchem in San Remo die Entscheidung der Friedenskonferenz gefallen ist, daß Palästina dem jüdischen Volk zurückgegeben werden soll. Der .| türkische Friedensvertrag, in welchem dieses Recht verbrieft wurde, ist. nunmehr auch unterzeichnet. Was ist in diesen vier Monaten geschehen? Das jüdische Volk, das immer zu Exaltationen neigt, hat die f30tschaft des 24. April als Erlöstingsbotschaft aufgenonunen, ln Versammlungen gefeiert, alle Hoffnungen daran geknüpft und - aller verständigen Ueberlegung zum Trotz — erwartet, daß jetzt das Wunder des Judenstaates aus dem Boden wachsen wird. Die zionistische Ocffentlichkcit hat nach London geschaut und gemeint, daß die Leitung sofort an die Arbeit gehen wird. Tausende von Chaluziin stehen, zur Auswanderung bereit, viele bahnen sich, trotz allen Hindernissen, bereits den Weg in das Land. Die Arbeit aber hat immer noch nicht begonnen. Auf der Londoner Konferenz hatte man manchmal das bedrückende Gefühl, daß eine Stockung eingetreten ist. Zwar haben sich die äußeren Bedingungen außerordentlich gebessert; vor dem 24. April liegt der Pogrom von Jerusalem, nach dein 24. April erfolgte die Absetzung der Militär- Verwaltung, die Ernennung Herbert Samuels zum jüdischen Statthalter, die Aufhebung der Einreise- Beschränkungen. Trotzdem ist in Palästina nichts geschaffen worden, keine noch so kleine neue jüdisehe Position; unter den neuen Einwanderern herrscht zum Teil Arbeitslosigkeit, noch immer wird wie vor einem halben Jahre von den offiziellen Stellen vor überstürzter Einwanderung gewarnt, es beginnt sogar die Auswanderung aus dem Lande WlcUo bctrnchtlichciCII Uiufong alizunchnicij. Trotz allen Freudenbotschaften und politischen Erfolgen ist keine jüdische Wirklichkeit entstanden, der Stillstand, der während des ganzen Krieges geherrscht hat, dauert eigentlich noch an, unser nationaler Besitzstand in Ercz-Israel umfaßt heute noch im wesentlichen nur das unter der Türkenherrschaft Erworbene. Wir müssen diesen Tatsachen ins Gesicht schauen, um zu erkennen, was uns diese vier Monate gegeben haben. Das Wertvollste, das sie uns brachten, ist die immer mehr reifende Erkenntnis dessen, was nottut. Die zionistische Aufyabe nach San Remo ist ein noch niemals dagewesenes, völlig neuartiges Problem. Die zioni- *fische Öffentlichkeit hat in einer gewissen Indolenz darauf gebaut, daß die Leitung das Problem losen wird. Die Leitung selbst hat aber auch eine gewisse Zeit gebraucht, um sich das Wesen der Aufgabe voll zu vergegenwärtigen, durch schnelle Erfahrungen zu lernen, auch die Leitung konnte nicht sofort der Sache gewachsen sein. Bei der Jahreskonferenz hat cs sich gezeigt, daß wir alle noch viel zu sehr in Illusionen befangen waren, daß unser gcsdiichtsentwöhntes Volk den Weg in die Wirklichkeit nicht finden kann. Wie immer man die Ergebnisse der Jahreskonferenz werten mag, das eine stellt fest, daß sic der praktischen zionistischen Erkenntnis■ den Weg geebnet hat. Jeder Fat aber muß Erkenntnis und, Klärung vorausgelien. Wir sehen jetzt deutlicher, was zu tun ist und warum bisher nichts geschehen ist. Es ״geschieht‘• überhaupt nichts, es wird getan, »hü von uns, dem jüdischen Volke, ist bisher mchts getan worden. Man hat über San Remo geredet,• man hat von England, von der Leitung, v0״ palästinensischen Jischuw etwas erwartet, feilte sehen wir, daß die große Arbeit nicht begönnen werden kann, weil es bisher au der Opfer- Willigkeit des Volkes gefehlt hat. Ein grandioses Beispiel hat nur Palästina gegeben, wo die üeulahwoche ein wirkliches Bewußtsein nationaler Verpfhehtung gezeitigt hat; wo jeder einzelne sich als verpflichtetes Mitglied der Gemeinschaft fühlte und hiiigab, was er geben konnte. Wir aber in allen Landern der Diaspora leben noch immer, von Illusionen, warten noch immer tatenlos. Die vier Monate müssen uns belehrt haben. Es ist höchste Zeit, daß wir uns auf den Boden! der Wirklichkeit stellen. ‘R. Die Ergebnisse der Karlsbader ן Welthilfskonferenz (Von unserem Karlsbader Sonderberichterstatter.) Am Freitag ist die Karlsbader Welthilfskonferenz in feierlicher Weise mit einer Reihe• von Ansprachen, darunter einer bedeutsamen Sokolovvs und einem zündenden Schlußwort des Vorsitzenden Leo Motzkin geschlossen worden. Die Konferenz bcdeutet nicht nur einen Markstein in der großen jüdischen Hilfsaktion, welche die glücklicheren ji'1disclien Brüder für ihre unglücklichen Brüder unternominen haben, und die auch in ihren bisherigen Resultaten trotz mancher Unzulänglichkeiten eines gewissen grandiosen Zuges nicht entbehrte, — sondem sie war auch eine Veranstaltung von liisiorischer Bedeutung für das ganze jüdische Volk. Es war eine wirkliche Arbeitskonferenz.; im Plenum wie in den Kommissionen wurde mit höchstem Eifer und sachlichem Ernste berateil und selbst in den Couloirs, wo es manchmal recht lebendig zuging, und wo die Partei- und Personalfragen ihrer scharfen Kanten beraubt und für die Plenarsitzungen vorbereitet wurden, war das Bestreben, die Konferenz zu ihrem großen Ziel zu führen und sie zu einer wirklichen Volkstat heranwachsen zu lassen, vorherrschend. Die Plenarsitzungen waren stets sehr gut bc* sucht, gewöhnlich überfüllt von Gästen. Das Präsidiuin arbeitete zielbewußt und gerecht. Mit eiserner Energie, überzeugendem Verantwortungsbcwußtscin, aber auch mit unbeirrbarer •Geduld und geistvoller Ueberlegenheit leitete insbesondere Motzkin, der Initiator des Kongresses, die Ver- Sammlungen. Es war nicht immer leicht, * die!Wogen zu glätten, aber es gelang ihm stets. Es gelang ihm, well trotz aller Verschiedenheit die Delegierten ein wirkliches Ziel beseelte, das in seinem eigentlichen Wesen unpolitisch war und nur in seinen Auswirkungen und Ausstrahlungen in die Politik hinci»reicht. Es war das Ziel, eine einheitliche Rcttungs- und Hilfsaktion für das jüdisehe Volk, dessen Not hier in dieser Konferenz wohl einem jeden Teilnehmer in ihrer ganzen Größe bewußt geworden war, zu ermöglichen und zu einer wahren Volkstat zu gestalten. ״Rettet das jüdische Volk!“ war der Leitsatz, der in allen Reden wiederkehrte, und der über allen Beratungen schwebte. * Das Werk, das hier geleistet wurde, zerfällt historisch, d. 11. nach dem Verlaufe der Konferenz gesehen, in drei Hauptteile. 1. Die ersten Sitzungen waren der Information gewidmet. Man hörte Berichte aus den Ländern der Not, 11ml Beneide aus den Ländern der Hilfe, man hörte von den Pogromen in der Ukraine, vom wirtschaftlichen Notstand in Rußland, vom Studentenelend in Wien und Prag, vom Flüchtlingselend, vom Kinderelend. Man hörte andererseits, wie in Amerika die großen Unterstützungssummen zustande kommen, ,wie sich allmählich der große Sanimelapparat gebildet hat. Es warein allgemeiner Austausch von Erfahrungen. 2. Dann kam ein Mittelteil der Konferenz: die Herausarbeitung der Systematik der Hilf e. Das geschah meist in den Kommissionen — es gab eine Organisation«- und Finanzkotnniission, eine Fürsorgekommission, eine Emigrationskommission und eine Kommission für den Wiederaufbau. Und .das Resultat ist in den Resolutionen niedergelcgt, welche das Ergebnis eingehendster Beratungen erfahrener Fachmänner darstellt. Der wichtigste Gegensatz, der die ganze Konferenz beherrschte, war der zwischen ״schneller“ und ״konstruktiver“ Hilfe, d. h. zwischen jener Hilfe, die möglichst schnell, wo es gerade nottut, eiligreift und die dringendste Not des Einzelnen’ Hunger und •Wolinungselend usw. lindert — und konstruktiver Hilfe, welche tiefer greift und den Grund für ein neues gesundes Wirtschaftsleben legen will, welche auf eine Umschichtung der Luftmcnschcn in produktive Berufe in der' Landwirtschuft und im Handwerk hinarbeitet, welche das zerrüttete Schulwesen wieder 'aufbauen und die׳ Wanderbewegung regeln will. Für diese letztere Art der Hilfe traten am energischsten die ■amerikalüschen Delegierten des Peoplcs Relief Committee ein, insbesondere B. Zuckermann, während andere Delegierte, wie etwa der Vertreter der russischen Hilfsorganisation, Sliosbcrg, mehr auf die Notwendigkeit der schnellen Hilfe hinwiesen. Das war der wichtigste Gegensatz, .der sich auch durch den Gedanken, daß auch die schnelle Hilfe konstruktiv, und die konstruktive Hilfe schnell sein müsse, nicht aus der Welt schaffen läßt. Die Konferenz gab schließlich der konstruktiven Hilfe den Vorzug und wollte die schnelle Hilft nur dort angewendet wissen, wo die Verhältnisse eine konstruktive nicht gestatten. Auch machte sich allgemein die Anschauung geltend, daß die schnelle Hilfe den einheimischen wohlhabenden Juden oder den Verwandtengcldern aus Amerika zu überlassen sei, während die große allgemeine amerikanische Hilfsaktion der konstruktiven Hilfe vorzubehalten so«. Betrachtet man die Tendenz aller Resolutionen, so spürt mau überall das Uebergcwicht des Volkshaften. Nicht charitative Hilfe, nicht Philanthropie dem einzelnen gegenüber ist notwendig, so»- dem Volkshilfe. Das Volk ist in Not, und darum muß das Volk gerettet werden, und das Volk kann nur durch das Volk gerettet werde». Diese Tendenz drang bei allen Delegierten, welcher Partei sie immer angehörten, siegreich durch. 3. Das dritte große Werk der Konferenz ist die Schaffung eines Zcntralorgans für die Hilfsarbeit, eines Rates, in dessen Händen alle Fäden der Hilfsarbeit zusatnmenlaufcn sollen: es soll ein Generalstab sein für das große Heer der sozialen Hilfsarbeiter, die nun ans Werk gehen sollen, und die zum großen Teile schon am Werke sind. Hier mußte am meisten hinter den Kulissen gearbeitet werden, um eine Zusammenstellung von Personen zu erzielen, welche, wenn sie auch wie ausdrücklich konstatiert wurde, nur persönlich in den zentralen Rat gingen und nicht für ihre Parteien, Organisationen oder ihre Länder - dennoch das Vertrauen ihrer Organisationen, Parteien und Landsmannschaften genießen. Dieser Rat soll seiner! Sitz• in London haben, besteht vorläufig aus 29 Personen, hat aber die Möglichkeit, unbeschränkt zu kooptieren — hauptsächlich mit Rücksicht auf jene Organisationen, die an der Konferenz nicht teilgenommen haben — und wählt eine Exekutive von 9 Personen. Das sind die direkten Erfolge der Konferenz. Noch wichtiger beinahe sind die indirekten. Es sind Juden aus der ganzen Welt zusammen• gekommen. Man sprach miteinander, erzählte von seinen Schmerzen und Errungenschaften, von Erfahrungen und Wünschen nicht nur in der Konferenz, sondern auch außerhalb derselben in den Sälen und (längendes Kurhauses, in den Kolonaden, in den Gasthäusern Karlsbads. Ein Miniaturbild des jüdischen Volkes tat sich auf. Die persönliche Fühlungnahme erhöhte das Bewußtsein der Einhcitlichkeit des jüdischen Volkes, das Gefühl des Aufeinanderaugewiesenseins. Ein so verstreutes Volk hat es nötig, öfter in dieser kleinen Auslese zusaimncnzukointuen, hat es notwendig, daß seine Vertreter aus den verschiedensten Gegenden einander öfter treffen und durch manches Gestrüpp der Fremdheit hindurch schließlich doch mit tieferen Blicken im Anderen den Juden wiedererkennen. Nach außen hin aber bedeutet der Kongreß; Das jüdische Volk hat seine Stimme erhoben und einen klaren einheitlichen Willen ausgesprochen. Es ist ein Ruf an die jüdische Welt gegangen — ein Schofar ertönte, wie Zuckermann sagte — der in der ganzen jüdischen Welt seinen Widerhall finden wird. Die Konferenz hat infolge ihrer Zusamrnensetzung aus den verschiedensten Teilen und — insbesondere waren die demokratischen Parteien Rußlands und Amerikas stark vertreten — Parteien des Judentums eine so breite Basis, daß hier wirklich etwas geschaffen worden ist, was einer Vertretung des gesamten jüdischen Volkes sehr nahe kommt. Die Willenserklärungen dieser Konferenz bedeuten aber auch eine wichtige Botschaft an die große amerikanische Hilfsorganisation, das Joint Distribution Committee, das offiziell nicht ,vollzählig vertreten war, und das - wenn auch abwesend — recht oft im Mittelpunkte der Reden

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