Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 57 (20.8.1920)
- Date
- 1920-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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~״3 C״ R*<rl»k(»*a und Verlag W. 15, Umti-nUdiQ Str, 8. Kl-•;.’: Dienstag and Freitag, Betug.’iprei» bei der ExpedÜioa P»>täratcra vierteljihrlldh 10 M. in Deutschland, Aui’ nJ tlco il>onucment« ward•« (■ der Wahrung* dor eipselrtc» LHndcr Ifrerin =131־ su^actv.r^Ä־־ -.' Berlin, 20. Vlii. 1€ Nummer 57 Der Zionismus cntrcLt für dai |üüIccjo Vol Anjet ״ c n - Verv/altu: Verla ■lag Alwin Loeweoilial, Bar Telcphoa: Amt Uhh Aas&lgetKtpr•!• für die *lebende Aussige nscbICi 0: E>k»3״:׳:׳j■ v.t CcIsaBiaaf,׳ einer oi' ia \:1.15, Sächsische Sir, 8. mi EIS und 6*16. ’galten• Nonparellteieil• ÜJjO Mn .J Freitag üschmiita^• 4 Ubr. Telephon: Amt LJltUnd 545׳ und Pust**״? uk*ooto: Bertio Nr, 13 לT3. Für Onlrrreichן P0Bl«park**1en*m t Wien, Konto Nr, 356030, Für T«d1ech**!aw.skel: P0tUpark«mcn*mt Prag, Konto Nr, 156 030. KedaktifsesibluS SoatiUf und Miüwodh nariimtUlf. .a - ״ u י. -* .־•* .. J 6. Elul 5ÖC0 XXV. Jßhrg. Ic-J-re ftilleS» gcsJcIierten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*4 Rückblick auf die Jahreslconferenz II. Der amerikanische Einfluß Von entscheidender Bedeutung für den Verlauf der Jalmskonieren/. war das Auftreten der aineri* kanischen Zionisten. Zum ersten Male erschien auf einer zionistischen Tagung eine starke Abordiiung aus Amerika. Es waren etwa 40 Delegierte, die einen cinliciliichen Block bildeten, geschlossen .!bstimiuten, stramme Disziplin wahrten. Wenn doli a a s, der Manager und Einpeitscher des atticrikanischen Zionismus, die Hand erhob, so hoben die 10 Amerikaner die Hand. Und de Haas hob die Hand, wenn cs zuvor so mit Brandeis und Prof. Frankfurter vereinbart und in einer Sitzung der Delegation beschlossen worden war. . Die ״rohe Mehrzahl der amerikanischen Delegierten ist naüirlich ostjüdischen Ursprungs, aber sie alle schienen docli mehr oder weniger amerikanisiert. Sie redeten nicht viel, sie drängten auf Tempo, praktischen Fortschritt, ihr Schlagvvort hieß ״efficiency“. Es wird behauptet, daß die zionistischen Massen in Amerika mit der durch Brandeis und de Haas repräsentierten Leitung nicht durchweg zufrieden sind. Richtig ist wohl, daß an der Spitze der amerikanischen Organisation ein schon stark amerikanisiertes Element überwiegt, während die (iefolgschaft durch Herkunft und Denkweise dein Ostjudeutum näher ist. Die Gegner der jetzigen Führung behaupten, daß die Organisation in Amerika nichts als eine große Oeldsammelmaschine sei, daß die leitenden Personen nicht das richtige Verständnis für die seelischen Bedürfnisse der Massen besäßen -- kurz, daß sie bereits zu sehr amerikanisch assimiliert seien. Daran mag wob! etwas Wahres sein, docli ist zu bedenken, daß der amerikanische Zionismus noch jung ist, daß die Strömungen in ihm sich noch uicht ausglciclten konnten, und der Vergleich mit dem deutschen Zionismus vor 20 Jahren drängt sich jedem Beobachter auf. Ferner ist zu erwägen, daß der Zionismus eines jeden Landes seine, bcsondere Form, seinen eigenen Stil hat und haben muß. Man soll nicht glauben, daß bei anderer Führung der amerikanische Zionismus genau der gleiche sein könnte wie der osteuropäische. Man bedenke doch, wieviel an deutscher, spezifisch deutscher Denkweise und Literatur im deutschen Zionismus (d. h. in der Denkweise seiner Führer und speziell seiner Jugendführer) enthalten ist! Der künftige amerikanische Zionismus wird, genau wie der deutsche, eine Synthese sein, deren Eiemente sich aus jüdischer Art und Tradition, aber auch aus amerikanischen Lebensformen und Denkgewöhnlichen zusammensetzen. Wir müssen uns eben gegenseitig mit Duldung und Verständnis begegnen, müssen in der Dias!x>raarbeit, vor allem m der Jugenderziehung und Ausbreitung des Hebräismus, das Gemeinsame pflegen, doch dürfen wir nie vergessen, daß unsere wirkliche Einheit gegenwärtig vor allem im gemeinsamen Wollen des gemeinsamen palästinensischen Zieles gegeben ist. Alle Golusarbeit wird — so notwendig sie ans Erziehungsgründen wie aus politisch-praktischen Gründen ist — niemals das einheitliche, in Lebensformen, Denkgewohnheiten, Kulturbegriffen vollkommen einheitliche jüdische Volk, hervorbringe״. Der Wahn, daß solches dennoch möglich sei, spukt zwar heute in manchen Köpfen, doch wird er sich nnmer wieder als Wahn erweisen. — Diese Ab- Schweifung war notig, damit wir dem amerikanischzionistischen Standpunkt gerecht werden können. Wohl mau heute das schon amerikanisierte Element dem frisch eingewanderten noch unverbunden gegcnübcrstehen. Aber der Ausgleich wird kommen, der amerikanische Zionismus wird seinen Stil finden, und schon sahen wir in London, daß auch die in *ypus und Sprache ostjüdischen Amerikaner doch m der Auffassung der praktischen Probleme der Bewegung bereits stark ״amerikanisiert" sind, so daß — trotz mancher Gegensätze und Reibungen innerhalb der amerikanischen Delegation — ein ziemlich einheitlicher ״amerikanischer Standpunkt" sich ergab. — Was wollen die Amerikaner? Sie wollen eine scharf aufs praktisch-palästi• uensische gerichtete Organisation. Sie forderten # זןןז<1!ף> ei «■ M' Ar «if» £4, Ein geradezu unglaublicher Vorfall hat sich in der letzten Woche in Kattowitz abgespielt. Die Tages• presse wußte zu berichten, daß anläßlich der dortigen Unruhen auf Befehl des französischen Generals Ic Roiul sämtliche Ausländer, vor allem die politischen Militär• üüduiuigc, durch die Besat/imgstruppen über die Grenze geschafft worden seien. Nunmehr veröffentlicht die ״Vossische Zeitiing“ •eine Richtigstellung dieser Mel• düng, die folgendermaßen lautet: Die deutsche Behörde, die in Kattowiiz angeblich die Befehle der französischen Bcsalzungsbchörde aust'ülirte, hat die allgemeine Verwirrung, die infolge der Unruhen in Kattowitz bestand, benutzt, um eine großzügige Judenaas• t r e i b 11 n g ln die Wege zu leiten. Bezeichnenderweise ließ inan Polen unbehelligt. Jüdische Arbeiter hingegen wurden auf Denunziationen, zu denen die Polizei aufreizte, ans den Arbeitsstellen geholt und gegen den Protest ihrer Arbeitgeber auf Autos verladen und der Grenze za Iransportiert. Das Unglaubliche aber ist, daß die Polizeibehörde, als der Abtransport schon in vollem Gange war, noch die Auskunft gab, es handle sich um eine bloße Fest- Stellung der Personalien. Die Absperrung und Durchsuchung der Häuser wurde, wie uns berichtet wird, keineswegs vom französischen Militär, sondern von der deutschen Sich er heits pollzcl vorgenotnmen. Bei der Zusnnuncntrcibung kam cs zu Ausschreitungen der Sicherheitspolizei gegen die unglücklichen Opfer, die geschlagen und mißhandelt wurden. Merlev/Drdigerwelse stellen sich auch die Zentralbehörden auf den Standpunkt, daß die frage der polnischen Deserteure mit der Neutralität nichts zu tun hat. Die deutsche Sicherheitssvelir hat also ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo ihr Eingreifen an anderer — ge* fälirliclicrcr — Stelle ant Platze gewesen wäre, den Bcfehl des französischen Generals und die herrschende Verwirrung dazu benutzt, um eine pogrom artige J tt d e n r a 11 i a zu veranstalten. Sie ist, wie wir von Augenzeugen erfahren, dabei in so brutaler Weise vor- ן gegangen, daß sie sielt nicht entblößet hat, die Kinder, auf der Straße atu ׳;׳hetzen, ihr die Häuser zu bezeichnen, in denen Ostjuden sielt aufliielten. Sie hat zwar den ״Mut“ aufgebracht, die Wehrlosen zu mißhamleln, hat aber vorsichtigerweise gleichzeitig diejetiigen Instanzen, die siel» ins Mittel legen wollten, in der unglaublichsten Weise angelogen. Dieser Vorfall reiht sielt in seinem Wesen würdig einer Reihe anderer Vorkommnisse der letzten Zeit an. Er besitzt aber eine überragende politische Bedenttuig dadurch, daß hier Ost j ttd e alle t zc um den Preis einer N c u t r a 1 i t ii t s v e r 1 e t z u n g getrieben worden ist. Die zwangsweise Rücksendung militiiiischer Flüchtlinge und ihre Auslieferung an die Militärgerichtsbarkeit ihres Landes ist nicht nur vom menseltliehen Standpunkt gesehen eine Barbarei, sondern läuft auf eine neutralitätswidrige Unterstützung der betreifenden kämpfenden Macht hinaus. Die deutschen Behörden dürften eine derartige Maßnahme selbst daun nicht durchführen, wenn der französische General es befahl, dem ja eigene Truppet» zur Verfügung standen. Daß diese nicht in Aktion traten und daß n u r Juden an die Polen ausgeliefert wurden, beweist, daß die deutsche SkhcrhciK]w>!i/ei nicht in Ausübung einer Pflicht, sondern ia Verübung niiliseimtKchcn Terrors gehandelt hat. » Die ״Zentralbehörden" beginnen erst ganz alhnählieh zu begreifen, welch üble Suppe ihnen die Kattowitzer ״Sicherheits*‘tndnner cingebrockt haben. Nachdem sie zunächst sich auf den Standpunkt stellten, daß die Rücksendung von Deserteuren ״nichts mit der Netttr.ilität zu tun habe“ obwohl die Praxis eines fünf• jährigen Weltkrieges dagegen spricht haben sie sich jetzt, wie wir hören, an den Fürsten Hatzfeld gewandt, um zu intervenieren. Der französische Botschafter in Berlin hat sich über die Angelegenheit Bericht erstatten lassen und wird ebenfalls Schritte bei General de Rond tun, um in Zukunft ähnliche Vorkommnisse im möglich zu machen. Reform an Haupt und Gliedern für London wie ן für Palästina, Sie wollen, daß die Londoner Zen• trale möglichst sparsam, mit möglichst kleinem Apparat wirtschaftet, daß sie sich ganz auf die kolonisatorische Aufgabe konzentriert. Sie forderten, daß die aus vielen Köpfen bestehende Pa• lästinakomimssion abgeschafft werde und daß nur■ die einzelnen Departements (Kolonisation, Schulwesen, Banken ttsw.) mit einem verantwortlichen Leiter bestehen bleiben. Was nach ״kollegialer Beratung" (einem Lieblingskind des ostjüdischen Zionismus), nach Versammlung, Politik, kurz nach äußerlicher Dokumentierung zionistischer Stirn• mutigen und Meinungen aussieht, betrachten sic, sofern cs sich nicht um Propaganda-Geldsammlung in der Diaspora handelt, mit Mißtrauen und Ab* neigung. Sie wollen, soweit die Zentrale in London und Palästina in Frage kommt, praktische Arbeit, cfficieitcy. Agitation, Propaganda, Reden halten, Theorie des Zionismus, Erziehungsarbeit — all dies mag nach ihrer Auffassung den Landesverbänden überlassen bleiben. Sie selbst stehen dem Gesamtgebiet, dessen was wir ״nationale Arbeit in der Diaspora." nennen, kühl gegenüber. Sicherlich spielt hier auch eine grundsätzliche Auffassung des Zionismus mit, doch wehrten sich die Amerikaner itt einer längeren Erklärung gegen die Beschuldigung, daß sie prinzipielle Gegner der Gegenwartsarbeit seien. Doch bei der Abstimmung über die Anträge der Kommission für Kulturarbeit in der Diaspora enthielten sie sielt der Stimme und lehnten die Verantwortung ab. (Die Anträge bezogen sich auf Errichtung eines mit großen Mitteln ausgestatteten besonderen Zentraibiiros, das alle Kultur- und Erz.ichungsfragen selbständig bearbeiten sollte,) Zur Begründung ihrer Haltung wiesen die Amerikaner darauf hitf, daß angesichts unserer geringen Mittel alle vorhandelten Summen für die Palästinaarbeit konzentriert werden müßten. Für die Kulturarbeit in der Diaspora sollten die Landesverbände, nicht die Zentrale sorgen. Man muß, von dem prinzipicllcn Meinungsunterschied abgesehen, den Amerikanern zugeben, daß die Ucbernahme des gewaltige Mittel erfordernden Erzichungswerks in der Diaspora durch die Zentralinstanz der zionistischen Organisation gegenwärtig über unsere Kräfte geht. Wären die Mittel vorhanden, so I würde der amerikanische Widerstand sich wahr* schcittlich -sehr vermindern. Heute können die Amerikaner sich darauf berufen, daß sie in den letzten Jahren SO Prozent des Budgets für London und Palästina getragen haben, das sich jährlich' bereits auf 10 Millionen Goldmark beläuft, und' sie verlangen, daß ihr Standpunkt berücksichtigt wird. Zu großen Auseinandersetzungen ist es über diesen Punkt nicht gekommen, weil, wie erwähnt, die Amerikaner selbst jede prinzipielle Gegner- Schaft gegen die Golusarbeit bestritten, und weil andererseits manche Verfechter dieser Arbeit zugeben mußten, ■daß angesichts der finanziellen Belastung der Amerikaner ihre Wünsche nicht einfach übergangen werden können, ja sogar im gegenwärtigen Moment auch sachlich berechtigt erscheinen, wenn wir mit unseren Mitteln und Kräften haushalten wollen. Bei dieser Sachlage ist es sehr zweifelhaft, ob die' Annahme der erwähnten Anträge der Kommission für nationale Erziehung in der Diaspora mehr als demonstrative Bedeutung hat. Die Amerikaner haben überdies durchgesetzt, daß das Budget für das nächste Jahr nicht auf der Jahreskoniercnz selbst erledigt, sondern der neu'en Leitung und dem Großen Aktionskomitee zur Beschlußfassung überwiesen wurde. Auf die Gestaltung dieses Budgets wird aber wiederum der amerikanische Standpunkt von Einfluß sein. Ein anderer Punkt von Bedeutung war die Frage der Heranziehung weiterer jüdischer Kreise. Hier trat Brandeis persönlich in den Vordergrund. Vor der Konferenz tat sich die Frage der Erweiterung oder Umbildung unserer Organisation auf, eine Frage, die ja schon seit längerer Zeit bei uns erörtert wird. Brandeis׳ Auffassung von der Gewinnung nichtzionistischer Elemente bewegt sich in ganz anderen als uns vertrauten Bahnen. Er will nicht die zionistische Organisation in eine Volksorganisation auflösen, wie das vielfach und auch auf der Jahreskonferenz verlangt wird, sondern umgekehrt, die Nichtzior.isten in die zionistische Organisation hineinziehen. Er entwickelte den verblüffend wirkenden Plan, daß die Konferenz einige wenige Personen als Leitung einsetzen und diese zur Kooptierung anderer, näm• lieh prominenter nichizionistischer Personen er-! mächtigen solle.