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Jüdische Rundschau · 1920-08-10 · Heft 54 (10.8.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 54 (10.8.1920)
Date
1920-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I en nen \ x\ v*■*'—׳־>־ 1 ' J ' ־ ך״»,.. 11^ Ktriaktioa und Verlag W. 15, Sät^misdte SU, 3, Eric' Diemtai' und Freitag, Bcxus^pret• bei der Eipcditio: Poatämtern vicrieijähflidb 10 M, in Deutschland, A metjln werden» {& der Wahrung der «•insein int jeden und den!־mhanae• t. Liimicr berrrb Nummer 54 Berlin, 10. VIII. 1920 A n z c l ft cn-Ve rwaiiuny: Verlag■ Alwin Locwcnthal, Berka W, 15, Sächsische Sir, 8. Telephon: At&t Uhlnnd 815 und 316, An* cii'cnpr «i• iur die *icbenre^paltene NonpareÜleseH« tf״MJ M., An*ci£ca»chtuß: DUaatag u»d Frclts״ nachmittag« 4 Ubr. T.I״.״״o: Amt Ukl.nd 1« 0־1׳>J M". Po<Lrf11׳Ak»n1•! {■«•'■ Nr. a :.93. Kü, OetterreitA: Po,t«p»rk»M«1wn1t W‘•». "״»J® Nr. ISSi'TO. Für T«th<׳ch«»low*k«i.• {'ort«p»1k»»,«n*mt IV»*. Koni« Nr'. 15h CJC. Rrdaktlnn,.<MuS Sonnt•! und Mittwoch n«rt10nttS£. 26. Aw 5§00 XXV. Jahr& Oer Zionismus erstrebt fSr das jfidtsefco Volk die CchoGTmj' einer SKcntlldb-rcchtlld» gcrfdicrfan Heimstätte in Palustlmu ״Baseler Programm.“ Der Blauweiß Die Stellung des ״Blau-Weiß“ im deiitsclini Zionismus ist ganz eigenartiger Natur, Er ist die Organisation, über die am meisten gesprochen wird, die aber selbst völlig darauf verzichtet, außerhalb ihres eigenen Kreises sich an der Erörterung über sich selbst und über die ihr naheliegenden Fragen zu äußern. Er umfaßt einen sehr erheblichen Teil der zionistischen Jugend, wenn nicht zahlenmäßig den größten, so doch sicherlich, um liier von anderen Wertungen vorläufig ganz abzusehen, den am besten organisierten. Die Intensität, mit der der ״Biauweiß“ seine Mitglieder erfaßt, die Ausschließlichkeit, mit der sie in ihm ihre geistige Heimat erkennen, hat in zahlreichen Fällen zu Konflikten innerhalb der Familien geführt. Das ganz klar erkannte und konsequent verfolgte Selbstei/iehiuigsuleul dieser Jugendbewegung hat ihr starke (icgiierscliaft geschaffen, in den Reihen der Elternschaft meist in bezug auf ihre erzieherische Praxis, in außerzionistischen Kreisen durch den Radikalismus ihrer nationaljüdisciien Einstellung, All diesen Henimungen zum Trotz, und ohne auch nur den Versuch zu machen, sich in der Oeffentlichkeit mit dieser Gegnerschaft irgendwie auseinanderzusetzen, ist der ״Blauwciß“ seinen Weg gegangen. Aber wenn er es nicht für nötig hält, in die Diskussion über ihn einzugreifen und sich um das Problem zu kümmern, als das er seihst weiten Kreisen innerhalb und außerhalb des Zionismns erscheint, so ist das für uns ein Grund mehr, dasjenige über ihn zu sagen, was man bei uns und anderswo von ihm wissen sollte. Der diesjährige Bundestag, der in vergangelier Woche in Mühlberg (nahe Gotha) ab- ״clialteii wurde, gab die Gelegenheit zu erfahren, was die Blauweißen selbst über sich und ihre Bewegung denken und aus eigener Anschauung über das zu urteilen, was sich in drei kurzen l agen als lebendigen Gesamteindruck dieser Jugendgemeinschaft gewinnen läßt. Von diesem äußeren Erlebnis soll zunächst gesprochen werden, weil es den Schlüssel des Verständnisses für vieles von dem bot, was in der Aussprache der Führerschaft zutage trat. Für denjenigen, der zum ersten Male einem Blauweiß-Bundestage beiwohnte, war er ein Erlebnis von stärkster Art. Schon die Tatsache, daß, niedrig geschätzt, wohl an tausend junge jüdische Menschen auf einem schönen Fleckchen Erde zusainmenkonnncn, macht Eindruck. Er wird in überlaschender Weise verstärkt und vertieft, sobald inan bei näherer Beobachtung das ״Was“ und das ״Wie“ dieses Beieinaiulcrseins kennen lernt. Es scheint als unbedingt des Erwälinciis wert, daß im Blauweiß bereits eilte körperliche Auslese stattgefunden zu haben scheint, sei es in dem Sinne, daß das Wandern auch die Schwächeren in ihrem äußeren Habitus beeinflußt, sei es, daß die Praxis des Blauweiß automatisch alle diejenigen ״bstößt, die in körperlicher Hinsicht gewissen Ansprüchen nicht genügen. Jedenfalls darf festgestellt werden, daß sich in seinen Reihen eine überraschend große. Anzahl kräftiger, vvolilgestaltcr, ja wirklich schöner Menschen befindet, und daß die Renaissance des jüdischen Körpers durch den Blauweiß eine erfreuliehe Förderung erfahren hat. Das trifft sowohl für die jungen wie für die Mädchen zu. Zweifeltos sprechen aber dabei nicht allein die äußeren Einwirkungen von Wandern und Sport mit, sondern es ist wohl auch hier zum Teil der Geist, der sich den Körper baut. Solche Dinge sind schwer nachzuweisen, cs war aber zum mindesten der subjektive Eindruck dessen sehr stark, daß zwischen der ,Wohlgestalt der Einzelnen und beispielsweise dem ernsten Interesse, das die Gesamtheit der Aelteren an der Frage des Formenproblems nahm, ein unsichtbarer Zusammenhang besteht. Diesem äußeren Bilde entsprach der Eindruck vom Wesen der Blauweißen. Was hier sich vor allem als das Wertvollste offenbarte, war die Tat- Sache, daß cs dem Blauweiß in der Tat gelin'd, seine Mitglieder zu Menschen zu erziehen, die sich’ in Freiheit zu bewegen wissen. Das erwies sich in Kleinigkeiten fast noch sinnenfälliger als bei einzelnen Gelegenheiten, wo von dieser Fici- ן heit entscheidender Gebrauch gemacht wurde. Die . gm aile/r musterhafte ״Disziplin־‘ des Bundestages zu lohn wäre ein zweifelhaftes Kompliment, wenn man nicht fcststcllcn dürfte, daß sie gar keine ״Disziplin“ war, sondern eine Rücksichtnahme auf den Nebenmenschen, die durch keinerlei ״Reglement“ oder ״Statut“ auch mir angeregt worden ist, sondern sich überall als das ״Moralische" gab, das sich ״immer von selbst versteht.“ W er Gelegenheit hatte, Menschenansammlungen zu bestimmten Zwecken in ihrem Verhalten zu beobachten, vom Massenquartier im Feld bis zum Kongreß irgend einer gelehrten Körperschaft, — wird seine Achtung dieser Jugend nicht versagen können, die in meisterhafter Weise ihrem Bundestage jede Störung, jeden noch so kleinen Streit, jede Dissonanz fernzuhalten wußte. Freilich - der Blauweiß ist weder eine Orgattisation aus Zwang noch eine solche aus Interesse, sondern eine Gemeinschaft. Was das sagen will, kann vielleicht nur der ganz empfinden, dessen eigene Jugend in jener traurigen Einsamkeit dahingegangen ist, in der bis vor wenigen Jahren die Generationen jüdischer junger Menschen hcrangcwachsen sind. Bezeichnend ist, daß von diesem Gemeinschafts-Geist auf dem Bundestag so wenig gesprochen worden ist, wie vom zionistischen üedanken: so selbstverständlich sind beide den Blauweißen. Schwer ist diese Atmosphäre der Zusanunengehörigkeit zu schildern, in die ohne jeden Vorbehalt auch der hincingezogen wurde, den nicht die Blauwcißnadel als ״zugehörig“ auswies. Man wußte: wer kam, stand dem Geist, der dort waltete, nahe und ließ sich gern von ilun ergreifen. Und nur ganz selten einmal manifestierte sich die Freude am Beieinandersein in wahrnehmbarer Weise. Man mußte sehen beobachten, wie auf dein Bahnhof in Erfurt aus zwei Zügen verschiedensten Ausgangsortes die Blauweißen strömten und Freundschaften von Lockwitz, Sachsenhcim oder anderen Bundestagen erneuert wurden, um die ganze ieidenschaftliehe Kraft zu ahnen, mit der der Blauwciß-Geist Zeit und Raum zu überwinden weiß. Wir sind auf diese Dinge, die bei uns allzu sehr als Interna des Blauweiß angesehen werden, deshalb in solcher Ausführlichkeit eingegangen, weil in ihnen der Beweis für ein Faktum liegt, das für die zukünftige Gestaltung unseres Erzichungs- Wesens von außerordentlicher Bedeutung werden muß und darüber hinaus eine״ sehr beachtlichen Beitrag zum allgemeinen Erziehungsprohlem darstellt. Den Gestaltern des Schulwerks in Erez Israel sollte mit allem Nachdruck gezeigt werden, daß wir im Blauweiß das Vorbild einer neuen Erzielumgsorganisation sehen, die geeignet erscheint, die Schule in ihrer bisherigen Gestalt als ausschlaggebenden erzieherischen Faktor abzulösen. Dieses Problem, dem gelegentlich eine atisführliebere Darstellung gewidmet werden mag, kann hier nur angedeutet werden. Aber es ist nicht daran zu zweifeln, daß im Blauweiß der Gedanke der Jugendgemeinschaft eine Form gewonnen hat, die heute bereits kritische Proben in überzeugender Weise bestanden hat — weit besser als: wesensverwandte Bewegungen, wie sie unter der deutschen Jugend bereits früher vorhanden waren, und von | denen der Blauweiß im Gedanken und in, der Form manches übernommen hat, um es in seinem! Sinne neu z.u gestalten. Die werbende Kraft, die der Blauweiß-Gedanke auch in anderen Kreisen ausübt, wie B. auf die Wandergruppen der neutralen Jugendvereine, ist gerade in letzter Zeit besonders in Erscheinung getreten. Was aber den Blauweiß sowohl von den deutsehen wie von den anderen jüdischen Bewegungen unterscheidet, ist das verpflichtende Bekenntnis zur Volksgemeinschaft. In dem Bewußtsein, die eigene Erziehung in die Hand nehmen zu müssen, um sich für ein Leben im Dienste des jüdischen Volkes vorzubereiten, liegt ein entscheidendes Merkmal. In der Blauweißerziehung spielt die Selbstzucht eine größere Roiie als die ״Emanzipation“, und auch die radikalsten Wege, — vom Standpunkt der alten Erziehung gesehen, — werden nicht betreten mit dem Gedanken, durch sie zu I einem autonomen ״Jugendleben“ zu kommen, das zu nichts verpflichtet, als zu ״sich selbst“, sondern mit dem unerschütterlichen Willen, durch sie den Notwendigkeiten der jüdischen Zukunft sich am vollkommensten unterzuordiicn. Was man auch immer gegen die Blauweiß-Erziehung sagen mag, und wieviel Einzelheiten eine Kritik herausfordern mögen, das Eine steht fest: esgibtkcinezion i s t i s c 11' e Jugend in der ganzen Welt, die bedingungsloser die P a 1 ä s t i n;1 b e - r e i t s c 11 a f t als das ausschlaggebende Kriterium des jüdischen M e 11 s c h e 11 a n - erkennt und mit ihrer P a last i n a b e r e i t - scliat't mehr Ernst g e m a c h t h a t, a 1 s d e r Blauweiß! Nur in seinen Kreisen hat sich bisher das Prinzip der Bcmfsumschichtnugcn in nennenswertem Maße durchgesetzt. Was seit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland mit zum Teil sehr erheblichen Mitteln nicht zu erreichen war, man denke an Ahlem, Steiuhorst, Peine und kleinen• Unternehmungen dieser Art, ist dem Blauweiß in kürzester Zeit geglückt: hunderte seine! Mitglieder sind in der landwirtschaftlichen Ausbildung begriffen, Wer die Blauweiß-Sicdluiigen in Messingwerk und Halbe kennengelernt hat, weiß, mit \vclehern Ernst, mit welcher Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst das geschieht. Man wird Walter Moses auch fernerhin opponieren müssen, wenn er für die Berufe, die zurzeit in Erez Israel am notwendigsten sind, das Wort von den ״jüdischen Berufen" in seiner mißverstiiiulliehen Ausschließlichkeit gebraucht. Aber cs kann nicht geleugnet werden, daß bisher kein anderer Kreis im deutschen Zionismus die Kraft aufgebracht hat, die Unterordnung unter die palästinensischen Erfordernisse so sehr zum beherrschenden Prinzip zu erheben, wie es beim Blauweiß geschehen ist. Denn daß das Ergreifen landwirtschaftlicher Berufe nicht nur der allgemeinen Sehnsucht nach ״Bodenständigkeit“ und ״Erdgebundenheit“ ent- Sprüngen ist, beweist die Tatsache, daß sich heute im ähnlichen Maße gerade wieder Biuuweiße finden, die sich neuentdeckten ״jüdischen" Berufen, vor allem dein Handwerker- und Eelncrstaiul, widmen wollen. So gilt dem Blauweiß, der sich mit praditvoller Konsequenz in jeder Hinsicht eine imponietende Unabhängigkeit gewahrt hat, die ״Freiheit wozu“ statt der sonst üblichen ״Freiheit wovon“. Das trat bei der Führersitzung i!1 Mühlberg deutlich ‘ zutage. Alle die Gedankengäiige und Schlagworte, die in der deutschen Jugendbewegung eine so große Rolle spielen, wie die vom ״Selbstwert des jtigeudliehen Lebens“ und ähnliche Ideologien fehlte״. Worum es in dieser wundervoll beherrschten, würdigcii'iuul doch freien Aussprache ging, waren zwei Fragen von innigstem Zusammenhang: die der m e n s c 111 i c h e n und die der b e r u f 1 i c h e n Er- Ziehung. In beiderlei Hinsicht wurden ganz konkrete, scharf umrissene Forderungen gestellt. Und es m;v\ einsichtige Gegner des jugendliche״ Selbsterziehungsideals nachdenklich machen, daß diese jungen Menschen, die zum größten Teil in einer sehr^scharfcn und sehr hoffnungslosen Opposition zur Schule stellen, die Verpflichtung zum Lernen in einem Ausmaß empfinden, wie niemals ein Lehrer es von ihnen verlangen würde. Der Blauweiß ist in jeder Hinsicht autonom, da, wo er Abhängigkeiten anerkennt, sind sie gewählt, nicht von außen erzwungen. Er hat sich bedingungslos dein zionistischen Gedanken \,rpflichtet, nicht der zionistischen Organisation, zu der auch keine finanzielle Abhängigkeit besteht’. 1 Er geht seinen eigenen Weg, und der Wohlmeinende « wird begreifen, daß es für ihn, wenn nicht Irrwege, « so doch Umwege geben kamt. Man kann ihn nicht 1 ״fördern“, man kam! ihn, als Ganzes, kaum \ve- | seniiieh hemmen. Denn der beste Teil der zio- | nistischen Jugend sieht in ihm die einzige Gemein-! Schaft, in. der ihr das Leben sinnvoll und schön; erscheint, voller Aufgabe und voller Befriedigung. 1 Er besitzt eine Fähigkeit, vom Jugendlichen Besitz i z״ ergreifen, die ungewollt da zu Konflikten führen j muß, wo das Elternhaus glaubt, gegen diese An- Ziehungskraft den Kampf aufnehmen zu sollen und I zu können. Solcher Kampf hat beiden Teilen oft 1 unendliche Qualen bereitet, aber er ist kaum ie ' gegen den Blauweiß entschieden worden Und i

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