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Jüdische Rundschau · 1920-06-11 · Heft 38 (11.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 38 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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K״I»kt;c«. u»d VcrUg W. 15, Siel״!״!.״ Sit. B. F.r.A.Inl Wm Di«»»Ug nuA FreUsir. BrzugspreU b«i An Erp«<*U1t>* UDti d** P«.l5ml»,r״ »l«rt«ljil.rlid1 10 M. 10 PoutuWond, irnti wofdfii U d*r Wihmtu׳ der elnielnen LBnder Nummer 38 Berlin, 11. VI. 1920 Anzclf'cn-Ver waltun g: Welt*Ver!«2» NW, 7, Dorotheei-straß« SS. Tekphoo: Km* Zentrum 4014 au 4015, Aafteiganpr•!■ für «11• •leHcajospfcUeo• Nonpareille».-!!• 2.&B M Aaieiscmobln&t Dienstag and Freiing ■achmlttag• 4 Ubr. ie.tnbrto: Amt UhUnd B45 und 816. Poattcheti.kanlo Nr, 17 391, Für Or»tarr»Ul»1 Po«Up»rVa*n׳*n*mt \v Nr. 15^ 030, IT.r Tirltrci1«*lowpk«־l: F03119p»rkfis*enamt in!i lUr\ Konto Konti» Nr.!56 030 RrtlsktiosfcscMuS Sonnt«? u°d Mittwoch naröraitt&s1. 25. Sshvan 5680 XXV. Jahr״ I54J5* Zlonisroo® f!|f ^[qb JSläiscSsQ VoSüi dÜHo C c\C*zizäf* cIclcs* 45 * 4csOEdi■* srec*11!ב *cli jjcs!cl&©tr!L€ss& ßcE*51st***tQ ln 2*cl£s?.z&• j*Sa®©l©1f Ihr0|ff7{3>111 1a** Verständigung — und worüber? Von Richard Lichtheim.!111 1״ Inmburgcr Israelitischen Familicnblatt“ ' vom 27.' Mai liat Hur Dr. Paul Nathan einen § Aufsatz über ״Weltkrieg, Judentum und Zionis- ' ums“ veröffentlicht. Der Aufsatz, des bekannten; Politikers ist für uns Zionisten sehr bcmerkeiis-; wert, denn er zeigt die Möglichkeit, aber auch die I Schwierigkeit einer Verständigung mit den bis- I Intrigen Gegnern des Zionismus. Es sei gleich gesagt, daß wir die Tendenz des Nathanschon Aufsatzes begrüßen die Tendenz, die ' in den , Worten liegt, dal» ein Versuch unterstützt werden soll, ״die alten Gegensätze zu mildem, die alte I Verbitterung und die alten Vorurteile auf beiden t seiten zurückzudrängen.“ * Auch wir wollen die Verständigung, doch j munen wir, dall sie heute im Zeichen der großen | Aufgabe stehen müßte, die dem Judentum gegenw.'irtig gesetzt ist: Im Zeichen der Errichtung des jüdischen Palästina. So faßt wohl auch Dr. Zoll sc 11 an, auf dessen Buch Dr. Nathan sich wiede! holt bezieht, die von ihm geforderte Revision des jüdischen Nationalismus auf: daß sie nämlich durch Ausscheidung der Streitfragen, welche sich um die nationale Politik in der Diaspora ן drehen, eine Verständigung der Gesaintjudenheit j in der l'alästinafrage herbeiführen solle. Eine Kritik der Meinungen Zollschaus würde an dieser J Stelle zu weit führen. Es sei nur gesagt, daß auch « derjenige, der die Rücksichtnahme auf die politisch-; wirtschaftliche Vcrknüpftlieit der Juden mit ihrer Umwelt als notwendig empfindet und daraus die / Forderung genauer Prüfung der in den verschicdenen Ländern aufgesteHten Postulate jüdischer Goluspolitik ableitet, dennoch eine grundsätzliche Scheidung zwischen den im jüdischen Volke heute wirkenden Tendenzen nicht vornehmen kann, die einerseits zur Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina, andererseits zur Festigung und Belehung des jüdischen Daseins in der Diaspora drängen. Wir begreifen wohl, daß den Gegnern de Zionismus der negative Teil der Theorie Zol sclians die Ablehnung der nationalen Politik i der Diaspora willkommen ist. Wie aber stel es mit dem positiven Teil, mit dem palästincr sischen Ziel? Sind diejenigen deutschen Juda die bisher unter der Führung des Centralvercir und des Hilfsvereins den Zionismus bekämpfte! nunmehr zur Mitarbeit bereit, und in welche! (!eiste soll diese Mitarbeit erfolgen? Da müssen wir dam sagen, daß Dr. Nathan Aufsatz, uns noch keineswegs befriedigt, ja sog; u1u;iuscht. Denn wir finden da kein Wort d! Zustimmung zu dem Plan der Errichtung der j! üisclia! Heimstätte, kein Wort der Genugtuun ״her die große Möglichkeit, die sich dar! Jude! tum jetzt bietet, kein Wort der Aufforderung a die deutschen Juden, am Aufbauwerk tcilzunehmei יא> gern wir die Worte der Verhöhnung vernehme; zu der Dr. Nathan mahnt, so muß doch die« \ ersöhmmg einen anderen Inhalt haben als de w׳n Dr. N a 111 a 11 offenbar darunter verstandene \ erzieht der Zionisten auf die nationale Golu päitik oder den Verzicht der Antizionisten at die scharfe Tonart in der Bekämpfung des Zi< numus. Da Dr. Nathan diesen so nahe 11 gcnden, diesen allein sinnvollen Inhalt einer Ve staneligung kaum berührt, so bedarf er einer etw; ''״mterbareii (mlankenkonstmktion, um zur En 5V,״?« ci״es A״shrleiehs der Gegensätze zwisclu in s en und Nidiuionistai zu gelangen. Er füll r ‘י du: Po'hisehe Palästina frage ihren Ch mußten u■'1 v• Rdindcrt habe. Vor dem Kriej aller 1״,t -l° , 'stc״ versuchen, durch den Dru< zu ״'in. Konstantinopci zum Zie mehr rnördidi Tv;.St־'' dne Politik nid einem nJ? l . 1',1k'hsclie Politik wird sk ' ״rutl't’ der sich selbst in Konstatjtinop it1(ren8“bnr^ hat> WXZ ßewi» nic: buigcn. Die jüdische Palästinafrage müsse iet zwischen der englisdien Regierung und den en!;sehen Juden erledigt werden, wobei letztae alk dmgs zugleich die Wortführer derienigen J״d< der Welt seien, die sich ״uneingeschränkt“ zum Zionismus bekamen. Die deutschen Juden spielen dabei nur die Rolle des Chors in der anjiken ״Tragödie“. | Diese Verschiebung der politischen Entschei- | düng von Konstantinopci nach London und die damit | verbundeae Acnda'ung der Verhandlungsmethoden ist für Dr. Nathan der Grund, die Verständigung mit den Zionisten, genauer gesagt, das Aufgeben des Kampfes gegen den Zionismus, zu empfehlen, j Die deutschen Juden können die politische Ent- I Scheidung der Palästinafrage doch nicht mehr be- | einflnssai — also wozu siel! mit den Zionisten | noch länger streiten? j Dies ist das Leitmotiv des Aufsatzes. Dr. ‘ N a 111 a n schreibt wörtlich: ״Für uns bleibt Pai lästinn ein Problem humanitärer Wirksamkeit, ein politisches Problem von unmittelbarer Bedeutung ist es nicht mehr.“ Und deshalb ״ist die Erörterung über die Palüstinafragc ein Anlaß zu erhitzter Diskussiou zwischen Zionisten mul Nichtziouistcn — in Deutschland wenigstens — nicht mehr.“ Sprechen wir es offen aus: So gern wir zur Verständigung bereit sind — von dieser Auffassung der Paiüstniafrage führt keine Brücke zum Zionismus. Die geschichtliche Darstellung Dr. Nathans ist schief. Wenn die Teilnahme aller Juden der Welt au den Verhandlungen über die Zukunft Patästinas den internationalem politischen Charakter der Frage ausmadit, so ist dieser internationale Charakter nie deutlicher geworden, als bei den Verliandlungeii mit England. Gewiß hätte England sich einem ״Drucke“ von jüdischer Seite nicht gebeugt, wohl aber haben die englischen Staatsrnänner die Rücksichtnahme auf die Wünsche des über die Welt verstreuten jüdischen Volkes für richtig gehalten. Nur weil die englische Regierung im Zionismus die Kraft der neu wendenden Nation ahnte, weil sie den Einfluß und die Sympathie aller Juden der Welt und zugleich in Palästina das Protektorat über das dort zun! Dasein erwachende jüdische Gemeinwesen gewinnen wollte, also nicht den englischen Juden, sondern ausgesprochcnerwcisc den großen Massen der nichtenglischen zuliebe ha! sie da! Zionismus gefördert. Gewiß konnten während des Krieges deutsche Juden nicht an den Verhandlungen mit England teilnelmien - - auch die deutschen Zionisten konnten dies nicht. Heute können sie es wieder, wenn sie als Juden kommen. Der Idee nach, die eine weitsichtige englische Regierung sich zueigen machte, sind auch die deutschen Juden ein Teil des Gesnmtjudentums, das Palästina aufbauen soll. Wäre der Gcdnnkengaug Paul Nathans 'richtig, wonach der Kampf zwischen Zionisten und Nichtzionisten sich jetzt erübrigt,- weil letztere — ״in Deutschland wenigstens“ - auf die politische Zukunft Palästinas doch keinen Einfluß mehr ausiiben können, so muß man annelmieu, daß dieser Kampf auch früher nur ein höchst überflüssiges Scheingefecht gewesen ist. Ja, bestand denn der Gegensatz der Parteien darin, daß sie sieh über die Form der Behandlung des politischen Palästina- Problems nicht einigen konnten? Handelte cs sicli in diesem Kampf nicht vielmehr um die’Idee der nationalen Zukunft überhaupt? Und macht nicht Dr. N a t h a n, der über diesen wirklichen Gegensatz der Meinungen in seinem Aufsatz hinweggleitet, dennoch diesen Gegensatz in aller Schärfe deutlich, wenn er sagt, daß für ihn Palästina ein ״Problem humanitärer Wirksamkeit“ bleibe? Nein, das jüdische Palästina ist keine humanitäre Angelegenheit. Das nationale Judentum will und baut und — ist das jüdische Palästina. Wir wollen gern alle alten Streitigkeiten vergessai, wollen uns versöhnlich und weitherzig zeigen, wollen denen, die nicht alle Teile des zionistischen Programms annehmen können, die Mitarbeit leicht machen. Aber der Geist dieser Mitarbeit muß ein anderer sein, als der Geist, der aus Dr. Nathans Aufsatz, noch spricht. Nicht weil Palästina vom Standpunkt des deutsch-jüdischen Politikers gegenwärtig kein politischcs Interesse mehr bietet, sondern weil alle Juden an dem Aufbau des jüdischen Palästina teilhaben sollen. I Nicht als Objekt humanitärer Betätigung, sondern als Erfüllung der Idee der jüdischen Wiedergehurt jnuß das jüdische Palästina vordem geistigen Auge jedes Juden stehen. Die Mitarbeit der uns I bisher fernstehenden Kreise kann mir dann um | Wert sein, nur dann in Harmonie mit dem neuen l Judentum erfolgen, wenn — hoch über allem | sonstigen Meinungsstreit über die Wege der nationalon jüdischen Politik —- der Gedanke der natioaalen Erneuerung in Palästina von ihnen verstanden und begrüßt wird. Wir meinen, daß alle diejenigen, die sich bisher vom Zionismus fernhieltcn, weil sie au die Möglichkeit seiner Verwirklichung nicht glaubten, weil sie eine Erschütterung ihrer staatsbürgerlichen Stellung befürchteten, weil der kühne Gedanke ihnen allzu fremdartig war, weil ihr Interesse durch andere Fragen in Anspruch genommen wurde wir meinen, daß alle diese nun, da unsere größten Hoffnungen sich erfüllt, da wir den Charter lür Palästina errungen, die Anerkennung der politischen Welt gefunden haben, zu uns kommen sollten. Wir sind bereit, ihnen die Bruderhand entgegenzustrecken, doch über eines muß Klarheit sein, unu dieses eine sei mit den Worten bezeichnet, die Dr. W cizma nn vor wenigen Tagen in London über die Zusammenarbeit mit Nichtzionisten gesproehen hat: ״Wir stellen keine Bedingungen mit Ausnahme der einen, und die besteht darin, daß es eine nationale jüdische Heimstätte werden soll. Nur auf dieser Basis können wir Zusammenkommen. Es handelt sich nicht um einen Wohltätigkeitsbasar. Es handelt sich nicht nur um eine Religionsgemeinde. Es handelt sich um eine nationale jüdische Heimstätte . . ״England und Palästina“ Herr L>r. Paul Nathan hat auch in der Wiener ״Neuen Freien Presse“ (die bisher ähnlich wie verwandte Blätter in Deutschland den Zionismus totzuschweigen versuchte), einen Aufsatz ״England und Palästina“ veröffentlicht. Er bespricht die zionistische Sache mit einem gewissen Wohlwollen, aber doch nicht ohne eine Tendenz, der Verkleinerung, die an dem Wesen der Sache vorhci/iclt. Die Verfolgung der zionistischen Ziele muH Reibungen mit den Eingeborenen zur Folgt? haben; Palästina ist ein;umcs Land von geringer Eassungskrait und geringen wirtschaftlichen- Möglichkeiten; England wird die Juden ״gerecht behandeln“, kann aber über die Gewährung der in englischen Kolonien üblichen Rechte aus Rücksicht auf die Mohammedaner nicht hinausgclien. So urteilt Herr Dr. Nathan als ״nüchterner Beobachter“; in jedem dieser Eiuwände liegt ein Körndien Richtigkeit, und gerade darum sind sie falsch; es ist auch eine völlige Verkennung der zionistischen Politik, wenn man meint, daß diese Dinge den Zionisten nicht bekannt sind, aber der Zionismus sieht darüber hinaus noch andere Perspektiven und Möglichkeiten, und er setzt vor allem als wichtigsten Faktor den Willen des jüdischen Volkes in sein Kalkül ein. Die Besonderheit, Einzigartigkeit des jüdischen Falles haben englische Staatsmänner, ILili'our, Cecil, Snmts, begriffen; Paul Nathan erledigt ihn durch Einreihung in eine politische Kategorie. Den noch ist in diesem Aufsatz Nathans eine Andeutung zu vernehmen, die die Möglichkeit eines woitergehenden Verständnisses in sieli zu tragen scheint. Nathan sagt, die englische Politik werde den Zionisten genug Spielraum geben, um in Palästina wie bisher an der Klagemaucr zu beten (I! — Red. d. ״j, R“), den Acker zu bebauen und Waren ein- und auszufüJiren, die jüdischen Siedlungen werden auch nach den Grundsätzen der englischen Kolonialregierung Selbst- Verwaltung erhalte;*, und ״a u f s o 1 c h e r ü r u n d 1 a g e k a!1 n a u c h e ine 11 c b r ii i s c h e G c »s t c s K u U u r s i c h allmählich entwickeln. Damit ergibt sich eine Summe von Möglichkeiten f ü r das Judentum, die nicht gering z ti veran sch läge 11 sind.“ Dieser einzige Satz gibt die Perspektive einer nationalen Bedeutung Palästinas für das Gesamtjudentum. Wenn dieses Verständnis sich verlieft und erweitert, werden sich auch lekliier Wege der Verständigung zwischen Zionisten und Nichtzionisten finden lassen. Leider ist vorderhand bei den Nichtzionisten aber der Gesichtspunkt des Gesamtjuden״ tums so sehr i» den Hintergrund gedrängt, daß sic als ״nüchterne Beobachter“ zwar die Schwierigkeiten, nicht aber die sich vor ihren Augen vollziehende nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes sehen. R, W, I

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