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Jüdische Rundschau · 1920-06-04 · Heft 36 (4.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 36 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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n/ uj ^וי*״*יד.י־'5’~ \) י ו.!!ו׳ tn V Nummer 36 R«1.VU0. wd V״l»s W. 15, S.cX.Ud.« Str. 8. F.r.tW i־d« u״d Freit•?. 8״״J.p*«i• W J״ tiped.tIon »nd d«. FotUmUrn .«rUli-l.rtiA 10 M. in D.ut.tM.nd, A״»l.n<l,»bo»o». mini■ weidin I. de« Wül.n״>* de« L»»J« b.׳«<-.n.t Berlin, 4. VI. 1920 Anieitfea-VerwaHuBf׳ Weilt-Verl3״, BrrHu NW. 7, DoroU1ccn1tr»Q• SS» T0!r;> 1.0BI Am* Z®tttrun* 4814 u. 4815. An*elg»Oj»rfl!1 für die •Ub«tt£־ctfpftlt6n« Noap«reUUwiU 2,5© M, An1ci~®n*chlnü: Di«1»«taff und Frclta? Bachmitt■ 2*• 4 Uhr. Telephon: Amt UhUnd S4S und 846. PosUdhewickonlo: Berti- Nr. 17 J *2. t Uf 0«*Urr«irh1 P01«t»»pftrkau»«namt Wien. Korst• Sr* lKr?-}k fiit TT.d.ea.o«l«w*k״*l: P0üUp.rk*״».־־«mt Pr.f, Konto Nr. KrHlaktioBsichlisR Sonntug und Mittwoch Bari.mittag־. 18. Sslvvan 5680 XXV. Jchrg. Oer Zlontama» erstrebt für da• Jüdlacba Volk eda l i^t-lcli-rcc—l.icla jjer.Jchertca Hefx&0t»tt• In PalSatlna. ״EiMcler Prägt•!® ra* Verwirrung der Geister Von Dt. Edmund Goctschel, Bas<jl. Seitdem die Kunde von Sau Remo, wonach! i die Balfourcrklänmg dem türkischen Fricdensvcr- | י trage cinverleibt und das Mandat über Palästina |:! England übertragen werden soll, das jüdische Volk I,! erreicht hat, macht sich, wie jedesmal bei Ein- 1 | tritt grober geschichtlicher Ereignisse eine Erre- « guiig und Verwirntng der Geister bemerkbar, die ן! j l,ir die nachfolgende jüdische Arbeit Verhängnis- 1 i uili werden kann. |; j Es gilt deshalb sofort eine Klärung' anzu- |V: J bahnen und dem Volke die tatsächliche Bedcu- ן, tnng des in einer ihm unzugänglichen diploinati- J selten Sprache abgefaßte» Beschlusses näher zu leingcn. Die Entscheidung von San Remo hat unzweifel• h.ift die empfindlichste Seite der Volksseele in Schwingung versetzt. |k *M-: I Einerseits werden von national stark empfindemlcn Personen ihre überschwenglichen Wünsche dem Beschlüsse des Obersten Rates unterschoben und viele glauben, es müßten sofort nach dem Beschlüsse von San Remo die entferntesten natio- »alen Ziele unmittelbar in die Welt der Wirklichkcit treten. Andere wiederum machen sich durch die schon zur Gewohnheit gewordene übergroße und unberechtigte Skepsis bemerkbar und glauben sich dadurch besonders interessant zu machen, daß sie das Erreichte an Postulaten, die von der zionistischen Organisation niemals aufgestellt wurden, messen und als äußerst geringfiigig und bedeutungslos hinstellen. Beiden Anschauungen muß bei Zeiten entgcgongctreten werden. Durch Beschluß des Obersten Rates wird das Mandat (eine neue Form des Völkerrechtes) England übertragen. Die Balföurerkliirung wird in den türkischen Friedensvertrag aufgenomnien, wodurch England verpflichtet wird, ״alle Anstrengungen zu unternehmen um die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina zu erleichtern.“ » Palästina soll jüdisch werden. Palästina i s t nicht jüdisch und kann es nicht sein. Die Konferenz von San Remo kann dem jüdischen Volke mit dem besten Willen kein jüdisches Palästina schenken, weil es in der Welt der Wirklichkeit ein solches nicht gibt. Ihr Beschluß öffnet aber den Weg, ein jüdischcs Palästina zu schaffen. Der Bann, der seit beinahe zwei Jahrtausenden auf dem Lande lag, und das jüdische Volk nach seiner gewaltsamen Vertreibung von diesem Lande gewaltsam fernhielt, ist gebrochen. Die Tore Palästinas sollen dem Volke geöffnet werden. Nicht mehr bedeutet der Beschluß von San Remo und nicht mehr kann er bedeuten. »* |c ׳״־־t Es muß schon jetzt der Erwartung, die als N'.ichklang incssianischcr Ideen in vielen sonst!•'.!reu Köpfen spukt, daß nun nach dem Bc- Schlüsse von San Remo durch eine Art Wundertat 'las teils von Arabern bewohnte Palästina ein jüdisches Land, ein Judenstaat oder wie viele indische und nichtjüdische Schiwärmer sich aus- ׳',drücken pflegen, ein zionistisches Reich werde, ,”!ז allem Nachdruck entgegengetreten werden. All- ׳»leicht könnte sonst die zu hoch gespannte Er- ^'rtung olme Grund in bittere und die tatkräftige "!,öt in lähmende Enttäuschung Umschlägen. Man »ouli sich klar sein, daß eine lange organische "1Wicklung notwendig sein wird, um aus dem ' erwahrtosten Küstenstrich ein blühendes Land mit ooerwicgc״L| jüdischer, von jüdischer Kultur be- 1 er Bevölkerung zu machen. Harte, opferfrohe mtl gefahrvolle Arbeit wird cs kosten, bis die jü- 1 lsc'lc Heimstätte in die Welt der Wirklichkeit /elcn wird. Viele Widerstände sind zu erwarten. , 'a״ehelntriguen werden gesponnen werden, um das *"!m begonnene mühevolle Werk hintanzuhalten und cs ist leider nicht ausgeschlossen, daß weitere 0,Posten aufgestachelten und verblendeten Fanatiiccrn oder Räubern zum Opfer fallen können. ״Den Pflug in der einen, das Schwer* in der andern ״and“ wird Bas jüdische Palästina erarbeitet wer־. den müssen. Die englische Regierung kann durch j administrative und finanzielle Maßnahmen die jü-! dische Arbeit in Palästina wohlwollend unterstützen. J Wir zählen darauf, daß sie es tut. Die englische j Regierung kann aber ebensowenig wie der Olserste j Rat das verwahrloste Land ais jüdisches Palästina dem Volke in irgendeiner Form geben. Dieses Ziel kann das Judentum nur durch Opfer an Leben, Arbeit und Vermögen, Opfer, die auf dem ganzen Volk lasten werden, erreichen. Nicht Zeiten glückseligen Erntens, sondern Zeiten angestrengtester, hingebungsvoller Arbcitund größterOpfer sind angebrochen. Dem Volke muß klar werden, daß cs nichts durch Wundertaten, aljes durch eigene Arbeit zu erwarten hat; daß Entbehrungen und Enttäuschlingen den dornenvollen Weg begleiten werden, den es gehen muß, bis ein jüdisches Palästina erstanden ist. Es muß sich auf Rückschläge gefaßt machen, die, so schmerzlich sie für den Augenblick sein mögen, das große Endziel um nichts verrücken können. Die zionistische Organisation hat die Voraussetzungfürdie Erarbeitung Palästinas geschaffen. Die E r a r h e i - tung selbst liegt dem ganzen Volke nun ob. Man muß sich auch hüten, Aeußerlichkeiten zu viel Bedeutung beizumessen. Nicht der Umstand, daß ein Jude Gouverneur ist oder die jüdische Flagge über den Zinnen Jerusalems flattern soll, erst die jüdische Arbeit, die jüdische Bevölkerang macht Palästina zur jüdisch-nationalen Heimstiitte. Der Beschluß von San Remo sagt aber auch nichts weniger, und ist in seiner Tragweite nicht zu unterschätzen. 1 Die professionellen Nörgler der verflossenen zwanzig Jahre und die bekannten Defaitisten der allerletzten Zeit sind bereits wieder an der Arbeit. Sie, die abseits standen, die bestenfalls ein über- Iegencs und höhnisches Lächeln für die zionistische Arbeit, die aus einem Nichts ein jüdisches Gemeinwesen schaffen sollte, übrig hätten, sie, denen die ״zionistische Gefahr“ die morschen Glieder gelähmt hatte, bemängeln heute, daß die Friedenskonferenz keinen jüdischen ״Staat“ errichtet hat. Sie, die Ncunmalwcisen, die verblüfft sind, daß ihre Voraussage, ״daß die europäisdien Regierungen sich nie auf die zionistischen Pläne einlassen werden“, nicht in Erfüllung ging, sic, die nicht verstehen können, daß cs schließlich auch ohne ihre versagte Mithilfe ging, suchen heute den unbestreitbaren politischen Erfolg der zionistischen Arbeit dadurch hcrabzusetzen. daß sie zweierlei hervorheben. Die einen sagen, daß wir keine Veranlassung hätten, über den Beschluß von San Remo Genugtuung zu empfinden, die Friedenskonferenz habe ja gar keinen jüdischen Staat errichtet. Die andern, etwas in der Kritik zurückhaltender, darum aber nicht weniger wichtigtuerisch, glauben uns eine neuentdeckte Weisheit zu verkünden, wenn sie uns mitteilen, daß die Friedenskonferenz die Errichtung eines Judenstaates nicht einmal für die Zukunft versprochen habe. Beide verkünden schon wieder ihre alte Maxime, die in erneuter Verkennung der Sachlage in dem Rate gipfelt, nichts zu tun. Den letzteren kann kurz erwidert werden. Wir verweisen sie auf das ״Basler Programm“ und fragen sie, ob die zionistische OrganLsation jemals die Schaffung eines Judenstaates verlangt oder auf der Friedenskonferenz auch nur beantragt hat? Das Basler Programm, das politische Ziel der Zionisten, setzt der ־zionistischen Organisation ״die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ zum Zwecke. Kein Wort vom Judenstaate ist darin zu finden, und!zwar mit Absicht. Die Redaktoren des Basler Programms haben jede Form für die Errichtung einer nationalcn jüdischen Heimstätte in Palästina für genügend befunden, wenn diese Heimstätte nur der Garantie des öffentlichen Rechtes teilhaftig wird. Die Schaffung eines normalen Volkslebens erschien ihnen mit Recht viel wichtiger, als alles andere. Die Erage der konkreten Form (ob Staat, autonome Kolonie, (Charter, Mandat usw.) konnte m den Hintergrund treten. Mit den Kritikern der Gegenwart, die da glauhen, uns eine wichtige Entdeckung mit/uteikn, wenn sie uns klarzulegen versuchen, daß die Friedenskonferenz keinen jüdischen Staat geschahen hat, wo sie doch einen tscliccho-slowakischen und polnischen Staat erstehen ließ, haben wir uns ebenso rasch auscinandergesetzt. Wir fragen sie, die sich plötzlich als allzucifrige Verfechter jüdisch-politischer Interessen entpuppen, wo sie denn in den letzten 20 Jahren erhöhter Anstrengung und nicht immer sehr dankbarer Arbeit zu finden waren? Warum haben sic, die Weitsichtigen, dainals das Vorbereitungswerk in Palästina und im Galuth nicht nach Kräften gefördert, damit das jüdische Volk in den Jahren 1010/20 in der Lage war, einen jüdischen Staat oder wenigstens ein jüdisches Gemeinwesen zu fordern und zu übernehmen? Sie scheinen zu vergessen, daß es vor allem ihre Schuld ist, wenn das Vorbercitungswerk in Palästina sowohl wie im Galuth zu mangelhaft ist und die Vorbedingungen zur Errichtung und Uebernahme eines jüdischen Staatswesens fehlen. Es ist gar einfach nichts zu tun, mit der Begründung, man wisse im voraus, daß nichts erreicht werden kann. Solche Leute vergessen nur allzu leicht, daß es ihnen am allerwenigsten zuskhi, das trotz ihres ablehnenden Verhaltens Erreichte als ungenügend zu taxieren. Man ziehe keine Vergleiche mit Polen, Jugoslawicn, der tschecho-slowakischen Republik usw. Polen, Tschechen und Südslawen sind Völkerschäften, die ein bestimmtes Territorium bewohnen, wo sie die überwiegende Majorität der Bevölkerung ausinachen. Sie haben ein eigenes organisiertes Wirtschafts־ und Kulturleben. Sie bilden einen Cieseilschaftskörper, welchem zur Staatswerdung nichts als die Souveränität und die politische Verfassung fehlte. Diese Voraussetzungen fehlen zurzeit dem jüdischen Volke. Eine zusammenhängende jüdische Siedlung fehlt in Palästina. Bis heute bilden die Juden Palästinas eine Minorität der Einwohnerschaff. Die wichtigsten Voraussetzungen für da!» Vorhandensein eines normalen jüdischen Volkslebens in Palästina müssen erst noch geschaffen werden. Bis dann mag die Frage nach der staats- und völkerrechtlichen Form der jüdisch-nationalen Heimstitte etwas in den Hintergrund treten, wenn nur die Entwicklung hierzu gewährleistet ist. Es muß einmal klar ausgesprochen werden: Hätte die Friedenskonferenz das palästinensische Territorium zum gewöhnlichen souveränen Staat proklamiert, so wäre dies kein jüdischer Staat gewesen und es hätte keine Garantie bestanden, daß er sich zu einer jüdischen Heimstätte entwickeln kann. Die Juden müssen erst noch durch Arbeit die Majorität im Lande erringen. Es muß vorerst ein jüdischer Volkskörper im Lande geschaffen werden, in dem alle Schichten der Gesellschaft, angefangen mit dem Urproduzenten, sich vorfinden. Deshalb erachte ich die Fo r m des M a 11 d a t e s, welches die Ent- Wicklung des Landes zu einer jüdischen Heimstätte völkerrechtlich sicherstellt, angesichts der Tat- Sachen, wie sie sich heute überblicken lassen, als eine sehr glückliche formelle Lösung, die den heutigen Umständen am besten gerecht wird. Wenn heute mehr nicht erreicht werden und kaum mehr verlangt werden konnte, so trifft die Schuld die Untätigkeit großer und einflußreicher jüdischer Kreise, Ihretwegen war das jüdische Volk im kritischsten Moment seiner Galuthgcschichtc nicht in der Lage, zu verlangen und tm erhalten, was ihm gehört. Es ist zu hoffen, daß die einzige Möglichkeit, die ihm geboten wird, dies nachträglich zu tun, nicht unbenutzt vorbeigeht. Ob die jüdische Heimstätte in Palästina, deren Existenz nun völkerrechtlich ermöglicht wurde, Wirklichkeit wird, hängt von heute an zum größten Teile vom jüdischen Volke selbst ab. Dieses Volk geht der größten Belastungsprobe entgegen, die je ein Volk zu bestehen hatte. Ohne staatlichen Zwang, ohne Polizei- und Steuermacht, aus einem verwahrlosten Lande durch die Arbeit eines dem Untergang nahen Volkes ein blühendes, jüdisches Gemeinwesen zu errichten, ist ein© Aufgabe, wk si« die Welt noch nie gesehen hat. ו

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