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Jüdische Rundschau · 1920-06-01 · Heft 35 (1.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 35 (1.6.1920)
Date
1920-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrg Der Zlonisumi erntrebt für da• Jüdische Volk die SchoCraos ehsc? äffontllcb-rechtllch gaslehertei* HelmrilUto Ja Palästina. ״Daaeler ProgrÄ« Palästina und San Remo Die letzte zionistische Geschichte hat sieh in Extremen bewogt. Ucber den jüdischen Jischuw war ein Unglück hereiiigebroclien, wie es selbst während der türkischen Schreckensherrschaft nicht i rhört war, das jüdische Palästina hatte Trauer angelegt und allgemeines Fasten ausgeschrieben. In diese Stimmung kam am 26. April die Nachricht von dem Beschluß von San Remo. Man hörte die Botschaft und konnte diese plötzliche Wendung des Geschickes garuicht fassen. Das jüdische Volk׳ in allen Gauen der Zerstreuung hat die Nachricht aus San Remo mit großer Begeisterung aufgci iionnnen; man fühlte sich von den Sorgen der letzten Zeit befreit. Aber in Palästina ist man nach dem ersten Gefühl der Erleichterung — wieder skeptisch geworden. Dies zeugt vielleicht von Kurzsichtigkeit, ist aber aus der Sachlage verständlich. Mau glaubt nicht mehr an Worte. Die Wirklichkeit steht noch zu sehr in Widerspruch mit dem verkündeten Inhalt der Beschlüsse. Um die Errichtung der nationalen Heimstätte durchzuführen, bedarf es Taten, welche eine Veränderung der heutigen Lage bewirken. Leider sind seit San Remo, nunmehr einem vollen Monat, noch nicht einmal irgendwelche Verwaltungsmaßnahmcn erfolgt, die die Situation einigermaßen zugunsten 1 der Juden verbessert hätten. Erst in den letzten! Tagen ist die Rede von einer Ersetzung der gegen•׳ wartigen antr/ionistischcn englischen Beamten durch neue Beamte, welche den Intentionen der Londoner Regierung besser entsprechen. Die Ernennung Herbert Samuels zum Oberkommissär ist bisher noch nicht bestätigt. Inzwischen haben die arabischen Hetzer Gelegenheit gehabt, ihre Agiiaikm fortziifiilueii und ins Maßlose zu steigern. Trotzdem es erwiesen ist, daß das Gros des arabi-! sehen Volkes dieser Agitation ablehnend gegenüberstellt, so weiß doch jeder Kenner müssenpsychologischer Erscheinungen, daß ein solcher Funke, in die Massen geworfen und dauernd geschürt, schließlich doch zünden muß und daß eine; mit allen Mitteln der Suggestion und Demagogie geführte Propaganda schließlich zum Ziele führt, \ Der Beschluß von Sau Remo ist für die arabische | Presse ein willkommener Anlaß gewesen, um in den heftigsten Tönen gegen die zionistischen Aspii rationen zu protestieren, Die ״christlich-inohamedänischen“ Vereinigungen haben cntsprcdicndc Rcsolutionen gefaßt und General Bois scheint diese Resolutionen nicht ungern anzunelunen. Aber ganz! abgeselien von diesen Machinationen scheint auch י die ganze politische Situation nicht danach ange- \ fan, die Stimmung der palästinensischen Juden ( zu heben. Die militärische Bedrohung Palästinas 4 durch die arabischen Truppen wird immer gej fäluliclier, je mehr sich' der arabische Aufstand in Mesopotamien und Syrien ausbreitet. Audi das Vorrücken der Bolschcwiki im Orient ist geeignet, Zweifel an der baldigen Pazifikation hervorzurufen, Und zu diesen militärischen Fragen tritt die Not des täglichen kleinen Guerilla-Kriegs, der bereits verwüstende Folgen gehabt hat. Obergaliläa ist heute so gut wie zerstört. Viele der besten jüdR schen Kolonien, Resultate langjähriger, hingebungsvoller jüdischer Arbeit, heilige Stätten des neuen 1 jüdischen Jischuw, besonders teuer der jüdischen 1 Arbeiterschaft, welche diese Orte durch Pionier- ן arbeit erlöst und zum Leben erweckt hat, sind ן den räuberischen Ucberfällen zum Opfer gefallen, | zerstört und cingeäschcrt, Diese Wunde kann das 1 palästincnsiche Judentum nicht verwinden. Und p$'1ch kommen neue Schreckensnachrichten, auch . 1'11Rrgaliläa ist bereits ein Feld der Ueberfällc!!™ Räubereien. Die dem palästinensischen Juden- ■ 1"■זז durch Verhaftung Jabotinskis und seiner Gel n?1SCn 31!getane schmerzliche Beleidigung ist noch 1 nicht gesühnt, die Gefangenen noch nicht befreit.; ™en und Arbeit im Lande stocken und es fällt ׳ ן•c/iwcr, durch diese dunklen Wolken hindurch das 1 lc״t des anbrechenden neuen Tages zu erschauen. j , Die gesamte palästinensische Presse ist die* einzige Presse im jüdischen Blätterwalde, welche , 1*10י Jubel über die Beschlüsse von San Remo 5 eisige Zurückhaltung gegenübersetzt. Das palä- Herbert Samuels Mission Der ״Lokal-Anzeiger“ meldet: Sir H e r b e r t S a m 11 e 1 wird sich am 20. Juni nach Palästina zur Ucbcrnalime des Amtes des Oberkommissars begeben. . (Eine amtliche Bestätigung der Nachricht liegt nicht vor. — Red. d. ״J. R.“) Die Repräsentantenwahlen in Berlin Wahlvorschlag der Jüdischen Volksparteil 1. Dr. Alfred Klee, Altonaer Str. 7, Rechtsanwalt. 2. Prof. Dr. Hcinr. Locwe, Flcmingstr. 12, Bibliothekar. 3. Dr. Abraham Löb, Giintzelstr. 3, Rechtsanwalt. 4. Max L e w i t, Kleiststr. 25, Fabrikant. 5. Dr. Gustav Witkowsky, Westfälische Str. 35, Arzt. 6. Gustav Lösser, Braunsbergcr Str. 5, Holzliändler. 7. Dr. Jacob Tugendreich, Grumv., Winkler- Str. 28, Arzt. 8. Dr. Max Strauß, Bregenzer Str. 1, Rechtsanwalt. 9. Siegimind Rochelsohn, Heinersdorfer Str 17, Kaufmann. 10. Leo K r c i n d 1 e r, Pfalzburgcr Str. 10, Sekretär der jüdischen Gemeinde. 11. Alfred Scherk, Neue Jacobstr. 6, Möbelhändler. 12. Bruno Dobrzynski, Charl., Sdilüterstr. 60, Maßschneider. 13. Dr. Theodor Zlocisti, Südende, Dcnkstr. 3/4, Arzt. 14. Hans Goslar, Rankestr. 30, Regierungsrat. 15. Joseph Himmel, Markgrafcnstr. 83, Fabrikbcsitzer. 1(>. Julius M an dclb a um', Neue Ansbacher Str. 12, Sdiuluiiachergcselle. 17. Max Holz, Lychcncrstr. 115, Kaufmann. 18. Hermann Bilcski, Wallner-Thcatcr-Str. 31, Kaufmann. 10. Max Fcblowicz, Roscnthalcrstr. 4, Rcchtsanwalt. 20. Philipp G r ii 11 b a u in, Invalidenstr. 142, Kaufmann. 21. Samuel Haarpuder, Neuk., Hobrechtstr. 35/36, Kaufmann. 22. Adolf Kraus, Köpenicker Str. 136, Fabrikant. 23. Felix Roscublüth, Pariser Str. 18a, Rechtsanwalt. stinensische Judentum ist zu oft schon auf die Probe gestellt worden, zu viel hat cs in diesen letzten Jahren zu ertragen gehabt, zu schwer war der Gegensatz zwischen Hoffnung und Gegenwart, Auch heute ist die Erfüllung erst Hoffnung, wenn auch angesichts der politischen Erfolge unserer Führer begründete Hoffnung; aber die Gegenwart ist düster und schwer und cs ist notwendig, den ganzen Ernst dieser Situation zu erkennen, damit der ganze Zionismus seine Aufgabe nicht kleiner sieht als sie in Wirklichkeit ist. Unsere Aufgabe ist groß und schwer und es wäre ein gewaltiger Fehler, wenn wir jetzt meinten, daß alle Schwierigkeiten politischer und menschlicher Art schon überwunden sind und wir bloß 'draufloszuarbeiten haben; vielmehr kann auch unsere riesige Aufbau-Arbeit, die jetzt beginnen muß, nur dann gelingen, wenn wir mit der ganzen Seelenkraft gewappnet sind, welche die zionistische Idee und der unverbrüchliche Glaube an die Wiedergebürt des jüdischen Volkes, an die von allen Wechselfällen unabhängige Notwendigkeit und Wahrheit des Zionismus verleiht. Es ist bedauerlieh, daß heute schon wieder in unseren eigenen Reihen die Neigung sehr groß ist, die zionistisch(! Aufgabe auf ein begeistertes Händeklatschen ia Versammlungen zu restringieren, in welchen der Redner in wohlfeilen Schlagworten die Möglichkeilen der Besiedlung ausmalt. Es ist unzulässig und demoralisierend, wie manche Maximalsten es tun, der zionistischen Oeffcntlichkeit immer wieder die Sache leichter darzustellen als sie ist und die persönlichen Anforderungen an den cinzelneif herunterzuschrauben. Gewiß wollen wir ein Maximum erreichen; aber dies können wir nur dann, wenn wir uns über die Schwere nicht täuschen und den großen Komplikationen ins Auge sehen. Der politische Erfolg von San Remo ist uns ein Beweis, daß beharrliche zionistische Arbeit der Schwieriggelten Herr werden kann. Die Führer haben sich bewährt. Möge auch das Volk das Seine tun! r. m Reichstagswahl und Judenfrage Für die Beurteilung des Standes der Juden(rage in Deutschland ist wohl kein Zeitpunkt so geeignet, wie der des Kampfes um die Wahlen zum ersten Reichstag der deutschen Republik. Selbst für denjenigen, der nicht als Rufer im Streit an diesem Kampfe tcilnimmt, offenbart sieh sehr bald, daß die Stellung zur Judenfrage für die einzelnen Parteien dieses Mal in viel höherem Malle entscheidend sein wird, als je vorher. Eine antisemitische Agitation haben wir auch in Friedens- Zeiten anläßlich jeder Parlamcntswahl erlebt, und im alten Reichstag hat es sogar stets eine kleine antisemitische Gruppe gegeben, die nicht mit den Konscr- | vativen identifiziert sein wollte und für die der anti-! semitische Radikalismus den Hauptinhalt ihrer politi-! sehen Betätigung darsteltte. Eine praktische Bedeutung | hat das Wirken dieser Gruppe nie erreicht, und im; Programm der Rechtsparteien war der Antisemitismus 1 zwar vorhanden, hat es aber nie zu einer das Programm beherrschenden Stellung gebracht. Bei den Wahlen zur gesetzgebenden Nationaler- Sammlung erlebten wir es seit langem zum erstenmal, daß der Antisemitismus als politisches Kampfmittel in den Vordergrund trat. Nachdem die Revolution eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten in führende Stellungen der deutschen Politik gebracht hatte, wurde von antisemitischer Seite der Kampf gegen die ״Vcrjudung“ der Regierungen und Ministerien zur Losung gemacht und diese Forderung fand ein starkes Echo bis weit in die Kreise des Bürgertums hinein. Mit welch perfiden Mitteln diese Hetze getrieben wurde, bewies vor allem das Vorgehen gegen Kurt E i s n e r. Wir haben es dann erlebt, daß in der Zwischenzeit unter dem Einfluß der reaktionär-antisemitischen Kreise lind ihrer Agitation der Forderung nach ״Entjudung“ des politischen Lebens in fast allen Parteien immer mehr nachgegeben wurde und heute unmittelbar vor der; Wahl des ersten Reichstages stehen wir vor der Tat- 1 sachc, daß nicht allein die Juden aus allen verantwörtlichen politischen Stellen, die sic innegehabt haben, verschwunden sind, sondern daß selbst innerhalb der Mittclparteien in der Aufstellung jüdisdier Reichstagskarujkiaten eine Zurückhaltung geübt wird, die allein damit erklärt werden kann, daß man sich gezwungen glaubt, unter Hintansetzung politischer Prinzipien der antisemitischen Stimmung weiter Parteikreise Rechnung zu tragen. Es heißt nur eine Tatsache aussprechen, wenn man sagt, daß das deutsche Volk heute in sehr hohem Maße antisemitisch gestimmt ist und daß es wollt nie zuvor für den deutschen Juden schwieriger gewesen ist, unter den vorhandenen Möglichkeiten der Wahl diejenige herauszufinden, die für ihn die geeignetste scheint. Eine Prüfung der Parteien, ihrer Programme und ihrer politischen Praxis läßt zunächst einmal feststcllen, daß die De utsch nationalen ihren Wahlkampf geradezu unter der Parole ״gegen die Juden“ ausfechten. Von ihnen und von der Deutschen Volkspartei, die trotz aller Ableugnung ihnen außerordent- Uch wesensverwandt ist, geht eine wüste antisemitische Hetze über das Land, der die gemeinsten Mittel gerade die besten zu sein scheinen. Das Verhalten dieser Parfeien ist einfach so unanständig, daß sic natürlich auch von den Juden abgelehnt werden müssen, deren allgemeine politische Auffassung zum konservativen Staatsgedanken neigt. Um so gefährlicher ist es, daß gerade über die Deutsche Volkspartei in manchen jüdischen Kreisen eine sehr bedenkliche Unklarheit herrscht. Es ist Tatsache, daß der Abmarsch einer Reihe bekannter Mitglieder der deutsch-demokratischen Partei zur Volkspartei von einer beträchtlichen Anzahl von Juden mitgemacht worden Ist. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Deutsche Volkspartei sich in der Praxis als nicht viel weniger antisemitisch erweisen wird, als die Deutsdinationalen. Ihre Taktik ist nicht einheitlich, während sie in manchen Gegenden mit den Ultra-Reaktionäreu ganz offen paktiert, geriert sie sidi in anderen als nationale Partei ohne Rassen- und Glaubensvorurteile, der es gänzlich femltcgc, die Juden zu bekämpfen und die nur den ״überwiegenden jüdischen Einfluß“ für ver* derblieh halte. Wie billig derartige Phrasen sind, bcxveist die Tatsache, daß sich selbst Graf R e v e n 11 o w nicht scheut, derartige Gedankengänge drucken zu lassen. Was das Zentrum anbetrifft, so ist es sich in bezug auf die Judenfrage treu geblieben, d. h. es be- (stehen hier geteilte Meinungen, die cs ausschließen, daß 'diese Partei jemals eine energische Bekämpfung des Antisemitisinus unternehmen könnte, ohne dabei auf Widerspruch im eigenen Lager zu stoßen. Besonderes Interesse beansprucht die Deutschdemokratische Partei. Sie hat es bereits bei der letzten Wahl sehr schmerzlich empfunden, daß man sie in der Wahlagitation der Gegner als Judenpartei verschrien hat. In der Tat dürften weitaus die meisten deutschen Juden bisher Parteigänger der Demokraten gewesen sein. Ob das auch in Zukunft so bleib.rt

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