Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 23 (13.4.1920)
- Date
- 1920-04-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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rir* j 'M ן A u P /; \ \ / ״3 C״' RfdaVU•!» und Verlauf W, 15, S«riml«rl10 Sir. §. F.ndietnt jeiUn Dien'Ug uod Freitag. Bexugopreis bei der Expedition und den Postämtern viorl«ljwbrlid» 10 M. io Deutschland, Auslandasboone• ment* werden in der Währung der •inxelncn Länder beredinet. Nummer 23 Berlin, 13. IV. 1920 ר "י r ב*־־־ n j A n z c j g c ri ״ V c r w altunj׳; Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorolbeenttraß« S5. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anxeigeapreia für die *eehigespalten« Nonp&reilteieU• 2,— M, uod 20% Teuerungsruadhlag, Auzelf eoschluE: Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr. T«l,i,l״.n; Arni Uhl.ml MS und 84.6. l’o.Udwckkont״: li״!m x? t^r Oe1ten־eich: PostaparksMenamt Wien, Konto 1;׳ *״J1 J Fhr TicJirdienlowakei: PosUparksxnensmt Prag, Konto Wr. 150 030, RedaktionMchInG Sonntag und Mittwoch nachmittag•. 25. Nissan 5680 XXV. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk «Me ScIiaffCaa״ einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm״ Die Mahnung von Tel Chaj Ein Gedanke erfüllt gegenwärtig die ganze zionistische Welt: die Trauer für die Toten von Tel Qliaj und die Besorgnis über die Nachrichten ans Syrien und Palästina betreffend die polt- ::sehe Bewegung in der arabischen Welt. Die letzten Ereignisse haben gezeigt, daß den zionistischen Bestrebungen von arabischer• Seite ein ernsterer Widerstand droht, als manche Zionisten erwartet haben. Emir Faisul, der wiederholt mit zionistischen Vertrauensmännern verhandelt hat und die Zusicherung gab, daß er die zionistischen Aktionen nicht durchkreuzen werde, hat sich zum König des unabhängigen Syrien einschließlich Palästinas krönen lassen. Die Friedenskonferenz hat diesen Akt zwar nicht anerkannt und Faisul cingeladen, nach Europa zu kommen, um hier Aufkümtngen zu geben, cs ist aber nicht vorauszuschcn, wie sich die Verhandlungen mit Faisul gestalten werden. Vorderhand hat er cs abgeleimt, nach Europa zu kommen, lm Zusammenhang mit dieser arabischen Unabliüngigkcitsbcwcguiig haben in Jerusalem, mehrere von der islamisch-christlichen Gesellschaft veranstaltete Demonstrationengegen den Zionismus und gegen die jüdische Emwanderimg stattgefunden, Nach der zweiten Denionsirntion, die vom Oberbürgermeister von Jcrusilent angeführt wurde, sind von den englischen Behörden weitere Demonstrationen verboten worden. Laut einer Reutermeldung vom 5. April scheint jedoch dieses Verbot unwirksam gewesen zu sein, denn am 4. April kam es zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern, bei dem 188 Personen verletzt worden sein sollen. I 'ober dieses Ereignis ist bis zur Stunde eine nähere Information nicht zu erlangen gewesen, insbesondere fehlt es auch an direkten Berichten von zionistischer Seite. Wie immer es sich aber damit verhalten mag, jedenfalls gellt aus der Meldüng hervor, daß die arabische Bewegung nicht zum Stillstand gekommen ist. ,Weizniann hat vor seiner Abreise nach Palä* stiua erklärt, daß er als seine wichtigste Aufgäbe die Klärung der jüdisch-arabischen Be- Ziehungen ansieht. Es steht jedenfalls fest, daß die englische Regierung entschlossen ist, ihre Politik in bezug auf den Zionismus nicht zu ändern. Allerdings ist es befremdend, daß die englischen (»kkupations-Beliörden den Demonstrationen nicht immer mit dem Nachdruck begegnet sind, der einer eindeutigen Auffassung entspräche. Es ist zweifellos, daß die jetzige Bewegung eine Folge di r politischen Zustände im vorderen Orient ist, welche durch die Ungewißheit der Lage die Möglichkeit zu einer Ausbreitung verschiedenartiger, nicht immer von rein sachlichen Momenten aus- ״eilenden politischen Strömungen war. Das arabische Volk ist politisch noch sehr wenig geschult und bietet für politische Ambitionen und Verhetzungen aller Art einen günstigen Boden. Die Rivalität zwischen England und Frankreich hat dazu beigetragen, einzelnen Persönlichkeiten mehr Einfluß zu verschaffen, als sic bei einer geklärten Sachlage hätten erlangen können. Von zionistisdicr Seite ist immer betont worden, daß T r Zionismus gegen die Araber in Palästina nicht ׳: ׳׳ keine Gegnerschaft hegt, sondern daß alle, cm ihm geschaffenen kulturelle״ Einrichtungen mal die Hebung der Zivilisation auch den arabisehen Fellachen zugute kommen wird. Selbstvcrsuindlich gibt cs aber auch im arabischen Volk keine Interessenharnionie aller Schichten, vielmehr hiben gerade die arabischen Großgrundbesitzer cm Interesse daran, die Fellachen auf ihrem niederen Niveau zu halten. Von dieser Seite wird Te nationale Bewegung entfacht und die Vereumdung verbreitet, daß die Ziortisten die Felkiclien von ihrer Scholle verdrängen wollen. Wir wissen, daß das Land Palästina noch für viele Millionen Menschen aufnahmefähig ist und wir wünschen dringend ein brüderliches Verhältnis zur arabischen Bevölkerung und ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten. Wir Juden haben in allen Ländern der Welt als Minorität gelitten, seitdem wir Fremdlinge waren in Mizrajixn, wir verstehen' besser als irgendein Volk der Welt die nationalen Gebilde von Volksleben, die sich bedroht fühlen. Aber gerade darum besteht die Sicherheit, daß gerade wir unter allen Umständen diese Gefühle respektieren werden.. Wir wünschen ein Vertrauensvcrhältnis, das über diese Gesinnung Klarheit schafft. Aber wir verhehlen uns nicht, daß es schwer ist, in der vergifteten Atmosphäre der Völkerverhetzung, des Machtegoismus und des politischen Ränkespiels, die heute auch schon auf Asien übergegriffen hat, . unserem aufrichtigen Wollen Gehör zu verschaffen. Wir müssen damit rechnen, daß auch die arabische Gegnerschaft und die jetzt entfachte Bewegung zunächst anhalten wird; wir können uns durch sie nicht beirren lassen. Eins ist jedenfalls zur Vermeidung unnötigcr Opfer notwendig: daß England ein klares Wort spricht und dem Provisorium bald ein Ende gemacht wird. Die traurigen Ereignisse in Nordgaliläa stehen in keiner direkten Beziehung zu den antizionistischeu Demonstrationen. Sic sind zwar auch eine Folge der syrischen Unabhängigkeitsbewegung, die den Aufstand gegen die französische Okkupationsmacht hervorrief, doch wurde bekanntlich ausdriicklich erklärt, daß die Angriffe sich nicht gegen die Juden richteten und die verantwortlichen arabisehen Führer haben selbst zugestimmt, daß die Ueberfälle auf jüdische Siedlungen als Räubereien behandelt werden sollen. Aber es zeigt sich eben, daß die arabische Führung nicht die volle Kontrolle über alle in ihrem Namen handelnden Banden zu behalten vermag. Es ist zu einem regelrechten Kleinkrieg gekommen, dem vier jüdische Siedlungen völlig zum Opfer fielen. Die Positionen wurden von der jüdischen Arbeiterschaft, die nach den ersten Ueherfällen mich Hilfe er'• hielt, bis zmn letzten Augenblick verteidigt. Die meisten Verteidiger gehörten zu den Chaluziin, die gekommen sind, um durch ihrer Hände Arbeit das Land auf/ubauen, die neue Jugend unseres Volkes. Dies ist das Element, das Erez-Israel aufbauen wird. Menschen braucht das Land vor allen Dingen, die liingchcn und arbeiten und leben, aber auch zu sterben verstehen. Von diesen Mensehen hängt alles ab. Wir können angesichts dieser Toten von jüdischen Helden sprechen, nicht weil wir das in den letzten Jahren abgenutzte Wort nun auch für uns in Anspruch nehmen wollen, sondem weil hier Menschen im Dienste einer Idee ihr Letztes cinzusctz.cn entschlossen sind. Wir sind kein kriegerisches Volk; wir suchen keinen Kampf und haben keinerlei aggressive Absichten. Aber die Menschen, die in Tel Chaj kämpften und fielen, haben das, was sie tun mußten, ohne Vorbehalt und ohne Bedingungen erfüllt, sie haben auch der unmittelbaren Gefahr getrotzt. Nur aus solchem Wagnis kann ein großes Werk geboren werden. Die schwere Liickc, die der Tod der sechs Opfer von Tel Chaj!unterlassen hat, wird vielfach aufgefüllt werden. Große Schären jüdischer Jugend sichen bereit zur Arbeit für Volk und Land. Sic wissen, daß es keinen .anderen Weg zur nationalen Wiedergeburt gibt als den langsamen, schmerzensreichen und opfcrvollen Weg der eigenen Arbeit. Unsere Situation ist schwer, sie wird vielleicht uuelt schwerer werden. Wir haben eine zeitlang, bevor es ernst wurde, uns die Sache zu leicht vorgestellt, wir haben zu sehr auf die äußere Hilfe geschaut und unsere eigene Verpflichtung vergessen. Die Illusion war gut, um!uns einen Augenblick Feiertagsstimmung zu gönnen. Aber jetzt beginnt der Werktag. Wir müssen mit allen Wirrnisseu and Komplikationen rechnen, die das Völkerleben ebenso wie das Menschenleben' mit sich' bringt. Wer sich durch solche Dinge entmutigen ließe, wäre kein Zionist. Zionist ist nur der, der unerschütterlich an dem Ziel festhält und sein Letztes für seine Verwirklichung lnnzugeben bereit ist. Die Schicksalsfrage unseres Volkes ist nicht, ob der oder jener Machthaber uns günstig gesinnt sein wird, oder ob die oder jene momentane Konstellation uns günstig ist, sondern einzig und allein, ob unser Volk diese Kraft und Entschlossenheit aufbringen wird. Sie sollte ihm erwachsen aus den heiligen Gräbern von' Tel Chaj. R. W. Neue Demonstrationen in Jerusalem Die Reutermeldung Jerusalem, 5. April. (Reuter.) Wie amtlieh gemeldet wird, kamen bei einem ernsten Zusammenstoß zwischen Juden und Muselmanen am 4. April 188 Personen zu Schaden. Die Mehrzahl davon ist leicht verwundet. Die Zivil- und Militärbehörden haben die Lage fest in der Hand. Faisul kommt nicht nach Paris Paris, 28. März. (Wolff.) Nach'einer Meldüng aus Damaskus will Emir Faisul nicht nach Europa kommen, um mit dem Obersten Rat zu verhandeln, ehe er ais König von Syrien anerkannt wird, hat aber den General, Nurt Said zu Verhandlungen nach Paris entsandt. Sarah Thon London, 1. April. (Tel. der ״Jüdisehen Rundschau). Wie aus Jerusalem telegraphiert wird, .ist Sarah Thon dort am 27. März verschieden. Das Land verschlingt die Menschen, die jungen *die starken; die, die gekommen sind, das Land, das Volk zu erlösen. Die andern, die gekommen sind, um zu sterben, sie dürfen ihre Jahre auslebcn. Sarah Thon kam vor vielen Jahren mit ihrer Familie nach Palästina. Sie stammt wohl aus Galizien. Schon in frühester Jugend hat sic ihr Leben selber in die Hand nehmen müssen und sie hat (es genommen und hat es gezimmert mit eiserner Energie und Zielbewußtheit. Pläne, die sie einmal gefaßt hatte, mußten •dnrehgeführt werden und keine Enttäuschung, kein Hindernis konnte sie vereiteln. Ihr größtes Werk waren die Spitzenschulen. Mit ein paar Mädchen i» einem Zimmer fing sic än, Und als die ersten Spitzen׳ mit Erfolg in Europa verkauft worden waren, da setzte ihre rastlose' Arbeit ein. In Jaffa wurde cs bald ein großes Atelier, das gegen 70 Mädchen umfaßt••, es folgten in wenigen Jahren die Ateliers in Tiberias, Saffcd und Jerusalem. Immer wieder wurde ihr von Draußen her bedeutet, sie solle langsamer arbeiten, man könne nicht soviel Geld aufbringe.it, nun würde eines Tages alle Schulen schließen müssen, wenn sie in dem Tempo weiter arbeite. Aber Frau Thon kannte keine Einschränkung, nie war sie mit den Mitteln ausgekommen, die ihr zur Verfügung gestellt waren, ihr war alles noch zu klein, zu almoscnliaft, Sie träumte von einer großen Spitzenindustrie. Hunderte und Aberhunderte von Mädchen und Frauen sollten als Schulerinnen, dann als Heimarbeiterinnen Spitzen nähen und diese Spitzen sollten auf den Märkten Aegyptens, Anicrikas, Australiens mit den schönsten Spitzen der andern Völker konkurrieren. Sie arbeitete rastlos Jahre hindurch, schaffte Schülerinnen, Lehrerinnen, neue Entwürfe, sic wurde nicht müde an alle Welt nach׳ Geld zu schreiben und immer wieder schickte sie Spitzen nach Acgvpteo nach Amerika, nach Australien und nach vielen rinderen!Ländern in der Hoffnung, Absatzgebiete zu finden. Und •als eines Tages überhaupt kein Geld inehr da war, fuhr sie nach Europa, nach Paris, nach Deutschland, reiste von Stadt zu Stadt, erzälilte den Leuten immer wieder von ihren Plänen, bekam dann! auch etwas Geld, aber nicht annähernd so viel, daß sie ihre Pläne durchführen konnte. Und das war ein harter Schlag. Sie gab ihre Sculdcn ab, die sie im Auftrag des Frauenverbandcs geleitet hatte, ihr Kind, das gerade anfangen wollte zu wachsen. Sie behielt‘ nur ein Atelier übrig, das in Jerusalem, und im Kleinen; hat sie vollendet, was Ihr im Großen versagt geblieben war. Im öffentlichen ,Leben war sie d i e Frau, ohne Frau Thon wurde wohl kaum etwas angefangen oder vollendet, sic organisierte die Frauen, für soziale Arbeit, für Wahlreclitsfordernug und viele andere Dinge. Das Zusammenarbeiten mit ihr war nicht immer leicht, es kam meist darauf hinaus, daß sie dodi ihre Plhie durchsetzte, sie brach eben jeden Widerstand, ln Wirklichkeit arbeitete sie nicht zusammen mit den andern, sondern sie arbeitete allein, die andern dienten nur zur Vollendung ihrer Pläne. Sic fühlte wohl diese ihre Einsamkeit und litt unter ihr. Uiyd jetzt? Jetzt hat sie alles unerfüllt zurücklasscni müssen, sie schöpftu noch aus dem Vollen, wie nur ein, Mensch aus dem Vollen schöpfen kann, sie gebar noch Kinder, sie wollte noch — sie wollte nochi aber das L,and verschlang sie. Hadassah Calvary. v