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Jüdische Rundschau · 1920-03-09 · Heft 19 (9.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 19 (9.3.1920)
Date
1920-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KndaklMia und Varl■( W. »5, Suctoshch« Str. B. Krnthci«( jetle» OW.iaUf «ad Uatu^apraia t»«1 riet F.aprilitiun und des PiwUmtrrn viarUl}>hrii<^ 10 M. in Deut«d1l«nd, Aunlnndsnhonn*״ menU werdan «int W.*Hf«1nf d״r •inan<unn Linder beredinnt. Nummer 19 Berlin, 9. III. 1920 ך. 4 /O /7% f W\\! I! fr V V | 1 —~ \ V V״.'v A n?, c I v!׳ en-Ver Wallung: Welt-V.rUg. Berlin NW 7, Dorolhc« «*U.S• SS, T«)«ph»n: Ami Zeslrvat 4514 u. 4ÖIS. Aftitlfiipr*!■ für di• a«׳'k»ijr*palten• Nonpareillaanü« 1,50 M., ad 2t»>5־u TeuerunfusuBrihlng, A«1ei{ren1cblnSs Di״nntag •*di aacVtMntltag* 4 Uhr, Telepimn: Ami Uülanrf '4י und *4to. PoaUchedkktmto: Lkudm Nr. 17 :<93. Für 0׳-*t<n־*ih: Pontnpnrknn*ona>nt Wie«, Kr*•!« Nr. IS(» »HO, Für T«dherl1«»»law»kei: PosUpsrkansanamt 1ן«זי. Kwnt* Nr 1 Sh O K). Redaklmna^i+jitift Sonnt«? und Mittwmii nanhmUta**. 20. Adar 5680 XXV. Jahrg. Der ZS<mi«ro11» erstrebt für daa jüdische Volk die Schöffen*; ainor üffent5!c!*-r«äcütUcb geoicherSen Heimstatt׳» in Paläuttn*. ״Basoier Progrumu" Nach der A.-C.-Sitzung V011 Richard Lichtheim. Die Sitzung des Actious-Comitds in London ist vorüber und Beschlüsse sind gefaßt worden. Wir können in diesen! Augenblick nichts anderes wünschen, als daß die gefaßten Beschlüsse mit Schnelligkeit und Energie durchgeführt werden. Versuchen wir ohne Rhetorik festzustcllen, wo wir stehen und was nun geschehen muß: Die Teilnehmer ander Londoner Tagung haben wiederum von der politischen Tätigkeit Weizmamis und Sokolows den stärksten Eindruck empfangen. Diese beiden Männer haben in den verflossenen Jahren nicht nur das Menschenmögliche, sondern ganz Unerwartetes geleistet. Wenn man sich der Situation des Zionismus in der Zeit vor dem Kriege irinncrt, so muß es als ein ganz gewaltiger Erfolg bezeichnet werden, daß cs unserer politischen l'ührmig gelungen ist, der zionistischen Sache in der großen Itolitik Geltung zu verschaffen. Die Befriedigung hierüber hat nichts mit Kriecherei vor den Mächtigen der Welt zu tun und bedeutet ebensowenig die Preisgabe der sittlichen Ideen des Zionismus, wie manche unserer Literaturcthiker bc-!!aupten. Es ist nun einmal so, daß Palästina, ob wir es wünschen oder nicht, dem Imperialismus und der Handelspolitik der Mächte als eine ״Intervssensphäre“ erscheint. Wollen wir unsere Sache, die allerdings keine imperialistische, keine handelspolitische, sondern eine nationale ist, vorwärts bringen, so müssen wir mit den ,,realen Machttaktoren“ rechnen und mit ihnen verhandeln. Ja, es kann sein, daß die Seele der Maclitpolitiker (wie die Seele aller Menschen) Böses und Gutes, Niedriges und Hohes, Machtdrang und Menschlichkeit, ״Interesse“ und ״Idee“ in sich vereinigt, so daß eso aiVUl nur Vuiolänjnia für Jio wirtschaftliche Bedeutung der jüdischen Siedlung aufbringen, weil diese ihren eigenen ״realen Interessen“ in mancher Hinsicht entspricht, sondern daß sie aufrichtige Sympathie für die Bewegung selbst, für die natioualcn und kulturellen Ziele des Zionismus empfin- * den. Daß Weizmnim und Sokolow solche Empfinl düngen geweckt und im Kampf wie im Bunde I mit den ״Interessen“ die Anerkennung des Zionis- I mus durchgesetzt haben, ist ihr unsterbliches Verj dienst. Wieviel im einzelnen erreicht wurde, ist | der Ocffentlichkcit noch nicht bekanntgegeben worden, doch ist mit aller Bestimmtheit anzunehmen, daß im Friedensvertrag mit der Türkei der Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina grundsätzlich anerkannt und die künftige Mandatur- ן macht zur Förderung des Zionismus verpflichtet ו wird. Die Einzelheiten werden in einem Abkommen j zwischen der zionistischen Organisation und der j Mandataimacht geregelt werden. Vermutlich wer-! den die Rechte, weiche uns in Palästina cingeräumt werden, zunächst nur wenig von dem enthalten, was ein bereits bestehendes jüdisches Ge- | meinwesen au Rechten für sich beanspruchen könnte. Wenn aber dem erwarteten Abkommen der Wortglanz fehlt, wenn weder van einem jiij dischcn Staat, noch einem jüdischen Gouverneur, noch einem jüdischen Parlament die Rede sein wird, י*י soll dies unsere Befriedigung über das Er- , reichte nicht vermindern. Denn wir sind :ms darüber | *dar, daß es jetzt nicht so sehr auf die Festsetzung \ vou können ankommt, als vielmehr auf die | Möglichkeit zu schaffender Arbeit. Wir werden, I da die Juden noch nicht in Palästina sind, sondern; ״st dahin cinwandern sollen, auch in den nächsten Jahren noch nicht die Attribute eines selbständigen ,«״Unwesens beanspruchen können. Worauf es •'"kömmt, ist, daß die grundsätzliche Anerkennung unseres Rechtes auf Palästina ausgesprochen wird, 1 ״nd (laß die Mandatannacht aufrichtig, wohlwollend | 1׳nd hilfreich der jüdischen Einwanderung, Koloni- / וי־־(ioii, Städtegründung und Gemeinschaflsbildung I Seite steht. Einige Rechte besonderer Art j müssen freilich von vornherein fixiert werden, da- | ■nit die Arbeit aufgenommen und durchgeführt wer- 1 £en kann. Es ist notwendig, daß das internationale | Kapital gehindert wird, uns zuvorzukommen und j Positionen zu besetzen, die für den Wirtschaftsbau ן «« jüdischen Palästina erforderlich sind; wir müssen also eine Option auf Ausführung aller öffcntlidicn Arbeiten haben. Fenier muß die Grundbcsitzfrage in der Riclitung geregelt werden, daß der unproduktive Großgrundbesitz zur Auflösung gelangt, dam sonst können wir nicht die erstrebte intensive Kolonisation durchführen, ln beiden!,unkten wird das. erwartete Abkommen uns das Notwendige gewähren. Soweit sind wir politisch gekommen, und die Teilnehmer an der Londoner Sitzung haben aus den Mitteilungen Wetzmanns und Sokolows den Eindruck gewonnen, daß diese Männer der schweren Aufgabe, die sie auf sich' geladen haben, gewachsen sind. Es gab unendliche Schwierigkeiten zu überwinden, und jedes gerechte Urteil wird fcststcllen müssen, daß nicht nur guter Wille und Talent, nein, daß politische Meisterschaft dazu gehörte, den Zionismus dahin zu führen, wo er heute steht. Noch bereitet eine politische Sonderfrage, die Frage der Nordgrenze, einige Besorgnis. Es scheint, daß Frankreich seine Ansprüche auf Nordgaliläa noch immer nicht fallen lassen will. Herr Sokolow lut bei dem Präsidenten, der Republik, Herrn Dcschancl, vorgesprochen und ist kürzlich gemeinsam mit Herrn Dr. Weizntann vom französischen Ministerpräsidenten Herrn Millerand empfangen worden. Man daif annehmen, daß bei diesen Gelegenheiten unser Anspruch auf das ganze und ungeteilte Palästina vorgetragen worden ist. Baß das englische Interesse sich in diesem besonderen Falle mit den zionistischen Wünschen deckt, versteht sich von selbst. Die Anerkennung der Leistung Weizmanns und Sokolows kam auf der Londoner Sitzung deutlieh zum Ausdruck. Zwar versuchte eine kleine Gruppe unter Führung der Herren Kann, Marmorek, Jean Fischer noch einmal den völlig überlebten Gegensatz des ״politischen“ und des ״praktiachen“ Zionismus zur Geltung zu bringen Doch nach einer großen Rede Weizmanns verschwanden diese Differenzen aus der Diskussion. Während auf dem Gebiet der Politik in allem Wesentlichen Uebereinstimmung und Befriedigung herrschte, kam in den! Fragen der Kolonisation, der Finanzierung und der Organisation viel Gegensätzliches zutage. Bedenkliclier aber als der Gegensatz der Meinungen ist die Tatsache, daß auf diesen Gebieten von der Leitung bisher recht wenig geleistet worden ist. In weiten zionistischen Kreisen herrscht seit langem der Eindruck, daß das Palästina-Departement siel» seinen großen Aufgaben nicht gewachsen gezeigt hat. Es ist seit der Besetzung Palästinas durch die Eng- Länder und der Bildung dieses Departements auf wirtschaftlich-kolonisatorischem Gebiet so gut wie nichts geschehen. Der Einwand, daß unter dem militärischen Okkupationsregime nichts geschehen konnte, wirkt keineswegs überzeugend. Jedenfalls besteht in Palästina und außerhalb Palästinas der Eindruck, daß die zuerst nach Palästina entsandte Kommission ihrer Aufgabe nicht gewachsen war und daß von London aus keine Anregung, kein Plan, keine Förderung kam. Was man bisher vom Londoner Palästina-Departement hörte, waren hörlist allgemein gehaltene Meinungsäußerungen über die künftig einzuschlagendeit^J/egc der Kolonisation. Das Referat Julius Simons mußte den Eindruck verstärken, daß dieses Departement mangels klarer Richtlinien zu keinem einheitlichen Kolonisationsplan gelangen konnte und auch die Voraussetzungen und Erfordernisse der Kolonisa■ tion nicht richtig cinschätzt. Insbesondere sah sich Herr Dr. Ruppin deshalb veranlaßt, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß alle unsere früiiercn Berechnungen durch die Wirtschaftscntwicklung in Europa über den Haufen geworfen sind. In dem Referat Julius Simons handelte es sich weniger um Kolonisation als um Bankgriiudungci» lind sonstige Finanz-Institute, die gegen sichere Unterlagen an kreditwürdig« Leute Kredite gewähren sollen. Wer angesichts der Lag« in Ost- und Mitteleuropa in der Erörterung solcher Kreditinstitutsfragen die Vorbereitung der Kolonisation erblickt, hat offenbar keinen Sinn für wirtschaftiiche Tatsachen. Palästina muß jetzt durch‘ eine gewaltige Anstrengung der gesamten Judenheit erschlossen und besiedelt werden, nsn Hun* derte von Millionen erforderlich sind. Früher konnte man damit rechnen, daß ein erheblicher Teil der nötigen Summen aus Ost- und Mitteleuropa von Leuten mit etwas Vermögen zur Verwendung im eigenen landwirtschaftlichen oder industriellen Betriebe aufgebracht werden würde. Für absehbare Zeit ist hiermit nicht zu rechnen. Privates Kapital stellt heute mir seitens industrieller Unternehmer zur Verfügung, die zwar durch Schaffung von Arbeitsgelegenheiten der Gesamtheit Nutzen bringen können, zunächst aber ihren eigenen Nutzen im Auge haben und die eigentliche Kolonisation, vor allen! die landwirtschaftliche, nidit wesentlid! fördern werden. Fast die gesamte zur Kolonisation crforderlidie Kapitalssumme liuiß von der Gemeinschaft f.ür die Gemeinschaff in Palästina investiert werden. Damm befand sid! die Mehrheit der jetzt in London versammelten Actioiis-Goinite-Mitgliedcr auf dem rid!- tigen Weg, als sie der Meinung Ausdruck gaben, daß zunächst ein großer Fonds geschaffen werden müsse, um die Erschließung■ Palästinas, die An- Setzung von Kolonisten in die Wege zu leiten. Dabei handelt es sich keineswegs um Geld, da;; ä ßouds perdu gegeben werden soll. Das Geld wird sich rentieren, aber nidit für den Einzelnen, der cs gibt und nicht für eine dividendenbringende Gesell* schaff. Es wird sid! rentieren für die Gesamtheit der Nation, deren Kräfte es frcimachen soll. Es sind Beschlüsse gefaßt worden, um Vorbereitungen für die Aufbringung eines ganz großen Fonds von 25 Millionen Pfund zu treffen. Wir wollen wütisdien, daß die gefaßten Beschlüsse schleunigst verwirklidit werden. Die für unsere kolonisatorisch«! und finanziellen Angelegenheiten verantwortlichen Stellen der Londoner Leitung haben bisher, wie mit Bedauern fcstgcstellt werden mußte, allzu geringe Aktivität gezeigt. Sind doch nicht einmal die viel kleineren Summen beschafft worden, deren Aufbringung im vorigen Jahre!1! London beschlossen wurde. Damals hieß cs, daß unverzüglich das Kapital der Jüdischen Kok>nial-Bank auf 2 Millionen Pfund, das Kapital der Angk>-Palestine Co. auf 1 Million Pfund erhöht weiden sollte. Diese Finanz- Operation durdizufiiliren, mußte weit leichter sein als die Aufbringung des jetzt geplanten Fonds. Leider ist auf jene früheren Beschlüsse gar nichts erfolgt. Die Aufbringung der zur Kolonisation nötigen Mittel ist natürlich in erster Linie von der Haltung des amerikanischen Judentums abhängig. Die amerikanisdten Zionisten sind noch nicht so in de« Rahmen der Gesamtorganisation ein gefügt, wie es im Interesse der Bewegung nötig gewesen wäre. Darin liegt der stärkste Mangel unserer Orga11i.su• tion, der von Dr. Hantke, wie aus seinem Referat in London hervorgeht, deutlich erkannt worden ist. Wir wollen hoffen, daß es Dr. Hantkes Energie gelingt, die persönlichen und sachlichen Widerstände zu überwinden und dem Organisations-Departement, das bisher nur auf dem Papier bestand, Leben cinzuflößen. Die amerikanischen Zionisten müssen sich entschließen, Vertreter in die oberste Leitung der Organisation zu entsenden, sonst bricht die Organisation auseinander. Der Zionismus verlangt einheitliche Führung, und die Verwirklichung des jetzt aufgcstellten großes Finanzprogramms ist davon abhängig, daß die Leitung in London mit der amerikanischen Organisation eng zusammenarbeitet. Wenn im Juli die Jahreskonferenz zusammentritt, so wird sie hoffentlich einen bedeutenden Fortschritt feststellen können. Auf den! rein poiitisehen Gebiet haben wir anscheinend die größten Hindernisse überwunden. Die Tore Palästina« werden, wenn das Mandat an England erteilt ist, der jüdischen Einwanderung offen stehen. Wie groß diese Einwanderung sein wird, vermag heute niemand zu sagen. Die Ziffern des Herrn Dr. Ruppin, auf die ich mich in meinem Palästina- Referat vom vorletzten Delcgiertentag stützte, gelten in London angesichts der Wirtschaf tsverhältnisse in Palästina selbst und angesichts der Valuta- Verhältnisse in Osteuropa als maximalistisch. Um nur das Allcmötigste מ! schaffen, d. h. schon in den nächsten Monaten eine Einwanderung einiger lausend Menschen zu ermöglichen, Unterkunft«-

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