Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Zloniutttu» erstrebt für des jüdisch« Volk die ScfaaMnci.j einer üffeatläch-rsclitltct» £«alch*rt*B Heimstatt« In Palästina. ״Baseler Projjrai Die Juden als Nation Die tschechoslowakische Republik, an deren Spitze der weithin bekannte edle Menschenfreund mul Philosoph, Professor Masaryk steht, ist der erste Staat in Mitteleuropa, der die jüdische Nalionaiitiit offiziell mul ausdrücklich anerkannt hat. Damit Ist ein Ziel erreicht worden, das seit vielen Jahren von der jüdisch-nationalen Politik im früheren Oesterreich und nunmehr in den diversen österreichischen Sukzessionsstaaten angestrebt wurde. Dieser politische Erfolg ist nicht mir das Resultat der rastlosen Aufklärungsarbeit unserer Oesinmtngsgenossen in der Tschechoslowakei, sondern auch eine Folge der Politik des Komitees der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz und der vereinten Bemühungen der politischen Führer aller prominenten Bruchteile des jüdischen Volkes. Diese Italitik ist von der Zionistischen Organisation seinerzeit initiiert worden, und das Große Actions-Comite hat sie jetzt eben einstimmig gutgeheißen und sanktioniert. Die Tschechoslowakei ist insofern der cigcnt-!ichc Erbe Oesterreichs, als sie gleichfalls ein Nationalitätenstaat ist, dessen herrschende Nation nicht die absolute Majorität der Bevölkerung bildet. Das eigene Interesse gebietet dem neuen Staat, «eine innere Politik auf anderen Grundlagen auf- .־uboucii als Oesterreich. Die Tschechoslowakei kann nur dann bestehen und zur Blüte gelangen, wenn alle ihre Völker sich heimisch und glücklich fühlen und am Wohl des Staates initarbciten. Daher darf cs keine Unterdrückung geben, die Unzufricdenheit und Konfliktstoff erzeugt. Die jüdische Delegation in Paris hat durch ihre unermüdliche Arbeit die Festsetzung des Minoritätenschutzes durchgescl/t, welcher nicht nur den Juden, sondern auch den anderen Minderheiten, beispielsweise den Deutschen in der Tschechoslowakei, zugute kommt. Durch diese politische Ncuschöpfung wurde aber auch das eigene Interesse des Staates gefördert. Die tschechoslowakische Republik ist jedenfalls von allen neuen Staaten derjenige, der die internationale Verpflichtung des Minoritätenschutzes am loyalsten irfilllt hat. Ihre korrekte Stellungnahme kann auf die Haltung der anderen Staaten nicht ohne Einiäiß bleiben. Die Existenz der jüdischen Nation ist eine Tatsache, die durch die jüdische Bewegung und durch die im Judentum zutage getretenen vitalen schöpferischen Kräfte hinreichend erwiesen ist. Wir wissen, daß wir leben und bedürfen dazu keiner Anerkennung. Die jüdische Nation wird durch die Anerkennung nicht geschaffen; es wird aber ein unerträglicher Zustand beseitigt, der das gesamte öffentliche Leben verlogen und unmoralisch gemacht und die Juden politisch korrumpiert hat. Im alten Oesterreich war die jüdische Nation nicht anerkannt; man zwang den galizischcn Juden, der mir jidisch sprach, bei der Volkszählung sich als l»lniscl! oder deutsch zu bekennen und auf die wahrheitsgemäße Angabe der jidischen Umgangs- ■'pradie wurden schwere Strafen gesetzt. Es war eine der gröbsten Roheiten skrupelloser Machtpolitik, daß die Juden, von deren Gemeinschaft im sozialen Leben weder die Polen noch die Deutscheu etwas wissen wollten, und die von diesen Völkern niemals als wirklich Zugehörige betrachtet wurden, als Werkzeuge benützt wurden, um mit Hilfe der auf diese Weise gefälschten Statistik den Einfluß der herrschenden Nation zu vergrößern. Selbstverständlich blieb diese Politik auch für die Juden nicht ohne Folgen, da sic auf diese Weise stets das Kampfobjekt nationaler Machtgier anderer Völker wurden. Ganz ähnlich war die Situation der Juden zwischen Deutschen und Tschechen in ,'ölimen. Und als die Tschechen die Slowakei besetzten, fanden sie dort eine magyarisierte jüdiscire Schicht, welche von der ungarischen Herrennattan dazu erzogen worden war, ungarischen 1:1tercssen zu dienen. Die Tschechen haben den slowakischen Juden ihre magyarische Gefolgschaft sehr übel genommen; cs schien jedoch, daß auch sie das Wesen des Problems verkennen und an die Juden jetzt das groteske Ansinnen stellen, sie mögen sich statt zur magyarischen nunmehr zur slowakischen Nation bekennen. In dieser Richtung haben gewisse Verfügungen tschechischer Verwal- I tungsbehörden lebhaftes Befremden hervorgerufen. ,Auch die Tschechen haben eben anfangs nicht verstanden, daß die unglückselige magyarische Assimilation nur eine Folge der Tatsache ist, daß den Juden keine Möglichkeit gegeben war, sich zu ihrer eigenen Nation zu bekennen und als Juden politisch und kulturell zu betätigen. Nur wenige frei- und weitdenkende Männer haben diese Zusainmenhängc erkannt, unter ihnen vor allem Masaryk selbst und sein Schüler, der Minister des Acußeren, Dr. Bencsch. Man darf wohl annehmen, daß der Standpunkt der Verfassungsurkuude im wesentlichen dem Einfluß dieser Männer zu danken ist. Die negative Formel der Interpretation entspricht durchaus den Forderungen der jüdisch-natioualcn Partei. Der Sinn dieser Forderung ist zunächst ein moralischer: In der neuen demokratischen Republik soll kein Mensch zur Lüge und zur Falschmeldung gezwungen werden. Die positive Bedeutung der Anerkennung liegt darin, daß der jüdischen Minorität nunmehr auch alle diejenigen Rechte staatsrechtlich garantiert sind, welche nach dem Minoritätenvertrag jeder nationalen Minorität zukomnien. Insbesondere bezieht sich das auf die Schaffung eines jüdischen Schulwesens, das bereits kurz zuvor in der tschecliischcn Nationalversammlung beschlossen wurde. Die Scliulfordcrung ist der wichtigste praktische Punkt unseres politischen Programms. Erst wenn wir wieder eine Generation von charakterfesten, innerlich gefestigten, aufrechten jüdischen Menschen haben werden, die nicht stets nach dem Fremden schielen und ihr eigenes Ich für jedes Linsengericht preiszugebeii bereit sind, dann wird in wahrem Sinn von jüdischer Gleichberechtigung die Rede sein können. Nur eine Gleichberechtigung, die nicht Preisgabe oder Verstecken des Judentums zur Bedingung macht, verdient wirklich diesen Namen. Der § 128 der tschechoslowakischen;Verfassung spricht den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Volkszugehörigkeit, Religion und Rasse .aus. In der Praxis wird dieser Paragraph sich besonders an jenen Staatsbürgern zu bewähren haben, die sich offen und ganz zum jüdischen Volke bekennen. Denn die jüdische Minorität umfaßt nur diejenigen Juden, die sich zur jüdischen Nation 1k•- kennen. Niemals haben die Jüdischnationnlen im Sinne gehabt, alle Juden zu diesem Bekenntnis zu zwingen. Wer cs vorzieht, sich einer anderen Nation anz.uschüeßen, dem steht dieser Weg offen; freilich verhehlen wir nicht, daß wir ihn für moralisch höchst bedenklich halten. Aber die Angst der Assimilantcn ist unbegründet. Wenn die ״tschecliischcn Juden“ nach dem Bekanntwerden der Resolution Krejci über das jüdische Schulwesen es für nötig gehalten haben, einen Kommentar durch die Presse zu lancieren, daß diese Bestimmung jenen jüdischen Bürgern, welche sich zum tschecliischcn Volk melden, die tschechische Nationalität nicht aberkennt und nur dem Postulat des zionistischen Teiles der Ju<!enhcit6tatt;:’ibf, so sprechen sie damit nur eine Selbstverständlichkeit aus. Zur Ausübung der Minoritätsrechte ist es jedoch notwendig, daß sich die jüdische Nation in irgendeiner Form auf demokratischer Basis konstituiert. Vielleicht werden auch jetzt manche fcrnblciben, aus Ucberhcbung oder aus Furcht, oder manche auch aus Ueberzeugung. Für die Entscheidung darf aber keine taktische Erwägung und keine vergleichende Wertung der zur Auswahl stehenden Völker maßgebend sein, sondern lediglich die Wahrheit und die Selbstbesinnung. Die Juden des tschechoslowakischen Staates werden jetzt zu beweisen haben, ob sic bereits jene Flöhe nationaler Denkungsart erklommen haben, welche der Präsident ihres Staates bekundete, als er einmal sagte; ״Ich habe cs nicht nötig, andere Völker zu verkleinern, um meines dadurch zu erheben. Ich erkenne auch die Fehler anderer Völker, aber die brennen mich nicht so wie die Fehler meines Volkes. Ich anerkenne gern die Vorzüge anderer Völker, aber das hat auf mein nationales Empfinden keinen Einfluß.“ R. W. V •' ..-.. ' Die jüdische Nationalität in der tschechoslowakischen Verfassnng Der Wortlaut der Anerkennung Die Anerkennung der jüdischen. Nationalität durch die neue Verfassung des tschechoslowakischen Staates, über die wir in der letzten Nummer der ,Jüdischem Rundschau“ bereits berichtet haben, ist in folgender Form erfolgt: 1111 Molivenbericht zu der Regierungsvorlage, dte von der Na'.tanalvcrsainmiung angenommen wurde, heißt cs: Die Bcstimmmgeu des sechsten Abschnittes der Vcrfasnutigsurkunde sind die innerstaatliche Durchführung internationaler Verpflichtungen, die unserer Republik nulerUy.t wurden. Von einer Aufzählung der naii.malen Minoritäten in der Vcrfassttiigsurkundc ist abgesehen worden. Es wird nur darauf aufmerksatn gemacht, daß die Juden der tschecl»08knvak׳ischeu Republik nicht gezwungen sind, sich bei Volkszählungen, Wahlen und anderen politischen Und amtlichen Handlungen sowie bezüglich der in dem internationalen Minoritätenvertrag angeführten kultttrclkn Institutionen (Erziehung, religiöse Handlungcn, soziale Fürsorge) zu einer anderen cfhui sch cn nationalen Minderheit zu bekennen, als zur jüdischen, ungeachtet dessen, welcher Umgangssprache sie sich bedienen. Der § 128 spricht die volle Glciehlitit aller Staatsbürger vor dern Gesetze aus, and» wenn sie nicht der tschechoslowakischen Nation angeboren, Und sichert ihnen den Genuß gleicher bürgerlicher und politischer Rechte, Es ist das eine Folge der in de« §§ 10!» und 124 ausgesprochenen Grundsätze. Die Verfassungsurkuude zählt die na t tonale» Minoritäten nicht auf, denn sie müßte daiui auch wissenschaftlich ungeklärte Fragen lösen. Ist doch selbst der Begriff ״Nation״ bisher nicht genau definiert, (Besonders nachdrücklich hat Slonimsky im ״Vcstnik Evropy“, Jahrgang 1889, auf die Schwierigkeiten einer solchen Definition hingewiesen,) Ungeklärt ist z. B. die Frage, ob die Ju' rt-'0 WVin •י״״י—ו '•י״־ »,ie Vcrtassungsurkunde . cuf Rasse, Sprache c!יי י. •'׳■' ׳ . . , religkm) übernimmt, »! ־» ■ - .!.! ..!!׳.- sich zu entscheiden, worin er das Kennzeichen der Nationalität erblickt und sich frei danach zu entschließen. Sicht also jemand die Juden ats eigene' Nation an, 90 ist er berechtigt, sich national als Jude zu erklären, selbst wenn er z. B. in refig i ö s c r 11 i!1 s i c 111 konfessionslos und dabei tschechischer, deutscher usw. Muttersprache wäre. Die Jude« sind also nicht genötigt, sich bei Volkszälrlungcn, Waiden u. a. zu einer anderen ethuisclien nationalen Minorität zu bekennen, als zur jüdischen. Ein Jahrestag Am 27. Februar war ein Jahr seit jenem historischen Tag vergangen, an welchem die Vertreter des jüdischen Volkes vor der Friedenskonferenz unsere Forderungen vorgetragen haben. Die Friedenskonferenz hat nach Anhörung der Darlegungen Sokolovvs, Weizmanns und Ussischkins sowie des Professors Silvain Levi übercinstimmcnd kundgegeben, daß die jüdisclten Forderungen erfüllt werden und Palästina die nationale Heimstatte des jüdischen Volkes werden soll, Weiche ungcheueren Schwierigkeiten und Widerstände zu überwinden waren, bevor dieser Erfolg erreicht wurde, hat gerade vor einigen Tagen Weizmann dem Actions-Comite berichtet. Die entscheidende Sitzung der Friedenskonferenz hat der ganzen Ocffcntlichkcit, welche die Vorver• liandlungcn nicht kannte, die Tragik der Situation deutlieh demonstriert■, selbst in dieser feierlichen Stunde drängte sich der jüdische Widersacher zwischen die Volksvertreter und die Weltvertreter; ein Jude, 11er niemals zuvor als Politiker aufgetreten und der seitdem spurlos von der politischen Bild fläche verschwunden ist, hat die traurige Rolle übernommen, jüdische Interessen in den Dienst fremder Mächte zu stellen. Mit diesem Widersacher in tausendfacher Gestalt hatte das jüdische Volk immer wieder zu kämpfe«. Nunmehr aber — so hoffen wir — ist es seiner f#r immer Herr geworden. In dem verflossenen Jahre ist unsere politische Sache nicht wesentlich wcitcrgckominen. 14er Friede mit der Türkei ist erst im Anfangsstadiuin der Vorhandlung und das Schicksal Palästinas ist noch nicht vertraglieh festgclegt. Wir wissen, daß die Verzögerung Grunde liat, die mit unserer Sache nichts zu tun haben. Trotzdem I.idet das jüdische Volk schwer unter dem Zwang des Wartens. Wir sind heute noch nicht in der Stimmung, Feste zu feiern. Aber wir können den 27. Februar nicJit vorübergehen lassen, ohne uns zu erinnern, welcher bedeutungsvolle Sch iit zur Verwirklichung unserer Idee ״«r einem Jahre getan wurde und jenen Männern zu danken, deren unermüdlicher Arbeit für ihr Volk die9er Erfolg zu danken ist. j ,