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Jüdische Rundschau · 1920-02-20 · Heft 14 (20.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 14 (20.2.1920)
Date
1920-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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p/ \^יל ^ftdakttoa und Verlag W. 15, S«ch»Ud16 Sir. 8. Krach«iot jede■ Dinn»ug und FreiUg. ßexugtnreia bei der Eipetiiliot» und d0״ I'nxl5mt*־rn vi«1teIjahrHr}1 10 M. in DaitUdtUnd, At!a1«mU«b‘*t1r»e• mc<«U werden in der Währung der •!meinen Länder berechnet. . . s An/. cK'cn-Ve rwaitun^: Nummer 14 Berlin, 20. II. 1920 Welt *Verlag, Berlin NW 1, Dor«>the*n*tr*U« 35. TelepSion: Ami Zentrum 4HI4 11. 4815. Anaeigcnprets für die aeehe^eipaiUa• Nonpareille•«{(« 1,50 M.t und 2ü% T«uwrung«Ku9uhIag, A»x*l£e»*cMutt: Di*»*leg und Freitag uacHmUtags 4 Uhr. Telephon: Amt Ubland?145 und Biö. P»ttarb*ckkeatol Berlin Nr. 1719t, pur 0י•*! 5 נ4\1«זז»1«י׳ t ■יין fka**en#”tt Wien, Kenia Nr. ISMllO. tur Tisdrt^dhrviUwak•*•. l’olUptrkattrnamt Pr*f. Ko»t« Nr. 1 Sh 010. Redaktion• *<4tl\1Q Sonntag und MiUwn 4» nachmittag«. 1. Adar 56S0 I XXV. Jahrg. ...... . w a» r Zionismus erstrebt für da» jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich ^eiichcttoa Heimstatt» In PalilstlnK. ״Baseler Programm“ Vorspanndienste Die gesamk KtiUitrwelt ist über die Judenmn.vs/ilaws die sich in der Ukraine 'abgespielt linln'ii, cuiset/t. i>ie Welt kennt die schrecklichen Ziffern der Opfer dieser tierischen Ausschreitungen, sie kennt die Einzelheiten, die zeigen, wessen die Bestie hu Maischen 3111 20. Jahrhundert fällig ist. Und sie weill, wer der Schuldige an diesen Pogromen ist. Oie sogenannte FrciwilJigeiiarniee Dcuikins, die Katnpftruppe gegen den mssisciien Bolschewisums luit den roten Terror durch den weißen er- .1et/t und hat im Blut der ermordeten Juden den Uolschewismus ertränken zu können geglaubt. Nieiiuuid auf der Welt glaubt heute daran, daß Koitüdiak und Denikin etwa die Vcrtfcter eines freien, demokratischen Rußlands seien: es ist die Despotie von rechts, die Wiederkehr des Zarismus in sehend• luheter iicstu.lt als je. Diese Dinge sind in allen Ländern der Entente längst bekannt und die ji'1di..che Welt hat ihre Wahrheit am eigenen Leib zu sputen bekommen, 111 Deutschland hat man diesem Vorgänge — es handelte sich ja nur um etwa 35 Uüü ermordeter Menschen —, keine besondere Bedenitmg beigomessen. Herr Hans Vorst, der russisehe Sachverständige des ^,Berliner Tageblatts“, schrieb zwar Artikel auf Artikel gegen den Bolschcwisiuiis, aber hielt es nicht für notwendig, zu zeigen, welches Grauen die Uobcrwindung des Bolschewismus für die jüdische Bevölkerung Rußlands bedeutet. Er hat bis zuletzt versucht, Kolt- »ebnk und Denikin als die Vertreter echter Demokratie hiuzustellen. l>ic Wahrheit dringt nur langsam ans Tages-, Mclit. Paul Nathan hat sich das Verdienst erwwrfxm, im ״Berliner Tageblatt“ endlich einmal die Tatsachen über die ukrainischen Pogrome, die m der übrigen Welt längst bekannt waren, zusamnrenzustelleu und sic der Ücffentlichkeit niitzu-!jeden. Paul Nathan stellt eindeutig fest, daß die Hauptschuld an allen Pogromen Denikin und seine Bai!den tragen. Er berichtet von der Liga zur Auswtiung der Juden und spricht von dem staatlich bürokratischen System, in das Denikin die Pogrome zu bringen wußte. Es ist verdienstvoll, diese Tatsachen in der Oeffcntlichkcit einmal festgestcllt zu haben. Aber Paul Nathan hat es leider nicht genügt, die schreck- Uchea Untaten zu verzeichnen und gegen sie zum Protest aufzuntfen. Er hat cs fertig gebracht, das Gemetzel an den unglücklichen Juden der Ukraine für eine Hetze gegen die Entente Und für deutschnationale Politik aiiszusclilachten. Er hat damit t*n1c<ut bewiesen, ,daß er keinen Anspruch darauf machen kann, als jüdischer Politiker gewertet zu werden. Das jüdische Volk aber muß es sich verbitten, als Vorspann für fremdnationale Ziele Verwendet zu werden. Aus dem Blut der ukrainischen Juda! folgt nur, daß die Zukunft des jüdischen Volkes gesichert werden muß, aber nicht — was Paul Nathan zu beweisen sucht —, daß die Entente Deutschland gegenüber eine falsche Politik treibt. Wir zweifeln nicht, daß es Pani Nathan durch seinen Artikel gelungen ist, das Mißtrauen des Weltjudentums gegen die deutschen Juden um ein Bedeutendes zu vermehren, in der Tat, man faßt sich an den Kopf, wenn tnan den Schlußteil von Nathans Artikel liest, nachdem man vorher von den Denikinschcn Pogromen gelesen fiat. ״England und Frankreich werden diesen Wirrwarr niemals allein meistern, und wenn die europäischen Sieger Verantwortiichkeifsgefülil Koch besitzen, so müssen sie erkennen, daß ohne die Hilfe Deutschlands der europäische Zusammenbruch unabwendbar ist.“ Dis etwa ist die Quintessenz. Also, warn man den Friedensvertrag mH Deutsch- Lmd revidiert, dann wird sich das Los der ukrainisehen Juden ändern? Was diese beiden Dinge miteinander zu tun haben, wird wohl kein Leser des ״Berliner Tageblatts“ begriffen haben. Eine Bemerkung sei aber zum Schluß noch gemacht. Wenn hier die Schuldfrage aufgcrollt wird, wenn gefragt wird, wie das Völkcrciiaos des Ostens entstanden ist, dann muß in aller Ehrlichkeit gesagt werden: das ist Schuld ausschließlich Öer deutschen Kriegspolitik im Osten. Deutsche Politik war es, alle Nationalitäten gegeneinander auszuspielen: Polen gegen Litauer und l\>!en gegen Juden, Ukrainer gegen Russen und Russen und Ukrainer gegen Juden. Die Saat ist herrlich;urigegangen 11nd die Pogrome sind nur eine‘wenn auch die schrecklichste Folge dieser verbrecherischen Politik. Paul Nathan bestreitet Wilson, Lloyd George und Clcmenccau die Fähigkeiten, eine neue Welt zu erbauen. Vielleicht bat er recht; 1 Knitschland aber bat zur Genüge den Beweis erbracht, daß es fällig war, eine Welt Von Grund auf ׳zu zerstören. F. L. Die Fortsetzung der A.־C-Sitzung Die Generaldebatte. Die zweite Sitzung wurde *inrihiniU.igs unter Au sselilnli aller nicht dem Actions-Gomitc selbst äugeliöremleii Mitglieder eröffnet. Es wurde de Frage der Zulassung der nicht dem Actions-Comitc äugeliöiemleii Fcderationsdelegierten und der Gäste verhandelt. Nach einer Debatte an welcher die Herren Jaeobus Kann, Jean Fischer, Leo Mot 2k in, Dr. Bodenheim er und Dr. Hantke tcilnahmen, wurde beschlossen, für die weiteren Sitzungen nur die Delegierteil der Föderationen, die (ungeladenen Experten und die leitenden Sekretäre zuzulasscn. Nach Wiedereinführung dieser durch den Beschluß zugelassenen Personen wurde die Generaldebatte eröffnet. ׳ ln der Generaldebatte sprachen ־zunächst die Herren Jaeobus Kann, Jean Fischer, Dr. Fr j ede mann und Dr. Alexander Marmorek, welche kritische Bemerkungen zu den zionistischen Vorschlägen für das Pa tä s t ina -Ma nd a t machten. Herr Kann bcschäbigtc sich außerdem mit Beobachtungen und Erfahrnngcn auf seiner letzten Reise durch Palästina. Herr Dr. Marmorek brachte eine allgemeine Kritik gegen die Führung der zionistischen Politik vor und äußerte inxlK'somJere d־׳■ Ansicht, «laß die Leitung nicht alles Notwendige getan habe, um außerhalb der Bewegung sichende Kreise für die Mitarbeit hcranztzzichen. Die Redner betonten die Notwendigkeit guter Beziehungen zu den Arabern. Herr Dr. Wcizmanir antwortete auf die vorgebracüiten Argumente in einer ausführlichen mit außerordentlichen! Beifall angenommenen Rede, in welcher er die Vcrltältnisse darstellte, unter welchen die zionistische Leitung ihre politische Arbeit während des Krieges nufgenomincn und durchgcfüiirt hat, und darstellte, was das Erreichte zu bedeuten hat. Er bc» schädigte sich ausführlich auch mit dem Verhältnis zutn arabischen Volk und seinen Führern und verwies hierbei auf die Grundsätze, die seine und seiner Kollegen IVilitik von Anfang an geleitet haben mal die in Tat und Wort ־zum Ausdruck gekommen sind. Herr Dr. Wei/mann zeigte, weiche Bedeutung der politische Rahmen gv wiuuen wird, den der Friedens vertrag schaffen soll, wenu er durch die ziclbewuüte Arbeit der Zionistischen Organisation und des jüdischen Volkes ausgcfüllt wird. Die dritte Sitzung, 12. Februar vormittags, an welcher die inzwischen ein;.•;;•offenen Herfen Ing. Stricker, Adolf Boch nt und P;«f. O r n s t c i n teiinahmen, wurde durch Herrn Sokolow eröffnet, welcher seinerseits auf verschiedene Funkte in den Reden der Herren;Marmorek, Fischer und Kann einging und im besonderen darlegie, in welcher Weise die Leitung außerhalb des Zionismus stellende jüdisdz-c Kräfte für die Mitarbeit gewonnen hat. Hierbei charakterisierte er die politisehen Schwierigkeiten, mit welchen in der Vergangenheit und in der Gegenwart gerechnet werden muß und welche im Auge behalten werden müssen, wenn ein rechtes Verhältnis zwischen den Forderungen und den Vmvirklichungsmögüchkeitcn helgestellt werden soll, im Schlußteil seiner Rede sprach Herr Sokolow über das Verhältnis der palästinensischen Frage zum gesamten jüdi selten Problem und zeigte, daß cs notwendig ist, den Zio 11 ismtis inscincr Be Ziehung zum gesamten jüdischen Problem zu erfassen und zu behandeln. Hierauf sprach Herr Dr. Boden 11 cimer den Führern dem Dank für die von ihnen geleistete Arbeit und die erreichte Erfolge aus, durch die sie sich als würdige Nachfolger Herzte erwiesen hätten. Er konstatierte, daß die zionistischen Vorschläge durchaus die Foidenmg de» Basler Pro• grammx enthalten und inhaltlich mehr enthalten als selbst die zur Zeit Herz!» konkret ausgearbeitete« Pro jektc. Er sprach den Wunsch aus, daß die Zionisten aller Länder möglichst schnell die Möglichkeit erhalten, intensiv in Palästina au der Arbeit tcitzundimcn. Soweit die uns bisher vorliegenden offiziellen Berichte über die Actions-OomiQ-Sitzung. Wie wir bei Redaktiomschhrß durch ein Privattetegra mm erfahren, endete die politische Debatte nach einer nette■ Rede Weizmtnai mit einem einstimmig angenommenen Vortraiuesmjotuui Sr die Politik der Leitung. Die deutsche Agudas Jisroel ln Uirem letzten Leitartikel int ״Israelit'1 verwaist sieh die Agudas Jisroel dagegen, daß *sr ixx-l; immer der Verdacht des Deutschtums aniuftet. Sie betont, Sic habe mit dem Deutschtum genau soviel oder wenig zu tun, wie der Zionismus, der seine Entstehung und geistige Kraft aiidt deutschem Kulturkreise danke und das Märchen von der deutschen Agudas Jisroel an ebensosehr aus durchsichtigen politischen Zwecke*! a iunden worden, wie das Märchen vom ״slaatsgefals■ liehen“ Zionismus. Wir wollen davon abschen, fcst/ustcllcn, daß in/ni in der Orthodoxie dem Argument von der Staatsgcführiichkeit des Zionismus nicht immer so gegenüberstand, wie heute. Es ist vielleicht and! nicht so bedeutsam, darauf huuuwciücn, daß der Zionismus keineswegs ausscblicli fiel! deutschem Kultiirkreis entstamme. I)er llinwei; auf Pin s k er mul Lilien bl tim , auf A chad U a.־n« und Bub er und auf die modernen zionistisch-soziaüstisehen 'Anschauungen zeigen das evident. Aber wichtiger ist die Verwahrung der Agudoh gegen ihren deutsehen Charakter. Wenn die Agudoh mit ihrer V«• Wahrung icststdlen wollte, daß sie ihre Politik nur aus ihren jüdischen Ucberzeugung«! zu treiben gewillt ist, so mag dem so sein, obschon die orthodoxe Politik tu Polen während der deutschen Okkupation nicht ganz rein von dem Ansdieiu war, als verfechte sie mindestens . so gut deutsche wie jüdische Interessen.• Aber die Agudas Jisroel ist deutsch in einem ganz anderen Sinnt Sie ist entstanden aus der ganz eigenartigen Situation der 'deutschen Orthodoxie. Fern vom wahrhaften 1.01x11 des jüdischen Volkes, in dner Welt v«1 Zeremonien, ile den Zusammenhang mit dem jüdische« Gemeinsdiaftsleben und mit der lebendige« Hoffnung auf Erez Israel verloren hat 1u1d vor allem ohne Gefühl für dieses Manko, Ohne Gefühl dafür, ilaß der Orthodoxe der deut• echon A!;wk>h ganz ebenso den Weg zun» ji'idtsdtcn Volk zurückfinden muß, wie ־wir westjudisehen Zionisten es müssen^ wird <tj> A:,1־׳l:1s Jisroel in der jüdischen Wett immer als etwas Gekünsteltes, Totes, als eine ״Ortltodoxic“ erscheinen, die ilircm innersten Wesen nach ein tief imjüdischcr Begriff ist. Es ist kein Zufall, wenn Zum Beispiel im ukrainisclicti Vorparlament Ortbodoxie Und Zionismus einheitlich vorgehe« konnten. Dort ist jüdisches Volksleben vorhamlcn; die orthodoxe« Gruppen Werden Von demselben nationalen Strom gespeist, von dem sich die bewußt nationale« Gruppen getragen fühlen. Die deutsche Orthodoxie aller bewegt sidi nur zu oft ln den Gedankcngängcn der liberale» Assimi'anz. iXuari kann auch nichts;indem, wenn sie uns zeigt, daß sich Maimonidcs zur Auslicfcmngsfrnge geäußert 11.it iind daß es auch in der Bibel die Revision eines Friedensvertrages gegeben hat. Zur ortlxxloxen Auffassung von jüdischer Pbliük bringt 1He letzte Nummer des ״Israelit“ einen mtcr- ,essanten Beitrag. Die Orihodoxie Polens hat jxiläßlicb des Gesetzes über die ZwaivpsoiintagsruJie einen Bittgang nnn Erzbischof und andere« hochstehenden PersönlidikdteJi unternommen. Das zionistsehe Tageblatt ״Hazcfirah“ lehnt diese ״S ch tad Io n us-Po li t ik“ alx Das orthodoxe Organ ״Der JuJ“ hält dieoc i\jli:ik für die einzig mögliche und leimt den Vorwurf der Selbsterniedrigung ab, der vielmehr diejenigen treffe, die die Juden zu derartigen Bittgänge« drängen. Im gegenwärtigen Augenblick hätte das jüdische Volk tc-ckic andere Möglichkeit, seine Interesse« walirzunchmen, als diejenigen Mittel anztrwenden, die unsere Väter zu Zeiten der Verfolgungen anwandten. Wir wollen nicht darüber streiten, ob in dem ■peziellen Fall, der zu der Erörterung Anlaß gegeben hat, die!,olitik der Orthodoxie riclilig war oder uidit Aber die grundsätzliche Auffassuag verdient eine Zurückweisung. Wir glaube« nicht, daß zweitausend Jalire der Diasporageschichte die Politik der Erniedrigung und des Flehens rem realpolitisch empfehlctvswert erscheinen Esse. Sie hat nicht die Ausweisungen, nicht die Inquisition und nicht (bis Blut Hundert tausender von Märtyrer« zu rette« vermocht. Aber selbst wenn diese Politik Erfolg verspräche, wir müßten aäe abldmen, um der Ehre unseres jüdischen Volkes und Namen» j willen. Nur eine Politik ist unseres Volkes würdig und kann Dini helfen, die bewußt naßoiwle I\1!ititc, ן die die gavariten Kräfte des jiidisdien Volkes zusammensdiließt, die Erez-Iarael wieder zur Heimat des Volkes macht und die darüber hin aus audh eine systematische Gatutl«politik treibt, Autocmanzipatkuil Wir haben niemal» gcgLuvbt, daß die poiresohe Judenfrage durch de* Mkioriiätenvertrag gelöst sei 1»1d haben mit bed.vs:erliehen Rückschlägen gerechnet, wie sic die letzte Entwicäkhmg der Dinge kt Pole« gebracht haben. Aber wir glauben wbeirrt; daß unsere Richtung der Politik würdiger und erfolga’mpredsendcr «t, 9h die Schtadlom:■- poSLik der Orfiiodoxie. tt ■

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