Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 13 (17.2.1920)
- Date
- 1920-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Säte 80 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 13 Begriffsverwirrung Wenn man heute auf das Jahr politischer Ver- Handlungen zurürkschaut, die dein Problem des künftigen Zusammenlebens der Völker gewidmet waren, so muß man staunen über den Unernst und die Obcrfläclilichkcit, mit der die ganze Menschheit an diese wichtigste über Wohl und Wehe kommender Generationen• entscheidende Aufgabe herangeht. Die öffentliche Diskussion bewegt sich in einer ermüdenden Inhaltsarnifit in »Kr Mache seichtester Demagogie, und die öffentliehe Meinung läßt sich von der journalistischen Eintagsweisheit gerade so am Gängelband führen wie vor und während des Krieges. Es scheint, dnß durch den Geist des Kriegsberichterstatters jeder Rest der Verpflichtung zu selbständigem Denken hoffnungslos aus den Köpfen ausgetilgt ist. Charakteristisch für die Behandlung aller Fragen in der Theorie und Publizistik sowohl als auch in der politischen Praxis ist die seJbstverständliehe Annahme, daß die Neuordnung sich in den alten Bahnen bewegen müsse. An die Mög- Hdikcit einer auf andern Grundlagen und auf neuen, richtigeren Erkenntnissen der Wirklichkeit aufgehauten Wcltordmmg wird nach Erledigung ck'8 Wilsonschcn Intermezzos, über die die Philister aller Nationen trotz bedauernder Geste inner* lidi froh sind, gar nicht mehr gedacht. Daß die alte Staats* und Lebenskunst gänzlich Fiasko ge* macht hat, daß also die Anschauungen und Be* griffe, die sidt so wenig bewährt haben, keines* wegs brauchbare Argumente für eine Polemik gegen politische Fordeningen sind, die einem ganz andern Aspekt ihre Entstehung verdanken, — dies *1 erkennen verbietet die Trägheit, deren Macht nirgends so groß ist wie im politischen Denken einer dekadenten, sterilen, zu sdiöpfcrischer so* ziaJer Leistung unfälligen Generation. Da werden bis zum Uebcrdruß Schlagworte wiederholt, deren Sinn niemand verstellt; anstelle des guten Willens, Idar und tief 711 sehen, tritt das Bestreben, lästige Gedanken durdi eine bcrcitstchcndc Phrase abzusdiüttcln. Und die abgestandensten, tausendfach wiederholten und trotzdem falschen Redensarten werden bei jeder Gelegenheit vorgebracht, als ob sie geradezu eine Erleuchtung wären. Niemand hat unter dieser absoluten Unfähig* keit, Neues, Zeitgemäßes, Notwendiges zu be* greifen, so schwer zu leiden wie wir Juden. Seit* dem das jüdische Volk, einmal von der Beschränkt- Heit des Ghetto emanzipiert, zum Bewußtsein seiner nationalen Existenz erwacht ist (wir sind ein Volk, ein Volk — lau dieser Tatsache unseres Bewußtseins ist nicht zu rütteln), bemühen sich die jüdischen Politiker, das Problem der Sonderexistenz dieses in aßen Ländern der Welt ln der Mjndcrhcit lebenden Volkes in einer Weise zu lösen, die das Zusammenleben mit den andern Völkern erträglich, ja sogar befruchtend und kulturfordernd macht. Bei der Behandlung dieser Frage muß allerdings der Sache auf den Grund gegangen1 werden; denn das jüdische Volk ist nicht die einzige eingesprengte nationale Minderheit und die Regelung des reibungslosen Zusammenlebens von Menschen verschiedenen Volkstums auf einem Gebict beruht auf denselben inneren Voraussetzungen wie die Existenz der Staaten nebeneinander, sofern «um die Sache nicht rein formal und nicht vom Gesichtspunkt des Machtverhältnisses allein bc* trachtet. Die Frage muß also in ihrem ganzen Umfang aufgerollt werden und das jüdische Volk hat in dieser Aktion die Rolle des Anwaltes aller Minderheiten übernommen. Denn alle andern Völker bilden in ihrem eigenen Staat die Mehrheit und woßen diese Machtposition voll auskosten. Me opfern diesem Streben sogar die Rechtstellung derjenigen Teile, die in andern Staaten Minder* heiten sind; das jüdische Volk allein ist überall Minderheit, es ist frei von jeder Art imperiallstinäher Tendenz, sein Interesse ist lediglich die Be- «citigung jeder Unterdrückung, die Herrschaft der Menschlichkeit, die wahrhafte Emanzipation. F.s ist eine historische Tat, die erst spätere Zeiten zu würdigen verstehen werden, dnß die Juden e<» waren, die bei der Friedenskonferenz dem Oe* danken des Minoritätenschutzes wenigstens teilweise zum Durchbruch verholten haben, die das Eis des Unverständnisses für das Wesen dieser Forderung gesprengt haben Trotzdem aber begreift die in den alten Geteisen fortträumende Allgemeinheit den Sinn dieser Sache bis heute nicht, und vor aßem zahlreiche Juden, besonders Assimibwten, lieben cs, in naiver Oberflächlichkeit darüber herum zuschwätzen, um die Leistung der nationaljüdischen Politik herab- »!setzen und zu verhöhnen. Es handelt sich um׳ nichts anderes, als daß die Menschen anderen Volkstums in einem Staate nicht gezwungen werden sollen, um ihres Bürgertum es willen auf ihr wahres Gesicht, auf das ihrer Eigenart entspre* eilende Leben, auf geistige Güter und Kulturbesitz von Jahrtausenden zu verzichten, andere Formen, andere Masken anzunehmen, das was ihnen das Teuerste und Wertvollste ist, um des einfacheren Funktionieren der Vcrwaltungstechnik willen, um der Bequemlichkeit der Trägen und Denkfaulen willen, zu opfern. Tatsächlich leben beinahe in aßen Staaten mehr oder minder erhebliche Minden'■ heiter■; am akutesten ist ■las Problem im Natio nalitütcnstaat, in welchem keine Nation die absolute Mehrheit hat (also z, B. im früheren Gestern reich und Rußland oder in der heutigen Tschcdvo- Slowakei); von diesem Extrem führt eine Unic bis zu dem Nationalstaat, in den nur winzige Gruppen andersnationaler Bürger eingesprengt sind. Die Gewährung der freien Entfaltung ohne Zwang zur Selbstverleugnung, zur Lüge, ist in allen Fällen eine menschliche Selbstverständlichkeit, die nur darum heute nicht Tatsache ist, weif unserer Welt gerade die Unmcnschlichkcit selbstverständlich geworden ist. Die politische Form, in welcher dieses Recht ausgeübt wird, hängt von einer großen Anzahl objektiver Faktoren; ab, die bestimmen, ob eine volle Selbstverwaltung der nationalen Minderheit innerhalb des Staates (״natioaale Autonomie“) nötig ist oder ob die individuelle Freihcitsphäre der einzelnen Staatsbürger auch für ihre nationale Betätigung ausreicht. Für den Nationalitätenstaat wurde das Schema der ״naiionalen Autonomie“ als einziger Ausweg aus einer unheilvollen, jeden Kulturfortschritt hemmenden und eine Atmosphäre giftigen Hasses schaffenden Verwirrung konstruiert; der bedeutendste Theoretiker dieses Gedankens, Kail Renner, versteht darunter die Zusammenfassung der Nationsgcnossen nach dem Personalitätsprinzip (Bekenntnis) zu Gemeinden, den Aufbau der Verfassung auf der demokratischen, lokalen Selbstverwaltung der nationalen Gemeinde und die Vereinigung der Gemeinden zum Rechtsverband der Nation innerhalb des Staates. Da diese Konzeption die relativ liberalste ist und dem jüdischen Bedürfnis am. nächsten kommt, wurde von den jüdisch-nationalen, Parteien in den Ländern jüdischer Massensiedlung, wo die Juden eine starke Minorität bilden, der Terminus ,,nationale Autonomie“ übernommen. Unglückseliger Weise hat man dieses Wort bald so mißbraucht, daß heute eine heillose Begriffsvcrwirrung eingetreten ist und niemand mehr zu wissen scheint, was die Bezeichnung bedeutet. Nur so ist es verständlich, daß gewisse Organe, z. B. die assimilatorische Musterzeitschrift ״Im deutsehen Reich“, dauernd über dieses Thema reden, sicherlich auch ahnungslos gläubige Leser finden, ohne das geringste ernste, sachliche Verständnis zu verraten. Im letzten Heft schreibt R.-A, Heinrieh Stern, Berlin, über ״Die nationale Autonomie und ihre Folgen“ und stellt den verworrenen Be- Schluß eines Hamburger Studenteuvcreines über die prozentuale Zulassung nationaler Minderheiten zu studentischen Vertretungen als eine Folge der von den Nationaljuden geforderten ״nationalen Autonomie“ hin. Man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll, über die gänzliche Unkenntnis des jüdisch-nationalen Programms in Deutschland oder über die Verkennung der Idee der nationalen! Autonomie. Die deutschen Nationaljuden Haben, da in Deutschland die objektiven Bedingungen nicht gegeben sind, niemals Autonomie gefordert; anderseits aber wäre, falls eine nationale Autonomie bestünde, die ״Prozentnorm“ der studentische!! Vertretungskörper in Hamburg wohl ihre allerletzte und allerunwichtigste Folge. Bei einer solchen Affaire anzufangcn und den ganzen Komple>־ realer Fragen zu übersehen, um den es siel! handelt, ist ein Beweis politischer Kurzsichtigkeit, die in unserer nervösen Zeit mit Acußerungcn etwas vorsichtiger sein sollte. Mehr Verantwortungsgefühl täte not. Es soll nicht jeder, dem etwas cinfälh oder auffällt, gleich großartige Exspeklorationen anstellcn und mit unverstandenen Worten herumwerfen ,.Nationale Autonomie“ ist nur ein Spczialfall der Forderung, nicht nattonal verkrüppelt zu werden. Praktisch ist sie bisher nur wenig erprobt; Ln der Ukraine hat sie sich unter der Herrschaft der Zentralen Rada ausgezeichnet bewährt, bevor die deutsche Invasion ihr ein gewaltsames Ende machte. Heute zeigt 7, B. die jüdische Autonomie in Litauen, wie segensreich eine solche Verfassung für den Aufbau des inneren jüdischen Lebens und auch für die Stellung der Juden zum Staate und zu den andern Voiksstämmen wirken kann. Ke selbstverständliche Voraussetzung für eine solche Betrachtung ist natürlich der Wille, die jüdische Sonderart m erhalten, das Vertrauen auf die schöpferische Kraft des jüdischen Volkes. Verlangt man von den Juden restlose Assimilation, so hat man sich die Lösung des Problems sehr einfach gemacht, aber der Wirklichkeit und den lebendigen Tendenzen nicht Rechnung getragen. Eine solche Forderung ist das Gegenteil von Gleichbercchtigung, denn sie will nicht den jüdischen Menschen emanzipieren, sondern erst den entjudeten; es ist Heuchelei, wenn solche Politik mi! Phrasen von Demokratie und Liberalismus gtspickt wird. Auch Juden fallen auf diesen Schwindel hinein; es berührt ־/. B. sehr peinlich, wenn Mor- , gen thau in seinem, heute von uns publizierte Bericht über den eigenartigen Habitus der Juden spricht, der sie den Polen fremd erscheinen Läßt, als ob er selbst dadurch das Verhalten der Bolen erklärlich fände. Ja gäbe es keine jüdische Sonderart, so bestünde ja das ganze Problem nicht! Es gibt eben jüdische Sonderart, und die Autgäbe ist es, dieser Tatsache Rechnung zu tragen, die Polen davon zu überzeugen, daß der andersgeartete, andersstämmige Atensch ebenso lebensbercchtigt ist wie sie, daß er als Staatsbürger gleiche Rechte hat, daß er sogar dem Staate und seinen Mitbürgern wertvolle Dienste leisten kann und schon geleistet hat; darum kann die Verständigung und Zusammenarbeit, die wir alle innig wünschen, mir dadurch kommen, daß den Juden ihre nationalen MLnderheitsrechte gegeben werden, was für Polen weder eine Dcmütigung noch eine Beeinträchtigung seiner Interessen darstcllt. Das jüdische Streben nach kulturellem Sonderleben behinderte keineswegs — wie man aus Morgenthaus Worten herauslesen könnte - das Freiheitsstreben der Polen; itrt Gegenteil, dir Juden nahmen daran lebhaften Anteil, weil auch sie in einem freien demokratischen Polen ihr Recht und ihre Lebensmöglichkeit zu finden hofften. Aus Morgenthaus Worten wird deutlich, wie stark e! sich beeinflussen ließ von den Phrasen der Pseudopatrioten alter Schule. Auch er steht im Barn! der alten Staatstheologie und versteht nicht da■ Neue, um das cs hier geht. Der Gedanke des Minoritätenschutzes 5md der freien Entfaltung nationaler Minderheiten ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Er muß sich siegreich durchsetzen, weil ohne ihn der Aufbau einer neuen Weltordnung undenkbar ist. Ohne ihn würde ein neues System von Unterdrückungeu und neuer Konfliktstoff geschaffen werden, und ein neuer Zusammenbruch wäre die Folge. Die Juden werden unbeirrt, so wie sic es im Grunde stets — wenn auch ohne Klarheit über die politischen Zusammenhänge — getan haben, das Recht von Menschengruppen auf ihr eigenes, geistiges, kulturelles, nationales Leben innerhalb des Staates (und, notabene, zum Wohle des Staates) geltend machen. Und indem sie für Ihr eigenes Recht cinstchen, bahnen sie den Weg für eine neue Idee, die das Fundament aller Staate!* der Zukunft sein wird. R. W. Bibliothekwesen in Erez-fsrael Nachdem während des Krieges die Vorarbeite:! u-.d Sammlungen für die hebrätsche Universitäts-Bibhothcl■ großenteils ruhen mußten, sind diese jetzt von neuem aufgeno1mr.cn worden. Zugleich ist die Tätigkeit sit das ganze Gebiet der Sammlung, Errichtung und Orgamsierung eines allgemeinen Bibliothekwesens für das neue jüdische Palästina ausgedehnt worden. Es ist jetzt an der Zeit, daß jeder, der die Bedeutung der Geistesarbeit für das neue jüdische Land Israel versteht, daran geht, den Sammlern und Organisatoren hilfreich zur Seite zu treten. Die Hauptsainmelstclle, an deren Spitze der Eibliotfrekar Prof. Dr. Heinrich Loewe (Berlin •NW. 52, Flemmingstraße 12) steht, ist gern bereit, auf Wunsch Auskunft zu erteilen. Hauptsächlich sollten jetzt Freunde der Bibliothek der Universität und der Kultur überhaupt daran gehen, Bücher und Geld für die Arbeiten zu spenden. Dabei ist es wünschenswert, daß einzelne Privatpersonen und Ins'ihitionen sich für bestimmte Sonderbibliotheken oder Abteilungen innerhalb der National- und Universitäts-Bibliothek interessieren. Schon jetzt ist ein Freund unserer Sache mit gutem Beispiele vorangegangen. Unser Gesinnungsgenosse Herr Simon Strauß in Cassel hat in hochherziger Weise zur Stiftung einer ״Fricdcns-Bibüothck“ innerhalb der National- und Universitäts-Bibliothek erstmalig eine Spende von 10000 Mark gegeben und weitere Spenden bei weiterem Bedarf in Aussicht gestellt. Diese Sammlung wird außer den eigentlichen Friedensbcslrebungen die humane Ethik und Rechtsphilosopliic sowie Völkerrecht umfassen. Es ist zu wünschen, daß Herr Strauß recht viele Nachahmer findet, die den Idealen und Interessen, die ihnen vorschweben, in dieser Weise auch in Jerusalem eine Stätte bereiten. Mancher Gelehrte und. Künstler, Kaufmann oder Industrieller wird gern bereit sein, in äluiücher Wei9e Sondersanimiungen auf seinem Gebiete zu stiften und 90 zu zeigen, daß das gegebene Beispiel auf fruchtbaren Boden gefallen ist