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Jüdische Rundschau · 1920-02-13 · Heft 12 (13.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 12 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahr«. 90^*0■1^■BWEaWWaaWMBMnaMMW^^WBBBCaiSUKWHW■■■■■■■ Der Zionimnuo erstrebt für da» jüdische Volk die Schaffung «dnor öffentlich-rechtlich gesicherten Helmntätte In Palästina. ״Baseler Programm- In eigener Sache hie katastrophale Krise auf dem Papiermarkt und die sprunghafte, alle Berechnungen zunichte nnchemle Erhöhung sämtlicher Druck- und Her- •dcBungskoste» nötigt uns zu unserem Bedauern neuerlich za einer Erhöhung der Abonnementsgebühr der ,,jüdischen Rundscliau“. Wir ncluncn daß unseren Lesern und üesHinungsge-noasen *he Schwierigkeiten im Dnickereigewerbc wohl bekannt sein dürften, so daß wir uns weitere Dar- K •jungen ersparen können. Wir haben uns zu der Lrikihtmg nur schweren .Herzeus entschlossen, i:1 der Erkenntnis, dall auf andere Weise die Weiterexistenz der ״Rundschau“ nicht gesichert werden könnte; wir bitten alle unsere Freunde um vor- *tändnisvollc Würdigung und um weitere Unter- Stützung in moralischer und materieller Beziehung, damit wir über diese Zeit wirtschaftlicher Krise erfolgreich himvegkommen. Das Abonnement der Rundschau kostet von 1׳ m ab vierteljährlich m» Sammelbe/tig.8 ■ י.— M. im Einzeib./iig •••>•■*••••••• 10.— M. Für die ausländischen Abonnenten gelten die in ihrer Landeswährung berechneten Abonnements-!.׳reise. Verlag ״Jüdische Rundschau“. ■11 >n1r»1wn—!,■iinn ן iihwuiii 1 ngr-acn wacatM Die Amsterdamer Weltkonferenz des Misrachi Von Erich Fromm. J ■ידי Hfi/i; ||*1 Mönrhi friert Amsterdam ab M:\rl:- *ioin in der Geschichte des .V.israchi. Die zio;1isUcd1c Oelfent'iclikeit könnte darüber leicht vergessen, dal» ein!iinger Misrachi diese Konferenz nicht feiert, da er einen grollen T, il ihrer Beschlüsse für ebenso unvereinbar mit lein <j*ist des Zionismus wie mit Sinn und Aufgabe einer religiös-jüdischen Renaissance hält uml der diese Kontcreriz nur in d 0 m Sinne für einen Markstein in der Geschichte des Misrachi hält, weil sie der jüdischen 'Veit, und vor allem dem Zionismus, niit aller Deut- ״ehkeit zeigt, daß zwei Geister im Misrachi niitein- •׳•der ringen, und daß der Misrachi sicli heute ent- »eheiden muß, welchen Weg er gehen will, den, der zum /:onismus, zum aktiven Aufbau eines neuen, lebendigen, jüdischen Lebens führt, oder den, der zur Agudas Jisroel geht und der zur Erstarrung und vom Leben wegfuhrt. Der gesamte Misrachi sollte endlich erkennen, daß Ziotismus die grolle Revolution des /*Mischen Volkes ist, urul daß cs für eine Partei nichts Verhängnisvolleres und nichts Freventlicheren gdKii kann, als revolutionäres Programm und Gesinnung zur Schau zu tragen, Sitz, .ad Stimme im RcvoIutions|>arlament zu beanspruchen, ui der neuen, erst durch die Revolution ermöglichten Verfassung mitarbeiten zu wollen — und trotzdem in tiefstem Gt unde Gegner jeder Revolution, bürgerlich durch und durch zu sein. Ein seine Aufgabe wahrhaft verstehender Misrachi muß erkennen, dall die schöpferische Erneuerung der historischen Realität jüdischen Volkstums, daß die Wiedervereinigung des Volkes mit dem Gesetz, den ihm adäquaten Normen des Volksmul Imlividtiallehens, nur dum möglich ist, wenn man nicht eine bestehende ortlvodoxe Gruppe ״erhalten“, «oiutcrn das ganze Volk mit seinem Geist erfüllen und beleben will, daß bei dieser Arbeit alles als Ziel, nicht als Voraussetzung beansprucht wurde« darf und daß vor allem j>0!i,isd1e Mittel und Vereinbarungen, die gar »osdir an ״Zentrum“ erinnern, diesem Ziel auch nicht ־ine 11 Schritt nühcrlwingcn. Mag man heute auch mit Hilfe der Agudas Jisroel erreichen, daß in Erez-Ixrael der letzte ״Jui“ des Schulchan Arucl» durchgeführt wird, gelingt es nicht, die Gesamtheit des Volkes mit dem Wesen des traditionellen Judentums zu crfüßeri, so wird das mit diesen mechanischen Mitieln einer mißverstan- «euen ״Realpolitik“ errichtete Gebäude morgen desto radikaler krachend Zusammenstürzen. , ''Kr nicht versucht werden, das Wesen wahr» iiaft jüdischen Volkstums und seiner Beziehung zum historischen Judentum zu untersuchen, nur soviel sei gesagt, daß ein Misrachi, für den soziale Gerechtigkeit eine ״Selbstverständlichkeit", für den wirtschaftliche Gleichheit nicht realste Forderung, für den Sozialismus außerhalb seines Programms steht und der meint, mit der Berufung auf die ״alt-jüdische Zcdoko“ seinen Teil für die soziale Gesundung der Gesellschaft beigetragen zu flaben, weil, weit sich entfernt hat von den Wege«, <Me die Großen unseres Volkes immer geschritten sind, vom Wesen lebendiger,■ jüdischer Vergangenheit. Der Beschluß; dessen praktische Durchführ5111g zu den verhängnisvollsten Konsequenzen fitlneii könnie, ist das an die zionistische Leitung ge* richtete Ultimatum, das besagt, daß, wenn die Leitung dem Misrachi nicht innerhalb zweier Monate zwei voneinander völlig unabhängige Schuhvcrke konzediert, der Misrachi in Erez-Israel das Schuhvcrk unabhängig von der zionistischen Organisation in die Hand nimmt, gemelnsam mit anderen gesetzestreuen Organisationen. Es soll liier nicht über die Tatsache des Ultimatums noch auch darüber gesprochen werden, daß eine Trennung im zentralen!hinkt des Aufbaus, im Schul- und Erziclntngswerk, ein weiteres organisatorisches Verbleiben in der zionistischen Organisation sinnlos und auch wühl unmöglich machen würde. Vielmehr sei ein Wort der Frage des Schulwerks selbst gewidmet. Zwei Schulwerke, ein orthodox-misrachistischcs und ein liberalzionistisches würden die Vernichtung der misradustischen Aufgabe bedeuten, würden den Gedanken des traditio- ״dien Judentums auf einen kleinen, heute mach orthodoxen Kreis beschränken, würden das Eingeständnis, der eigenen Niederlage bedeuten. Aber auch vom nichtmisrackistischcn Standpunkte aus wäre diese Lösung durchaus zu verwerfen. Denn es würde die "Entwicklung des neuen Volkslebens mit der Konstituierung zweier Judcutünicr beginnen, würde die für die Zukunft absolut notwendige Ku’.lureruheit des Volkes zur Unmögliehkeit machen, würde den Kampf zwischen Staat und Kirche, den wir in Europa fürchten gelernt haben nach Palästina tragen. Aus allen diesen Gründen fordern wir, bei aller Freiheit der Eltern extreme Scluilgattungen ihrer Richtung zu errichten, die von wahrhaft jüdischem Geiste getragene Einheitsschule, die alle die vereinigen wird, die von der Heiligkeit und dem Ernst der jüdischen Aufgabe und von dem Glauben an die Kraft der besonderen Idee, die sie vertreten, erfüllt sind. Dann wiul die Einheitsschule zum Einheitsvoll: führe»! Keineswegs entsprechen die Amsterdamer Bcschlü^o dem einmütigen! Willen des Miscachi. Aufs alferschärfste trat dort der Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen den Vertreter.•! 1m ׳״g<׳!<r:u leh m i" .,;sehen Volksleben:; und den in den Lindem wirklicher ״Zerstreuung“ lobenden Vertretern hervor und immer wieder suchten sich die polnischen Delegierten gegen die gefaßten Beschlüsse zu wehren. Diese Beschlüsse können nicht als Ausdruck der Meinung des Misrachi gelten, dem! so wie sie unvereinbar sind mit dem Geist einer zionistischen Föderation, so geben sie auch tatsächlich nicht die Meinung des Gesamtmisrachi wieder. Der polnische Zeire-Misrachi wie auch die große Reihe der misrachistischen Jugend Deutschlands sind anderen Geistes. Die Amsterdamer Konferenz, die aus ernannten, nicht gewählten Vertretern sich zusammensetzt, auf der die russischen Misrachisten und vor allem die Jugend nicht vertreten war, kann nicht als kompetente Sprecherin des Misrachi angesehen werden. Die zionistische Leitung wird das Recht urul die Pflicht haben, in dieser so tutgeh euer wichtigen, aber augenblicklich nicht akute« Frage, die Vorschläge eines demokratischen gewählten tiikruchistischeii Weltkongresses einen! zionistischen Weltkongreß vorn!!! gen. Jede überhastete EntschcHung würde liier mehr noch als sonst zu den unglücklichste« Konsequenzen führen, für die Lin gegenwärtigen Augenblick keine Leitung die Verantwortung übernehmen kann. Nachbemerkung Die vorstehenden Aeußemngen eines jungen Misrachisten aus Dcttlsch'and erscheinen uns sehr beachtlich. In der Tat wird man die Forderung auf Etablierung zweier völlig getrennten Schutz- Systeme und die ultimative Form, in der sic gcstellt wurde,• mir lebhaft bedauern können. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Grundsatz absoluter Gewissensfreiheit ein unangreifbarer Pfeiler unseres geistigen Lebens in Erez-Isrncl sein muß. Es muß den Eitern möglich sein, ihre Kinder in derjenigen religiösen Auffassung erziehen zu lassen, die sie selbst hegen. Das ist sehen deshalb erforderlich, weil ia a 11 e Gruppen ein Interesse daran haben, nieiit bei einer etwaigen Acnderung der Majoritäisvcrhiiitnisse gezwungen zu sein, ihre Kinder Schulen anvertrauen zu müssen, mit deren Riehtung sie nicht einverstanden sind. Das aber ist ja mir ein kleiner Querschnitt aus dem Problem. Wir wollen ein einiges jüdisches Volk ün jüdischen Lande, einträchtig wirkend am Aufbau des jüdischen Gemeinwesens und an der Schaffung jüdisch-nationaler Kultur. Wer kann heute die Verantwortung auf sicli nehmen, durch Trennung der Schulsysteme einen uaüberbrückbaren Riß in die Heranwachsende Generation zu tragen! Sollen die religiösen Kämpfe, die unver- I meidlich sein werden, schon jetzt vorbercilet werden, indem man orthodoxe und ,nichtorthodoxe (wohlgeincrkt zionistische!) Kinder voneinander 90ndcrt? Die nationale Einheitsschule muß möglich sein, unbeschadet einer etwaigen Trennung in religiösen Unterrichtsfächern. Auch wir hoffen, daß der Beschluß der Misrachitagung von zMnsteidam nicht das letzte Wort war, sondern, daß bald eine Tagung, auf der die Misrachigruppcn Osteuropas und die misrachislische Jugend vertreten sein werden, den gefaßten Beschluß im Sinne des Zionismus revidieren wird. F L.. Kundgebungen der Misrachijugend zu den Amsterdamer Beschlüssen Am 8. Februar fand eine Mitgliederversammlung der Misrachi- J u g c 11 <1 g e in e i 11 s c 11 a f t Berlin statt. Gegenstand der Tagesordnung waren die auf der Ainsterdamer Misrachi-Konferenz gefaßten Beschlüsse. Die Ver- Sammlung nahm nach reger Aussprache folgende Rcsolutioncn an; 1. Die soziale Gerechtigkeit ist, wie Gerechtigkeit überhaupt, eine Grundforderung der göttliche!» Lehre. Es kann daher nicht genügen, ihre Forderung beim Aufbau Palästinas zu ״berücksichtigen“; vielmehr muß die soziale Gerechtigkeit auf jedem Gebiet, d. h. mit bezug auf den Boden in Stadt und Land (״Nationalisierung“), auf Bodenschätze, Wälder, Handel und Industrie und auf Gesundheitsschutz durchgesctxt werden. 2. Die Daseinspflicht des Misraelu beruht auf der bewußten Verantwortung eines jeden Juden der jüdisehen Gesamtheit gegenüber. Deshalb fordern wir, daß bei der Einrichtung des neuen Schulwesens in Palästina bei voller Wahrung du* persönlichen, i;n besonderen religiöse« Standpunktes, doch durch gemeinschaftliche Arbeit aller die Mög- Kchkeit gegenv itiger Beeinflussung, von der die Neu bclebucg des geeinten jüdischen Volkes abiiiuigl, gewälvrleister, bleibt. Die Resolutionen wurden dem Zentralkomitee des Misrachi in London und Berlin übersandt. * Aus Frankfurt wird uns berichtet: l.ti der M is r a ch i-O r t s- und Jugendgruppe gab Herr Dr. J. Ra bin einen Bericht über die Amsterdamer Konferenz. Neben vielen» Erfreuliehen mußte er vor allem über den bedauerlichen, den bisherigen Traditionen des Misradii zuwiderlaufendcn Geist der Trennung belichten, der besonders in dem Ultimatum, das in betreff der Schulfrage an die zionistisebe Leitung geriditet wurde, zum Ausdruck kam. Nach längerer Diskussion, in der zum Teil die Beschlüsse noch sdiärfer angegriffen wurden als seitens des Referenten, in der aber auch von einem Redner der entgegengesetzte Standpunkt vertieren wurde, wurde mit großer Majorität folgende Resolution beschlossen, die an die Londoner Misradii Leitung gedrahtet wurde: ״Misradii Frankfurt mißbilligt das Amsterdamer Ultimatum, da die darin enthaltene Gefahr für die Volkseinheit den wesentlichsten Misraehiprinzipicn widerspricht. Sie fordert die jüdische Einhcitsschule und Aufschub der Entscheidung bis zum Beschluß demokratisch gewählten Misrachi-Wcltkongrosses. Sie fordert Bekanntgabe dieses Telegramm» an A. C.“ Legalisierung der Gemeinde-Verfassung von Jerusalem Die Statuten der Jcrusalemr Gemeinde sind tumnidif von den Behörden legalisiert worden. Die Genteinde hat das Recht bekommen, religiöse, phil.uvthropische, soziale und kulturelle Institutionen zu gründen und zu unterhalten. Sic ist durch ihren Präsidenten im Jerusalemer Stadtrat vertreten. Zeugnisse der jüdischeu Gemeüidcsdutlen sind wie Zeugnisse vou Staatsschuld» anzusehen. Diejenige« Juden, die am Sabbat!׳ nicht arbeiten, sind nicht gezwungen, den Sonntag oder andere Feiertage zu halten. Die religiöse Autorität der Rabbiner bleibt in allen religiösen Angclcgcrehciten, sowie in den Frage« der Eheschließung und der Ehescheidung crludtcn. Die Gemeinde ist berechiigt, Steuern zu «heben und ihre Bücher in hebräisehcr oder spaiüoliscber Sprache zu füliren. Die Schulen der Gemeinde und ihre philanthropischen Institutionen sind nicht abgabepflichtig. Der Staat zahlt der Gemeinde für ihre kulturellen, philanthropischen und sozialen insütutionou ciien Beitrag. Es ist zu hoffen, daß die Durchführung diese/ freiheitlichen Verfassung für Jerusalem der B^jürn eine* großen Aufschwungs sein wird.

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