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Jüdische Rundschau · 1920-02-06 · Heft 10 (6.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 10 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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..י יו י י1! ו 11.1׳ «׳k *u ך,־"» nmacscK K»4«Mtoa u«׳l VerUf W. IS, Sätfalntift Sir, 8. l\r*r)teint , Dt» 7 •>״י m4I Frwiaj. Abonnement bei der Eftp״c!1tion und den [*mXnw* rm ׳UrUdb M. 6,— und 25 % Tet»rru«jr**״"^d*f ia Dr*i«d1lftnd, AiulMmlitljonnrmoat 1• eiiUprcHthender Wähn«!»;• Nummer 10 Berlin, 6. II, 1920 Anxf'lj!cn*Vc rw n!tun g: Welt-Verlag, Berlin NW. 7. Dorotheen.traB« SS, Telrj1i»on: Amt Zentrum 4814 u. 4815. ÄRteifenpreli für die *f-ohigespiiHen« Nonp»r«illeteil« 1,50 M., und 20% Teu»rv1n£su1»1'ltUjf. A&xeiffenachluß: Dietittng- und Freitag nacbmltUg• 4 Uhr. TelepSont Amt Ubiern) M*> und ),««Hflif’clkl'onloi Itnrl♦• Nr. 17 >0i. Kur Oeiterrei-h i PontNp«rke«*ene >1t W1*u, Koot« Nr. 156 030. Kur Ted.echod ownUri: Poetiperkeiirnemt )1mg■, Kent• Nr. 1561)^0. Rrdekkions*chl0ü Sonnte; und Mittwoch hedimiUa;. 17. Sch’bat 5680 XXV. Jahrg. 14.״11 h. 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Zwischen ihm und dein f Empfinden des jüdischen Volkes war nicht die ' kleinste Kluft, sein ganzes Wesen 1strahlte die Sicherheit aus, die einer hat, der sieli auf Tradition gegründet und der hinter sich ein Volk weiß, Nicht in der kleinsten Eigenheit entfernte sich Dr. Tschlenow aus dem breit gezogenen und eng gespannten Ring der jüdischen Atmosphäre, aus ihr schöpfte er seinen immensen Arbeitswillen, in engster Fühlung mit ihr zu bleiben schien ihm Not* , , Wendigkeit des Lebens. Diese Volksnahe, diese ’ enge Vcrknüpftlieit mit Vergangenbeit und leben- ן digem Zentrum des Judentums, verband sich in I »hm mit einer ganz merkwürdig feinen Einstei- { hm״ auf Westeuropa. Die letzten Ergebnisse westeuropäischer Kultur fanden in der (ieistigkeit Dr. Tschlemnvs eine adäquate Resonnanz und ließen ihn besonders geeignet und würdig erscheinen, Vertreter der üesamtjudenheit zu sein. Es ,war eigentümlich zu sehen, wie prädisponiert Dr. Tscbjetum für die Ordnung und den administrativen Auf- ' bau westeuropäischer Zivilisation war, wie leicht . »Inn gewisse technische Erfordernisse und Alt- \ .schaumigen Westeuropas eingingen, au denen sich erfahrungsgemäß sonst gerade die Psyche des 5 Ostjudeu stößt. Und cs war immer ein neues Erlebnis, zu beobachten, wie wenig diese intuitive . Empfänglichkeit für westeuropäisches Wesen Dr. Tschlenow v.nn ZucminTeiiliaiig mit der jüdischen "5 Masse, mit dem Ostjudentum, entfernte. Diese I wunderbare Ausgeglichenheit im Wesen Dr. - Tsdiienows fand ihre Ergänzung in einer beispiel-!■!seit Treue;und Arbeit, einen Fleiß, der auch innerhalb der zionistischen Tradition unerhört war. So wie es die beispiellose Hingabe Dr. Tsclile- nows war, die es ermöglichte, die zionistische Ar-; beit in Rußland auch während der schlimmsten .־ Verfolgungen dureh/uhnlteii und auszuarbeiten, so י drückte er von dem Augenblick, wo er sicii entschloß, in die Leitung der ■zionistischen Welt- Organisation eiimitreten, der Arbeit des Zionismus * seinen Stempel auf. Es war direkt rührend zu sehen, wie ängstlich er bemüht war, alles bis hinaß zum kleinsten Detail der ungewohnten Arbeit eu erfassen und wie ausgezeichnet er cs dabei | verstand, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Er hatte ein besonderes feines (iefülil für das Organisatorische, für die Notwendigkeiten des Apparates. Zur gleichen Zeit aber lauschte er ängstlich dem Pulsschlag der Bewegung, war er sorgsam darauf bedacht, in der räumlichen Entferining nicht den Zusammenhang mit dem Blut- Kreislauf des Volkes zu verlieren. Er war ein ausgezeichneter Büroarbeiter und;völlig frei von jener Geringschätzung des organisatorischen Appa- י rates, der oft nur die Unfähigkeit, ihn zu liandhaben, bemäntelt, aber er wurde niemals sein Sklave und wußte, daß die Leitung der Zionistisehen Organisation nie etwas anderes sein darf, als der Exponent der nationalen Strömungen des indischen Volkes, wenn sic ziicht zu einem leeren » Organ erstarren soll, das auch äußere Erfolge niemals \o׳ der inneren Verkalkung bewahren können. Das jüdische Volk hat Dr. Tschlenow reich belohnt. Es hat ihm ein Vertrauen geschenkt, wie niemals bis dahin einem zionistischen Führer. Man wußte, daß er nichts sagte, was nicht aus dem stärksten Gefühl der Verantwortung kam, man ■vvar sicltcr, daß er niemals einen Weg cinscUlug, der ihn vom Zusammenhang mit dem gelebten Judentum fortführte. Er erschien allen, dem ,Westler wie dem Oestier als ein Zentrum, als der Ausdruck der Einheit; % seine Entscheidung wurde unweigerlich angenommen, weil sic immer vom feinstem Gefühl für die Realitäten ebenso wie für die Bedingungen des Volkes diktiert seinen. £6 gab keine Strömung im Judentum, keine neue «Der Zionismus erstrebt für das JQdlsdte Volk die Schaffung einer CffeoiUdwcchülch gesichert ca Helmst&iio in Palfiiiinn.“ Baseler Programm. Gruppierung im Zionismus, mit der Dr. Tsclilenuw nicht rang, die er sich nicht cinzufügcn versuchte. Er kannte nicht den Begriff der Sonderung im Judentum, er hatte ein ungemein starkes Bewußtscin aller jüdischen Zusammenhänge. Man wußte, daß, wenn er nitht mitgehen konnte, für jedermann Anlaß war, zu erneuter Prüfung, daß, wo er sich schied, tiefstzwingende Gründe vorhanden sein mußten. Darum war sein Wort fast immer wie ein Schiedsspruch, darum war das Vertrauen zu ihm von rechts und links gleichermaßen groß. Darum fehlt er uns heute mehr als je. Sein Andenken sei dem Volke zum Segen! J. B. Zur Situation in Deutschland Das gegenwärtige moralische Niveau im dcut* sehen Volke wird auch denjenigen, die bisher an die sittlich befreienden Wirkungen des Krieges geglaubt haben, diesen Glauben erschüttern müssen. Schlimmer als die Abtretung von Provinzen und als wirtschaftlicher Zusammenbruch ist das erschreckende Schwinden ethischer Vorstellungen in diesem Lande. Schieber und Wuchertum sind zur Selbstverständlichkeit geworden, die Umgehung jedes Gesetzes hängt nur von der Möglichkeit dazu ab, die Zahl der Verbrechen ist ins Unendliche gestiegen. Es ist eben nicht leicht für ein Volk, das man jahrelang im Felde für die Taten au!szeichnete, die in der normalen bürgerlichen Ge- Seilschaft als Verbrechen bestraft werden, sich nunmehr wieder umzustellcn. Es ist kein so großer Unterschied, ob man seine Requisitionen in Feindesland oder in Berlin vornimm«. Diese allgemeine Verwirrung der sittlichen Begriffe hat auch vor der Politik nicht halt gemacht, ja, sich hier vielleicht besonders stark ausgesprochen. Immer seltener werden geistige Auseinunderset/ungen, immer häufiger Vcrdächtigungen, Beschimpfungen und immer häufiger wird auch zu dem Mittel gegriffen, das hier früher unbekannt war: zum Attentat. Ueberschaut man die Monate seil der Revolution, so ist die Zahl derjenigen politischen Führer erschreckend groß, die dein Attentat eines Parteigegners erlegen sind oder wenigstens, wie jetzt Erzberger, verletzt wurden. Es Ist ja bekannt, daß heute alle promi- »eilten Persönlichkeiten in Deutschland gezwungen sind, Maßnahmen zu ihrem persönlichen Schutz zu ergreifen, wie sie früher höchstens etwa der russische Zar anzuwenden pflegte. . An Attentate pflegt sich stets derselbe Vorgang an/uknüpfen. Die Partei, der der Attentäter persönlich nahegestanden hat, Wird von allen andern als moralisch schuldig erachtet und versucht nun, mit allen Mitteln den Verbrecher von sich abzuschütteln. So und nicht anders ist es auch im Falle Erzberger gewesen. Doch konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, als ob das Interesse der rechten Parteien ihre Schuldlosigkeit an diesem Attentat zu beweisen, nur ein ziemlich geringes war. Wenn man mit derartiger Hartnäckigkeit immer wieder einen Mann als schuldig an allen Hebeln liiuzustcllcn sucht, so muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß jemand daraus den logischen Schluß zieht, diesen verhängnisvollen Alaun zu beseitigen. Für uns sind diese Vorgänge von großer Bedeutung, gerade zur Beurteilung der Situation des deutschen Judentums. Die Hetze gegen Erzberger und die Hetze gegen die Juden hat ganz ähnliche Formen. Auch uns Juden hat man als die Urlieber alles Unglücks hinzustellen gesucht. Die Erdolchung der Front wirft man ebenso Erzberger und der damaligen Rciclistagsmehrheit wie den deutschen Juden zu und wie angeblich Erzberger, so sollen auch die deutschen Juden jede Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung genutzt haben. Der Gedanke ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß die ständige in. keiner Weise gemäßigte Judenhetze zu ähnlichen Ergebnissen führen kann, wie der Kampf gegen Erzberger geführt hat, d. h. zu Pogromen. Die antisemitische Presse trägt die moralische Verantwortung für Ausschreitungen, wenn es zu ihnen kommt und sie trägt sie darum nicht weniger, weil gelegentliche Aeußerungen in ihr zu finden sind, die sich gegen Pogrome wenden. Gibt man selbst zu, daß diese Aeußerungen ehrlich gemeint sind, so muß man eben erkennen, daß die durch Krieg und Revolution verwilderte Bevölkcrung diese Abmalmung als unlogisch empfinden und ihr keine Beachtung schenken wird, nachdem man es ihr cingehäinmcrt hat, daß die Juden das ganze Unglück sind. Die ״Jüdische Rundschau" hat nicht den Platz, alle antisemitische Angriffe zu registrieren, die sich täglich in den Tageszeitungen finden. Sic tx•- schränkt sich darauf, gelegentliche Stichproben fcstzustellcn und an ihnen die Kampfesart zu clurak* tcrisieren, die heute in Deutschland geübt wird. Das am 1. Februar im ״Vorwärts" abgedruckie Flugblatt ist eine solche Gelegenheit. Dieses Flug-, blatt versichert an seinem Kopfe, daß die ״deutsch«׳ Vereinigung für Wahrheit, Volksaufklärung und Volksgcsunciung" Gegnerin blutiger Judenpogrome sei. Der wirkliche Inhalt des Flugblatts läßt sich in die Aufforderung an die Juden zusammenfassen, Deutschland sofort zu verlassen, da am: 1. März 1020 eine Verschwörung ausbrechen werde, die alle Juden und Judenstäm in 1 ingc in Deutschland zu ermorden sich vorgenommen habe. Wir zweifeln nicht daran, daß der Bund mit dem schön klingenden Namen beim Ausbrechen eines Judenpogroms es weit von sieli weihen würde, einen solchen irgendwie provoziert zu haben. Von jüdischer Seite sind in letzter Zeit verscliiedetic Broschüren lierausgcgebcn worden, die der Aufklärung dienen sollen. Die Broschüren enthalten manches schätzenswerte Material. Hans Goslar setzt überzeugend auseinander, wie un- I sinnig das Gerede von der jüdischen Wclthcrr- Schaft isi. Ein ״Kenner", wie er sich bczeichnet, weist die zahlreichen Vorwürfe gegen das jüdische Schrifttum durch Anführen zahlreicher Stellen aus dem Talmud und der mittelaltcriichen Literatur zurück. Alle diese Literatur ist gut und notwendig, wenn man sich über die Grenzen ihrer Wirksamkeit im Klaren ist. Sie können bei manchem Wohlmeinenden Mißverstüudnisse zerstreuen, manches Argument beseitigen, das bisher geglaubt wurde. Den Antiseniitisinus wird man nicht beseitigen können. Der nationale Gegensatz kann in manchen Zeiten stärker, in andern schwächer empfunden werden: er wird nicht aufhören, solange das jüdische Volk heimatlos ist. Uns Zionisten überrascht an der heutigen antisemitischen Welle nicht ihre Intensität und nicht ihre Argumente; aber denjenigen Juden, die noch nicht bei uns stehen, rnag er immer wieder Anlaß sein, die jüdische Frage in ihrer Totalität zu durchdenken und zu der Lösung zu gelangen, die allein das Problem von Grund auf anfaßt. F. L. Die Wirkung der antisemitischen Hetze im Ausland Wenn cs noch eines Beweises bedarf, daß de atitiscmiiisehe Strömung in Deutschland dem Ausland jedes. Vertrauen auf eine wirkliche Neuorientierung Deutschlands nimmt, so zeigt das ein Artikel der gewiß deutschfreundlichen ״Neuen Züricher Zeitung", in de,» es u. n. heißt: ״Die am Kriege und an seinen Greueln Verantwortliehen haben sich längst durch eine geschickte Ver- Schiebung aus der Schlinge gezogen; die Formel heißt: ״Die Juden sind schtikL" In allen Städten hat eine große Hetze gegen die Juden eingesetzt, di*־ mit großem Erfolge arbeitet. ״Die Juden haben de״ Krieg verschuldet, um sich bereichern zu können, die Juden haben sich vorn Kriegsdienst gedrückt, «!*־ Juden haben die Revolution gemacht und Deutschland damit van seinen Sieg betrogen, die Juden . . ., du. Juden . . Durch diese Politik gelang cs den alten Urhebern des Krieges beim Volke langsam wieder Vertrauen zu gewinnen. Sic versprechen Deutschlands» neuen Aufstieg durch die Monarchie und durch einen neuen Krieg. Durch die Not und Verzweiflung, in der sich die breiten Volksmasscn heute befinden, und durch die Enttäuschungen, die man an der Republik ■ertebt. war es nicht schwer, diesen verführerkdien Ideen Eingang zu verschaffen. Geistig wird der Boden zur ״Revanche“ gründlich vorbereitet.‘‘ I

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