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Jüdische Rundschau · 1920-02-03 · Heft 9 (3.2.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 9 (3.2.1920)
Date
1920-02-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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/ 1׳ ׳; «7־ /, \ ץ־י־-׳ץ ל׳, :״ו y «*״״ ד־:ל ־דד מ׳מ ״ •. . ., .,nA Verl«? W. 15, SiiuL-.Uvhe Sir. ü. Kriwl.äot IwWa Hrdft^i n AW»n«m«nt b•» «Ur Expedition uocl den S"״״l*rn viwtc1j..h1llch M. 6. und 35 «$ Tfu,r״nr״u.fhU* ^״l)«ul8>Jll»n''' *"•1«"1'*»'*'»",""'"י »Uj>1»cl1r«dM Wutuung, Nummer Berlin, 3. II. 1920 An sc! f»en-Vcrwa lt UHR׳; W«ll-V״t«j, Berlin NW. 7, Dorothe.n.tr.B« J5. TeWpboni Amt Zcülrum 4M 4 u. 4M 5• Anzeigenpreis Cur di» ffchc2r»paU*n« NoopirülUnlU 1 M., und 25% Tcuen1Qg*2tuc4)U2• Anzeigenschluß: l)*onf1lag tmdFrcltsg nadbrniltegs 4 Uhr. iOl . _..A__—- T^\ \ fP TeUpbnnj Amt UUUmi 45א uiu)!'46. P©*1 *check konlo*.!lerliu Nr. 17 .59?. ► iir Odderrrieh: P0#»«1t»rka^»* n»mt Wien, Koato Nr, 15fti» Taclivchosrlowaltri: Po*»«p8rkn*sefjamt Prag, Koni• Nr. 156 01a RrdnkVionvsclsluö Sonntag und Mittwoch nachmiUag. 14. Sch’bat 5680 XXV. Jahrg. Halb-Barbaren Der preußische Minister des limern Wolfga״״ 11, ine hat an den Herausgeber des ״Vortrupp“, |. mnnn p0pcrt, einen Brief gerichtet, in c'felici״ er unter Bezug auf Poperts Ostjudenartikd Biber Ale« wir seinerzeit kurz berichtet haben) seinen [ rhß rechtfertigt. Es handle sich in der Verord- ,Hing um die Erteilung der Staatsbürgerschaft an sulche ausländische Juden, die schon lange in IX utschland wohnen und früher aus irgendeinem nngcrechten formalen Gründe nicht eingebürgert *worden sind, ln dem Erlaß, schreibt Heine, heißt cs, ״daß die Einbürgerung solcher Ausländer ohne RucÜJtt auf die Konfession vorgesehen werden solle, vetche als eine in sozialer, politischer mul Wirtschaftiijier Hc/i rin ui;; *erwünschter Bevölkerungszuwachs an• /־״scheu sind. Es handelt sich also nicht um die in I Irrem Artikel so ausführlich!! e!1 a n d c 11 c n halb barbarischen ßcvöl-! e r u n g s s c h i ch t c n d c r ö s 11 i c h e n L ä n d e r.“ Minister Heine ist ein Mann von rechtlicher und freier Denkungsart. Zweifellos gehört er zu den bcstgesLiuiteu Politikern Deutschlands. Wie lief muß ein Vorurteil in die Seele des Volkes eingefressen sein, wenn selbst dieser Mann so unbedenklich wegwerfend von den ״halb barha rischen“ Ostjuden spricht! Es ist ein Merkmal dieser Zeit (deren Geist noch immer identisch ist mit!dem vor dein Kriege und während des Krieges), daß die Menschen kurzer Hand geneigt sind, einen Menscluut anderen Volkstums, anderer Kultur und Wesensart als minderwertig abzutun, ohne sielt die Mühe zu uclimen, ihn aus seinen Bedingungen und seiner Geistigkeit heraus verstehen zu wollen. Dazu kommt noch der maßlose Hochmut der eurepaischen Kuhurphilister, die trotz allen Erfahrungen dieses in der Weltgeschichte beispiellosen Zu* sammenbruchcs noch immer ihre Welt für den Höhepunkt der fortschreitenden Entwicklung der .Menschheit halten, Die Ostjuden freilich, deren I labitus und Gebühren so absonderlich ist, passen nicht in diese Welt; sie sind — ein gesitteter Mensch sagt höflicherweisc nicht Barbaren, aber Halb-Barbaren. Man hat während des Krieges soviel Unfug mit dem Wort ״Barbaren“ getrieben, daß man in seinem Gebrauch vorsichtiger geworden sein ׳. יUte. Besonders ein Staatsmann, der das ‘neue (ach, so alte) Deutschland repräsentieren will, hat allen Anlaß, vor so kiel!fertiger Charakterisierung zu rückzuschrecken. ״Barbaren“ war das Wort, mit dem mau die gegenseitige Achtung untergrub, mit dem!man an Stelle menschlicher Solidarität und gem, kisanicii Kulturslrebens -- Haß und IViiulschal'i sa!c, aus denen die gridle Ernte des Todes hervorsproß. Statt die Menschen einander näherzubringen, hat man sic künstlich entzweit, — nein, nicht ״man“, sie selbst, die Menschen dieser Völker, waren verblendet und verhärtet genug, ihr durch Massenmord belastetes Gewissen durch die Fiktion der Minderwertigkeit der getöteten Gegner zu entlasten. ' Diese gesittete Welt, die sich selbst vornichtete, die die Erfindung neuer, immer grüß- Hellerer Mordwerkzeuge als Triumph des ,)Geistes“ feierte, die auf Zerfleiscluing von Menschen Prämien setzte, die durch fünf Jahre das erbärmlichste Blutlumdwcrk mit einer Gloriole schmückte, die heute!och ihre Konflikte nicht anders als durch das Knattern der Maschinengewehre zu lösen weiß, diese Welt ist allerdings dem" Verständnis des Juden unsagbar fremd und könnte ihm, falls er nicht Scheu vor derartigen Klassifikationen hätte, vielleicht gar als ״halb-barbarisch“ Clschtincu. Das jüdische Volk, dessen Kern heute die als ,Ostjuden“ bezcichneten Gruppen bilden, hat seine sittliche Kultur aus grauer Vorzeit bis auf den heutigen Tag als kostbarstes Erbe bewahrt. Im Mittelpunkt unserer ersten Gesetzgebung steht das Wort: Du sollst nicht morden! Unsere Propheten haben für Gerechtigkeit und höchstes Menschentum geeifert, als die Vorfahren der Herren Heine lind Popert auf der Bärenjagd oder beim Mctgelage sich vergnügten. Der Glaube au die Wahrheit der bis heute von den Völkern unverstandenen prophetir selten Botschaft bat unser Volk in allem Sclumitz, den die Kulturvölker auf ׳uns gehäuft, in alter Bedrängnis, die sic uns angetan haben, rein find auf- ״Der Ztonlimu* erstrebt für da* JQdlsdbe Volk die Schaffung einer Cfk.ntlldr-rciMlidr geifcberten HelmilSffe in Pal&tiina.'* Baseler Programm. recht erhalten. Die Ostjuden mögen Herrn Heine manchmal schmutzig erscheinen: dieser Schmutz ist Europas Werk, Europas Schande; in ihrer Seele, von der 1 leine so wenig weiß wie von der Mentalität der Südsccinsulaner, brenn» das Feuer der Erlösungssclinsudit, der Glaube an den Endsieg der Gerechtigkeit. Wir sind nicht selbstgerecht genug, um •zu behaupten, daß wir sittlich höher stehen als die anderen; wir wissen, daß auch in unseren Reihen Verbrecher, Schurken und Verräter sind; aber wir erlauben uns doch, lächelnd zur Tages* ordnung überzugehen, wenn man uns als Barbaren oder Halbbarbarcn abtnn will. Wir denken höchstens: Wir Wilde sind doch bess're Menschen. Aber eines wollen wir nicht unterlassen zu be* merken: Wir fürchten, daß jener Geist, der andere Völker kurzweg zu Barbaren stempelt, dem Deutschtum nicht zum Heile gereichen kann. Er beweist nur jene Enge des Horizontes und jene Kurzsicktigkeit, die das deutsche Volk schon einmal an den Abgrund geführt hat. Die neue Zeit braucht einen anderen Geist. Er spricht aus einer Rede zu uns, die der Ministerpräsident der südafrikanischen Staaten, General Smuts, eine der wenigen wahrliaft ediert Gestalten der politischen Weltarena, anläßlich seines Empfangs durch die südafrikanische Juiknlieit (die -zum größten Teil aus eingewanderten Ostjuden besteht) gesprochen hat. Wir zitieren aus dieser Ansprache, die das gesamte Judenproblem in seinem tiefsten Wesen erfaßt und den Willen zur Mitwirkung bei ihrer Lösung ausdrückt, nur zwei Stellen: ״Ich halle Ausschau nach *len Spinoza mul Maimonidcs der Zukunft. Ich wüßte nicht, warum nicht, -- da das Volk i11h.1v da ist, das Wesen noch da i>t, die geistige Flamme in euch noch lodert. Idi muß zugehen, dal! in den lel/.tcu Jahrhunderten die geistige Kraft und Vitalität des jüdischen Volkes oft in andere Richtungen ab;;■denkt wurde, und heute habt ihr den Ruf, mehr an das Materielle als an das Geistige, mein• an Gddverdiciien als an die höchsten Werte des Lebens zu denken. Aber ich bin überzeugt, daß dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die voll und ganz durch die historischen Bedingungen erklärt wird, unter denen dir viele Jahrhunderte inmißen der Völker Europas leben mußtet. Es gibt keinen Grund, warum Israel nicht zu seiner großen histoHselren Mission zurttckkchrcn, warum Israel nicht wieder das Banner des Geistes über alte anderen Völker der Lute entfalten sollte. Dies war euer Beruf in der Vergangenheit; ich hoffe, es wird euer Beruf in der Zukunft sein.“ Und dann: ״Für etter Volk ist eia;;rotier, laugdaucmder historischer Starrkrampf zu Ende gekommen. ״Ihr habt ■eine große Rolle in tler Geschichte gespielt. Ich sein' die Tage kommen, wo ihr wieder eine große Rolle spielen werdet; wahrlich,'wenn ihr wieder zu dein allen Programm, zu dem Piogramm der Psalmen und Propheten z.nrück kehren werdet. Wenn dieser Tag kommt, dann werden wir hier in Südafrika, wir Christen, Sprossen teutonischen Blutes, anerkennen, daß ■eines dor mächtigsten, eines der wertvollsten Elemente unserer Bevölkerung die Juden seht werden, die Hinter uns golebt und uns die geistige Auff a S s tt n g des L •e b e 11 s g e 1 e h r t haben.• •. General Smuts hat die Judenfrage in Europa, Afrika und Palästina £011 au studiert. Dieser unertuüdlicUe Vorkämpfer des Gedankens der Völkervg/sölinun״ und des wahren Völkerbundes denkt anders von dem Kultuniiyeau des jüdischen Volkes, weil er von Ideen jüdischen Ursprungs ergriffen ist. 'Er erhofft Von diesen Ideen die Wiedergeburt der in Barbarei versunkenen Welt. Er betrachtet die Juden als eines der wertvollsten Elemente seines Staates. Inzwischen schauen deutsche Minister, Schriftsteller und Professoren im Vollbesitz ihres zivilisatorischen ■Eigendünkels auf die Halb-Barbaren aus dem Osten herab, die für Deutschland nur ein unerwünschter Bevölkerungszuwachs wären. Freilich; denn sic könnten cs am Ende ״die geistige Auffassung des Lebens“ lehren wollen. Solche Zudringlichkeit, auf die der Minister- Präsident Smuts seine Menschhcitshoffnung setzt, ist in Deutschland suspekt und deplaciert. Man will hier keine Halb-Barbaren. R. W, * Das ungarische Beispiel Der Ausgang der ungarischen Wallten bedeutet eine große Niederlage für das ungarische Judentum. Nicht etwa darum, weil, wie voraus/nseheu war, der christlich nationale Antisemitcnblock einen überwältigenden Sieg davongetragen hat, sondern darum, weil das Judentum seine Unfähigkcjt zu selbständigem politischen Denken und Handeln erwiesen hat. Es wurde nicht einmal der Versuch gemacht, eine selbstbewußte jüdische Poli bk nt ütatigiiriercn. Vielmehr ließen sich die Juden von verschiedenen demokratischen und liberalen Parteien ins Schlepptau tielumm und vergingen vor Angst und vor zweckloser Apologetik. In* {״!ge der Haltung der großen Presse ist cs noch heute der weiteren Oeffcntlichkcit unbekannt, was in Ungarn eigentlich vorgeht, welches unglaubliche Sch andregiment in dem Staat des heiligen Stephan etabliert wurde, dessen Stolz es einst war, das Bollwerk ettropü■scher Kultur gegen die Türken gewesen zu sein. Die monarchistische Reaktion feiert in Ungarn Blut- Orgien, und ihr auch in Deutschland wohlbekanntes, beliebtestes Requisit ist der Antisemitismus. Die Nachrieht von dem Anschweilen des ungarischen Antiscmitisnuts hat auch das deutsche Judentum merklich irritiert. Die Assimilantcn aller Nationen sind ton ein Argtancnt armer geworden, da die weltberühmte ungarischc Assimilation Schiffbmeh gelitten hat. ln Ungarn gab es bisher fast gar keine zionistische Bewegung; nicht die Zionisten haben die Assimilation zu F'all _ge* bracht, sondern die Wahrheit der zionistischen Ideologie ist durch das ungarische Beispiel neu bestätigt worden. Diese unbequeme Tatsache will die Zeitschrift ״Im Deutschen Reich“ durch langatmige Erörterungen wegtäuschen. Es gelingt ihr natürlich nicht. Jeder Leser der erwähnten Darstellung und jeder nur haünvegs eingeweihte Beobachter winl fcststdlen können, daß die . ungarische judenfrage ün wesentlichen dieselbe ist wie! die deutsche und die polnische und die aller änderet» ' Länder; nur liegt bei dir der Fall besonders extrem, weil kein Land für politische Fiktionen so geeignet ist wie Ungarn und weit nirgends die judenschaft so ahnungslos, so unreif, so korrumpiert war wie in Ungarn. Wut« das ungarische Judentum naht rettungslos ün Servilismus verstrickt, kannte cs grolle politische Zusammenhänge erkennen, dann hätten die ungarischen Juden verstanden, daß nur eine einzige Art des Verhaltens zulässig ist: eine selbständige Politik und Aufstellung jüdischer Kandidaten wenigstens in den Bezirken judischer Masscnsiedlung. Es »st kein Zuxifel, daß in Budapest, der größten jüdischen Gemeinde Mittelcuropas, mindestens e i 11 jüdischer Kandidat hätte gewählt werden können. IXrbei ü.1 auf das Beispiel Wiens hiu/mvetsen, wo der Gedanke an die Wahl eines jüdisch-nationalen Abgeordneten noch vor kurzer Zeit in das Reich tler Phantasie verwiesen worden wäre und trotzdem Tatsache geworden ist. 1X0 nunmehr bald einjährige parlamentarische Tätigkeit ries Abgeordneten Stricker hat aller Welt, auch denjenigen Juden, die noch an den Wert der jüdisch-nationalen Politik ge* zweifelt hatten, schlagend bewiesen, daß die jüdischnationale Politik nicht nur tler einzige gangbare Weg zu einer wirklichen und nicht scheinbaren jüdischen Intcicssen- Vertretung ist, sondern auch die einzige Möglichkeit einer fruchtbaren jüdischen Betätigung im Dienste des Staates und die einzige Methode, ein aufrichtiges, friedliches, auf gegenseitiger Achtung gegründetes Verhältnis der Juden zu den andern Völkern nnzubahiteii. Gerade die letzten Tage waren dafür charakteristisch. Abgeorduetcr Stricker hat itn Wiener Parlament zwei Reden gehalten, die das größte Aufsehen hcrvorrielc״ und von allen Parteien und der gesamten Presse lebhaft disku'icrt wurden. Das erste' Mal sprach er gegen das Tiaie Wehrgesetz. und zeigte, daß auch die heutige sozialistische Regierung, nachdem sie zur Macht gekommen ist, in den Fußstapfen des ererbten Militarismus fortschreitet, wogegen er im Interesse einer aufrichtigen Völkerbtio l- Politik Einspruch erhob. Das zweite Mal hielt er eine leidenschaftliche Anklagerede ge״en das Spekulantentum, das Schiebertum und die d'nXcm verhaftete Wiener Großpresse, die fälschlich von den Antisemiten ״Jndcnprcsse“ genannt wird. Beide Angelegenheiten haben eigentlich mit dem Judentum nichts zu tun. Und dennoch ist es gerade für die Juden von größter Bcdeuttuig, daß durch den einzigen Sprecher, der wirklich der jüdischen Oeffentlichkcit verantwortlich ist, im realen politischen Leben und nicht etwa int Feuilletonirgendeiner Zeitung jette Stellung eingenommen wurde, die der Auffassung der überwältigenden Majorität dev jüdischen Massen und dem jüdischen swialea Ethos entspricht. Es hat gar keinen Zweck, in apologetischer Absicht immer wieder zu betonen, die Juden seien für die kapitalistische Ausbeutung öder für den Bolschewismus nicht verantwortlich. All diese tuifrudvtbaren und unwürdigen Beteuerungen rnaclten nur den Eindruck heuch-!arischen Geredes, da man immer ein Nebcniate-resse der Sprecher vermutet und die Möglichkeit offener Kontrolle fehlt Solange man nicht feststcllen kann, von wem solche Aeußcrungen wirklich verantwortet werden, *

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