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Jüdische Rundschau · 1920-01-30 · Heft 8 (30.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 8 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein Erfolg zionistischer Politik im englischen Judentum London, 26. Januar. (Eigener Draht־ bericht der Jüdischen Rundschau.) In der am 25. Jauum* nhgehaltencu Bitzum׳ des Board of Deputier, wurtle seitens des zionistischen Delegierten Marks ein Antrag eingebracht, daß die DJ...gierten des Joint Commitee (das Joint Commitee besteht bekanntlich aus dem Board oi' Dcputies und der Anglo Jcwish Association) als Teil des C 0 m 11 6 des DiHegations julvou hei der Pariser Eriedcnskon.crcnr. an dessen Arbeiten tcilnchmcn sollten. Dieser Antrag wurde mit 86 gegen 33 Stimmen an־ genommen, obwohl Lucicn Wolf und andere an die Versammlung appelliert hatten, da־ gegen zu stimmen. Das Ergebnis ist als ein großer nationaljüdischer Sieg aufzufassen. Diese Meldung ist außerordentlich erfreulich ׳•ו■.' v*> 1! großer Tragweite. Der Buard of Depalies 11:,u die Anglo Jcwish Association umfassen den ״rollten Teil des iiidnzionisüsctien englischen Juden- וון;!!*. Der inil beSrichtliciicr Majorität gefaßte Bc- Miilidi Itedeufel, daß die Körperschaften der, engiive'ren Jtidenfums die Grundlagen einer nationalen Ualiitl.Politik, wie sie das Comit6 der Delegationen in Paris treibt, billigen 1t:1d daß sie gewillt sind, 111 diesem Sinne niitziiaibeiten und sieb dem Uoinitc d, r Delegationen auch organisatorisch einziilügen. Wie erinnerlich, bestellt das Gmnitc der Deiegm: men in Paris, dessen Arbeit die Bestimmungen 11b' •r dpi) ‘Natinnalitutenschutz im polnischen und nmianischen Eriedcnsvcrtrag zu danken sind, aus Vertretern der Zionistischen Organisation, der jüdiseben Nat'wnalriitc lind des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Der Beitritt der Repräsentanten des englischen Judentums verstärkt die Basis des Comini';!ad verheil'.{ .seinen Dider:1c!11r.i!n;,v:1 eine suiikere Wirkungskraft. Das brilische Judentum kann sich auch in seinen ausgesprochen nichtzionistischen Teilen der Notwendigkeit nicht \erschließen, nationale jüdische Volkspolitik zu treiben und es hat genügend Einsicht besessen, seine Mit- Wirkung an der. Stelle zu gewähren, wo diese Politik heute ziclbevvußt und erfolgreich geführt wird. Wir begrüßen den Schritt des Board of IK| ufies und hoffen, daß er für die nationale Arbeit, die beute in Paris zu leisten ist, bedeutmngs- \ oli werden möge. Der Schrift des Board of Dcputies Dt mir ein Bruchstück aus einer Entwicklung, die mit dem amerikanisch-jüdischen Kongreß einsetzte und die noch lange nicht zum Abschluß gekommen ist. Ihr Charakteristikum liegt darin, daß große nichtzionistische Gruppen des Judentums unter Wallrang ihres prinzipiellen Standpunkts und unter Ahlehnung jedes (von den Zionisten nicht verlaugten und niemals angenommenen) Koni- וח ין miss e s in der G c s i 11!11111 g sich mit den zionistischen und nationaljüdischcii Gruppe.) zus am menschlichen, um bestimmte Aktionen der Politik dtircli/.iiführen. Diese erireuliciie Bcrcifwilligkcit zu gemeinsamer Arbeit hat, wie wir wissen, bereits viele Erfolge gezeitigt. Dieses Zusaminengeheu hat der Welt erst mit überwältigender Deutlichkeit gezeigt, daß ein seiner seihst bewußtes jüdisches Volk existiert und daß cs trolz vieler | grundsätzlicher Gegensätze reif ist, eine bestimmte I Politik zu Verfolgen. Die fünfzehn Millionen Juden I sind ein nicht zu übersehender Machtfaktor, sobald sie einig auftreten und ihren Willen zu vertreten wissen. Wenn die Politik des amerikanisch-jüdischen Kongresses tmd des Gomitcs der jüdischen Dclegationen in ihren Grundzügen stets zionistische» Anschauungen entsprach, so liegt dies nicht etwa daran, daß ,die Vertreter der Nichtzionisten über- 'itnnint wurden!oder aus Gründen der Einigkeit 1'ünzess.onen machten, die ihren Anschauungen 'uderspraelicn. Es liegt vielmehr daran, daß die rorderungen des Zionismus in der Palästinapofitik und in der üalutharbeit ebensowohl unseren prin- *ripiellen Anschauungen vom jüdischen Volkstum 'Ge den realen Notwendigkeiten der Gegenwart entsprechen. Eine wirkliche Politik wird ebenso• wenjg aus einer vorgefaßten Jdee heraus die realen Tatsachen, Strömungen tmd Einflüsse übersehen, ״Der Zionismus «strebt für da» JüdUdhe Volk die Schaffung einer 6rieniUd1־rechlI!d» geiidbcrlen IleiinsLUie in Palästina." Baielcr Programm. noch wild sie unter Verzicht auf einen eigenen tragenden Gedanken sieh rein von den äugenbücklich vorhandenen Kräften bestimmen lassen. Nur die IMIitik wird erfolgversprechend sein, die die vorhandenen Realitäten erkennt und sie im Sinuc einer Idee zu meistern und zu lenken versucht. Weil der Zionismus die einzige politische Bewegiing im jüdischen Volk ist, die eine so geartete Ikiütik vorschiügt und führt, darum ist sie im* stände, in immer höherem Maße auch diejenigen Kreise zur Mitarbeit licranzuzielien, die den Ideen unserer Bewegung fremd bleiben, aber duschen, daß die harte Notwendigkeit des Tages eine .solche Politik gebührend verlangt. Dieser Einsicht xvird sich auch das deutsche Judentum nicht dauernd verschließen können. Es wird erkennen müssen, daß eine IVilitik, die nicht auf dem Bewußtsein des Zusammenhanges des Weltjudentiinis und der Solidarität des jüdischen Volkes beruht, nicht als Iinclitbare jüdische Politik gelten kann, t.iberalisnius und Assimilation haben dem Zionismus, der umfassenden,' /iclbewußteii jiidischcn Volkspolitik, nichts Gleichwertiges entgcgen/ustellen; sie müssen die Wirklichkeit vergewaltigen, um ihre Theorien vertreten zu können. Sie müssen die nationale Verbundenheit des ji'1diseben Volkes und seine Verknüpftheit mit Paliislina ableugnen, müssen den Antisemitismus verkennen und für eine vorübergehende Erscheinung halten, müssen eine innere Seelenverwaiidtsdinft zwischen Deutschtum und Judentum konstruieren, um ihre Politik eines rein religiösen Judentums stützen zu können. Jene Teile der Orthodoxie aber, die noch nicht mit uns gehen, glauben, in Ver* kenmmg der wirkenden Kräfte der Gegenwart, das jüdische Volk mit denjenigen Mitten! erhalten zu können, die vor Jahrhunderten genügen mochten. Auch diese Gruppen im deutschen Judentum werden erkennen müssen, daß sic die Wahl zwischen völligen» Untergange und zwischen der Politik haben, durch die die britischen Juden gezeigt haben, daß sie zur Mitarbeit im jüdischen Volk bereit sind und die dnhinftihrenden Wege zu finden wissen. F. L. Ein ״jüdischer“ Abgeordneter in der Bukowina Hinein Bericht der ״Wiener Morgeiueiumg“ über die Leiden, die die Bukowinaer Jaden unter rumänischem Regime durclizumachen haben, entnehmen wir fnlgonde Mitteilungen; ״Die politische Stellung der j.nlr.1 in der Pnkowin:! wird systematisch untergraben. Der jüdische Nationalrat in der Hmkowina wurde aufgelöst. Die Wahlen /uni ruitiänischen. Parlament fanden unter dem fiirchtbnrcu Terror der Regierung statt, welche jede jüdische Kandidatur verhinderte (die jüdisehe Kurie in der Bukowina mußte verschwinden). Daher übte der ״roßte Teil der jüdischen Bevölkerung W'nhlemhnHung; die Juden, welche zur Wald gingen, erhielten vorgedruckte Stimmzettel, die inan sie mit Drohungen alw.iigehen zwang. Und auf solche Weise hat die rumänische Regieriin״ einen jüdischen Abgeordneten von C/oruowitz ״ernannt“. Er heißt Jakob liecht. Und dieser Jako!» Hecht hat cs auf sich genommen, nachdem ihn ' die rumänische Regierung zum ״Referenten für das Jiuieiihiin in der Bukowina“ ernannt hatte, im rumätiisehen Regierungsorgan ״L’ludepemlaiice Rounnine■• eine Erklärung abzugeben, in welcher er sagt, die ganze Jndenlieit der Bukowina sei gewillt, sich mit Großriimänieit zu vereinigen und sei mit ihrer Lage inner rumänischer Herrschaft vollkommen zufrieden. Die Jmlcnsch.itt der Bukowina bestreitet mit Recht die ■Berechtigung des Hecht, in ihrem Namen zu sprechen. Sie hat sich au die jüdischuatioiiale Delegation in Paris mit einem flammenden Protest gegen diese Crkläruug des Hecht gewendet und mit der dringenden Bitte, ihre Rechte wahrzqiichmen. In diesem Protest heißt es wörtlich: ״Wir sind mit der Judenpolitik der rumänischen Regierung durchaus nicht zufrieden. Die Erklärung Hechts ist Verrat und für ihn hat Jakob Hecht von der rumänischen Regierung eine Millionen bei o 11 n t» n g erhalten in Form vor» 35 Waggons.' Bauholz aus der russisehen Moldau.“ Dafür kann man sein Volk‘ freilich verraten! Zur Frage efer zionistischen Politik Von Walter D e u t s c h m a ״ ״ , B! cslau. Es ist augenscheinlich, daß gerade 1m gegenwärii• gen Moment innerhalb der zionistischen Organisation bezüglich der eiimischlageudcii P.ilitlk weitgehende Met mmgsvcrschicdcnhcitcn bestehen, wie sic uns in gleicher Schürfe vielleicht nur in den Anfangszeiten des Zionismus enfgegentreten. Und wer daran noch zweifeln stillte, wer auch etwa C'-owcns!Kritik an der zionistischen Politik für unwesentlich hält, der!esc ein Buch wie j ZoHsClians ״Revision des jüdischen Nationalismus", das tun der Politik willen auch llaiul an'.egt alt die unserer Bewegung zugrunde liegenden B•griffe und es ergibt sich für jeden zum mindesten die Notwendig׳• _ keit einer fest umrissenen Theorie des politischen Zk>- nismiis. Des politischen Zionismus nicht der zioiiisUsclten Politik! d. 11.: der Zionismus ist eine Bewegung uni einem politischen Ziel, das in Wechselbeziehungen steht zu den politischen Zielen der andern Nationen; die zionistische Politik ergibt sich hieraus als die auf das Endziel hiiistrebende und den Zeitläuften .!(!gepaßte not■ wendige Aktion. Und somit ergibt sich von seihst hieraus die Unsicherheit der zionistischen IMIitik in der Liegen־ wart: da sie von der allgemeinen Weltlage abhängig und diese selbst noch ungeklärt ist, so kann man and» heute noch nicht eine positiv vollkommene zionistische Politik erwarten. Aber einerseits muß natürlich von der kom• inenden Politik veilangt werden, daß sie die unmittelbare Konsequenz des politischen Zionismus dai stellt, anderer• seifsist schon jetzt zu erstreben, •daß man mich die politischen - und *las heißt für uns jetzt vor allen» vülkerreiht'iehen .Strömungen und Grundlagen unserer Zeit zu erkennen sucht. Dieser Forderung scheint ni.m noch nicht ganz gerecht zu werden. Die Cmuulcikcnntnis d<rS politisehen Zionismus iu die, daß die anormale Lage des jüdischen Volkes sidi daraus ergibt, daß cs nicht Subjekt des Völkerrechts ist. Was heißt das, wenn wir zunächst von der Folgeiii't:■ und der Forderung absehon, die hieraus zu ziehen sind; Gibt es überhaupt ein Völkerrecht und wer ist Träger desselben? Sicherlich gab es auch schon vor dem Kriege eine feste Regelung der Beziehungen der Staaten zueinander, die auf Vereinbarung der einzelnen Staaten beruhte. Ob man diese Regelung wegen Mangels an Erzwiugbarkeit durch eine übergeordnete Gewalt als ein ״Recht“ bezeichnen kann, ist eine müßige theoretische Frage, zumal auch sonst nicht zum Wesen jeden Rechts der Begriff der Ernvingbarkeit gehört. Ta!■ sächlich zu beachten sind nur folgende Punkie; 1. Träger dieser auf Vereinbarung beruhenden Re• gclinig — des Völkerrechts - sind nur Staaten. 2. Die Durchführung׳ der Regeln erfolgt, negativ ausgedrückt, zur Vermeidung von Gewalt seitens der amklen Staaten. Die Frage nun, die fiir unsere zionistische Politik von ausschlaggebender Bedeutung ist, ist die, die F. L. in *len! Aufsatz in der ״jüdischen Rundschau" Nr. dl vom vorigen Jahrgang mit Recht stellt: ändert sich diese Lage wesentlich durch Errichtung des Völker• blindes? Und diese Frage ist, meine ich, unter den ge- ״ebenen Verhältnissen auf das entschiedenste zu vern ein e 11. Da das Völkerrecht eine Regelung tntsächiieher Beziehungen darstellt, so müssen alle außerhalb tler Macht der Tatsachen stehenden ethischen um! tmu.t• lischeti Begriffe auch außerhalb dieser tatsächlichen De• Ziehungen stoben, cs sei denn, daß die Machtfaktorcu aus irgendeinem Grunde (meist natürlich egoistischer Natur) diese Begriffe ihren Vereinbarungen zugrunde legen. Subjekt des Völkerrechts werden nach wie vor nur Staaten sein, und hiergegen werden keine ab• strnkten Konstruktionen etwas ausricliten können, weil solche mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts zu tun haben. Wenn also ein staatloses Volk, wie das jüdische Volk, in den Völkerbund aufgeiiommcn wird, so wird cs weder dadurch zum Subjekt d׳.׳s Völkerrechts, noch der Völkerbund dadurch zur Völkeneclitsgemcinsdiaft. (Uebciiuuipt ist daher von jeher der Pcgiili ״Völkerrecht" nicht ganz logisch und klar.) Andererseits aber steht es fest, *laß die Aufgaben des Völkerbundes,, so vor allem der Schutz der nationalen Minderheiten, von der Gesamtheit der Staaten, der wahren Völkeriechisgemeiusehaft, .als eigene Aufgaben angesehen werden. Welche Folgerungen ergeben sich nun hieraus für die zionistische Politik? Man hat sich in der Ihcorie lange gescheut, .aus clcr politischen Giuiiderkenntnis des Zionismus die Schlußfolgerung in konsequentester Weise z» ziehen, daß das Streben des Zionismus dahin gehen müsse, die Juden nun■ .Völkerrecl1tssub;ekt zu machen. Wie suchte man sich׳ vor dem Kriege (allerdings in klarer Erkenntnis der politischen Unmöglichkeit) um den Begriff des Staates heruurzudrücken! Man denke etwa mir an den Streit bet der Festsetzung des Btasekr Programms! Hier muß die zionistische Politik zu einer baldigen völligen Klärung kommen; denn was das von einem Staat in» Auftrag des Völkerbundes fiusgcübte Mandat (Goitdommium?) bedeutet, ist ,noch völlig unklar. Gewiß ist nicht unbedingt unmittelbar ein Völker*

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