Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1919-12-30 · Heft 92 (30.12.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 92 (30.12.1919)
Date
1919-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652135-2652227--12742-2670409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion a, Verlag■ W, 15, Säthsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Abonn.hei d Exp. 0 d Postämtern *iertelj. M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr. 15, \ Ausland M 10,— “ Nummer 30. XII. 1919 An zeigen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 a, 4815, Anzeigenpreis für die ■ecfcageapaltene Nonpareiüeseile 75 Pf., TeoernngMuaehlag 20%. >rwm111 ihwimwp 111■! hihiiiw ■m 11 ■■urwwii ״ ״׳uiawii ______ Telephon: Amt Uhland 845 H.S4-6. Postscheckkonto: Berit• Nr. 17392. Für Oesterreich: Po*tsparkas»enamt Sdheckkont• Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag a. Mittwoch nachm, 8 Tebeth 5680 I XXIV. Jahrg. Der Zionismus erstrebt fSr das jüdische Volk dl« Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Helmatfttte in Palftatina. ״Baseler Programm״ Infolge der diristlidien Feiertage und der Arbeiisruhe in den Betrieben mufjie die letzte Fi eftagsnummer aasfallen. Die nächste Nummer der ״Rundschau‘' erscheint Dienstag, den 6. Januar. Der Arbeitsplan des Palästina-Amtes Die heutige Nummer enthält das Exposee des Palästina- Amtes in London, in welchem der Arbeitsplan für die bevorstehende Kolonisationsperiode and die finanziellen Vorberettnagen dargelegt werden. Vor der Entscheidung Die Absage der Jahreskonferenz wird in weitesten zionistischen Kreisen mit lebhaftem Bedauern aufgenommen werden. Die Ungeduld und Erregung der zionistischen Öffentlichkeit hat sich in letzter Zeit infolge der eingetretenen Stockung immer mehr gesteigert und man erhoffte von einer Aussprache eine Klärung, die die zionistische Arbeit zu beleben imstande wäre. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die Jahreskonferenz von äußerst wohltätiger und beruhigender Wirkung auf die Stimmung in der Organisation gewesen wäre. Wir dürfen uns jedoch keiner Täuschung darüber hingeben, daß sie im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung eine entscheidende Aenderung der Lage nicht herbeigeführt hätte. Die politischen Verhältnisse liegen nun schon seit einem Jahre 90, daß der Beginn aufbauender zionistischer Arbeit in Palästina, für den alle zionistischen Verbände bereite vor Ende des Krieges gerüstet hatten, immer verden muß, aus [e Jahreskonferenz aufgeschoben• Wegen der beginnenden türkisdien Friedensverhandlungen. London, 24. Dezember (Telegramm der Jüdischen Rundschau). Das Zionistische Zentralburean in London verlautbart: In einer Sitzung des Actions-Comites unter Teilnahme Sokolows, Schmaija Lewing, Max Nor da», sowie aller hier weilenden Mitglieder wurde beschlossen, die Jahreskonferenz aus folgenden Grunde■ sm verschieben: Erstens ■wegen der Tatsache, daS die Verhandlung über den Friedensverbrag mH der Türkei unmittelbar bevorsteht und daß die zweite Hälfte des Januar aller Wahrscbcfctlichkeft nach für die definitive Festsetzung des Mandates über Palästina entscheidend sein dürfte, so daß die Leitung gegenwärtig London and Paris unmöglich verlassen kann; zweitens wegen des Umstandes, daß für die Zionisten Amerikas, Canadas «uad Stdrußlands die Teilnahme an der Jahreskonferenz unmöglich wäre. Es wurde beschlossen, das Große Actions-Comitö speziell wegen der Mandatsfrage für einen! zu fixierenden Termin der allernächsten Zeit nach London ehncaberafen. untätiges Warten zermürbten Massen des jüdischen Volkes geradezu wie eine Erlösung begrüßt werden. Endlich wird der Zustand der Ungewißheit beseitigt, endlich wird die politische Zukunft Pallstinas geregelt werden. Die englische Regierung hat gerade in letzter Zeit wiederholt kundgegeben, daß sie die in der Balfourschen Erklärung gegebene Zusicherung als eine vollendete Tatsache auffaßt und hat auch die ökkupationsbehörden, deren Praxis nicht immer im Einklang mit der grundsätzliclv vom Foreign Office proklamierten Politik stand, angewiesen, die Verwaltung jetzt schon im Hinblick auf die Errichtung der jüdischen Heim- Stätte zu führen. Trotzdem ist den Berichten und der palästinensischen Presse zu entnehmen, daß diese Intentionen der Regierung noch auf erhebdt«n Erklärung .2um Sl:fc-r#al«ut] g »Me Di« ׳Schwierigkeit des gesamten türkischen Problems, die Komplikationen der syrischer» Frage sind bisher von der Friedenskonferenz nicht gelöst worden. Vor der endgültigen Erteiiung des JVJandates über Palästina ist ater auch England nicht in der Lage, irgendwelche Schritte zur Verwirklichung der Balfourschen Deklaration zu unternehmen. Am schwersten ertrug man diese Zeit des Uebergamgs in Palästina selbst, wo sich der führenden Kreise des neuen Jischub eine gewisse Nervosität bemächtigte, besonders da Palistina, im Gegensatz zu andern Kriegsgebieten, noch immer unter militärischer Verwaltung steht, die keinerlei Entfaltung zulißt und insbesondere die Zuführung von Kapital und neuen Arbeitskräften, deren das Land dringend bedarf, unmöglich macht. Die Jahreskonferenz hätte unter den heutigen Umständen nicht viel mehr tun können, als die Klagen anhören und durch Aufklärung des politischen Tatbestände» die Depression zu beseitigen versuchen. Sie hätte zweifellos viele Mißverständnisse hinweggeräumt und allen Gliedern der Bewegung neuen Mut und Glauben zugeführt. Warn nun das Actions-Comite trotz dem dringenden Bedürfnis nach einer Aussprache sich entschlossen hat, die Jahreskonferenz zu verschieben, so können nur die zwingendsten Gründen für diese schwerwiegende Verfügung maßgebend gewesen sein. Die Motivierung wird in der Verlautbarung der Londoner Zentrale gegeben, ln den nächsten Wochen wird sich die bedeutungsvolle Entscheidung vollziehen, die Mandatsfrage »11 endgültig gelöst und damit auch unsere Organisatron vor eine gänzlich veränderte Situation gestellt werden. Es wäre eine Vergeudung von Kraft, wenn die Jahreskonferenz auf Grund des Interimszustandes Beschlüsse faßte, die schon! einige Wochen später überholt sein werden. So schwer es uns fallt, auf die Jahreskomferenz zu verzichten, wir müssen doch begreifen, daß dieser entscheidende Augenblick außerordentliche Verfügungen notwendig macht. Mit um» größerer Spannung blicken wir nach Parte, wo — nunmehr hoffentlich endgültig — unsere Sache wieder auf die Tagesordnung gestellt wird. Die Nachricht, daß die Verhandlungen über den Friedeasvertrag mit der Türkei in den ersten Tage■ de« Januar beginne®, wird von den durch Aufgabe naturgemäß in erster Reihe von militari■ sehen Gesichtspunkten auffaßt. Die Besatzung«- armee Palästinas war bis jetzt größer als für die reinen Verwaltungsagenden erforderlich. Die unsicheren Zustände im vorderen Orient, die nationale Bewegung unter den Türken in Anatolien, die bedrohliche Haltung einzelner syrischer und arabischer Parteiführer, die insbesondere im Gebiet von Damaskus zu völliger Anarchie geführt zu haben scheint, die Aufstände in Aegypten und die ungeklärte Abgrenzung der Interessensphären; machten die Haltung einer stärkeren britischen Armee erforderlich. Die zweite Friedenskonferenz, die jetzt in Paris Zusammentritt, wird alle diese schwierigen Fragen soweit bereinigen, daß eine teilweise Abrüstung der Besatzungsarmee und eine Einschränkung der Funktionen des Militärs auf den Polizeidienst und die Grenzwache die unmittelbare Folge sein wird. Sobald die Zivilverwaltung eingesetzt ist, werden, die Verhältnisse zweifeltos ertreulicher werden. Es ist unsicher, wie lange die Fertigstellung der Friedensbedingungen für die Türkei dauern wird. Lloyd George hat unlängst im Unterhaus erklärt, daß die Verbündeten bisher auf die Erklärung Amerikas über seine Beteiligung an der Ordnung der Orientverhältnisse gewartet haben. Trotzdem diese Entscheidung noch nicht definitiv erfolgt ist, sieht es doch aus, als ob Amerika kein Mandat übernehmen wolle, wodurch der ursprüngliche Plan, unter amerikanischem Pro tektorat, ein großes Neu-Armenten vom Schwarzen Meer bis zum Mittekneer als Wall gegen etwaige türkische imperialistische Bestrebungen aufzurichten, illusorisch wird. Die Verbündeten glauben daher, jetzt das Recht zu haben, dm Frieden mit der Türkei ehestens zu schließen. Durch diese dezidierte Erklärung Lloyd Georges wird auch gewissen Blättermeldungen widersprochen, die über die englisch-französischen Beratungen in London berichtet hatten, die russische und türkische Frage sei neuerlich bis zum Frühjahr vertagt worden* gleichwohl werde der Oberste Rat die türkischen Angelegenheiten überwachen und wenn nötig Maßnahmen verschlagen, auch werde Frankreich und England, im Rahmen eines Einvernehmens mit Amerika, die Verhandlungen über Syrien weiter forteetzen. jedenfalls aber geht aus allen Meldüngen hervor, daß keineswegs «die Schwierigkeiten im Orient bereits beseitigt sind. Es ist daher heute noch nicht möglich zu beurteilen, wann die türkische Frage und damit auch die Palästinafrage endgültig gelöst, sein wird. Es ist aber unmittelbar einleuchtend, daß die Führer unserer Politik während der Verhandlungen Paris und London nicht verlassen können. Schon dieser Grund rechtfertigt die Verschiebung der Jahreskonferenz. pazu kommt noch, daß Laut Mitteilung des Londoner Büros die amerikanischen und südrusssehen Gesinnungsgenossen ihre Teilnahme für unmöglich erklärt haben. Es tot sehr bedauerlich, daß nicht alle Mittel angewandt wurden, um die Hindernisse, die sich der Reise dieser Delegierten entgegenstellten, zu überwinden, was insbesondere» bei den Amerikanern doch vielleicht nicht ausgeschlosse« w ^1ו*זו>; S«1*nre nr»eril!aatethti. t׳reunde mußten ja Verstehen, aus welchen Gründe* die mittel- und osteuropäischen Landesorgan)- sationen mit solchem Nachdruck die Jahreskonferenz gefordert haben und daß eis galt, einer Krise i* der Bewegung vorzubeugen; in einem »lebe» Fall müstsen bei allen Gliedern der Partei Erwägungen anderer Art zurückgestellt und auch Schwierigkeiten überwunden werden. Ohne die Amerikaner und Russen, die zusammen Zwei Drittel der Partei ausmachen, wäre der Wert der Jahre»- konferemz, die vor allem der Befestigung der Eh*־ heit und des Kontaktes zwischen allen Teilen der so mächtig an gewachsenen Organisation dienen sollte, in der Tat in Frage gestellt gewesen. Den Föderationen, die die Jahreskonferenz verlangt haben, bleibt nichts übrig, als sich nochmals1 in Geduld zu fassen, Ruhe und Disziplin zu be* wahren. Die Balfoursche Deklaration hat unser Volk in Exaltation versetzt, die zu einem gefährliehen Illustonismus neigte. Aus den Erfahrunge* der letzten zwei Jahre mußten wir lernen, die Wirklichkeit mit nüchternen Augen anzusehen; nur dann können wir auch unserer großen Aufgabe gerecht werden, ohne uns durch momentane Stadien der Entwicklung verblüffen oder enttäuschen m lassen. Es wäre verfehlt, jetzt wieder blinde Hoffmengen auf den Abschluß des türkischen Vertrages zu setzen und eine unmittelbare Verwirklichung des Zionismus vort ihm zu erwarten. Der Vertrag wird nur, wie wir zuversichtlich hoffen, die Voraussetzungen für eine fruchtbare zionistische Arbeit schaffen, die dann mit Anspannung aller Kräfte, jedoch anfangs in relativ bescheidenem Umfang und im Bewußtsein der großen Verantwortung, begonnen werden kann. Es wird jedoch eine Befreiung für uns sein, wenn wir nicht mehr gänzlich untätig sein müssen und wenn wir auch aus klaren Verhältnissen bestimmte Richtlinien für unsere Vorbereitungsarbeit ableiten können. Das Große Actions-Comite, dessen Einberufung nach London angekündigt wird, wird nicht nur die politischen Fragen prüfen, sondern auch die praktischen Pro- Meine sorgfältig erwägen müssen. Dan« wird 10 nächster Zeit vielleicht nicht mehr die Jahres- Konferenz, sondern der sehnlich erwartete Zionistenkongreß zusammentreten können, um als verantwörtliche Vertretung des organisierten jüdischen Volkes den Plan für den Aufbau der Heimat fettzulegen und das Volk zur Arbeit aufzurufen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.