Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 91 (23.12.1919)
- Date
- 1919-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ODISCHE RUNDSCHM Redaktion n, Verlag W, IS, Sächsisdie Str 8■ Erscheint jeden Dienstag «.Freitag, ASonn, bei d. Exp. a. d. Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland, 1a Oesterreich Kr, 15, i Ausland M 10,— “ Nummer 91 I BerlIn, 23 X11. 1919 An »elf en-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheeastmge 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 a. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene NonpareilleieUe 75 Pf., Teuemngsmsdxlag 20%. Telephon: Amt Uhtand 845 a.846. Postscheckkonto: Berl■ Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt SdieckltoBt* Nr. 156030. RedaktionsschluB Sonntag u. Mittwoch nachm. 1 Tebeth 5680 1 XXIV. Jafirg. Völkerbund und Judenfrage Namhafte Juristen und Politiker haben den Begriff des Völkerrechts für einen Widerspruch in sich erklärt. Von Recht könne man nur sprechen, wo eine übergeordnete Instanz vorhanden sei, die dk Macht besitze, die Durchführung der Rechtssätze wenn nötig mit Gewalt zu erzwingen. Die Staaten aber ständen souverän und unabhängig nebeneinander; wenn sie Abmachungen mit einander träfen, so sei es ihr guter Wille, wenn, sie sich daran hielten. Sie zu zwingen sei nicht möglich, da eine überstaatliche Gewalt fehle, der die einzelnen Staaten sich unterordnen müßten. ln diesem Gedanken von der Allmacht des ein- ׳seinen Staates, einer Theorie, die das schrankenlose Recht der Staatspersönlichkeit ebenso vertritt, wie es der Individualismus im Privatleben tut, Hegt aas Unglück der letzten Jahre. Deshalb ist keiner der W i I sonsehen Vorschläge von den einen so erbittert bekämpft, von den andern so enthusiastisch begrüßt worden, wie der des Völkerbundes. Was Wilson will, ist grundsätzlich verschieden vom Haager Schiedsgericht und da! anderen zwischenstaatlichen Einrichtungen, die die Vorkriegszeit kannte. Ern Bund der Staaten soll über die Durchführung internationaler Abmachungen wachen und soll einschreiten, wo Verk tauigen vorliegen. Die Souveränität des Staates wird keineswegs aufgehoben', aber sie findet, wie die Eiinzelpersönlichkeit, ihre Grenzen an dem Wohl der Gesamtheit. Wilson ging noch einen wichtigen Schritt weiter. Das bisherige Völkerrecht, soweit von einem solchen gesprochen werden kann, erkannte nur die Staaten als Subjekte des Völkerrechtes an. Der Vorschlag des amerikanischen ,PÄdÄgtfn, .«aolite itett Völkerbund .«rade. auch .״ U..C1,. I:aaw״״i ,״ad.״ ,,״d,t we;a.cm « Interessen der nicht in einem Staate zusammengefaßten Völker geschützt werden könnte. Der geheiligte Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse eines Staates wurde so durchbiochen; denn der Schutz der Minoritäten sollte eine Aufgabe der im Völkerbund organisierten Völkergemeinschaft sein/ Das jüdische Volk hat den Gedanken des ,V ölkerbundes aus mehr als einem Grunde mit Begeisterung aufgenommen. Es gibt ja keine Richtung im Judentume, die nicht den Krieg, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zwischen den Völkern verwerfen würde, dk nicht innig jedem Vorschlag zustimmen würde, der Recht und Gerechtigkeit zwischen den Völkern herbeizuführen geeignet sei. Entspricht doch der Gedanke eines Völkerbundes den Gedanken der Propheten unseres Volkes und mußte schon deshalb jedem Juden teuer sein. Aber auch die eigenen Interessen unseres Volkes lassen uns den Bund der freien Völker innig erstreben. Unser-'Ziel ist, ein freies jüdisches Palästina zu sehen. Palästina soll nach dem Willen des britischen wie des jüdischen Volkes nicht eine englische Kolonie werkten, sondern es soll, von England geschützt und gefördert, uns Ge Möglichkeit zu einer Kolonisation größten Umrings geben, die dann entsprechend ihrem Wachstum zu immer größerer politischer Selbständigkeit sich entwickeln würde. Palästina soll nicht zu einem jüdischen Machtfaktor werden, der in der Weltpoiitik eine Rolle spielt, wie andere Staaten üntten Grades. Aber es soll auch nicht zur britisehen Kolonie werden und so ein Glied in der K:tte englischer Welfpotlitik sein. Deshalb geht bekanntlich da־ Plan der britischen Regierung (whin. daß sie ein Mandat vom Völkerbund zur Entwicklung Palästinas im Sinne der jüdischen Be- ־K-diung des Landes erhält; Dieses Mandat soll 1'Eie feierliche Demonstration der Tatsache sein, Giß die Völkergemeinschaft den Schutz und die Bördeitmg des jüdischen Palästina zu ihren Aufip.bcn zählt Aber auch der Schutz der Diaspora- •echte des jüdischen Volkes bedarf des Völkerbundes. Die Sicherung von Leben und Eigentem unserer Brüder, die endgültige Gewährung gesetzlicher und tatsächlicher Gleichberechtigung °hne Einschränkung, der Schutz unserer Rechte als eurer nationalen Miaderheitsgruppe wird׳ soange illusorisch bleiben, als die Juden nicht als ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Affenflidk-reditlids gesidteriea Heimstätte in Paläiiina." Baseler Programm. letzten Notbehelf die Möglichkeit haben, gegen eine böswillige oder ohnmächtige Regierung an den Bund der Nationen zu appellieren. Der Staat darf nicht mehr diejenige Judenpolitik treiben, die ihm beliebt; denn über ihm steht als unparteiischer Richter die League of Nations, der Völkerbund. Die politische Situation ist heute eine derartige, daß nicht zu übersehen ist, inwieweit der Völkerbundgedanke Wirklichkeit werden wird, in den Vereinigten Staaten von Amerika «Tracht sich eine entschiedene Opposition gegen Wilson bemerkbar, die von dem ״Monroe-Doktrin“ genannten Grundsatz der amerikanischen Außenpolitik geleitet, sich jeder Einmischung in europäische Verhältnisse enthalten und jede Einmischung anderer Staaten in die Verhältnisse Amerikas verbieten will. Man will nicht das Mandat über einen Teil der Türkei übernehmen und wünscht sich nicht zu verpflichten, die Durchsetzung irgendwelcher michtamerikanischer Interessen eventuell zu erzwingen. Es muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß Amerika am Völkerbund nicht teilnimmt, in dem, wenigstens vorläufig, auch Rußland, Deutsch-Oesterreich und Deutschland nicht vertreten sein werden. Die Reise Clemenceaus nach London hatte die Aufgabe, die durch die Entwicklung der amerikanischen Verhältnisse neugewordene Situation zu prüfen. Die vorliegenden Meldungen sind ungewöhnlich allgemein und nichtssagend gehalten. Immerhin scheint einiges festzustehen. Dazu gehört zuerst der Wille, mit Deutschland ־ vu - SüpÄS*׳ uÄ dann den Rat des V ölkerbundes einzuberufen. Eine Meldung der ״Morning Post“ spricht vom 6. Januar 1920 als dem Tage, wo der Völkerbund seine erste Sitzung eröffnen wird. Es Dt gewiß zu bedauern, daß auf jener ersten Sitzung nur ein Teil der Staaten vertreten sein wird, die in Frage kämen und daß insbesondere auch Amerika vermutlich nicht an der Tagung teilnehmen wird. Und doch wird das jüdische Volk mit Freuden die Nachricht von dem Zusammentritt des Völkerbundes aufnehmen. Denn es steht zu hoffen, daß damit auch die formelle Zustimmung zum britischen Mandat über Palästina im Sinne der Balfourschen Erklärung erteilt werden wird. Alle Berichte über die Londoner Besprechungen stimmen darin überein, daß man entschlossen ist, den Frieden mit der Türkei schnellstens zum Abschluß zu bringen. Wir, die wir zu den Leidtragenden der bisherigen Verzögerung gehörten,!offen, daß die Entscheidung baldigst gefällt werden möge. Inzwischen sind wenigstens die Friedensverträge mit den Balkanstaaten, darunter mit Rumänien, den Staaten der ehemaligen österreichischungarischen Monarchie und mit Polen zustandegekommen. Die darin enthaltenen Bestimmungen über den MinorLtätenschutz werden ebenfalls erst!dann zu wirklicher Bedeutung gelangen, wenn ihre Durchführung vom Völkerbund garantiert wird. Die Bestimmungen des Berliner Vertrags über die Gleichberechtigung irr Rumänien scheiterten, weil eine solche Instanz fehlte. Die Bestimmungen des Pariser Friedenskongresses von 1919 werden hoffentlich nicht dasselbe Schicksal haben, sondern einen Gegenstand ständiger Ucbervvachung durch die Völkergemeinschaft bilden. F. L. Lloyd George über die türkische Frage. Lloyd George führte, einer Reuter-Meldung zufolge, ׳bei einer Reck im Unterhaus aus: Die Alliierten seien der Ansicht, daß e.s keine Geringschätzung gegenüber Amerika darsteift, wenn sie mit der Türkei Frieden schließen und sie beabsichtigen, dies so rasch wie möglich zu tun. Der neue Oberste Rat In dem neuen aus 10 Personen bestehenden Obersten Rat ist England u. a. durch Balfour und Lord Curzon vertreten. Von beiden ist Förderung unserer Wünsche zu erwarten. I Adolf Stand Wien, 20. Dezember (Tel. d. ״Jikt Rundschau*). Das Mitglied des Großen Actions-Comltes Adolf Stand ist heute früh hier gestorben. * Die Nachricht vom Tode Adolf Stands wird in weitesten zionistischen Kreisen mit schmerzlichster Erschütterung aufgenominen werden. Adolf Stand war eine der markantesten Gestalten nicht nur der alten österreichischen bzw. galizisdüen Landespartei, sondern der zionistischen Gesamtorga*»- satkxn. Er ist in Lemberg am 21. Mai 1870 als Sohn eines angesehenen Bürgers geboren, studierte in Leintaf am Gymnasium und an der Universität und schieb sich bereits als Student der zionistischen Bewegung an. Er war einer der Begründer des ältesten zkmstisehen Vereins in Lemberg und gehörte m den begeistertsten und eifrigste 11 Propagatoren der aonistisehen Idee noch vor dem Auftreten Theodor Herds Nach dem Erscheinen des ״Judenstaates“ war der junge Stand unter denen, welche den neuen Führer des Zionismus enthusiastisch begrüßten und sich ihm sofort anschlossen. Er stand bald in Rorrespondeni mit Herzl und nahm bereits am ersten Kongreß in Basel 1897 als Delegierter teil. Seitdem war er als Delegierter bei allen Kongressen; er erlangte bald eine führende Stellung in der galizi sehen Landes- Organisation, in der er sich durch seine hrngebungsvolle Arbeit und seine propagandistischen Erfolge große Verdienste erwarb. Stand war einer der besten aonistäschen Agitationsredner und ,wurde in Galizien baW einer der populärsten Männer, der es verstand, die Masse■ mitzureißen, der nic|1t nur Begeisterung für die von ihm vertretene Idee weckte, sondern auch persönlich die wärmsten Sympathien erwarb. Seiner Tätigkeit war es mm großen Teil zu danken, daß die jüdischen Massen Galiziens aus ihrer politischen Apathie aufgerüttelt wurden und das Schmachvoile der Assimilation, die sie zum Instrument der politischen Willkür der ״Machthaber «nachte־ edaiinten,,׳ Staad jtei ■%; vefstandta, in *den Massen das' Gefühl “׳־für Wlf3r~ uikI Ehre zu wecken; seine ethische Leidenschaft, sau Fanatismus der Ehrlichkeit kämpfte erfolgreich gegen die von den Polen geförderte politische Korruption. Die galizische zionistische Landespartei hatte inzwischen eingesehen, daß sie auch im die innere Lauda- Politik tätig eingreifen müsse, wenn nicht der Zianismus eine lebensferne Angelegenheit bleiben sollte. Bei da nach dem Tode des Aög. Dr. Byk in» Jahre 1906 im Wahlkreise Zloczow durchgeführten Ergänzungswahl in den österreichischen Reichsrai bat Adolf Stand zum ersten Male kandidiert, ist aber seinem von den offiziellen Machthabern unterstützte» Gegenkandidaten Dr. Gold infolge der bekannten galizi scheu Wahlprakttken unterlegen. Bei den ersten auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes durchgeführten ReichsratsWahlen im Jahre 1907 ist er im WahScre» Brody in der Stichwahl gegen seinen Gegenkamdidaten, dem polnischen Assimilanten Dr. Simon Wollemer mit 2585 gegen 2228 Stimmen durchgedrungern. Im österreichischen Parlament war er eines der tätigsten Mitglieder des ״Jüdischen Klubs“ und hat wiederholt in die Debatten einbegriffen. 111 lebhafter Erinnerung sind noch seine großen Reden in der Budgetdebatte, in denen er zum erstenmal vo*r einer derartigen Versammlung dk ganze Judenfrage in ihren historischen, politischen und kulturellen Zusammenhängen aufrollte. Diese Reden haben iin Parlament großen Eindruck gemacht und sind auch im Ausland sehr beachtet worden. Bei den Wahlen im Jahre 1912 wurde Stand nicht wiedergewählt, da der polnische Terror mit allen Mitteln der Gewalt die Wahl eines jüdischnationalen Abgeordneten verhinderte. " ln der zionistischen Organisation war Stand seit der Teilung der österreichischen Landespartei Präsident des galizischen Zentralkomitees und Vorsitzender der galizisehen Landsmannschaft auf den Konpressen. Er gehörte auch dem Grotten Actions-Comite der zionistischen Weltorganisation an. Nach Kriegsausbruch kam Stand als Flüchtling nadh Wien. Er wurde zum Präsidenten des ״Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs•‘ gewählt, das die gemeinsamen Geschäfte der westösterreichischen und gaiiasdieii Zionisten während des Krieges führte, ln Wien hat Stand wiederholt in zionistischen Versammlungen mit großem Erfolg gesprochen, er hat auch an der poütitischen Tätigkeit zugunsten der Juden Anteil genommen und hingebungsvoll in der Flüchtlingsfürsorge mitgearbeitet. Stand war von weitgehendstem Entgegenkommen und jedem persönlichen Ansuchen zugänglich, stets hilfsbereit und selbstlos, nur der Sache des jüdssehen Volkes dienend. Sein integrer Charakter und seine persönliche Lauterkeit sicherten ihm die Verehrung seiner politischen Freunde und zwangen auch seine politischen Gegner zur Achtung. Stand ist auch publizistisch und literarisch tätig gewesen. Er gehörte zu den Begründern des jikü-