Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 90 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHM 0m₪₪₪₪tB₪^₪₪₪₪₪₪₪m₪₪n₪₪₪Km^₪₪m₪₪₪m₪m₪₪₪₪t₪mm₪Hmm RtdUIction u. Verbj'W. 15, SaduisdwÄtr. 8. Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Abonn.bei d. Exp. 0. d. Postämtern »iertelj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i. Ausland M 10,— Nummer 90 I Berlin, 19. XII. 1919 Antelgen-V trwiltang: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraBe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anscfgeapreis für die sechegespaltene Nonpareiüexeil 75 Pf., Teueraogszaschlag 20 °4, Telephon: Amt Uhland 845 n.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. i 7 392. Für Oesterreich: Postsparkasaenamt Scbeckkonte Nr. 156030. Redaktionsschlafi Sonntag a, Mittwoch nachm, 27 Kisicw~'5(680 | XXIV. Jahrg. Neuorientierung Die Frage der ostjädischefl Einwanderung wird mehr und mehr zum eigentlichen Inhalt der judenfrage in Deutschland. Alle anderen Fragen, selbst die der Beteiligung der deutschen Juden an Bolschewismus, treten dahinter zurück. Die rechtsstehenden Organe führen einen erbitterten Kampf gegen die eingewanderten Juden aus den Progromländern des Ostens, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die ״Deutsche Tageszeitung“, *oder die ״Kreuzzeitung“, die ״Tägliche Rundschau“ oder ״Die Post“ in scharfe Anklagen gegen die Einwanderung und die sie angeblich fördernde Regierung ausbrechen. Es gibt kein Argument, das dabei verschmäht wird. Dieselben ein wandernden Juden, die der Lebensmittel- Schiebung bezichtigt werden, werden gleichzeitig beschuldigt, den Deutschen Arbeitsgelegenheit wegrunehmen. Dieselben Unglücklichen, die von ihrem schon längere Zeit hier wohnenden Verwandten aufgenommen werden und in schreck- Ucher Enge zusammen wohnen müssen, sollen auf der andern Seite die deutsche Wohnungsnot vermehren. Dazu kommt ihre angebliche kulturelle Rückständigkeit, ihre Unzuverlässigkeit in politischer und wirtschaftlicher Beziehung und andere Argumente dieser Art. Wir wundern uns nicht, daß die deutsch-nationale Politik alles anwendet, tun eine intolerante Stellungnahme der Regierung gegenüber den Eingewanderte« zu erreichen. Schmerzlicher berührt es, wenn ein Mann wie Hermann Popert in dieselbe Kerbe schlägt. Die ״Vortrupp־״Be wiegung, die Popert seinerzeit mit •einem Tendenzroman ״Hellmuthי Harräga“ einleitete und deren Führer er bis heute geblieben ist, ist eine auf rein idealistischen Motiven beruhende Bewegung,- deren Kampf gegrn . Aüe>holis1*iUäv ,.und׳ .,für eine echte.. Lebensform unseres Verständnisses sicher sein,’ kann. Umso charakteristischer ist es, daß ein Mann wie Popert mit einer Leichtfertigkeit und einer Uninformiertheit über jüdische Verhältnisse spricht, die er bei der Erörterung irgendeines andern Problems energisch ablehnen würde. Noch immer scheint man in Deutschland nicht m. der Erkenntnis vorgedrungen zu sein, dali die Judenfrage eine komplizierte Abgelegenheit ist, über die nur urteilen kann, wer im ernsthaften Studium ihre politischen und ökonomischen, ihre kulturellen und sozialen, ihre sittlichen und psychologischen Grundlagen erfaßt hat. Diese aber gewirnit man weder aus den Schriften eines Abtrünnigen wie Front er, noch aus einer Lebensbe- Schreibung, die über 100 Jahre zurückliegt. So unzweideutig die Stellung der konservativ gerichteten Organe gegenüber der ostjüdischen Einwanderung sind, so wenig äußert sich derjenige Teil der Presse, der den Antisemitismus, soweit er sich gegen die deutschen Juden richtet, ablehnte. Eine Ausnahme macht die in der heutigen Nummer abgedruckte Resolution des Parteitags der Unabhängigen. Rückhaltlos muß aber auch die Tapferkeit und der Elan anerkannt werden, mit dem radikal bürgerliche Blätter wie ״Die Weltbühne“ oder ״Die Welt am Montag“ den Antisemitismus bekämpfen; und auch die sozialistischen Organe aller Schattierungen haben ihrer Meinung häufig genug deutlichen Ausdruck gegeben. Es wäre aber auch von umso größerer Bedeutung, wenn diese Organe nicht nur allgemein dem Antisemitismus entgegenträten, sondern auch speziell sich gegen jede einschränkende Maßnahme der ostjüdischen Einwanderung gegenüber einsetzten. Denn gerade diejenigen Kreise in Deutsch- Und, die am Schluß der fünf Jahre voll Blut und Tränen, bestärkt durch Ereignisse wie den Marlohprozcß, den innigen Wunsch nach einer ethischen Neuorientierung deutscher Politik haben, solltenNjßlles Verständnis für unseren Standpunkt in der ostjüdischen Frage haben. Kann es ernsthaft möglich sein, daß die Anhänger der Völkerversöhnung und einer gerechten wirtschaftlichen Ordnung denjenigen den Eintritt verwehren wollen, die 4s Opfer eines überspannten Chauvinismus, ihres Lebens und Eigentums nicht sicher, zur Flucht gezwungen sind? Sollten diejenige«, die an moralische Er- ״Der Zlonlimni erstirbt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Affcxdlids-recbUldi gesicherten HelrastStte In Palästina." Baseler Programm. Nordaus Mitarbeit (Eigener Drahtbericht). London, 16. L' *zember. In feierlicher Sitzung des Actionseomites wurde Dr. Max Nordau von Schma . j a Levin begrüßt und zu aktiver Mitarbeit auf gefordert. Nordau erklärte, er werde seine Kraft cl r Leitung zur Verfügung stellen. Die Möglichkeit irgendeiner grundsätzlichen Opposition sei ausgeschlossen. Jeder müsse seine ganze Kraft ratend und unterstützend, einseteen. Wenn in Einzelfragen Meinungsverscr.-edenheiteri bestehen, so soll der Widerspruch nur iin engsten Kreise der Gesinnungsgenossen erhoben werden, nach außen müsse die Leitung (das Telegramm ist hier verstümmelt, cs muß etwa heißen: ״in jeder Weise unterstütz! werden.“) Er glaube fest an den Sieg der zionistischen Sache. Die Leitung könne in diesem Augenblick alles vom jüdischen' Volk verlangen. Der Schutz der rumänischea Juden im Friedensvertrag London, 16. Dezember. (Telegramm der ״Jüd. Rundsch.“) Die Bestimmungen über den Minoritätenschütz mit Rumänien s ad genau wie die im Vertrage mit Tschechoslowakin und Jugoslawien unter Hin- Zuziehung einer Klaus:!, die dafür garantiert, daB alle in Rumänien lebenden Juden automatisch ruinänische Bürger werden. Daraus ergibt ach erfreulicherweise, daß die Nachrichtet» über eine Preisgabe der rumänischen Juden u!1richtig waren. Dir v» j־|gi!chen Bestimmungen, die die Grundlage für eine metischenvfürtiige Stellung def■ 'rumanischen Juden schaffen sollen, sind nun vorhanden. Der Vertrag enthält (im Gegensatz zu dem polnischen) nicht die Bestimmungen über die Sabbathruhe und über die besonderen jüdischen Schulkomnüssionen, sondern nur die uneingeschränkte bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden und die allgemeinen Bestimmutigen über den Schutz der Minoritäten. Es muß sich jetzt zeigen, ob die Wirklichkeit die Hoffnungen erfüllen wird, mit denen das Judentum der ganzen Welt die Bestimmungen des Friedens Vertrages aufnehmen wird. Zur zionistischen Politik Heimstätte oder Staat? Ein® politische Auseinandersetzung. Herr Josef Co wen hat in London in einer Sitzung der ״West London Zionist Association“ einen Vortrag über die gegenwärtige zionistische Politik gehalten. Er forderte, daß die jalireskonferenzin B&rel nicht einseitig zusammengesetzt sein dürfe, sonder!» daß sie die Meinung aller Richtungen innerhalb der Zionistischen Organisation zu Worte kommen lasse. Er erinnerte daran, daß die heutige Politik gerade von denjenigen Männern gemacht werde, die Herzl bei Leb״ Zeiten bekämpft hätten und warf die Frage auf, ob cs wünschenswert sei, daß Männer Politik trieben, die an diese Politik nicht glaubten. Die Balfourschc Erklärung sei im Sinne der Errichtung eines souveränen jüdischcn Staates verstanden worden. Mari müsse darauf bestehen, daß das britische Mandat zeitlieh begrenzt würde und nach Ablaut dieser Zeit ein autonomes jüdisches Palästina entstehe. An die Ausführungen Gowens schloß sich eine ausführliche Diskussiom in welcher die Herren Leo Herrmann und Boris Göldberg auf die Ausführungen Gowens antworteteu. Herr Flerrmann wies darauf hin, daß die Zusammensetzung der JahTeskonferenz, soweit nicht verkehrstechnische Gründe in Frage kämen, in keiner Weis• als einseitig bezeichnet werden könne. Allerdings könne es nicht Aufgabe der Leitung sein, der kleinen Gruppe sogenannter ״politischer“ Z io - nisten, die es nicht verstanden hätten, sich selbst eine starke Position zu verschaffen, auf künstlichem Wege dazu zu verhelfen. Was die Forderung eine# jüdischen Staates anstelle einer jüdischen Heimstätte betreffe, so müsse zunächst gesagt werden, daß Coven der Leitung nicht etwa vorwerfe, sie setze wenig durch, sondern nur sie verlange zu wenig. Unter den gegenwärtigen Ilmständen sei die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina unmöglich. Das wäre erst denkbar, wenn ein politisch wirtschaftlich und kulturell starkes jüdisches Volk in. Palästina lebe. E« könne eine große Gefahr bedeuten, beute bereits zeitlich festlegen zu wollen, wann der jüdische Staat entstehen könne. Wir müßten mit unserer eigenen Kraft zu erreichen suchen, daß in möglichst kurzer Zeit die Bedingungen für ein selbständige# jüdisches Palästina ge- «eben sind. Was die Araberpolitik anbetreffe, so verlangten׳' Herr Cowen!und der• ,,Jeweih Chroiikte‘% ■hau Palästina den Namen ״Erez-Israel“ und alle Ärger Palästinas. Juden wie Araber, den Namen Israeliten erhielten. Damit werde Erez-Israel im Sinne von Weizman ns Worten so jüdisch sein, wie England englisch sei. Herr Herrnaarm zeigte, wie unsinnig es sei zu glaube!», daß man durch derartige terminologische Anordnungen das Araberproblem lösen wolle. In ähnlichem Sinne sprach Boris Göldberg. Gowen hielt, nachdem in der Debatte niemand seinen Standpunkt vertreten hatte, ein Schlußwort, in welchem er die ihm entgegengehaltene« Argumente großenteils weder widerlegte, noch überhanpt behandelte. oberungen in der Deutschland feindlichen Welt glauben, diese durch Judenausweisungen zu erreichen suchen? Es Ist in letzter Zeit häufig mit dem Argument gearbeitet worden — auch Konrad Haenisch hat es in einer Rede verwandt — daß die Deutschen das Vertrauen haben müßten, gegen die jüdische Minorität ihre Stellungen zu behaupten, ohne dazu Mittel der Gewalt und Machtpolitik zu verwenden. Nicht mit Unrecht wurde der Antisemitismus als ein Symptom dafür bezeichnet, daß man sich den Juden nicht gewachsen fühle. Nun wir glauben, daß dieser Appell an die besseren Waffen und an den anständigen Wettstreit, statt des erbitterten Hasses und Kampfes auch auf die Frage der Ostjuden anzuwenden sei. Man versuche nicht durch maßlose Uebertreibungen die ostjüdische Einwanderung zu einer Gefahr aufzubauschen, sondern man suche zu zeigen, daß das wirtschaftliche und politisch konsolidierte Deutschland diese Einwanderung vertragen und fruchtbar für sich verwerten kann. Dieser Standpunkt sollte auch von den Unken Parteien vertreten werden. Das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ hat jüngst in einem Leitartikel etwas verwundert darauf hingewiesen, daß die demokratische Partei eüie klare Stellungnahme gegen den Antisemitismus noch vermissen läßt. Das Hamburger Blatt dachte bei seinem Vorwurf nicht an die Frage der ostjüdischen Einwanderung, sondern an den Antisemitismus gegen die deutschen Juden. Leider hat auch der eben beendete demokratischc Parteitag eine solche Klärung nicht gebracht, ln dem Kampf gegen jeden Grenzschluß und für Aufnahme der •ostjüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa sollten alle Parteien, zusammenstehen, die an eine wirkliche geistige Neueinstellung der dej^tschetj Außenpolitik glauben. F. L. lieber dieselbe Frage schreibt Zionist Review" in einer Polemik mit dem ״jewish Chronicle" 11. a. folgendes; ״jewish Chrojücle“ ruft in Erinnerung, daß, bevor der Kongreß das Wort Home-Heimstätte gewählt hatte, um die zionistischen Ziele zu bezeichnen, Herzl bereits , das Wort ״State“ angewandt hatte (er gebrauchte in j Wirklichkeit das verwandte, deutsche Wort Staat, das nicht ganz dieselbe Bedeutung hat). Aber Herds Judenstaat ‘war nicht in Palästina. Er war ein« bloße Abstraktion. Sobald Herzl sich auf Palästina festlegte, nahm er das Wort ״Heimstätte“ an und zwar aus einem einleuchtenden Grunde. In Palästina gibt es Araber■- und zwar eine arabische Majorität. Palästina ist kein abstraktes Land ohne Einwohner wie das Gebiet des ,Judenstaates“. Wenn der Herausgeber der ״Jewish Chronicle“ zionistische Politik erörtert, schließt er entweder seine Augen gegen die Existenz der arabische:! Majorität in Palästina oder hebt jene arabische Majoritat durch ein einfaches Verfahren auf: er tauft sie Israeliten. Keiner dieser Kunstgriffe steht demjenigen frei, der mit dem wirklichen Palästina und seine» wirkliehe» Problemen ztt tcdenen haben. Die ״Morning-Post“ hat die Streitfrage unter den Zionisten betreffend Heimstätte oder Staat erörtert. Der Artikel übertreibt die Differenzen unter den Zionisten über den ,Jüdischen Staat“ sehr, obgleich wir zugeben müssen, daß fiir einige Zionisten das ״Jüdische“ wichtiger ist als der ״Staat“, während für andere der ״Staat‘׳ wichtiger ist als das ״Jüdische“. Wenn die ״Moming- Post“ dann weiter sagt, daß ein. Jude, der Bürger des jüdischen Staates in Palästina wird, nicht seine Bürgerrechte in einem anderen Staate bei behalten kann, so ist das eine elementare Wahrheit. Die Beziehung zwischen dem Juden außerhalb Palästinas, der kein Bürger Palästinas ist und dem l.ande Palästina, mutt eine freiwillige eine ideelle und geistige sein. Für solch einen Juden wird Palästina das Abbild des wahren Judentums sein und die jüdische Entwicklung in Palästina wird ihn soweit beeinflussen, wie er für den Einfluß einer jüdischen Gesellschaft empfänglich ist. cs ist dies «׳euer eine politische, noch eine juristische Verknüpfung.“