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Jüdische Rundschau · 1919-12-05 · Heft 86 (5.12.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 86 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion n. Verlag■ W. 15, Sächsische Str, 8, Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Abonn. bei d Exp. a. d. Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland,in Oesterreich Kr. 15,! Ausland M IO,— " Nummer 8g־־| ־ r־g"^ 5. Xü. 1919 An«elgcn-Vcrwa ltungt Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraß« 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareilleseüe 75 Pf., Tenerangazuschlajr 20%. ■—UTIII 1-ו -.is-Kr^-■ JO.-mn■ 1 n 1—1111« Telephon: Amt Uhland 845 0.846• Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdkeckkonta Nr. 156030. RedaktionssdiluB Sountag o. Mittwoch nadim. 13. Kislew 5680 XXIV. Jahrg. Das nationale Problem des Wiederaufbaus Aus Amerika wird gemeldet, daß man dort an die Gründung einer Jüdischen Bank schreitet, die den Wiederaufbau der zerstörten jüdischen Wirtschalt in Osteuropa finanziere« soll. Die jüdischen Großbankiers und Philanthropen sind für den Plan gewonnen, und es besteht Aussicht, ein Kapital von 50 Millionen Dollirs für die Bank zus ammenzubekommen. Damit wäre der erste Schritt für den Wiederaufbau der durch den Krieg nieder geworfenen jüdischen Position im Galuth getan. Die außerordentliche ,Bedeutung dieser Nachrieht liegt auf der Hand, ln der Tat stellt neben der Regelung der Wanderung die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Position des jüdischen Volkes in den Ländern des Krieges in Osteuropa das wich- Itigste Problem dar, das auf dem Gebiet der Galuthjaufgaben überhaupt besteht. Es genügt, um sich die Größe der Aufgabe klar zu machen, den äußeren Umfang der Zerstörung aufzuweisen, deren Heilung sie bedeutet. Wieviele Leben uns der Krieg gekostet hat, wieviel Juden außer in den Schlachten, in den Schrecken der Pogrome, der Befreiung und der Wiederbefreiung gefallen sind, entzieht sich noch vollkommen jeder Beurteilung. Schon jetzt muß man mit einer halben Million Toter rechnen, deren weitaus größere Hälfte die Pogromschlächterei verschlungen hat. Was das Schwert des Kriegers und der Knüppel des Pogromtschik verschonte, fiel dem Hunger und den Seuchen zum [Opfer, und die Häuser, die dem Kriegsbrand entgingen, traf die Flamme der Revolution und der Gegenrevolution. Gleich zu Beginn des■ Krieges [haben die Russen hunderttausende jüdischer Familiier* deportiert, sie über das ganze russische Reich Ibis an den Stillen Ozean hin verschickt, und diese [Evakuierungen haben bis heute nicht auf gehört. [In die verlassenen Häuser teilte sich die Soldateska [mit den räuberischen Nachbarn, und die Zurück- [kehrenden finden ihr Haus, wenn es überhaupt [noch stellt, nur .noch als eine Konstruktion von [Wänden. Keine Fenster, keine Türen, keine Möbel, [keine Gerätschaften, und was sie an Kleidung und [Wäsche mit sich führen konnten, haben ihnen auf [ihrer Flucht und auf ihrer Rückkehr heute die!Soldaten, morgen die Bolschewiki und übermorgen [die nationalen Räuberhorden genommen. Der jüdi- [sdie •Handel ist zerstört, die Waren sind geraubt, [die Verbindungen sind zerrissen, dem Kredit fehlt [jede Unterlage, das Kapital ist durch die Kata- Istrophe der Geldentwertung in einen!Haufen Papier- [fetzen verwandelt. Der jüdische Handwerker ist [ruiniert, Rohstoffe und Werkzeuge fehlen, die jüdi- [sehe Kundschaft ist zersprengt und verarmt. Unter- [dessen sind in die verlassenen Positionen die An- [deren eingerückt, hat die!nichtjüdische Konkurrenz Besten Fuß gefaßt, haben sich die Völker zur syste- [matischen Ausschaltung des jüdischen Händlers und ■Handwerkers, des jüdischen Technikers und Be- [amten zusammengeschlossen. Der nationale Boy- [kott blüht, und indes sich überall die Folgen der [Zerstörung der jüdischen Wirtschaft, des Aus- [Schlusses der Juden aus der Produktion und ihrer [Vermittlung in einem furchtbaren Tohuwabohu in »len neuen Ländern bemerkbar machen und diese immer tiefer in den vollständigen Wirtsdiaftszujsammenbroch hin ein treiben, tobt sich ein wilder, [blöder und allen Teilen gleich schädlicher Ch'auvipisnuis gegen die Juden aus und versucht, ihnen [Me Betätiguaigsmöglidhlceit zu nehmen. I ln dieser furchtbaren Lage haben die Juden des [Ostens den Kampf um ihre nationale und materielle Existenz mit der ganzen Zähigkeit aufgenonunem, ilie die große nationale Pbtenz des jüdischen Volkes ■Erstellt. Der Krieg brachte uns die innere poli- [tische Befreiung des jüdischen Volkes, den Sieg Per nationalen Demokratie über die Oligarchie der ■fandvoll Assimilantan, die sich bisher als Führer pes Volkes aufgespielt haben. Unter unendlichen [Schwierigkeiten bereitet sich langsam, aber unauf- Jpltsam die nationale Organisation und Befreiung Per Juden in Polen und Litauen, in Rußland und PerUkraine, in der Bukowina und Ln Rumänien [w. Die politische Entwicklung geht auf dem PVege über den nationalen Zusammenschluß und Paan nie mehr in die Niederungen assimilatorisch- ״Der Zionismus erstrebt für dm jüdische Volk die Schaffung einer fiffenliidh-recbUidi gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. orthodoxer Stadlomispolitik zurückführen. Ihren Ausdruck findet sie in der Schaffung der Nationalrate, in den nationalen Vertretungen der Landtage, und ihre Bahn führt zum Jüdischen Weltkongreß und zur Bildung des alljüdischen Volksrates, der über die Sicherung der nationalen, bürgerlichen und menschlichen Reellte der Juden zu wachen haben wird. Aber damit ist noch wenig oder nichts getan für die Wiederaufrichtung der materiellen Existenz des kriegsgeschlagenen jüdischen Volkes. Das Wesentliche dabei ist die Geldbeschaffung, darüber muß vollkommene Klarheit herrschen. Niemals so sehr wie jetzt, und niemals auch nur annähernd in gleichem Ausmaß ist das jüdische Volk im Osten auf materielle Hilfe von außen angewiesen gewesen. Die Zerstörung der Wirtschaft hat so furchtbare Formen angenommen, und die Entwertung des Geldes hat die Verarmung auch der wohlhabendsten Kreise in einem solchen Umfang bewirkt, daß bei noch so weitgehender Opferwilligkeit aller nur der kleinste Teil der Aufgabe, nur die Milderung der allerletzten .persönlichen Not aus den Mitteln der betroffenen Juden selbst erfolgen kann. Trotzdem werden heute schon in den jüdischen Kreisen des Ostens allerhand Pläne für die Aufbringung der Mittel für den Wiederaufbau ventiliert, und es steht jetzt schon ■liest, daß z. B. in Polen für eine große Volkshämk nidht unbeträchtliche Kapitalien von dem Jtiüp selbst gegeben werden würden, wenn Amerika die Führang übernimmt. Denn der Valutasturz raasht ja aus jeder noch so großen Summe in Polen eine Bagatelle. Der* lauptteildes Geldes ■muß' von den glücklich eien Brüdern in» Auslande, d. h. also vor allem in Amerika und dem britischen Reiche, gegeben werden. Damit aber wächst die Gefahr, deren erste Anzeichen wir bereits im Kriege beobachten konnten: Daß nämlich die Notlage des jüdischen Volkes im Osten zum Objekt einer zweifellos wohlmeinenden, aber bestenfalls von außen orientierten Philanthropie wird. Es stehen sich gegenüber Juden, die nichts ־wie Empfänger sind, und Juden, die alles geben, Wohltäter und Bettler, es besteht die furchtbare Gefahr, daß dieser Zustand verewigt wird. Wir haben in diesen Blättern schon in» Kriege mit Nachdruck auf die Unmöglichkeit, auf die unter jedem Gesichtspunkt verderbliche Wirkung des überlieferten Systems der jüdischen Wohltätigkeit an den Ostjuden hingewiesen. Das Prinzip war immer das gleiche. Von bestem nationalen und menschlichen Empfinden getrieben, vereinigen sich in den Ländern des Wohlstandes führende Juden," geben und sammeln große Summen, errichten Fonas und bringen sie in die Länder der Not. Sie kommen als Wohltäter mit irgend welchen Beschlüssen, die in Berlin oder in New York gefaßt worden sind, und verlangen die Respektierung dieser Beschlüsse in Warschau, in Petersburg oder in Odessa. Mit ihrer Durchführung sind betraut im besten Falle Menschen, die vor vielen Jahrzehnten aus dem Osten ausgewandert sind und gar nicht begreifen können, daß sich die Dinge in ihrer alten Heimat nicht so entwickelt haben, wie ihre eigene Anschauung jenseits des Meeres. Die Beschlüsse selbst aber betreffen immer nur die ״Linderung der Not“. Diese Wohltäter, dem Volk und den Bedürfnissen des Volkes fremd geworden, sind gewohnt, Juden nur als Einzelindividuen zu betrachten. Sie keimen nicht die Not des Volkes, und sie rechnen darum1 nur mit dem Elend des Einzelnen. So entsteht aus all diesen Hilfeleistungen letzten Endes nichts wie eine Leistaig an die einzelnen Menschen, eine Unter- Stützung der Armen, die in tausend und aber tausend Fällen in nichts anderem wie in Geldgeben besteht. Die Folge davon ist auf der anderen Seite der regelmäßig einsetzende Streit um die Verteilung. Jede Partei hat ein Interesse daran, mögliehst viel von der Summe zu bekommen, denn je mehr sie verteilen kann, desto größer ihr Einfluß. Die Folgf: die schlimmste persönliche und politische Korruption, die politische Zersplitterung, die Vergiftung der Gegensätze, die Demoralisierung des Einzelnen und der Masse, die Zerstörung des nationalen Gefüges und letzten Endes regelmäßig die Festigung der Position der Assimilanten, die überhaupt nur noch dank eben der Wohlfahrtsfonds, die ihnen immer wieder zufallen, Einfluß haben. So war es mit wenig Ausnahmen während des ganzen Krieges, und war es überall, ist es zum großen Teil jetzt noch. Darum besteht die eine große Aufgabe, die uns beim Wiederaufbau der Galuthzerstörung obliegt, in der absoluten Aus- Schaltung dieses Wohltätigkeitssystems. Mit Stumpf und Stiel muß es ausgerottet werden, und es darf nichts davon übrig bleiben. Das aber kann nur erreicht werden, wenn zunächst die Geldgeber sich jeder, aber auch jeder Beeinflussung enthalten. Es gibt kein Recht des Geldgebe s an das Geld, das er für die Not der Anderen gegeben hat. Es gibt nur eine Pflicht, zu geben, alles andere ist Recht und Pflicht der Empfänger. Dieses Prinzip in weitestem Ausmaß und ohne jede, aber auch jegliehe Ausnahme, muß auch maßgebend sein bei der großen Aktion, die jetzt in /־.:nerika eingeleife! wird. Amerika soll und muß md wird — vv. zweifeln nicht daian — das Gek» geben, die Ba i: gründen, die die Mittel bereitstellt. Damit ist se;< Recht an die Gelder und an die Bank erschöpft, and es treten in Tätigkeit die Vertreter des jüdisehen Volkes. Das aber können nur die auf breitester demokratischer Grundlage gewählten Repriisentanten des jüdischen Volkswillens sein. Keine Richtung und kein Rebbe, keine Clique und Klaus, keine 1 »rtei und keine Pamessim haben ein Recht an ci Geld. Die gewählten Vertretungen und ihre! ::ekntiven, in den Ländern die jüdischen Lande ingresse und über ihnen als letzte Instanz der jüdische Weltkongreß haben zu entscheiden, haben einzig zu entscheiden. Damit allein »st schon dafür gesorgt, daß auch die Verwendung der Gelder eine andere wird, geregelt nicht mehr nach der Not des Einzelnen, sondern nach den Bedürfnissen der Gesamtheit. Es ist ein leichtes, 50 Millionen Dollar loszuwerden, wenn man sie unter 5 Millionen Menschen verteilt, und es bleibt kein Hauch davon übrig, es sei denn eine noch schlimmere Zersetzung, eine noch stärkere Erbitterung, eine noch furchtbarere Verwahrlosung. Was geschehen muß, ist der Wiederautbau, die Wiedererrichtung der sozialen Positio«. Der Handel muß wieder gegründet, das Handwerk muß wieder hergestellt, die Jugend muß wieder erzogen werden. Aber dieses Programm besagt nicht genug, und das Wort von der prochiktiven Hilfe ist schon längst zum Schlagwort geworden. Es ist damit nicht getan, daß die Hilfe produktiv wird, wenn sie bei alledem auf die Bedürfnisse der Einzelnen oder bestenfalls der Gruppen eingestellt wird. Was verlangt werden muß, ist die Orientierung des Aufbauwerks nach den großen Gesichtspunkten nationaler Politik, Einige Beispiele mögen klarmachen, was gemeint ist. Eine ungeheure Zerstreuung des jüdischen Volkes über ganz Rußland hat öngesetzt, der Ansiedlungsrayon ist gesprengt, ein Hin- und Herwandern großer Massen findet dauernd statt. Es handelt sich jetzt nicht nur darum, die Juden wieder seßhaft zu machen, sondern es muß geprüft werden, wo sie sich siedeln sollen, Einzelsiedlungen sollen möglichst vermieden, Zusammenballungen übergroßer Massen möglichst ausgeschaltet werden. Schwache entwicklungsfähige Positionen sind durch Zuzug zu stützen, übervölkerte, wenig aussichtsreiche, sind durch Förderung des Wegzugs zu entlasten. Die neuen Siedlungspunkte müssen gute Verbindungen miteinander haben, und es ist bei allem und jedem daran zu denken, daß wir wohl noch lange darauf angewiesen sein werden, uns gegenseitig zu Hilfe zu kommen. Ehe politischen Möglichkeiten sind zu bedenken, die sozial beste, d. 1». produktivste Schichtung ist zu erstreben. So und nur so sind nationale ^pdiustrien zu schaffen, können die ersten praktischen Unterlagen für eine jüdische Volkswirtschaft gelegt werden. Das alles verlangt Wanderungsäm ter, das große nationale Problem der Wanderung, von dem. wir neulich sprachen, tritt in erneuter Gestalt vor uns. Es ist abzuwägen, wie weit die politische und soziale Neuordnung uns die Möglichkeit gibt, weniger abhängig zu werden von den Chancen der

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