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Jüdische Rundschau · 1919-12-02 · Heft 85 (2.12.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 85 (2.12.1919)
Date
1919-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kislcvv 5680 Gemeinschaftsgeist Die Ansicht mancher GcscJiichtsphilosoplicn, daß die ersten Menschen ohne Bindungen initeinander gelebt liaben und erst spätere Nützliclikeitscrwngimgeit sic auf den Gedanken der Staatsbildimg gebracht hätten, eine Anschauung, ,wie sie t, B, Rousseau.* ״Contra t social״ zugrunde liegt, ist von der exakten Forschung längst widerlegt worden. Wir wissen, dal! der Mensel! ״zur Gnippe der Herdentiere gehört“, daß die Vor- Stellung des allein lebenden Urmenschen in das Gebiet der wirklichkeitsfremden Phantasie gebürt und daß, soweit unsere Kenntnisse reichen, der Mensch stets, sei es in Familienverbänden, sei es in Stämmen, jedenfalls aber in Gruppen lebte. Wie tief dieser gesellige Trieb in jeden! Menschen wurzelt, zeigt am deutlichsten, daß auch die anardiistischen Bestrebungen trotz aller Gegnerschaft gegen eine beherrschende Staatsgewalt den Gedanken der Gemeinschaft nicht nur keineswegs verweilen, sondern im Gegenteil gerade glauben, daß nach Beseitigung von Staat, Gesetz und Zwang die wahre menschliche Gemeinschaft entstehen werde. Cs gibt keinen konsequenten Individualismus, wenn es nicht der des Einsiedlers wäre. Der Wunsch des Menschen, mit dem Menschen a! leben, die Tendenz., gemeinsame Aufgaben in enger organisierter Gesellschaft durchzuführen, Ist 1U allen Zeiten deutlich gewesen, freilich niemals so, wie in unseren Tagen, wo man nicht mit Unrecht von einer Uebcrtreibung desGemcinschaftsgedankens zu reden pflegt. Wir haben auf der einen Seite zahllose Vereine und Verbände, die auf einem der unendlich vielen Gebiete der Geselligkeit oder des Sportes, der Kunst oder der Wissenschaft irgend eine Einzelfragc zu lösen trachten. Wir haben auf der anderen Seite die großen öffentlichen Zwangsgeiueinschaften des Staates, deb Gemeinde, die alle auf ihrem Gebiet wohnenden Menschen, unabhängig von ihrem Willen für die grollen gemeinschaftlichen Aufgaben verbindet. Beiden Arten von Organisation steht der geistige Mensch skeptisch gegenüber. Man scheut die Kleinheit des Vcrcinslcbens, scheut die Gemeinschuft mit Menschen, die in beschränktem Philisterverstand nur den engen Vereinszweck zu sehen scheinen, die in kleinlichem Ehrgeiz uin Einfluß! und' Macht in ihren Vereinen kämpfen, getreu dem Grundsatz: lieber im kleinsten Dorf der Erste, als ln Rom uer Zweite sein zu wollen. Die großen Zwangsgcmeinschaften aber werden heute als der Moloch empfunden, der erbarmungslos Leben und Schöpferkraft des Einzelnen zu verschlingen droht. Beiden Gemeinschaften, dem Geselligkeitsverein wie der europäischen Großmacht, fehlt der Geist, der aus der Organisation die Gemeinschaft zu bilden vermag. Alles Streben nach innerer Erneuerung läßt sich heute in diesem Wort Gemeinschaft zusammenfassen, dem Wort, das eben den beseelten Organismus ausdrücken will. Nach ihr suchen Menschen, die in! Geist durch eine Idee verbunden sind, in Verbindung aller ihrer Kräfte das Ziel erreichen zu können glauben und deshalb eine Organisation schaffen wollen, die von der Idee rum Leben erweckt und von ihr erfüllt, stets ihre Dieoerin bleiben soll und niemals sich zu ihrer Herrin; aufschwingen darf. Nach dieser Gemeinschaft sucht heute der Sozialismus, suchen die besten geistigen Menschen Europas, die aus dein Z»1sammenbmch der Idee wenigstens eines gerettet haben, die Hoffnung. Die nationalen Juden empfinden diese Probleme «ufs tiefste mit. Wenn uns der innige Wunsch beseelt, den Gedanken der Gerechtigkeit im jüdischen Palästina zu verwirklichen, so handeln wir nicht nur aus eingeborener jüdischer Anlage und In! Sinne unserer Uebcrlicferung, sondern ebenso auch, weil wir mit den Besten Europas erkannt haben, wohin es’ führen muß, wenn der Geist dem Unbarmherzigen Mechanismus der Organisation erliegt, Und die zionistische Organisation, die dereinst mm jüdischen Gemeinwesen in Ercz-lsracI werden soll, muß von diesem beherrschenden Geist erfüllt sein. Jede Anschauung und jede Tendenz, «ofern sie den nationalen Palästinagedanken als ihre Grundlage anerkennt, muß imstande sein, im ״Der Zloniimut criircbt liir das jadUdic Volk die Schaffung einer fiffcnilidt^rcchllld) (jeiltbcrlen HcImitÄito in Palästina." Baseler ),rotrumn. Rahmen <101־ umfassenden zionjstLschen Organisation mit den Waffen des Geistes zu wirken und zu streben. Weil wir überzeugt sind, daß die ziomstische Organisation alle Strömungen ln sich vereinigen kann, fordern wir, daß der Jugend ermöglicht werde, die Gedanken, die sie erfüllen, im Rahmen unserer Bewegung ־zur Geltung zu bringen. Der Geist, der das verbindende Moment aller Glieder der zionistischen Organisation sein soll, bedarf zu seiner Auswirkung eines Gefäßes, einer Form. Je mehr Verständnis die Zionisten für die Notwendigkeiten des zionistischen Apparates haben, tun so weniger wird es notwendig sein, von ihm zu sprechen, um so mehr werden wir imstande sein, nadi Befriedigung der Bedürfnisse der Organisation *ins den Aufgaben zuzuwenden, die die uns erfüllenden Ideen in die Wirklichkeit umsct7.cn sollen. Wir sind eine freiwillige Gemeinschaft; kein Zwang stellt uns zu Gebote, und wir wollen uns freuen, daß dein so ist. Aber wir wollen auch nicht auf die Stufe jener Verbände herabsinken, die auf mühselig eiugczogeucn Vereinsbeiträgen basieren und) deren Haupttätigkeit auf der Einziehung dieser Beträge beruht. Für uns rauft der Grundsatz maßgebend sein, der für alle Verbände öffentlichen Hechtes gilt: Wir müssen die Ausgaben festsetzen, die wir nir Erreichung unseres Zieles machen müssen *nid uns demgemäß die Einnahmen bc« schaffen, nicht umgekehrt. Es wäre ein Bankrott unseres Geistes, wenn die Leitung der Gesamtbcwegmijg oder der deutschen Landsmannschaft auf die Durchführung irgendeiner Aufgabe verzichtcn müßte, weil die Mittel fehlen. Es ist der heiligen Sache, der wir dienen, unwürdig, um Beiträge zu schnorren, eine Agitation bei Zionisten zu madien, daß sie für zionistische Zwecke die notwendigen Mittel geben. Das Adions-Gomitö; und die Zionistische Vereinigung für Deutschland haben die Mittet bekannt gegeben, die sie im gegenwürligcn Augenblick für zionistische Zwecke benötigen. Der Aufruf zur Zionistensteuer ist ergangen. Möge das Resultat ein Zeugnis dem Geiste» sein, der unsere Organisation erfüllt. F. L. Der cntsklavte Trcbitsch Von Dr. Moritz Goldstein, Berlin. Es beweist wieder mal einen־, daß cs mit uns Juden nichts ist Wir sind ja diese gelehrten Ab• liaiidlungen, die uns *um alle nvensehllclvc Ehre rezensieren und uns nur den Massetiscllwtniord offen lassen, sclion gewölutt. Diesmal heißt das Buch ״Geist und Juden• Inni“, und sein Verfasser Arthur Trcbitsch (nicht zu verwechseln mit dem Shaw-UcbcracRer Siegfriedl), Nachdem andere festgestellt haben, daß cs am1 Asiatischen liegt, oder׳ an der Rassen in ischung, oder am Beduinentum, entdeckt dieser neue Freund eine neue und end* gültige Wurzel de» IJebels: die sekundär-bewegliche ürundanlage; eine schwierige und gelehrte Sache, die in zwei Teilen des Buches, mit Hilfe von mathematischen Figuren, dargclcgt wird. Ich habe die Figuren so wenig wie die Sache verstanden; al>er darauf kommt e» nicht an. Es genügt, daß die totale und hoffnungslose Minder• Wertigkeit und Verderblichkeit des Juden unanfechtbar nachgcvvicseii wird. Glücklicherweise kennt Trcbitsch, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, einen Ausweg. Man kann sich ״entsklaven“, und wem dieser große Wurf gelingt, der wird damit ״ein Frei-, Wohl- und Edclgcborcncr, wie nur irgendeiner und hat nichts, aber auch gar nichts, mehr gemein mit Eurer (nämlich der Deutschen) fixen Idee des ״Juden", die ihr ihn* unentwegt immer wieder anzuhängen und als Prügel zwischen die Beine des stolz und aufrecht Schreitenden werfen zu können glaubt." Solches steht im dritten Teil des Buches, In dem der Verfasser, nach den beiden gelehrten Abschnitten, du ״persönlichstes Berichten“ einsetzen läßt. Dessen Höhepunkt bildet das Bekenntnis: ״Ich bin kein Jude, war nie einer und werde niemals einer scinl" Sollte jemand an der rdnen, tiefen, innerlichen Wahrheit seines Seins und Denkens zu zweifeln wagen, sagt Trcbitsch, ״so würde solch leichtfertiger Bezweifler erst Angesicht zu Angesicht, dann aber in einer etwas größeren׳ Distanz und endlich, so auch diese nicht ״genügen" sollte, noch ein paar Schritt weiter fort von mir für seine Zweifel mir Rechenscliaft geben müssen!" Das klingt ja beinahe, als wollte er einen auf Pistolen fordern. Nun, das Wirkt natürlich, und was mich betrifft, so wage Ich nicht zu zweifeln. Freilich, wenn irgendwo angcschrielxm stellt ״Kein Eingang׳', so kam man darauf schwüren, daß dort ci11 Eingang ist, und wenn jemand schreit, ich bin kein Jude, so fragt mau sich zunächst, warum er seit reit und sogar ilrolit. Die Bekenntnisse geben einige Aut- Schlüsse. Trcbitscl» Urgroßvater ist noch ein ״Rassenangehöriger der aut Grund sekundär-beweglicher Anlage versklavten Rasse der Rassclosigkcit" gewesen. Aus der Erzählung geht hervor, daß auch noch Trcbitschs Eltern Juden waren, und der Vater sogar ein so aufrechter, daß er seinem Sohne, der sich über antisemitische Hetze beklagte, den Rat gab: ״So beweise denn der Welt durch deine Tüchtigkeit, deinen Wert, deine Leistung, wer du bist. Zwinge sic zu jener Anerkennung, die sie im Vorurteil dir vorenthält." Und wenn Arthur Trcbitsch erklärt, daß er ״aus der Ordnung austrat‘‘, so darf man diese poetische Wendung vielleicht schlichter so ausdrücken, daß er selber sich hat taufen lassen. Es gibt noch mehr interessante Bekenntnisse. Au» einer Stelle auf Seite 173 geht hervor, daß er seine Abstammung im geselligen Verkehr stets verborgen, und wenn in seiner Gegenwart auf die Juden geschimpft wurde, tapfer mitgeschimpft hat. Weiter erfahren wir, daß Trcbitsch zu Beginn des Krieges ein Gedicht: ״An die deutschen Stammesbrüder in den baltischen Proviazen" verfaßt, daß er Cs vorgetragen und ״maßgebenden Kreisen“ im Sonderdruck überreicht hat, aber damit abgcfallen ist. Sogar der deutsche Kaiser hat es nicht für notig gehalten, dem Dichter zu dankenI Wer dies Gedicht verwechseln könne mit niedriger Anschmcilldichtcrei, sagt Trcbitsch, der sei nicht wert, daß ihm die deutsche Sprache jemals aus reinsten Tiefen entgegenrauschte. Ein Gedicht, von dem er selbst versichert, daß es keine Anschmeißdichtcrci sei, kann man sieh, auch ohne cs zu kennen, vielleicht bis zu einem gewissen Grade vorstcllen. Auch mit zwei Sonetten hatte er Pech, die er ״vor einem erlesenen Kreise der so* genannten höchsten Gesellschaft“ vorlescn durfte:, ״die Anwesenden waren davon zumeist zutiefst verletzt". Auch dann hatte er noch nicht genug. Er hielt in Berlin ״in einem der größten und bedeutendsten Vereine des Reiches“ einen Vortrag ״zur Förderung der Persönlichkeilen", und als er fertig war, erhob sich einer der Zuhörer, ״bleich und verstörten verzerrten Angesichtes“, und sprach ihm das Recht ab, so zu reden. Danach kann man sich auch von Arthur Trcbitsch, ohne ihn zu kennen, ein ziemlich deutliches Bild machen. Diese Erlebnisse haben den Betroffenen mit Recht tief verletzt Er empfand all das als bitteres Unrecht; denn er selbst hatte sich ja längst befreit und entsklavt. Und nachdem er in seinem Buche die Juden gründlich und ein für alle Maie abgetan hat, führt er eine scharfe Klinge auch noch gegen die ״fixe Idee" der Deutschen, die ilm, lediglich um seiner Abstammung willen, als frei-, wohl- und edclgcborcn nicht anerkennen wollen. Dabei beweist er seinen Adel in diesem Buche durch Wendungen wie: wacker, voll und ganz, allüberall, die meisten, so sieh . . . usw. Dagegen verbietet ihm seine Entsklavung leider nicht, zu schreiben: ״es wird wohl genugsam feststchen, als daß nicht . . und: ״Entweder also dies Wort hat seinen verächtlichen Nebenton ein für allcmai cinzubüßen, oder aller muß ein jeder , , Doch das sind Kleinigkeiten. Und um auf die Hauptsache zurückzukommc», so bin ich froh, daß ich den Krieg heil Überstunden habe, und denke also gar nicht daran, zu zweifeln. Im Gegenteil! Judenhaß und Judcnhctzc, von der philosophisch - wissenschaftlichen Form bis zum Gassenradau, sind ja keine sehr origineilen Erscheinungen. Wir sind daran gewöhnt und wissen der perfiden Bosheit wie der gedankenlosen Dummheit einen gelassenen Stolz entgegenzusetzen. Kleinlaut werden Wir nur jedesmal, wenn sich die Trebitsche ati uns hängen. Und um es offen zu bc* kennen: ich für mein Teil danke Gott, daß dieser Arthur Trcbitscli, wie er selbst mit schönem Freimut erklärt, kein Jude ist, nie einer war und niemals einer sein wird. Die Weltfconfcrcnz des Hapoel-Hazair und der Zclre-Zion Ueber die projektierte Konferenz des Hapoel-Hazair und der Zcire-Zion schreibt uns der Berliner Hapoel- Haza'ir: Zum Zweck der Vereinigung aller Teile der volkssozialistischen und jungzionislisclien Bewegungen zu einer einheitlichen Weltorganisation ist von den Vertretern der betreffenden Organisationen nunmehr eine gemeinsarnc Konferenz einberufen worden. In dem Aufruf, der von Josef Sprinzak namens des Zentralkomitees des palästinensischen Hapoel-Hazair, von E11 e s e r Kaplan namens des Zentralkomitees der Zelrc-Zion und von Dr. Hugo Bergmann namens des Zentralkomitecs des Hapoel-Hazair in Westeuropa gezeichnet ist, heißt ei:

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