Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 84 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion n. Verlag W, ]5, Sädfsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag מ.Freitag. Abonn.bei d.Erp. 0. d. Postämtern viertelj. M 6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i, Ausland M. 10,— An *elgen-Verwalttntg: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstrate SS. Telephon: Amt Zentrum 4814 a, 4815, Telephon: Amt Uhland 845 0.846■ Postscheckkonto: Berate Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sebeckioiite Nr. 156030. Redakt ionaschlcfi Sonntag o. Mittwoch nachm Nummer 84 j Berlin, 28. XI. 1919 Anneig»■prell für die seebsgemaltene Nonpareille**!!« 75 Pf., TeoerungaauScMag 20%, 6 Kislew 5680 | XXIV. Jahrg. Palästinaarbeit Es geht ein Aufatmen durch die Welt. Alle Hot■ des Krieges und alles Elend, das als Folge dieser Kriegsnot sich über die Erde wälzt, hat dieses' Aufatmen nicht erstickt. Aus dem Chaos aufwühlender und umstürzender Ereignisse hat es sich losgerungen und lebt und macht in allen Herzen die Ahnung lebendig, daß eine neue Oe- Schichtsepoche heraufzieht. Die Welt ist des nohert Ifeberwiegens der nackten Machttatsache überdrüssig geworden. Ein neuer Geist breitet seine Schwingen, der allen bisher nicdergehaltenen Kulturkräften freie Bahn schaffen will, die in den kleinen Völkern »Id Völkerresten leben, und deren Fesselung der Menschheit einen Reichtum köstlicher Güter vorenthalten hat. Dieser aus der Not geborene, durch die Not starte gewordene und allen Widerständen zum Trotz sich durchsetzende Geist hat auch! dem jüdischen Volke den Weg bereitet zu dem ihm gebührenden Platze innerhalb des natürlichen Meuschheitsbundesl der Völker. Zu handgreiflich waren die Leiden des jüdischen Volkes, der immer Unerträglicher weidende Druck eines zweitausendjährigen Gahith. Die Erlösung fordernden Rufe konnten nicht länger «,«gehört verhallen. So mußte es 2511 jener befreienden englischen Regierungserklärung vom 2jj November 1917 kommen, durch die das Recht des jüdischen Volkes auf eine nationale Heimstätte in Palästina anerkannt und jede Unterstützung zur Erreichung dieses Volkszieles ihm in Aussicht gestellt wurde. Auf der Friedenskonferenz haben die Mächte den Inhalt dieser Erklärung sich zu eigen gemacht; und damit ist zur unumstößlichen Tatsache geworden, daß das alte Land der Juden wieder zu einem jüdischen Gemeinwesen entwickelt werden, daß das jüdische Volk in Palästina die Möglichkeit erhalten soll, nach eigener Sitte und eigenem Gesetz in freier Entfaltung seiner Fähigkeite»: sein Leben %■ gestalte».''" ' ׳ '־'•. \ v- Für die Bedeutung dieser Tatsache, die durch die jüngst erfolgte Kundgebung des neuen engisdten Außenministers erneut in das Gedächtnis der Völker gerufen ist, ist es unerheblich, daß die rechtliche fbnnulierung und Abgrenzung aus drründen, die in den augenblicklichen Weltzuständen liegen, auf sich warten läßt. Es liegt darin nichts Beunruhigendes; und weit abzuweisen ist der Gedanke, daß darin etwa eine Hintansetzung oder Vernachlässigung unserer Volksinteressen 25u er- Wicken sei. Diese Verzögerung beweist nur das dne, daß unser Volksschicksal nicht losgelöst von Jen großen Weltbegebenheiten behandelt werden! kann und mit der Lösung anderer das Schicksal \1*רי־ Völkern berührenden Fragen eng verknüpft ist. Soweit die künftige Gestaltung unseres Volkstebens von der Gewährung großer Möglichkeiten ckirch die Weltmächte abhängig ist, haben wir das tu Sicherheit grenzende Vertrauen, daß unsere kätonde kommen wird, daß die unserem Volke ge-?ebenen Zusagen erfüllt und wir in die Lage versetzt werden, von dem Wohlwollen der Mächte ge-׳ tragen und gefördert unser Volkstum auf neuen gesunden Grundlagen aufzubauen. Was uns in gleich hohem Maße vonnöten ist, ist das Vertrauen ä» uns selbst. Unseres Volkes Aufgabe ist es, die Möglichkeiten mszunützen, die neuen Wege, die die Gegenwart öffnet, mit lebendiger Arbeit auszufüllem, der großen Stande sich würdig zu erweisen. Dazu ist die Arbeit des ganzen jüdischen Volkes erforderlich. Wenn mit Recht darauf hingewiesen wird, daß die ünl jüdischen Volke aufgespeicherten Kräfte reich genug sind, die große Volkstat zu vollbringen, so ist darin die selbstverständliche Voraussetzung eingeschlossen, daß auch wirklich das ganze jüdische Volk sich aisammenfindet und in dem Entschlüsse einig ist, *He seine geistigen umd materielle« Kräfte dem großen Werke, das seine Zukunft bedeutet, aar Verfügimg zu stellen. Die PalästinaaTbeit muß heute das werden, was sie an Grande von jeher hätte sein sollen, was aber bis in!die Gegenwart hinein noch niemals{mit solcher Klarheit wie in dieser Zeit in die Erscheinung getreten ist — die Arbeit des jüdischen Volkes. In Zukunft darf sie nicht inehr wie bisher <8 die Arbeit kleinerer oder größerer Groppen des ״Der Zionismus erstrebt für dos Jüdlicbe Volle dl« Schaffung einer Affenilldb-recbUlA gesichertes HebnsUUte In Palftstina.״ Baseler Programm. jüdischen Volkes sich kundgeben. Der«! Ptonkrarbeit ist unserem Auge gegenwärtig. Dieser Arbeit und ihren Ergebnissen haben wir es zum großen Teil 21* verdanken, daß die Welt auf unser kolonisatorisches Können aufmerksam geworden ist; Diese Arbeit und die von ihr geschaffene lebendige Wirklichkeit ist für unser in Not und Elend darbentfes Volk ein leuchtendes Symbol verjüngender Hoffnung geworden, Sie ist die Arbeit einer zu Ende gehenden Epoche, die durch ihre Erfolge sich selbst rechtfertigend der Gegenwart gegenüberstellt und ihr mr großen Mahnerin wird. Als Pionierarbeit in den großen Zusammenhang der jüdischen Geschichte hineingestellt, muß sie ihrem Sinn dadurch bekommen, daß sie schließlich aufgeht in den vervielfachten Anstrengungen des gesamten jüdischen Volkes. Sie, die Größe zeigte in ihrer Vereinsamung, aber nur ein Begrenztes, Kleines schaffen konnte und im Grande doch nur anfeuerndes Vorbild sein wollte, erwartet von der großen Volkswelle aufgenommen zu werden, die sie zu rufen nie müde geworden ist. Nunmehr ist die Zeit gekommen, in der das jüdische Volk in allen seinen Schichten des Geistes bewußt werden muß, den es in seinen Pkwifcjen hat lebendig wenden lassen. Ein zum Gemein• geist werdendes Hochgefühl muß die neue Pa► lästinaarbeit schaffen, die unser Volkswerk brauchst* die auf der Mitarbeit jedes einzelnen Juden beruhst. Dieser Mitarbeit aller gilt es, die Wege zu ebnen. Sie wird wachsen in dem Maße, wie jeder Jude von der Gewißheit durchdrungen sein wird, daß das Schicksal der künftigen jüdischem, Siedlung in Palästima sein eigenes Dasein und seine Zukunft entscheidend beeinflussen muß. Und die Zeichen dter Zeit ,geben tpis Grand ard«, Annahme, daß die׳ künftige Radlstiifiarbeit dte"'Äcfte des 'pSsaTpr dischen Volkes sein wird. Sehen •wir uns um in den Ländern großer JudenanSammlungen, so können wir feststellen, daß ein statker Wille im Volke besteht, seine Zukunft mit dem Boden Palästinas 2a1 verknüpfen, und daß dieser Wille auch auf solche Kreise des Volkes starken Eindruck gemacht hat, deren Mitarbeit die Palästinabewegung bisher hat entbehren müssen. Zu einem Ereignis von nicht hoch genug zu schätzender Bedeutung ist uns das Verhalten des amerikanischen Judentums geworden. Es ist aum Bewußtsein des unlöslichen Zusammenhangs aller־ seiner Glieder mit dem jüdischen Volke erwacht und empfindet, daß es diese Verbundenheit mit dem Volksgeschick durch Paliistmaarbeit im großen Stile zum Ausdruck bringen muß. ln der Zeit, als das Schicksal des jüdischen Palästina auf dem Spiele stand, in der größten Not des Krieges ist das amerikanische Judentum in die Bresche gesprungen. Seine rechtzeitige und großzügige Arbeit hat das von der Masse des Volkes und den darin lebenden Kraftquellen abgesperrte Palästina für die Zukunft gerettet. Diese Tatsache hat erkennen lassen, welch bedeutendes Aktivum das amerikanische Judentum in unserer Volksrechnung ausmacht, und welche Leistungen, wir nach diesem Verhalten in Zukunft von ihm zu erwarten haben. So ist das amerikanische Judentum eine große Hoffnung des jüdischen Volkes geworden. Aber es darf und wird nicht die einzige Hoffnung bleiben. Es wird die Zeit kommen, wo die im Osten durch eine grausame Gegenwart gebundenen Kräfte des jüdischen Volkes für den Aufbau der jüdischen Volksheimstätte in Palästina frei werden, wo keinerlei Hemmnisse es den verstreuten Gliedern des Volkes unmöglich machen, au diesem Werke mitzuarbeiten. Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß das deutsche Judentum nicht fehlen darf. Es wird die, seinen besonderen Fähigkeiten und Kräften entsprechende Aufgabe im Rahmen des Palästinaaufbauwerks erfüllen müssen und wird dieser Aufgabe gerecht werden, als ein Teil des Volksganzen, der von starkem jüdischen Gemeinsdiaftsbewu ßtsein erfüllt ist. Die im deutschen Judentum vorhandenen Energien dürfen nicht bracht liegen in dieser Schicksalsstunde des jüdischen Volkes. Sie werden^ wem die durch den Krieg errichtetet» Schranken endgültig gefallen sind, altah btt Lande der jüdische« Zukunft zur Gelteng kommen. Dieses au! unseren Schultern ruhende HBfcrk wird mit aller Kraft von uns begönne» weiften müssen, sobald die politische Legitimation des jüdischen Volkes in allen Einzelheiten feststeht «öd der Welt offenkundig geworden ist Der Augenblick wird kommen. Er muß uns gerüstet finde«. Und damit ist der Inhalt aller im gegenwärtigen Zeitpunkt notwendigen Arbeiten für Palästina gekennzeichnet. Wenrt wir von der großen Aufgabe, die eine nahe Zukunft uns auferlegt, nicht erdrückt werden wollen, müssen wir alle geistigen und materiellen Kräfte des jüdischen Volkes in den Dienet einer groß angelegten Vorbereitung»tätigkeit stelk*w Diese Vorbereitungsarbeit gilt es zu leisten. I» Lande Israel und außerhalb des Landes. Ihre Durchführung ist durch die berufenen Faktoren eingeleitet. Alles wmf auf den Erfolg dieser ersten im Hinblick auf das große Ziel unternommenen Volksanstratgong ankommen. Die uns vertrauende Welt tmif darin erkennen und das hoffende Land Israel muß es wissen, daß das ganze jüdische Volk eiototet in einem tätigen Wißen M Palästina. L.. w\ Ussischkin in Palästina Ussischkia traf atu Montag, den 6. Oktober, i# Erez Israel eis. Er wurde zunächst In Ludd, dann 11 Moaa feierlich empfangen. Am folgenden Freitag fand eine Sitzung der Büros der zionistischen Palästina-Ko«- mission und des äonisttschea Palästina-Amtes statt. Bei dieser Gelegenheit sagte Ussischkin, alle Beamten müßte« sich als Beauftragte des jüdischen Volke» fühlen und in gemeinsamer Arbeit für das Wohl des La«! es tätig sein, k» Zukunft würden nur Beamte KJgestellt werden, dbe über eine gute Kenntnis des Hebräischen verfügen. Heuchelei Es ist doch gut, daß es ■och echte Hüter des uaverfälschten zionistischen Gedankens gibt! Auch wenn dieser Hüter in der Gestalt waschechter Asshmlanten und Aufzkmteten «wftritt! Im Grunde haben diese Assimilanten ganz recht. Was stört es sie, wenn hinten, weit in der ehemaligen, Türkei, das jüdische Volk eil nationales Zentrum begründet? Aber es geht ihnen doch üb«־ die Hutschnur, daß man — mehrere nationale Zentren gründen will und damit statt zur nationalen Konzentration, *ue weiteren Zerstreuung des jüdischen Volkes beiträgt Es wird dem Leser nicht ganz leicht sein, den verschreibenen Gedankengängen zu folgen, die Herr Stegtried Fleischer in Dr. Blochswochenschrift zum Besten gibt, wenn man toi diesem Zusammenhang überhaupt vom ״Besten“ reden kann. Liest man seinen Aufsatz ״Das nationale Zentrum“, so könnte man beinahe glauben, hier einen Anhänger Klatzkins vor sich m sehen, der die Galutharbeit verwirft und alle Energie aut Palästina konzentriert sehen möchte. Aber freilich, wenn zwei dasselbe sagen, so brauchen sie nicht iattner dasselbe zu meinen. Und so wissen, wir denn, daß alte Lobsprüche, die der Verfasser Theodor Herzl spendet, die er für den Gedanken der nationalen Konzentration in Palästina in reiohlicher Fülle im Anfänge seines Artikels bringt, einen ganz bestimmten Zweck verfolgen. Die Wiener Zionisten haben nämlich die Anerkennung da־ jüdischen Nationalität in Oesterreich gefordert, was nadi Ansicht des Verfassers die ״Schiaf fuTi g e in es z wei - ten nationalen Zentrums außerhalb Pa- 11 s t i n a s“ bedeute. Deshalb also rettet Herr Fleischer den Zionsgedauken, um in Wien vom nationalen Judentum nicht behelligt zu werden! Wir finden nur, daß er das gleich hätte sagen können und sich das Lob aut den wahren Zionismus hätte ersparen körnten. Ob wohl die harmlosen Leser das Taschenspieler- Icimststückchen merken, das Wer mit dem Wort ״Nationales Zentrum“ getrieben wird? Ob sie ernsthaft glauben, daß die Wiener Zionisten eine Konzentration des ganzen jüdischen Volkes nach Deutsch-Oesterreich ve*־ bangen? Und wie wird Herr Fleischer seine bemerken»- werte Theorie ausgestalten, wenn er daran denkt, daii in Polen und Galizien, in Litauen und Rumänien, in Ruh- Land und der Ukraine dieselben Zionisten, die den Aufbau Palästinas nicht mir fordern, sondern auch vorbereitet haben und durchführen werden, gleichzeitig die nationale Autonomie für die Zurückbl eibenden verlangen? Die Zionisten werden sich mit den* Urteil des Herrn Fleischer zufrieden geben müssen, auch wenn er, wie am Schluß seines Artikels, nahonal-jrüdische Bestrebungen m der Diaspora als ״antizioiustiscn“ bezeichnet! Herr Fleischer muß bei Abfassung seines Artikels eine vergnirgte Stunde verlebt haben!