Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 83 (15.11.1919)
- Date
- 1919-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652218--12663-2670321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHMI Redaktion a. Verlag W, 15, SSduisdie Str. 8. Erscheint jeden Dienstagu.Freitag. Abonn.bei d Exp. a. d. Postämtern riertdlj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i Ausland M 10,— Nummer 83 I Berlin, 25. XI. 1919 An» eigen-Verwaltung: Veit-Verlag, Berlin NV. 7, DorotheenstraBe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anselgeapreis für die sechsgespaltene Nonpareilleeeile 75 Pf,, Teuerangseuschlag 20®/o. Telephon: Amt Uhland 845 0.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparlcasaenamt Scbeckkont« Nr. 156030. Redaktiousschlufi Sonntag u. Mittwoch nachm. M V.Ja hr g” Die Jahreskonferenz einberufen | Das Engere Aktionskomitee hat den : Beschluß gefaßt, die Jahreskonferenz für die i Zeit vom 18.—23. Januar 1920 nach Basel einj zuberufen. 1 Wir haben bereits vor einiger Zeit mitgeteilt,; daß• sich die Leitung mit der Absicht trägt, die! Jahreskonferenz einzuberufen. Die heutige Nach- : rieht bringt nunmehr die offizielle Bestätigung. j Bei den Sitzungen verschiedener Landsmanni schäften und in zahlreichen Artikeln der zio-; nistisehen Presse ist die Forderung erhoben worj den,, baldmöglichst Kongreß und Jahreskonferenz! ehrauberufen. Ein Kongreß dürfte im Augenblick j aus den verschiedensten Gründen nicht zustande ן zu bringen sein. In großen Teilen Osteuropas j wird es jetzt nicht möglich sein, ordnungsj gemäße Wahlen zuitn Kongreß vorzunehmen, j und es würde bei den bestehenden Reiseschwierigj keiten und komplizierten Paßbestimmungen kaum! denkbar sein, der großen Zahl von Delegierten : Reisemöglichkeit zu verschaffen. Dazu kommen j innere Gründe, die gegen einen Kongreß im Augenj blick sprechen. Die großen entscheidenden Bej Schlüsse über Richtung und Wege unserer Paiäj stinaarbeit können erst gefaßt werden, wenn der! formelle Beschluß der Friedenskonferenz vorliegt. | Somit empfahl sich die Einberufung der Jahresj konferenz, die statutarisch fast alle Befugnisse des Kongresses besitzt (ausgenommen Aenderung des Programms und Neuwahl des Aktionskomitees.) Wie wir bereits in Nr. 78 der Jüdischen Rundschau erwähnten, gehören der Jahreskonferenz außer den Mitgliedern des großen Aktionskomitees, dem Vorsitzenden des letzten Kongresses, sowie Vertretern unserer wichtigsten Institutionen (1, G. T., A.P.C., I.N, T.. Kongreßgerichj, Ehrengericht, Kongreß anwalt) besqjiderp Vertreter _ der . Lindesand Sonderverbände an. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat auf ihrem letzten ordentlichen Delegiertentag folgende Herren zu diesem Amt gewählt: Zahnarzt Schachtel, Breslau, Dr. Kollenscher, Posen, Dr. Elias Strauß, München, Kurt Blumenfeld, Berlin, Als Stellvertreter wurden die Herren Richard Lichtheim, zurzeit Haag, Dr, Emst Kalmus, Hambürg, Dr. Julius Mos es, Mannheim und S. Schocken jx., Zwickau gewählt. Wir hoffen, daß die Sitzung keinen unerwarteten Schwierigkeiten begegnet. Ihr Zustandekommen würde von großer Bedeutung־ für die Arbeit der Organisation sein. Die Bedeutung des Berliner Gemeindekampfes Die erste Phase im Kampf um die Berliner Jüdische Gemeinde ist beendet. Ein großer Teil der rückständigen Bestimmungen über das Wahl-!echt ist dank den Bemühungen unserer zionistischen Freunde gefallen. Was die Gemeinde nicht erreichen konnte, ist von uns erreicht worden. Den Kriegsteilnehmern und den sonst mit ihren Beiträgen im Rückstand Gebliebenen ist ■das Wahlrecht gesichert worden. Darüber hinaus hat die Verfügung Heines die Möglichkeit eröffnet, die Bestimmungen des Judengesetzes von 1847, solange dies Gesetz noch besteht, in liberaler Weise auszulegen. Jedenfalls werden an Stelle ׳.•־oii 15 000 eine ganz bedeutend größere Zahl von Berliner Juden wahlberechtigt sein. Das machte die Verschiebung der Wahl notwendig, da neue Listen aufgestellt werden müssen, um all diejenigen aufzunehmen, die nunmehr Wähler geworden sind. Die Wahl wird etwa im Frühjahr!920 stattfinden. Die Monate, die uns noch vom Wahltag 1 reimen, müssen der intensivsten Vorbereitung auf die Wahlen gewidmet sein, in den Kreisen der assimilantischen Gruppen, die bisher die unumschränkte Herrschaft in der Gemeinde hatten, besteht schwere Besorgnis vor einem den Liberalen ungünstiger! Ausgang der Wahlen. Wir müssen mit allen Kräften dafür ׳sorgen, daß diese Besorgnisse Wirklichkeit werde». LJnsere wichtigste Aufgabe ist im. ״Der Zionismus erstrebt für des jüdische ־Volk die Schaffung einer ÜffentUds-rechtlldi gesicherten Heimsiliie in Palästina.** Baseler Programm. blick, in unserem eigenen Kreise Klarheit über die Bedeutung der Wahl zu schaffen und damit die entschlossene Arbeit aller Zionisten m gewinnen, die allein den Sieg verbürgen kann. Die gelegentlich sich findende Anschauung muß überwunden werden, als handele es sich bei den Gemeindewahlen um eine Aktion von einer beschränkten lokalen Bedeutung, die höchstens unser Prestige etwas berüiirt. Wir müssen verstehen lernen, daß ein Sieg im Berliner Geineindekatnpf von ausschlaggebender Bedeutung in jeder Be- Ziehung für unsere nationale Arbeit sein kann. Auf der letzten Zentralkomiteesitzung wurde bei der Besprechung unseres Etats von einem Redner bemängelt, daß, während die Arbeit anderer Ortsgruppen von der Leitung der deutschen Zionisteil nicht finanziell unterstützt wird, die Berliner zionistische Arbeit von der Zentrale subventioniert wird. Mit Recht wurde dem Redner entgegen gehalten, daß ein Vergleich der Berliner zionistisehen Ortsgruppe mit anderen Ortsgruppen nicht möglich sei und daß die Berliner Ortsgruppe vielmehr als ein Gruppenverband, denn als eine einzehre Gruppe anzusehen sei. Dieser richtige Gedanke muß auch für die Berliner jüdische Gemeinde angewendet werden. Die Zahl der deutsehen Juden dürfte nach Abtrennung der abzutretenden Gebiete nicht mehr als 550 000 betragen. Von •diesen leben mindestens 150 000, wahrscheinlieh mehr, in Berlin, also ein Viertel bis ein Drittel aller deutschen Juden. Es braucht nicht betont zu v׳erden, von welcher Bedeutung es sein muß, wenn die Leitung einer Gemeinde von dieser Größe von Zionisten stark beejnftoßl würde. 4 Dffa^LnjtjJI, berücksichtigt türewtea, daß' <If als eines jüdischen Zentrums noch im Wachsen begriffen ist. Aus den an Polen fallenden bisher preußischen Gebieten findet eine nicht kleine Einwanderung von Juden nach Berlin statt, die den Uebergang an Polen nicht mitmachen wollen. Darüber hinaus ist Berlin bei der bekannten Tendenz der deutschen Juden von den kl eineren in die großen Städte ständig das Ziel des Zuzuges von Juden aus allen Teilen Deutschlands. Endlich wird Berlin bei der vermutiieh bevorstehenden jüdischen Immigrationsbewegung aus Osteuropa nicht nur ein wichtiger Durchgangspunkt sein, sondern, erfaßrungsgemäß wird ein Teil dieser Wanderung in Berlin verbleiben und damit auch seinerseits zum Wachsen der Zahl und Bedeutung der Berliner Juden beitragen. Die Bedeutung der Berliner Jüdischen Gemeinde geht auch aus den großen Mitteln hervor, über die sie verfügt, und aus den zahlreichen Institutionen, die sie unterhält. Wir werden in einer Reihe von Aufsätzen darauf des Näheren eingehen. ,Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, daß die Berliner Gemeinde schon harte, wo ihre Führer den Gedanken der Volksgemeimde ablehnen, weit mehr als eine Kultusinstitution ist. ׳Außer Synagogen und anderen rein religiösen Institutionen besitzt die jüdische Gemeinde zahlreiche Unterrichtsanstalten (Religionsschulen und allgemeine jüdische Schulen), eine sehr große Reihe sozialer Institutionen, sowohl für ausländische, einwandernde und durchwandernde Juden als auch für einheimische hilfsbedürftige Stammesgenossen. Erst wenn man sich vergegenwärtigt, was auch die jetzige Leitung der Berliner jüdischen Gemeinde an Institutionen unterhält, wild mar! sich klar machen können — und auch das wird noch näher zu beleuchten sein — was die Berliner jüdisehe Gemeinde werden könnte. An Stelle der Wohitätigkeitsprinzipien, die die heutigen sozialen Institutionen der Gemeinde tragen und die den armen Juden nur zu häufig als Lästigen Schnorrer behandeln, muß der aus dem nationalen Solidarifätsgefühl stammende, wahrhaft soziale Geist treten, dessen Träger nicht glauben, mit einigen Geldbeträgen die Verantwortung los zu se-iai, sonder!! sich wie für das ganze jüdische Volk, so für jedes einzelne seiner Glieder persönlich ■rerantwortlich fühlen. An Stelle eines Reiigions- Unterrichtes, der nur einen Teil der heranwachsenden Generationen überhaupt erfaßt und auch diesem Teil nicht einen Begriff der unendliehen Schatze der jüdischen Vergangenheit übermittelt, muß eine wahrhaft jüdische Erziehung treten. Die Gemeinde maß Institutionen unterhailten, die eine wirkliche Kenntnis der hebräi sehen Sprache• übermitteln, ohne die eine echte Verbundenheit mit jüdischen Werten nicht gedacht werden kann. Ein Geschlecht muß herangezogen werden, das durch den Unterricht in jüdischen Fächern ein Bild der Vergangenheit unseres Volkes bekommen hat, nicht einige Namen von großen Gelehrten und Daten von Verfolgungen, sondern unter tunlichster Benutzung der Quellen ein wirkliches Bild des Schaffens und Leidens unseres Volkes in sich trägt. Die Geschichte muß wieder lebendig werden, der Schüler muß sich als das Glied einer Kette empfinden, die ehrenvoll fortzusetzen er für seine größte Aufgabe hallen soll. Aufgabe der Gemeinde ist es auch, die für die körperliche Regeneration erforderliehen Institutionen zu unterhalten, z. B. Turn- und Sportplätze. Alles das setzt aber voraus, daß die Gemeinde sich nicht mehr als eine Organisation fühlt, die gewisse religiöse Institutionen zu unterhalten hat, sondern als das, was wir mit dem Namen Volksgemeinde bezeichnet haben. Die Gemeinde naiß sich als ein Teil des gesamten jüdischen Volkes fühlen, als die lokale Zusammenfassung der Juden eines Ortes, deren Aufgabe es ist, alle Aufgaben zu erfüllen, die diesen Juden gemeinsam sind. Ein großer Teil der Aufgaben, die heute von zahlreichen Privatvereinen durchgeführt werden, sind Aufgaben der Gemeinde. Jede Art von jüdischer Fortbildung der Erwachsenen, sei es durch Volks- Literaturvereine, muß Aufgabe der Gemeine Sie muß auch diejenigen Räume bereitsten«, die ein frisch pulsierendes Leben ermöglichen. Alle» Forderungen, die in den wirklichen Volksgemeiadea des Ostens stets selbstverständlich gewesen sind! Die zionistische Organisation hat grundsätzUcb die Galut har beit längst zu einem Programmpwnkt gemacht. In Deutschland ist Galutharbeit sicher nicht weniger notwendig als im Osten, Jede wahrhafte Galutharbeit aber beginnt mit den Oemeinden. Die Leser der Jüdischen Rundschau sind darüber informiert, daß in Konsequenz dieses Gcdatikens, die Zionisten an allen Gemeindenwahle« im Osten teilgenommen haben und daß ein sehr großer Teil dieser Gemeinden heute von den Zionisten beherrscht oder wenigstens stark beeinflußt wird. Unsere Freunde wissen, daß die nationale Autonomie in Litauen auf dem Prinzip der autonotnen jüdischen Gemeinde beruhen wird. Eben» ist bekannt, daß auch in westlichen Ländern, insbesondere in Deutsch-Oesterreich und Böhmen, die zionistische Beteiligung m den Gemeinriewahlen zu wichtigen Erfolgen geführt hat. Die Stellung des jüdischen Nationalrates in Prag beruht nicht zum wenigsten auf den jüdischen Gemeinden Mährens, die geschlossen hinter dem Natkxnalrat stehen. Unsere Wiener Freunde aber haben bereits vor Jahren eine Bresche in die Notabeinmauer der Wiener Kultusgemeinde geschlagen und, wie unser Wiener Korrespondent in der letzten Nummer der Rundschau mitteilte, schicken sie sich an, den bevorstehenden neuen Kampf um die Gemeinde mit Energie zu führen. Es liegt in der Linie dieser Entwicklung, daß endlich auch in Berlin die Gemeinde von uns erobert wird, die wir uns als die legitime Vertretung des Jüdischen Volke« fühlen. Das gilt nicht arm wenigsten für die Palästinafrage. Wir müssen verlangen, daß die Jüdisehen Gemeinden an dem Aufbau Palästinas, der unvergleichlich wichtigsten Aufgabe der jüdischen Gesamtheit für lange Zeit, tätigen Anteil durch stärkste Anspannung aller Kräfte nehmen. Je stärker unser Einfluß auf die Gemeinde ist, um so mehr werden wir gerade in diesem Punkt erreichen können. Noch e i« Moment soll nicht unerwähnt bleiben. Die zahlreichen Aufgaben der Gesamtjudenheit werden wiederum zur Zusammenarbeit der ver* schiedenen Teile cler WeltjudenJheit führen. Wir