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Jüdische Rundschau · 1919-11-21 · Heft 82 (21.11.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 82 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die konservativen Kreise scheinen ihrer Sache bereits ziemlich sicher zu sein, sie glauben, daß Revolution und Demokratisierung nur Krankheitserscheimingen nach einem vierjährigen Kriege gewesen sind und daß mit der Erholung und Besinrtumg die Rückkehr zur alten Monarchie urttrennbar verbunden sein wird. Der Antisemitismus ist auch in dieser neuesten Phase cier innerpolitisehen Entwicklung in Deutschland das beliebteste Kampfmittel der reaktionären. Opposition geblieben. Als Studenten und Schüler in den Zelten Hindenburg Ovationen brachten, riefen sie gleichzeitig: ״Nieder mit der Judenherrschalt!“ und die Empörung über den Untersuchujigsausschuß scheint sidi nur gegen seine jüdischen Mitglieder: Dr. Cohn® und Sinzheim er zu richten. Die deutsche Presse hat bisher noch keine Notiz davon genommen, daß auch Hindenburg, von dem weite Kreise glauben, daß er über den Parteien sfteht, seiner antisemitischen Gesinnung unmißverständlichen Ausdruck gegeben hat. Die Nationaltidende, das bekannte Kopenhagener Blatt, veröffentlichte am 11. November abends ein Interview mit Hindenburg. Der Interviewer fragte: ״Ware der Generalfeidinarschail bereit, sich über die Juden und ihre Herrschaft in Deutschland auszusprechen?“ Hindenburg wartete, wie der Berichterstatter zu melden weiß, einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er: ״Ich bin nicht ganz, vertraut mit der Sitination, aber es gibt doch viele gute Menschen auch unter den Juden. Desto schlimmer, daß es so aussieht, daß wir zum größten Teil die schlimmen bekommen haben.“ Hindenburg, der ja Gelegenheit hatte, das östliche Judentum kennen zu lernen, scheint die Ostjuden so hoch einzuschätzen, daß ihm im Vergleich dazu die deutschen Juden nicht gefallen. Es ist nur selbstverständlich, daß Demokraten und Sozialisten entschieden gegen die neue Verhetzung auftreten. Sie wissen wohl, daß, wenn sie für die angegriffenen Juden eintreten, sie sich gleichzeitig für die Errungenschaften ein setzen, die von dem 9. November 1918 noch übriggeblieben sind. So hat der Verein zur Abwehr des Antisemitismus getagt, wo Gotheln und Otto Landsberg sprachen, so haben am Sonntag mehrhcitssozialistische Versammlungen in scharfer Weise gegen die Verhetzung protestiert. Bemerkenswert var in diesen Reden die Unzufriedenheit der Rechtsozialisten mit der Regierung, insbesondere auch 1it Noske. Die Aufforderung des Vorwärts-Redak- , surs K u 11 n e r, Noske solle die nadh links so 1 dt betätigte Energie auch einmal nach rechts wenden, kann man nur unterschreiben. Die Nichtzionisten glauben freilich noch immer, den Kampf gegen die antisemitische Bewegung mit denselben Mitteln führen zu können wie früher. Dafür ist ein Aufsatz charakteristisch, den Hermann Becker im ״Israelitischen Familienblatt“, Hambürg, veröffentlicht. Er sieht im Abwehrkampf der Juden einen Kampf gegen niedrige Gefühle. Neid, Habsucht und Mißgunst, religiöse Unduldsamkeit und Parteileidenschaft erfüllen die antisemitischen Führer. Diese Tatsache, daß näntlieh Gefühle der Ausgangspunkt sind, wo der Antisemitismus psychologisch zu verstehen ist, scheint dem Verfasser die große neue Entdeckung. Seine Erkenntnis aber wird, wie er glaubt, den Weg zu einer wirkungsvolleren Bekämpfung Judengegneirischer Bestrebungen eröffnen. Denn wenn auf der 1 anderen Seite Gefühle sprechen, so müßten auch wir gefühlsmäßig auf unsere Gegner 01ד־ wirken suchen, und zwar ist es vor allem der in jüdischen Kreisen herrschende Luxus, der es Herrn Becker angetan hat. Auffällige Kleidung und eine luxuriöse Lebensführung erwecken den Eindruck, als wenn die Juden nicht arbeiteten, sondern in Saus und ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Voll( die Schaffung einer Qffenilich-recbilidb gesichertes Heimstatt« in Palfistina." Baseler Programm, Braus ihre Reichtümer auf Kosten des deutschen Volkes verzehren. Zwar betont der Verfasser in einer Zwischenbemerkung, daß eine ähnliche Lebensweise auch in reichgewordenen christlichen Kreisen sich bemerken ließe. Dennoch glaubt er Zurückhaltung und Bescheidenheit in jeder Beziehung den Juden empfehlen zu sollen. Nicht nur in der Art des Auftretens in Wohnung und Kleidung, sondern auch in der politischen Betätigung verlangt er Zurückhaltung der deutschen Juden. Er glaubt, daß die deutsdien Juden darauf verzichten sollten, in radikalen Parteien Führerstellen einzunehmen. Man müsse dies denen überlassen, die auf weniger gefährdetem Boden stehen, als wir. Daneben will der Verfasser freundliche Gefühle durch aufklärende Maßnahmen schaffen. Ob freilich die Aufführung von Stücken wie Arnold Zweigs ״Ritualmord‘״ und Stefan Zweigs ״Jeremias“, die der Verfasser anführt, dazu geeignet sind, mag dahingestellt bleiben. Wer unsere Assimilanten kennt, wird sich nicht darüber wundem, daß nach wie vor Lessings ״Nathan der Weise“ ihnen als das geeignetste Stück erscheint, die hitoleranz der Antisemiten zu überwinden. Auch das Kino will Hermann Becker in den Dienst seiner Aufklärung stellen. ״Wir haben bisher an die Vernwnft unserer Gegner und an die der Masse appelliert, appellieren wir nunmehr an ihre Gefühle.“ Das ist Schlußsatz und Quintessenz seines Artikels. Dieser Aufsatz ist, wie nochmals bemerkt werden muß, 1919 erschienen und was vielleicht noch bemerkenswerter ist, der Verfasser und wohl auch die Redaktion glaubt, daß er Neues bringt. Ob sich wohl Herr Becker oder die Redaktton des ״Hamburger Familienblatts“ ernsthaft etwas von den vorgeschlagenen Maßnahmen versprechen? Ob sie wohl glauben, daß reichgewordene Juden zurückhaltender werden, ob sie wohl von überzeugten radikalen Sozialisten ernsthaft erwarten können, daß sie von ihrer politischen Betätigung absehen, um Argumente gegen die Juden zu vermeiden? Und ob sie ernsthaft von Theater- und Kinoaufführungen Aufklärung erhoffen? ״Nathan der Weise“ dürfte den meisten gebildeten Deutsehen recht wohl bekannt sein. Aber es wird niemanden entgehen können, daß die Judenfrage heute einen anderen Aspekt hat, als in den 80 er Jahren des 18. Jahrhunderts und das ist der Kernpunkt. Unsere Assimilanten leben in Gedankengangen, die vor M)0 Jahren schon überlebt waren. Sie glauben, daß Verhetzung und Böswilligkeit auf der einen Seite stehen, die durch Aufklärung und musterhafte Lebensführung gutzumachen sind. Sie haben aus der Geschichte nach immer nicht gelernt, wie wenig diese Mittel imstande sind, an der Lage der Dinge etwas zu ändern. Es gibt keinen anständigen Juden, der die Protzerei und die ungeistige, nur auf materielle Genüsse eingestellte Lebensführung nicht verdammen würde, die heute in manchen Kreisen des deutschen Judentums herrsehen. Wir bekämpfen sie um der Würde und Ehre des Judentums willen und um des Geistes willen, der stets ein Stolz der jüdischen Gemeinschaft war. Aber wir empfinden es als unwürdig, wenn man gegen diese Lebensführung deshalb auftritt, weil sie, wie der schöne Ausdruck lautet, Risches macht. Wir wissen, daß es nicht dem Geist des echten Judentums entspricht, im protzigen Aufzuge die Synagogen zu besuchen. Aber wir lehnen es als unwürdig ab, vor den Feiertagen Warnungen zu erlassen, man solle in diesem Jahre einfach gehen, weil antisemitische Stimmung herrsche. Hermann Becker hat nicht unrecht, wenn er meint, daß der Antisemitismus letzten Endes nicht auf Vernunftgründen, sondern auf Gefühlen basiert. Aber er sollte einen Schritt weitergehen. Er sollte erkennen, daß unter den obwaltenden Verhältnissen der Antisemitismus auf zwei Dingen beruht: auf der in der Tat vorhandenen wiksmäßigen Verschiedenheit zwischen Juden und Deutschen und auf den Folgen der Emanzipation und Assimilation des 19. Jahrhunderts. Die Emanzipation ist in dem Geist verlaufen, den Hardenberg und seine Freunde erwarteten. Er hat die deutschen Juden ihrem Judentum entfremdet. Wenn heute die Besten der assimilierten deutschen Juden in den linken Parteien Deutschlands kämpfen und wirken, wenn die weniger tiefen Kreise, jedes geistigen Gehaltes bar, im Mammon und im oberflächlichen Lebensgenuß ihr Ziel sehen, so ist dies Folge der hisborisehen Entwicklung seit der Emanzipation, eine Folge, die weder mit Appellen zu: größerer Zurückhaitu 11g, noch selbst mit Aufführungen des allmächtigen Kientopps zu überwinden sein werden. Was aber soll geschehen? Die zionistische• Bewegung hat seit ihrem Bestehen denselben Gedanken vertreten. Zeigen wir die jüdische Leistung 1 Zeigen wir, daß das jüdische Volk imstande ist, wieder schöpferisch zu werden, wieder eigene Webte zu schaffen. Bauen wir das jüdische Palästina nicht nur als ein Heimatland der Juden, sondern als ein Land mit dem wahren und echten Gemeinschaftsleben, das den europäischen Völkern fehlt. Streben wir auch in der Diaspora nach einer Wiederkehr jüdischen Lebens. Erziehen wir im Sinne der nationaljüdischen Jugendbewegung die neue Generation zu idealistischer Lebensführung, die im Judentum wurzelt und ihre Aufgabe imnerhalb der jüdischen Gemeinschaft sieht, dann Winden wir das Hauptziel erreichen, das Judentum wieder stark, lebenssicher und produktiv m machen, und wenn dies Hauptziel erreicht ist, werden wir finden, daß in ihm auch die Lösung des Problems beschlossen liegt, mit dem die Assimilanten gar nicht fertig werden können. F. L. Die Forderungen der palästinensischen Arbeiterschaft Die Anwesenheit der Delegierten der palästinensischen Arbeiterschaft in London gab Gelegenheit zu einer Reihe von öffentlichen Versananhfingen, in weichet die Delegierten ihre Förderungen bekannt gaben. Die English Zionist Federation lud für den 19. Oktober den Vertreter des HapoekHazair, Herrn Joseph Spr i 11za k ein, zu dem hebräischen PlibSkatin von London zu sprechen. Herr Sprinzak ging von der Bedeutung aus, welche die jüdische Arbeiterbewegung für Paliistina hat. Sie schafft uns de eigenen arbeitenden Schichten, ohne die wir im Lande verloren wären, verwandelt ■den!unproduktiven Juden in einen procMrtiven Arbeiter ׳und vermag dem arabischen Arbeiter eine jüdische Konkurrenz entgegenzusteilen. Die zionistische öffentliche Meinung weiß noch wenig davon, daS das j jüdische Privatkapital arabische 5 mi - grauten ins Land zieht, daß arabische Inteile ktuellc aus nationalen Gründen sich als Arbeiter bei palästinensischen Bahnbauten verdingen. Während das jüdische Privatkapital die arabische Position startete, fand die begeisterte zionistische Jugend, die nach Palästina, kam׳, dort eine innere eiserne Mauer vor. Wir •müssen uns bewußt sein, daß die erste von den Bilit getragene Welle des Jischub Schiffbrudi gelitten hat, :weil die Biltc mehr Land hatten, als sie selbst bebauen konnten, die Siedlung daher •nicht auf dem׳ Prinzip der eigenen Arbeit und: der Nationalisierung des Bodens gegründet war. Die Bilu, die als Idealisten gekommen waren, wurden am Ende Kaufleute und Spekulanten mit Getreide. Wir sollen sie deswegen nicht ankbgeu, sondein verstehen, daß jede Bewegung so enden muß, wen« sie nicht das Prinzip der Arbeit in ihren Mittelpunkt stellt. Man Spricht von den Defiziten der palästinensisch«! Arbeiterkwuzoth. Die großen Kosten entspringen nicht einer Verschwendung, sondern den Verhältnissen. Wäbirend die Arbeiter in allen Ländern nach einer Erhöhung ihres Lohnes streben, bemühten sich die Mitglieder der Kwuzoth alles zu tun, um die Produktionskosten herabzumindern. Zwei Familien wohnen zusammen in einem Zimmer. Wenn dennoch die Opferfähigkeit der Arbeiter es nicht zuwege gebracht hat, die Defizite ausztugkidicn, So muß man in Erwägung ziehen, daß dies Kontributionen sind, die;wir dem Lande bezahlen. in letzter Zeit wird vielfach der Plan diskutiert, in Gestalt sogenannter Arbeiterkolonien eine neu» Foorm der Ansiedhtng zu schaffen, die mehr individualistisch wäre und mehr den Bedürfnissen des Einzelnen und dem Familienleben entspräche. Der Einzelne «dl hier ein so großes Stück Nationalfondsboden angewiesen bekommen, als er allein bearbeiten kann. Wes ist vernrutlich die für die Ansiedlung größerer Mas»! geeigncte Form. Nun erhebt sich die Frage der Mittel für di« Durchführung der Kolonisation. Was den Boden anlangt, so müssen alle öffentlichen Grundstücke dem N.-F. gehören, der der legitime Erbe der türkischen Kegierung ist. Das notwendige Kapital wind hoffentlich, wenn große politische Möglichkeiten gesichert sind, durch eine nationale Anleihe aufgebracht werden. Jeden-

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