Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 80 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Insbesondere werden die natkinaljiidischeii Jugendorganisationen, namentlich die der Akademiker, im Benehmen mit den politischen Stellen bei Zeiten zu erwägen haben, inwieweit sie imstände sind, aus ihren Reihen die Stellung der erforderliehen Kontingente von Lehrpersonen, durch Einflußnähme auf Berufswahl und Berufswechsel ihrer Mitglie- | der, vorzubereiten und zu gewährleisten. Es ist hier nicht der Ort und auch nicht Zweck dieser Zeilen, eine Skizze des Aufbaus und der Einrichtung der jüdischen Schule sowie ihrer rechtlichen Verhältnisse zu geben. Berufenere werden dies tun und die sich ergebenden Probleme, deren die Fülle ist, zur Diskussion stellen. (Einige, teils schon angedeufet, seien hier genannt: innere Technik der jüdischen Schule, Auswahl und Verteilung des Wissen- Stoffs; Einheitsschulprinzip; Berechtigungen; Gleich- Stellung mit den Staatsschulen; Finanzierung; Stützung schwacher Schulgemeinden im Wege des Lustenausgleichs; Erhaltung und Umbau der bestehenden jüdischen Schulen; unser Verhältnis zu den politischen Parteien in Deutschland, die für die konfessionelle Schule emtreten; Auseinandersetzung mit den seitens der Orthodoxie an die jüdische Schule gestellten Anforderungen usw. usw.) Hier kam es nur darauf an, unsere kulturpolitische Forderung der jüdischen Schule mit der Notwendigkeit der völligen Umgestaltung unserer Jugenderziehung zu begründen und das vielfach' noch mangelnde Verständnis und Interesse für diese, allen politischen; Ak- Honen unserer Bewegung durchaus gleichberechtigte nationale Angelegenheit zu wecken.! I I 1: i In dem Augenblick, da diese Zeilen niederge schrieben werden, geht uns die Nachricht von der Begründüng eines ״Jüdischen Schulvereins“ zu, den einige von der Bedeutung einer jüdischen Jugenderziehung tief erfüllte Männer verschiedenster Richtung soeben ins Leben gerufen haben und der sich nunmehr mit einem warmherzigen Aufruf an die Öffentlichkeit wendet. Die Namen des Arbeitsausschusses — in dem sich u. a. Rabbiner Prof. Dr. Baneth, Ch. Krupnik, Prof. Dr. Carl Lewin, Rabb. Dr. Liebermann, Heinrich Löwe, Dr. Smoira und Rabb, Dr. W arschauer befinden ־— bürgen dafür, daß sich die Sache in guten Händen befindet, und wir begrüßen das hoffnungsvolle Unternehmen mit den besten Wünsehen für guten Erfolg! Bietet doch auch die neue deutsche Reichsverfassung in ihren Artikeln 146 und 147 mancherlei Handhaben für die Durchführung unserer Wünsche. Um'die Anerkennung der jüdischen Nationalität (Von unserem Wiener Korrespondenten.) W. Wien, 27. Oktober 1919. Abgeordneter Robert Stricker hatte gerade an Idem Tage, an dem er durch den plötzlichen Tod seines 1 Bruders in schwere Trauer versetzt war, in der österreichischen Nationalversammlung einen äußerst bedeutungsvollen Kampf zu bestehen. Zum! erstenmal hat er das Parlament gezwungen, der Diskussion eines prinzipiellen Kernpunktes der Judenfrage standzuhalten. Der Staatskanzler K,a rl Renner hat selbst zweimal das ]Wort ergriffen, hat beinahe die Vertrauensfrage gc- I stellt und nur durch sein persönliches Eintreten die ]Mehrheit veranlaßt, für seine Anschauung zu stimmen; wobei er allerdings diese Entscheidung dadurch erleichterte, daß er unter Zurückstellung der prinzipiellen ]Frage lediglich verwaltungstechnische Gründe geltend I machte. Die vom Abgeordneten Stricker anläßlich der Be- I ratung des Gesetzes über die Volkszählung 1919 erhobene Forderung nacli Anerkennung der jüdischen Nationalität und Zulassung des freien Bekenntnisses zu ihr (vergl. Nr. 76 der ״Jüdischen Rundschau“), ist die erste Grundfordemng des politischen Programmes, das der jüdische Nationalrat nach seiner Konstituierung »m 4. November 1918 der Regierung vorgelegt hat. I\-r Sinn dieser Forderung ist vor allem historisch zu verstehen; in einheitlichen Nationalstaaten wie Deutschland hat das Nationalitäten,!) noblem als solches niemals eine so große Rolle gespielt, daß die staats■ rechtliche Anerkennung einer Minderheitsnation politisch vor! großem Belang gewesen wäre. Ganz anders war es in der österreichischen Monarchie, und wenn man I heute ׳,darauf Hinweisen wollte, daß die neue öster■ 1 reichische Republik auch ein Nationalstaat sei, so muß [dem entgegengehalten werden, daß erstens das politische [Denken sich hier noch völlig in den alten Bahnen bewegt | und daher entsprechend behandelt werden muß, zweitens Uber, daß auch die Annahme selbst nicht ganz stimmt I Item» das neue Oesterreich ist ein höchst uneinheitliches I Gebilde, in dem der Antagonismus zwischen den ״Län- Idern“ und ״der“ Stadt, das ist Wien, schon za ernst■ I liehen י Differenzen geführt hat und zweifellos auch in der bevorstehenden Verfassung seinen Niederschlag finden wird, Während nun die ״Länder“ allerdings durch■ aus deutsch sind und auch die jüdische Minorität der Provinz verschwindend klein ist, hat Wien selbst eine sehr starke tschechische und jüdische Minorität, sowie auch kleinere Gruppen anderer Nationen. Wien war einstmals die Hauptstadt eines Nationalitätenstaates; aber sein beinahe internationaler Charakter tritt heute deutlicher hervor als früher. Wenn — was nicht ausgeschlossen ist — Wien auch verfassungsrechtlich eine Sonderstellung bekommen sollte, so wird hier zweifellos in verkleinertem Maßstab das nationale Mfnderheitsproblem eine erhebliche Rolle spielen. Schon heute führen die Tschechen einen erbitterten Kampf um ihre Schulen, die ihnen unsinnigerweise bisher verweigert wurden. Entsprechend dem Vertrag von Saint-Germain über den Min^fitätemtihiutz besteht kein Zweifel, daß sowohl den Tschechen als auch den Juden ihre Schulen bewilligt werden müssen. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität ist darum von großer Wichtigkeit, weil sonst die Juden dazu mißbraucht werden, das Instrument andersnattonaler Gewaltpolitik zu sein. Im früheren Oesterreich gab es offiziell keine ״Nationen“, sondern nur Sprachen; dieser absurde Zustand führte natürlieh zu einem völligen Chaos, verhängnisvoller Rechts- Unsicherheit und dauernden nationalen Kämpfen; darum haben die wenigen vernünftigen Politiker, die Oesterreich hatte, stets als die brennendste Forderung die Schaffung eines Nationalitätenrechtes bezeichnet und insbesondere Karl Renner, der heutige Staatskanzler, hat theoretisch das Programm einey nationalen Autonomie entwickelt, bei welcher die Nationen als Korporationen mit juristischer Persönlichkeit die Zwischenglieder der Verwaltung׳ zwischen Gemeinde und Staat sind. Die Nationen sollten sich durch das freie Bekenntnis der Staatsbürger konstituieren. Die Grundlinie dieses Programms hat die jüdische Natioaalpartei in Oesterreich aufgegriffen und gefordert, daß in seinem Rahmen auch die jüdische Nation anerkannt wird. Es ist bekannt, daß auch die jüdische Sprache in Oesterreich nicht als existent anerkannt wurde, so daß z. B. die Juden Galiziens unter Strafandrohung gezwungen wurden, sich bei der Volkszählung zu einer Umgangssprache zu bekennen, die sie niemals gesprochen haben; dies wurde natürlich von den herrschenden Nationen dazu benützt, um mit allen Mitteln des Terrors die Juden zum Bekenntnis ihrer Sprache zu zwingen, und auf diese gefälschten Statistiken hat man dann große politische Aktionen gegründet. Sogar nach Kriegs- Schluß haben die Polen für Ostgalizien diese gefälschten Statistiken der österreichischen Monarchie geltend gemacht und dadurch eine polnische Majorität vorzutäuschen gesucht, die in Wirklichkeit nicht besteht. Aehnlich war die Position der Deutschen in Böhmen in zahlreichen Fällen nur auf die Tatsache gestützt, daß die Juden sich zur deutschen Umgangssprache bekannt haben. Die Jüdischnationalen waren es nicht allein, die damals verlangt haben, es möge auch die Rubrik ״Nationalität“ neben da־ Umgangssprache auf den Volkszählungsbogen gesetzt werden; auch andere Nationen forderten dies. Immerhin aber haben gerade die Juden das stärkste Interesse daran, weil gerade bei ihnen Nationalität und Sprache nicht zusammenfallen und weil gerade mit ihnen am frevelhaftesten gespielt wurde. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität wäre das einzige Mittel, um die Juden endlich von der Rolle des Spielballs zwischen streitenden VÖlkern, der von beiden Seiten nur Hiebe erntet, zu befreien. Oesterreich ist zerfallen, aber der alte österreichische Geist sitzt zu fest in den Hirnen. Eine geistige Erneuerung der Nationen wurde auch dadurch nicht bewirkt, daß andere Parteien die Führung übernahmen. Karl Renner ist der Leiter des Staates geworden, aber er wurde von dem Geist der Traditionen des Hauses, in dem er amtiert, infiziert. Er hat seine eigenen Theorien und Programme vergessen. Als Stricker den Antrag auf Anerkennung der jüdischen Nation stellte, da hat die Ironie des Schicksals es gefügt, %|ß gerade Renner sich ihm entgegenstellen mußte. Er hat behauptet, in der österreichischen Republik sei kein Bedürfnis nach Konskription der Nationen und außerdem sei der Charakter des Judentums als Nation von vielen Juden selbst angefochten. Ersteres steht im Wider- Spruch mit der Möglichkeit der Ausübung der garantierten Minoritätsrechte; die letztere Einwendung aber ist gänzlich gegenstandslos angesichts des von Stricker selbst geforderten freien Bekenntnisses. ״Lassen Sie die Juden frei entscheiden“, hat Stricker ihm mit Recht entgegengeworfen . Es ist nicht Sache der Regierang, sich in diese interne Streitigkeit einzumischen1; aber sie entscheidet einseitig, wenn sie das freie Bekenntnis nicht einmal zuläßt. Auf die Bemerkung Renners, daß die Verfassung nur eine mosaische Religion kennt, erwidenrfrStiicker treffend, daß die sozialdemokratische Internationale, 'die dem So- 2ialisten-Renner maßgebender sein sollte, als die Ver- Fassung *es zertrümmerten monarchischen Oesterreichs, die jüdische Nation kennt. Denn die spezifisch österreichische Pikanterie liegt darin, daß gerade die Sozialdemokraten die heftigsten Gegner der Anerkennung der ' jüdischen Nation sind. Die jüdischen Führer der österreichische« Sozialdemokratie ersticken im! Ghettogeist; sie scheue« Ängstlich vor jeder ehrlichen Dtsktfssioiv der Judenfrage zurück, fürchten sich vor dem Schimpfwort ״J«de11schutztruppe“ und machen ihre vollzogene Assimilation durch ununterbrochene antisemitische Sticheleien der ״Arbeiter-Zeitung“ glaubwürdig. Daher blieben zur Unterstützung des Antrags Stricker mir dhe Deutschnationalen und die Christlichsozialen übrig, und letztere mußten schließlich mit Rücksicht auf den Koalitionsvertrag für Renner stimmen, allerdings mit dem Vorbehalt, daß sie damit ihrer prinzipiellen Stellungnähme nicht präjudizieren und nur den Argumenten Renners, es handle sich um eine provisorische Zählung zu Versorgungszweckerl, die nicht aufgehalten und technisch erschwert werden dürfe, nachgeben. Es mag nun freilich peinlich erscheinen, daß gerade die Antisemiten für den- Antrag Stricker eingetreten sind. Diejenigen jüdischen Politiker, welche noch ganz und gar in den Fesseln der alten Schule stecken, mögen daraus!ableiten, daß den Juden aus der Anerkennung der jüdischen Nation Schaden erwachsen könnte. Besonders jene jüdischen Bürgerkreise, die sich in dem Sumpf und der Verlogenheit so wohl fühlen, wenn das Geschäft nur geht, vergessen völlig, daß eine neue Zeit angebrochen ist und daß Volksinteressen heute höher stehen als Privatinteressen einzelner Kreise. Darüber hinaus jedoch wird man in dem! Verhalten der ehrlichen Antisemiten, die es neben den Pogromhetzen! fraglos auch gibt, ein Symptom sehen können, daß durch ehr« liches Bekenntnis zum jüdischen Volk auch der Ausgleich zwischen Juden und Nichtjuden angebahnt werden kann. Den verschiedenen Vereinen ״zur Abwehr des Antisemitismus“ ist bis heute die Abwehr nicht gelungen; diese Tatsache sollte sie an ihrer Methode Irrewerden lassen und sie veranlassen, es doch mit anderen Augen anzusehen, wenn Juden und AntisemTteh einmal in einer grundsätzlichen jüdischen Frage gleicher Ansicht sind. Die schlotternde Angst der Assimilanten hat die ״Österreichische - israelitische Union‘ veranlaßt, in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle den Wiener Tageszeitungen eine ״Erklärung“ zuzusenden, daß die Mehrheit der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens die .Ansichten Strickers nicht teile, die Anerkennung der jüdischen Nationalität mit allen zulässigen Mitteln bekämpfen werde und auf dem Standpunkt stehe, ״daß das einigende Band für die Judenheit nur die in unserer Religion enthjaltenen ethischen Grundsätze sind“. Um diese würdevolle Erklärung richtig einzuschätzen, muß man wissen, daß die ״Union“ lediglich in.der Betriebsamkeit eines rührigen Sekretärs besteht, der von Zeit zu Zeit das Bedürfnis hat, sich zu betätigen. Die ״Union“ kann nicht einmal mit dem ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ verglichen werden, denn in ihr ist nicht ein Funken jüdischer Aktivität. Darum hat sie diesmal auch nicht mehr behauptet, daß das einigende Band die ״Religion“ bildet, sondern sie hat auch diese auf die ״ethischen Grundsätze“ beschränkt. Das jüdische Volk wird zweifellos durch diese Erklärung in seiner Existenjz nicht sonderlich erschüttert werden. Der begonnene Prozeß der Regeneration wird uns auch von jenen traurigen Anhängseln befreien, die ihre jüdische Abstammung nur dazu benützen, um aus dem Hinterhalt vergiftete Pfeile zu schießen, die sie dann selbst noch zynisch als ״ethische Grundsätze“ bezeichnen. Eine Dokumentensammlung zur Judenfrage Die Welt ist der Weiß-Grün-Blau-Rotbücher reichlieh überdrüssig, die den Versuch machen, mit Verschwci-gungen, Verdrehungen und Entstellungen die eigene Politik rein zu waschen und die gegnerische zu belasten. Sie sieht Enthüllungen mit dem größten Mißtrauen entgegen, und mit Recht. Anders ist es, wenn über die jüdische Frage dasjenige offizielle Material zusammengetragen und veröffentlielit wird, das eine wirkliche Information über die gesamte Frage ermöglicht. Daß die Großmächte, daß die Wcltdemokratie die Forderung des jüdischen Palastina für berechtigt halten, daß die überwältigende Majorität des jüdischen Volkes diese Forderung der Zionisten unterstützt, ist selbst in dieser Allgemeinheit nicht einmal allen politisch Interessierten bekannt. Wie wenige aber sind sich über die Intensität und den Umfang unseres PalästinawilLens klar, wie wenigen ist es zum Bewußtsein gekommen, daß ebenso Regierungen wie Sozialisten in dem Aufbau des jüdischen Palästina eine Notwendigkeit sehen. Es war eine der wichtigsten Aufgaben, die ebensowohl politisch wie agitatorisch größte Wirkungen tun kann, diese Aufklärungen der Kulturweit zu geben. Leon Chasanowitsch, der Führer ider Poale-Zion, und Lea Motzkin, Mitglied de® Großen Actions-Gomites, zurzeit Generalsekretär des ״Gomite des Delegations juives“, haben sich dieser Aufgabe unterzogen*), für die ihnen größter Dank gebührt.; ■ I ■ ן Nach einer kurzen, informierenden und wirkungsvollen Einleitung gliedert sich das eigentliche Werk in drei Teile. Im ersten Teil: ״Die jüdische Volksbewegung“ werden Dokumente veröffentlicht, die, aus den verschiedensten Judenschaftcn, politischen und sozialen Gruppierungen im Judentum stammend, eindrucks- *) ״Die Judenfrage der Gegenwart“. Stockholm, Bokförlaget. Judäa 1919.