Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 79 (9.11.1919)
- Date
- 1919-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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CHE RI Redaktion u, Verlag W, 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag■, Ahonn.bei d Exp, u.d.Postämtern viertel). M.6,— ia Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i Auslaad M 10,— Nummer 79 Berlin. 11 XI |0!o An »ei gen -Verwaltung: Welt-Verlag•, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anzeigenpreis für die lechsgespaltene Nonpareilleieile 75 Pf., Teuernngstuschlag 20%. Telephon; Amt Uhland 845 0.&-16. Postscheckkooto: Barlia Nr. 17392. Für Oesterreich: Potsparkasaenamt Scheckkonto Nr. 156030. RedaktionsschluS Sonntag ti. Mittwoch nachm, HHniiTr די,1£ *!! וןו_ןןןן זן! 11 תזון׳» rra**■ tm ״!42־* , nr 18 Cheschwan 5680 | XXIV. Jahrg, i«WMaw־,־MBWBM1Tr1i<1r1n־r'n1Ti1T1-n־1־trr-wwnr > iiinnrr murii - ־ nwafTfiiniriiwfii■ Der Zionismus erstrebt für du jfidisdae Volk die Schaffung einer &ffeatlich*rechtlich gesicherten Heimstätte In PaiSstinn. ״Baseler Progrimm" Die Durchführung der Balfourschen Deklaration durch neue Regierungserklärung gesichert Die Feier des 2. November 111 London. Die englische Judenheit feierte, wie wir bereits in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ kurz gemeldet haben, den Jahrestag der Deklaration der britischen Reg i e r u 11 g für ein jüdisches Palästina mit einer gewaltigen Demonstration iin Londoner Opernhause. Lord Rothschilci präsidierte der Versammlung. Der*, neue Minister des Auswärtigen, Lord Curzon, begrüßte das Meeting mit folgendem Schreiben: ״Ich habe die Ehre, Ihnen zu versichern, falls י solche neue Versicherung notwendig ist, was ich kaum glaube, daß in der Politik Sr. Ai. Regierung bezüglich der Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina keine Veränderung eingetreten ist.“ Lord Robert Ce eil schrieb folgendes: ״Ich wünsche dem Meeting einen guten Erfolg. Die Verzögerung in der Ordnung der internationalen Fragen legt allen Völkern große Kraftaufwendimgen auf. Aber die von der britischen Regierung gegebene und von den anderen alliierten Nationen angenommene De• klaration ist ein wesentliches Eie-' ment für den Weltfrieden. Ich zweifle nicht daran, daß das jüdische Volk in relativ kurzer Zeit die Aufgabe der Errichtung seiner nationalen :־’!.‘!«tstSiffc,. i&ög atifnehtnetj werde. Die Verzögerung des Friedens mit der Türkei bedeute für die Verwirklichung der britischen Deklaration nur eine Verzögerung, könne sie, aber nicht verhindern.“ Der Oberst Amery vom Koionialamt richtete folgenden Brief an die Tagung: ״Die Deklaration der britischen Regierung, die von weitblickender Staatsklugheit zeugte, wird für die Juden, für Großbritannien und die ganze Welt, speziell auch für den nahen Osten, große moralische und materielle Werte bringen.“ Weitere Begrüßungsschreiben gingen ein von Lord B r y c e und den Arbeiterführern Arthur H en - derson und CI y ns es. Lord Rothschi ld gab dem Bedauern darüber Ausdruck, daß die Verrögerung des Friedensschlusses mit der Türkei die vorbereitenden Arbeiten in Palästina verhinderten. ״Dennoch waren,“ fuhr er fort, ״die zianistischen Führer In der Zwischenzeit nicht untätig. Der Erfolg ist sicher, weil der überwältigende Wille des jüdischen Volkes ihn will.“ Am Schluß seiner Rede bat er die Versammlung, die nachfolgende Resolution anzunehmen: ״Das Meeting versichert von neuem den unerschütterlichen Willen des jüdischen Volkes, in Palästina seine nationale Heim- Stätte zu errichten. Es drückt den alliierten und assoziierten Mächten, die die Erklärung der britischen Regierung zugunsten der nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina als ein wesentliches Element der Friedensordnung angenommen haben, ihre Dankbarkeit aus und führt der Friedenskonferenz dringend die Notwendigkeit vor Augen, diese Deklaration schnellst möglichst zu verwirklichen.“ Diese Resolution wurde angenommen, ferner wurde beschlossen, an Feizmann nach Palästina ein Telegram in des Inhalts zu senden, daß das Meeting seiner dankbar gedenke, ihm für seine Arbeit vollen Erfolg wünsche und ihm jede mögliche Unter- Stützung zusichere. Herbert Sa in viel erklärte dann, er wisse, daß die britische Regierung fest entschlossen sei, ihre Politik betreffs des Zionismus voll ausaifüliren. Baifours Werk werde in der jüdischen Geschichte ewig berühmt bleiben. Nach einer Unterredung mit dem Emir Faisul sei er fest überzeugt, daß dessen Bemerkungen in einem kürzlich veröffentlichten Interview auf Mißverständnissen beruhten. Es bestehe kein Grund, wegen der jüdisch-arabischen Beziehungen ängstlich zu sein; die Beziehungen würden gut bleiben. Er sei froh, daß die in Palästina aufgetauchten Vorurteile gegen den Zio* nismus beseitigt seien. Schritte zur Vorbereitung der Palästinaarbeit seien bereits unternommen. Die Grenzen Palästinas müßten so gezogen werden, daß sie die Bewässerung des Landes durch Ausnutzung aller Wasserkräfte ermöglichten. Im Geiste sehe er in Palästina die Entstehung einer neuen Welt, basiert auf der Grundlage der sozialen Gercchtigkeit, die das Uebel des Großgrundbesitzes verwerfe. Eine große Sensation war dann die Rede von James de Rothschild, der in hebräischer Sprache betonte, daß es Zeit zu Taten und nicht zu Worten sei. Dann sprach Nahuni Sokolow, der aus Paris eingetroffen war. Er teilte mit,'daß er von dein amerikanischen Vertreter bei der Friedenskonferenz Po 1 k , vom französischen Außenminister Pichon und vom Vertreter Italiens bei der Friedenskonferenz Zrialoja die Versicherung erhalten habe, daß sie die Unterstützung der zionistisehen Wunsche fortsetzen würden. Der Oberrabbiner Herz gab seinem unerschütterlichem Glauben an die Verwirklichung von Englands Versprechen Ausdruck. Baris GoIdbe rg beschrieb Sä hebräischer Red« den-■ Eindruck, 4en die Bailoursche Deklaration in Rußland gemacht habe. Nach ihm sprachen Cown, Shire und Sacher. Dann drückte der armenische Vertreter Malkolm die Hoffnung aus, daß die Wünsche der Armenier ebenso so sicher erfüllt werden mögen, wie die der Zionisten und begrüßte die zionistischen Erfolge mit herzlichen Worten. Nachdem die oben mitgeteilte Resolution unter großem Enthusiasmus angenommen war, schloß das Meeting mit dem Gesang der Hatikwah. Der Tag der Deklaration wurde auch in Manehester mit einer großen Demonstrations- Versammlung gefeiert. Auf ihr waren die Hauptredner Schmarja Levin, der Vertreter des jüdischen Nationalrates in der Ukraine Alexander Goldstein und Israel Cohen. Ergebnisse Die Arbeit der deutschen Zionisten hat durch die Zentralkomitee-Sitzung neue feste Richtlinien erhalten. Bis zum nächsten Delegiertentag, der zu Ostern 1920 einbemfen werden soll, stehen damit die Gmndzuge der Arbeit fest. Die Politik des Actions-Comites ist einer eingehenden Besprechung unterzogen worden und die von Dr. Bub er vorgeschlagene Resolution ist mit Einstimmigkeit gefaßt worden. Die Kritik, die laut geworden ist, und die in ihren Grundzügen mit der Kritik übereinstimmt, die heute auch in anderen Ländern an der Politik des Actions-Comites geübt wird, bezog sich nicht auf die äußere Politik. Deren günstige Lage konnte nach der Balfourschen Deklaration, nach dem Empfang der zionistischen Delegierten durch die Friedenskonferenz, nach der Zustimmung der anderen Mächte und nach dem Verlauf der Septemberbesprechungen in Paris zwischen Lloyd George und Clemenceau nicht bezweifelt werden. Inzwischen haben die Vorgänge in London anläßlich der Wiederkehr des Tages der Balfourschen Deklaration von neuem in zahlreichen Kundgebungen, vor allem in dem Schreiben von Balfours Nachfolger, Lord Curzon, den besten Willen der britischen Regierung kundgetan, die Erklärung vom 2. November 1917 in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Kritik richtete sich 1besonders gegen die bisherige verhältnismäßig geringe Tätigkeit in Palästina. Es wurde der Meinung!Ausdruck gegeben, daß auch unter den obwaltenden schwierigen Verhältnissen ein größeres .Maß an Vorbereitungsarbeit geleistet werden könne. In der Hauptsache aber wurde getadelt, daß die zionistische ()Öffentlichkeit über das politische System, das das Actions-Comite seiner Arbeit zugrunde lege, nicht genügend informiert sei: es wurde deshalb die baldige Einberufung von Jaüreskonferenz und Kongreß gefordert. Diese Tagungen sollen durch öffentliche' Diskussionen, vorbereitet werden, für die das Actions-Comite durch eine klare Darstellung seiner politischen A11schauungen die Basis geben soll. Die Tagung hat nicht verkannt, wie sehr das Actions-Comite durch technische Schwierigkeiten und durch die Fülle laufender politischer Aktionen an der Inangriffnahme dieser Arbeiten behindert wird. Inzwischen verlautet ja, daß die Jahreskonferenz im Januar tagen solle. Wenn sich dies bewahrheitet, wird damit einer der wichtigsten Gründe zu der heute im gewissen Umfange bestehenden Mißstimmung behoben werden. Die zukünftige Gestaltung unserer jüdischen Politik in Deutschland steht mit den allgemeinen Problemen jüdischer Weltpolitik im engsten Zusammenhang. Die Frage einer Gesamtvertretung der Weltjudenheit ist aus dem Stadium der Debatte noch nicht herausgekommen. Die Entwicklung dieses Gedankens wird. vwi ׳BÄettfong:׳*tho.#r:rr die Zukunft des jüdischen. Kongresses:'!» •;ße׳utsÄ-'* iand sein. Unsere Aufgabe bleibt jedenfalls,.' in Deutschland positive Arbeit zu leisten und durch eine energische Umgestaltung der Gemeinden zu wahrhaften Brennpunkten jüdischen Volkslebens das deutsche Judentum zu neuem Leben zu erwecken. Die Zentralkomitee-Sitzung hat die große Bedeutung der Gemeindearbeit erneut betont und alle Zionisten zur Mitarbeit aufgerufen. Der Grundsatz der Demokratie, den wir in der Gemeindearbeit, wie überall, vertreten, ist für uns kein rein forjnales Prinzip. Wir wissen, daß es nur mit den gesamten Kräften des deutschen Judentums möglich sein kann, den bisherigen Zustand endgültig zu überwinden. Gerade das ist der schwerste Vorwurf, der dem heutigen Notabein- System zu machen ist, daß die übergroße Mehrzahl des deutschen Judentums jedes Interesse an der Mitarbeit am jüdischen Leben verloren hat, weil sie annahm, daß sich die jüdischen Dinge in guten Händen befinden. Ein weiteres Verbleiben in den undemokratischen Organisationen des deutschen Judentums kann für uns nur noch in Frage kommen, wenn diese Organisationen sich nunmehr auf eine uneingeschränkte demokratische Basis stellen. Das gilt ebenso vom ״Deutsch-Israelitischen Gemeindebund“ wie vom ״Verband der deutschen Juden“, dessen Hauptversammlung bevorstelit. Die Plenarsitzung des Zentralkomitees hat deshalb mit aller Deutlichkeit ausgesprechen, daß eine weitere Mitarbeit im Verband der deutschen Juden für ■uns zur Voraussetzung hat, daß der Verband nicht mit Halbreformen, sondem in einer völligen Demokratisierung sich zu einer lebensfähigen Körperschaft entwickelt. Wir können mit umso größerem Recht fordem, daß das deutsche Judentum sich bemühe, alle heute bestellenden Kräfte zur Mitarbeit heranzuziehen, weil wir darauf hinweisen können, daß unsere Organisation in vorbildlicher Weise die Demokratie verwirklicht hat, die sie .von anderen verlangt. Die Jugenddebatte hat Anlaß gegeben, in dieser Richtung den letzten Schritt zu tun,' indem das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, das bei allen zionistischen Wahlen für Männer und Frauen schon stets gegolten hat, nun durch ein Lisfcnwahlrecht nach dem Grundsatz des Proporzes ergänzt wurde. Im Rahmen der Jugenddebatte war das freilich nur ein äußeres Moment. Diese Debatte dürfte für den ganzen Fortgang unserer Arbeit von großer Bedeutung sein. Es