Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 75 (28.10.1919)
- Date
- 1919-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion n. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag n. Freitag-, Abonn.bei d.Eip. n.d, Postämtern »iertelj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i, Ausland M IO,— Nummer 75 Berlin, 28 X. 1919 An*elge«»Vcrw «Ifang: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstrsBe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anielftiprels für die sechsgeapaltene Nonpareilleasila 75 Pf., Teuernngsruscblaj20% ׳. Telephon: Amt Uhland 845 a.846. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Poatsparkassenamt Scheddcpnta Nr. 156030. RedaktionsschluB Sonntag a, Mittwoch nachm, 4. Cheschwan 5680 | XXIV Jahrg" Die Lage von heute Von Adolf Böhm, Wie«. Mit den von Adolf Böhm: hier behandelten Fragen wird sich die auf den 2. November einberufene •Zentrafkamiteesitzung zu beschäftigen haben. Die Red. Die gegenwärtige Situation innerhalb der zio- «istischen Bewegung verlangt dringend nach Klärang. Allüberall sind die Zionisten von Ungeduld erfüllt, mit dem Stande der Dinge unzufrieden und, sprechen wir es offen aus: mangels einer klaren Sprache der Leitung desorientiert. Dieser Zustand birgt große Gefahren für den Zusammenhalt der Bewegung iii sich, der das Kostbarste ist, das wir bewahren müssen. Denn je größer und schwieriger die Aufgaben, desto mehr bedarf es des festen Zusamtenenhangs in der zionistischen Organisation, um die einheitliche Willensbildung zu ermöglichen. Konnte der Zionismus das jüdische Volk auf ein Programm einigen, so muß er die noch weit schvverere Aufgabe vollbringen, die Einheit des Volkes in der Durchführung der großen Aufgaben zu bewähren. Wer diese Lage kritisch beleuchtet, darf nicht in den Fehler verfallen, amzuklagem und auf andere die Verantwortung zu schieben. Opposition machen ist leicht, ebenso leicht ist es, die Massen mit populären Sch lag Worten zu erregen und an sich zu fesseln. Die Aufgabe ist vielmehr, zu erkennen, woran es fehlt und was zu bessern wäre. ln diesem Sinne will ich die Situation, so wie ich sie sehe, beleuchten, und dies mit möglichster Kürze, denn wer sich mitverantwortlich fühlt, der wird auch so verstehen, was gemeint ist, für andere zu sprechen, ist nicht meine Absicht. Die Unzufriedenheit, von der ich spr ach, richtet sich gegen die Leitung. Man wirft ihr vor, sie hätte nidht alles erreicht, was zu erreichen möglich gewesen wäre, sie hätte ferner keinen plan, sie wäre in allzu bescheidenen ,Vorstellungen über die Möglichkeitenin Palästina befangen, sie lasse die führervde Hand vermissen, und sie tue zu wenig z!ur Vorbereitung. Wie steht es um diese Vorwürfe? Wir müssen sie von zwei Seiten ansehen. Die eine ist, ob die Vorstellungen, welche in der Orgarü.sation über das, was m tun notig ist, richtige sind und die zweite, ob die Leitung wirklich Fehler in jener Richtung begangen hat. Ueber das zu Erreichende ist vielfach die Meinung verbreitet, wir hätten einfach einen ״J u. denstaat“ verlangen sollen. Natürlich ist eine solche Meinung angesichts der Tatsachen in Palastina vollkommen absurd. Ein ״Staat“ kann nicht auf dem Papier konstruiert werden, wenn die realen Unterlagen fehlen. Wir können nicht mehr verlangen, als die Gewährung der vollen Möglichkeit, uns diesen Staat zu erarbeiten. Ich sehe diese Möglichkeit schon damit gegeben, daß wir das Recht der freien Einwanderung, des Bodewerwerbs, der Kolonisation, nationale Autonomie und nationale Gleichberechtigung erhalten. Haben wir das, so werden wir durch unsere Energie und unsere Arbeit im Laufe der Jahre erringen, was wir heute noch nicht haben können. Deshalb bin ich, über die Entwicklung völlig beruhigt, denn jenes Minimum werden wir sicher haben. Ein anderes ist es, ob wir uns in unseren Forderungen: auf diese! Minimum beschränken dürfen. Sicherlich nicht! Und hier scheint der Punkt zu liegen, in dem eine gewisse Unzufriedenheit begreiflich ist. Den Männern, deren Kunst es gelungen ist, uns so weit zu führen, wie wir heute sind, also vor allem Weizmann und Sokolow, soll ihr geschichtliches Verdienst nicht im geringsten geschmälert werden. Doch ist die Situation, in die sie geraten sind, eine solche, daß das Schiff des Zionismus wieder ganz im Fahrwasser der Diplomatie treibt. Die Führer haben den Kontakt mit den Massen nicht, sie empfinden nicht den Auftrieb, der in diesen ist, und sie, die Vertreter des machtlosesten Volkes, stehen den mächtigsten Weltbefoerrschem und deren, von einer Reihe van Faktoren, die dem Zionismus nicht durchaus günstig sind, be׳ stimmten Politik gegenüber. Sie haben deshalb eine furchtbar schwierige Position, und es ist begreif lieh, daß sie sich wohl öfters die Frage vorlegen, ״Der Zlodimat erstrebt für des jüdische Volk die Schaffung einer üffenlHth-rcchilldJ gesicherten Heimstätte fas Palästina-'״ Baseler Programm». ob nicht eine Ueberspanmmg der Forderungen äußerst schädlich wäre. Deshalb entstand in der Organisation der Eindruck, als ob ihre Forderungen zu zaghaft formuliert seien, und vielleicht ist es in mancher Hinsicht wirklich so. Es gilt, noch im gegenwärtigen Zeitpunkt mit allem Nachdruck und in aller ©Öffentlichkeit, wie es Nord au soeben in seinem Brief an die amerikanischen Zionisten getan hat. unsere Minimalforderungen zu verkünden und als Ausdruck des Massenwillens, die sie Ja wirklich sind, auch erscheinen zu lassen. Noch jetzt hätten in allen Ländern außerordentliche Zionistenkongresse zu tagen, die sich mit Aufstellung der Borderungen zu beschäftigen hätten. Wir dürfen nicht alles der Diplomatie überlassen, wir müssen unseren Unterhändlern in ihren Verhandlungen den Rücken stärken. Dies leitet mich über zu den Vorwürfen, daß das E. A. C. nicht die führende Hand verspüren läßt. Dieser Vorwurf ist sehr begreiflich. Die jüdischen Zentren haben während des ganzen Weltkriegs immer den Kontakt mit dem Kopenhagener Büro gehabt, namentlich war es Dr. Hantke, der es vorzüglich verstanden hat, den Zusammenhang zwischer! Leitung und Bewegung aufrecht zu erhalten. Seit der Sitz des E. A'.C. in London ist, hat jener innige Kontakt, und zwar in der kritischsten Zeit, aufgehört. Wie viel daran die Verhältnisse und die Ueberlastung der wenigen Führer, die in der neuen Zentrale arbeiten, schuld waren, ist bekannt. Doch in solcher Lage wirkt die Erkenntnis, daß technische Schwierigkeiten die Schuld haben, durchaus nicht beruhigend. Jede Leitung muß mit der Psychologie der Massen rechnen, und wenn es schon nicht möglich war, mit ihnen in engeren Kontakt zu kommen, so wären doch gewisse Maßnahmen der Leitung imstande gewesen, den Wechselseitig nötigen, fortwährenden!Austausch der Willens- und Meinungsäußerungen aufrecht zu erhalten. Vor allem hätte sich die Leitung nicht in ein so langwährendes Stillschweigen hüllen dürfen, das mir zeitweise unterbrochen wurde von Beschwichtigtungen. Solche Beschwichtigungen machen zudem den gegenteiligen Effekt. Die Masse der Zionisten verlangt eine klare, entschiedene Sprache, die Aeußerung einer bestimmten Meinung seitens der Leitung, um dazu ebenso bestimmt und eindeutig für oder wider Stellung zu nehmen. Ein Lavieren, Tasten usw. der Leitung ist das allerungeeignetste, ihre Autorität zu befestigen uftl den Prozeß der Willensbildüng in Fluß m bringen. Dieser Forderung steht entgegen, daß wir nicht eine Leitung haben, die quasi ״Regierung“ ist. Unsere Leitung ist nur ein Ausschuß, der nach den Weisungen der Gesamtorganisation arbeitet. Aber in einem. Zeitpunkt, wo diese nicht funktionieren kann, muß sich die Leitung entschließen, sich einigermaßen zu emanzipieren.! Dernles ist ,nicht ein- Zusehen, wie in den wichtigstem Fragen sich sonst eine Willensbildung der Organisation herauskristallisieren sollte, wenn die Möglichkeiten des Zustandebringens eines einheitlichen Willens so schwierige sind! Nehmen wir z. B. die Siedlungsfrage. Die Organisation ist durchtobt von den heftigsten Kämpfen um diese Frage. Aber diese Kämpfe, in den einzelnen Ländern isoliert ausgefiochten, entbehren jeder Unterlage. Sie sind einfach Luftkämpfe. Jene Unterlagen wären eine bestimmte Meinung des E.A. C. oder wenigstens einige kurze, auf klärende, nicht ״beschwichtigende“ Mitteilungen desselben. Würde das E. A. C. z. B heute nicht nur in vertraulichen Zirkularen, sondern in aller Öffentlichkeit sagen: Die Frage des Siedlungsplans steht heute so oder so, es sind diese und jene Faktoren noch ungeklärt, wir arbeiten in der oder jener Richtung, uns schwebt dies oder das vor, 90 wäre damit der Klärung der Meinungen viel gedient. Aber das geschieht nicht, und so kann es kommen, daß z. B. die Maximalisten in einem Zeitpunkt, im dem wir noch gar nicht wissen, in welcher Weise wir den Boden werden erwerben können, was auf alle Fälle nur in freundschaftlidhem Einverständnis mit den Arabern geschehen kann, in ihren Theorien über den ganzen Boden Palästinas verfügen und darauf Luftschlösser bauen, daß sie überhaupt der Leitung unterstelle« können, daß diese nicht wolle, daß die möglichst größte Zahl von Siedlern in möglichst rascher Zeit nach Palästina gelangt usw. Ein gleiches gilt bezüglich der Aussichten der Kapitalsbe schaffung. Die Organisation weiß nichts darüber, ob diesbezüglich schon Fühler ausgestreckt worden sind. Die Folge ist, daß die Kapitalsbeschaffung für die maximalistische Rechnung gar keine Rolle spielt, als ob wir nicht die größte Kapitalszerstörung, die es je gab, hinter uns hätten, und vor uns den unstillbaren Kapitalshunger aller Länder. Ein gleiches gilt in bezug auf die Frage des Gemeineigentums am Boden. Wu-wissen bis heute nicht, wie die Leitung darüber denkt. Wir wissen nur, daß sie IJ s s i s c h k i n eine General vollmacht gegeben hat und dieser sich äußerte, daß er ״über den Parteien“ stehen werde, sowie, daß man neben dem Gemeineigentum am Boden, auch privates Kapital für Grumdkäufe heranziehen müsse. Wir haben alle die größte Achtung vor der Willensstärke (Jssischkins, aber die Organisation kann doch die grundlegendsten Fragen, nicht von ihm diktatorisch entscheiden lassen! Soweit über das Prinzipielle. Außer diesem gibt es noch eine Menge von praktischen Fragen, welche begreifliche Unzufriedenheit erregen. So B., daß Palästina noch immer hermetisch abgesperrt ist, daß jüdische Arbeiter dort feiern müssen, indes wichtige Arbeiten an nichtjüdische und nichtpalästinensische Unternehmungen vergeben werde«, daß die A. C.-Sitzung, die schon längst in einem neutralen Lande hätte stattfinden können, stets hinausgeschoben wird, daß London zu einem Riesenbüro wird, in dem nur sehr wenige angestammte Zionisten und sehr viel neue Elemente arbeiten, die mit der Bewegung durchaus nicht vertraut sind;usw. An all dem mögen allein die Verhältnisse schuld sein, aber die Unzufriedenheit richtet sich gegen die Leitung. Die hochverdienten Führer, die unter der Last der Arbeit zusammenbrechen, soll kein Tadel treffen. Wir sind in jeder Beziehung viel zu! unvorbereitet vor die neue Situation gestellt worden, als daß jene wenigen Männer dies hätten gut machen können. Sie sollen nur aufmerksam darauf gemacht werden, was not tut, sie, die infolge ihrer Entfernung von den Zentren der Bewegung und ihrer Ueberhäufung mit Arbeit and schwerster Verantwortung heute gar nicht klar sehen können, warum man trotz ihrer bedeutende« Leistungen doch nicht vollkommen zufrieden ist. Die Gründe dafür gehen aus dem Vorgesagte* hervor. In der Hauptsache sind sie auf ein einziges Moment zurückzuführen: auf die Mangelhaftigkeit in der Kunst der Führung der Massen. Wir sehe« die heftigsten Gegner des rein diplomatischen Zionismus heute, durch den Zwang der Umstände, auf die Diplomatie beschränkt. Aber heute ist die Organisation nicht bloß mehr ein Postament, auf das die politische Führung sich stützt, heute ist der Zionismus Massen Programm und Massennotwendig־ keit. Je weniger Aussicht ist, die Wünsche nacb einer raschen Abhilfe der Judennot durch den Zionismus zu befriedigen, tum so schwieriger ist es für die Leitung, sich das Vertrauen der Massen m erhalten. Nur durch einen ganz engen Kontakt mit der Bewegung ist dies möglich, und nur durch iha werden die Führer andererseits das Maximum! a* Kraft erlangen, das sie in ihrer schweren Position, brauchen. Es müßte die Leitung durch Zuziehung weiterer Kräfte verlebendigt werden, sie müßte ständig Mitglieder nach den Massenzentren senden, die sich mit den Organisationen beraten und die Lage studieren müßten. Heute erschöpft sich der Zionismus nicht mit der Palästinafrage, er ist internationale jüdische Massenbewegung geworden, wie wir es — allerdings nicht das rasche Tempo — vorau&geseheo und vorausgesagt haben. Wir brauchen außer der Verlebendigung der Leitung ein Organ, wie es die ,.Welt“ war. in dem die Gesamtbewegung sich spiegelt und ständig die klaren und entschiedene« Richtlinien der Leitung ausgegeben werden, wir brauchen an einem Orte, der den jüdischen Zentren näher ist als London, die hauptsächlichsten Büros für Durchführung der Weisungen der Zentrale in bezug auf Emigration, Kulturarbeit usw. Deu