Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 73 (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion «. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Aboon.bei d. Exp. a. d Postämtern viertelj, M.6.— in Deutschland, m Oesterreich Kr. 15, i Ausland M. 10,— Nummer 73 | Berlin, 21. X. \9\9 Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verl«״, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareffleleile 75 Pf., Teoerangszasdifag 20°/o. Telephon; Amt Uhland 845 0.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag a. Mittwoch nachm, 27. Thischri 5680 I XXIV. Jahrg. Jugend und Organisation Die politische Aktion auf der Friedenskonferenz and mit der englischen Regierung, sowie die vorbereitenden Aktionen für den Aufbau Palästinas nehmen all« Kräfte und die ganze Aufmerksamkeit unserer Leitung in Anspruch, Die Situation ist von so entscheidender Bedeutung für die Zukunft unserer Bewegung, daß es nur natürlich ist, wenn die Fragen der inneren zionistischen Entwicklung bisher vielleicht nicht die Aufmerksamkeit finden, die sie sonst verdienen. Wohl konnte autdh während des Krieges der Zusammenhang zwischen den zionistischen Landsmannschaften nicht ganz unterbrachen werden. Aber es war doch ein Zusammenhang mehr organi$at§risdber Art. Es mußte genügen, wenn die grundsätzliche Auffassung über die von der Zionistischen Organisation zu treibende Politik überall feststand und wenn die Leitung über-, zeugt sein konnte, bei ihren Aktionen die Zionisten der ganzen Weit hinter sich m wissen, Noch sind nicht ganz die alten Friedensverhältnisse wiederj gekehrt. Aber wir können heute schon in ungefähren Umrissen erkennen, wohin die Entwicklung innerhalb Ides Zionismus gegangen ist, und der erste Eindruck ist ohne Zweifel ein überaus erfreulicher. In allen Ländern ist eine starke junge ziotiistisdte Generation lierangewadhsen, die uns zeigt, daß der nationale Palästinagedanke des jüdischen Volkes an gewinnender Kraft nicht eingebüßt hat. Die neue zionistische Jugend1, die in den Ländern des ehemaligen Rußland und des ehemaligen Oesterreich ebenso vorhanden ist, wie in Deutschland, I zeigt überall dieselbe Charakteristika. Es sind junge I Menschen, von einem außerordentlichen Schwünge der Seele, ganz gesättigt mit Zionismus und von dem! innigen Wunsche beseelt, am Aufbau Palästinas ׳ Ate dieservJuge1«1i ־M" [ die Chatuzbewegung herausgewachsen, eine Bewegang neuer ßiiu, die, ob sie bisher Akademiker, Kaufleute, Handwerker oder Arbeiter waren, gewillt I sind, bei der ersten sich bietenden Möglichkeit das | Gallith zu verlassen, um in Erez-Isracl mit ihrer [ Hände Arbeit Pioniere des Aufbaus zu sein. Diese I Jugend ist zugleich von einem starken sozialen Ge- ■ fühl erfüllt. Sie ersehnen für Palästina nicht nur; ein jüdisches Land, sondern eine schönere wahre menschliche Gemeinschaft und ob auf dem Wege; über die Bibel, oder durch Achad Haam oder Buber, oder iduffch Tolstoi, Landauer oder die Propheten des modernen Sozialismus diese Gedanken in ihnen angeregt oder verstärkt wurden: alle diese Kreise sind jedenfalls von dem starken Willen beseelt, ein Abbild des kapitalistischen Europa in Palästina zu vermeiden und am Aufbau einer Gemeinsdiaft mitzuwirken, die in der Arbeit den al- ',einigen wertesdiaffenden Faktor sieht. Wenn es noch eines Beweises für die ungebrochene Einheit unserer Organisation bedurfte, so wäre es die Tatsache, daß sich die zionistische Jugend in Moskau und in Wien, in Wilna und in Berlin in der gleichen Richtung bewegt hat und weiterbewegt. Die Zionistische Organisation wird aber nicht nur mit der׳ Gleichheit dieser Entwicklung, sondern auch mit ihrer Richtung zufrieden und einverstanden sein müssen. Sie wird empfinden, daß Herzls Worte von den neuen Makkabäern, die heran wachsen werden, den Makkabäern der Arbeit, zur Wahrheit zu werden beginnen und wird diese Jugend als das empfinden, was sie ist, Fleisch vorn lebenden Fleisch des Zionismus und Blut von seinem! lebenswarmen Blute. Die Jugend wächst uns heran, die (uns Palästina erbauen und die uns die zionistisöhe Arbeit fortführen wird. Und doch wird alle Zustimmung zu dieser Jugend eine Sorge nicht unterdrücken können. Daß diese Jugend am Aufbau Palästinas Anteil nehmen wird, ־wissen wir; aber ist es wahr, daß sie auch eines Tages die Zionistische Organisation in ihre Hand nehmen wird, daß sie eines Tages Herzls stolzes Werk, die umfassende zionistische Welt- Organisation, weiterführen und mehren wird? Die augenblicklichen Verhältnisse erlauben keine Bejahung der zweiten Frage. Wir sehen im Osten die Organisationen der Zaire-Zion, die, obwohl in sich selbst keineswegs geschlossen, wie die fetzte polnische Konferenz gezeigt hat, doch darin einig and, daß sie es nicht für ihre Aufgabe ״Der Zionismus erstrebt für das JQdUche Volk die Sdraffan* einer äffenllich-recfalUdx gesickerten Hetmsiaiie ix> Palfiitina." Basel« Programm. halten, in die bestehende zionistische Organisation hineinzuwachsen. Sie haben eine neue Organisation geschaffen, die sogar nach außen ihre eigene Politik betreibt. Anders in Deutschland. Aber die deutsche zionistische Jugend zeigt für den Kenn«- eine bemerkenswerte Fremdheit gegenüber der Organisation, eine gewisse Teilnahmslosigkeit und Passivität, die dazu geführt hat, daß wir trotz der Stärke unseres Nachwuchses nicht selten in Verlegenheit sind, die erforderlichen Arbeitskräfte m gewinnen. Wenn wir nach den Gründen dieser Entwicklung fragen, so sind sie nicht schwer zu finden. Es ist natürlich, daß eine Jugend, die mit ganzer Intensität an Palästina denkt, die alle Möglichkeiten ausnutzt, 41m sid1 beruflich, körperlich und geistig auf das Leben in Erez-lsrael einzustellen, vielfach das Gefühl für die Bedeutung der zionistischen Organisation verloren hat. Diese Entwicklung wind gestärkt durch den sozialen Geist dieser Jugend, die zuweilen — ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt — die bestehende zionistische Organisation als bourgeois, ja als kapitalistisch empfindet und eine gewisse Fremdheit nicht überwinden kann. Die Motive sind verständlich. Aber die Konsequenzen sind falsch, falsch gerade im Interesse der Gedanken, die diese Jugend zu vertreten hat. Es muß immer wieder betont werden, daß derjenige irrt, der in der Organisation etwas Formales, ein Gemisch aus Statuten, Tagungen um| Protokollen erblickt. Die zionistische Organisation soll vielmehr der fettende Omrägifö. .*ten. wegung steh 'schafft, ««‘״ätfwift&wrÄr’SS'^W elastischer Körper die Gedanken und Strömungen aller Art in sich aufnehmen und zu fruchtbarem Wirken verbinden kann. Unsere Organisation ist auf den, Grundsätzen der strengsten Demokratie vom ersten Tage an erbaut, sie muß Platz und Betäiigungsmöglichkeit für jede Richtung geben, die auf der zionistischen Voraussetzung basiert. Wenn die Organisation diesem Idealbild nicht in allem entspricht, so ist es Sache der heranwachsenden jungen Generation, in die Organisation zu gehen und sie mit ihrem Geist zu erfüllen. Unsere Leitung aber wird dieser Frage die allergrößte Beachtung schenken müssen. Nicht nur geistig muß sie sich mit den Problemen der Arbeit und des gerechten Aufbaus auseinandersetzen, sondern organisatorisch muß sie bestrebt sein, alle Kräfte des Zionismus zu vereinigen und die zionistische Organisation wieder ״zur geprägten Form zu machen, die lebend sich entwickelt.“ Nur eine starke, einige, von Vertrauen und Mitarbeit aller Zionisten getragene Organisation wird die tunendliehen Probleme bewältigen können, die jetzt ihre® Lösung harren. Fritz Löwenstein. Die Zukunft Palästinas Eine wichtige Timesmeldung Die ״Times“ melden ״aus kompetenter Quelle“, daß die Fragen bezüglich Syriens und Palästinas wie folgt geregelt winden: Syrien würde einen autonomen Staat unter französischem Mandat, der Libanon, getrennt von Syrien, einen besonderen Staat ebenfalls unter französischem Mandat bilden. Palästina würde als besondere politische Einheit unter dem Mandat Eng- 1 an ds konstituiert, sodaß die Juden Gelegenheit hätten, unter englischer Mandatarschaft ihre Pläne bezüglich ihrer na t ionalen Heimstätte durchzuführen. Diese Rege hing habe die Zustimmung der arabischen und jüdischen, wie der englischen und französischen Politik gefunden. Diese Meldung beweist erneut bündig, daß die Annahme der zionistischen Forderungen gesichert ist. Damit erledigen sich sachlich die Afeufterangen Emir Faisuls in einem! der Redaktion des ״Jewish Chronicle“ gewährten Interview. Der Standpunkt, den Emir Faisul in dieser Besprechung gegenüber den zionistischen Forderungen eingenommen trat, läßt sich etwa folgendermaßen skizzieren. Nachdem die Juden durch die Römer, diese aber durch die Araber aus Palästina vertrieben worden seien, fühlten die letzteren sieb mit *Recht als die wahren Besitzer Palästinas. Jetzt müsse entsprechend der Zusage der englischen Regierung ein arabisches Königreich errichtet werden, welches nach dem Willen aller Araber nicht (nur Syrien, Arabien und Mesopotamien, sondern auch Palästina umfassen müsse. Der Wunsch der Zionisten, Palästina zu ihrer nationalen Heimat zu machen, sei ebenso unberechtigt, wie es wäre, wenn die Araber verlangten, nach Andalusien zurückkehren zu dürfen, weil sie dort einst gewohnt hätten. Im weiteren Verlauf der Unterredung führte dann Emir Faisul aus, daß die Juden die große Aufgabe hätten, gemeinsam mit den Arabern das große arabische Reich aufzubauen. Er verstelle den Wunsch der Juden nach einer eigenen Heimat, aber Palästina könne dafür nur in Betracht kommen, wenn sich die Juden den Wünschen der rechtsmäßigen Besitzer des Landes, der Araber, fügten. Zwischen Traum und Wirklichkeit Unter dieser Ueberschrift bringt der ״Israelit“ eine Zuschrift aus London, in welcher unter Bezugnähme auf eine Rede Z a n g w i 11 s und den bekannten ״Time s“ - At^P gesagt 'wind, daß heute wohl auch die zionistischen Führer bedauerten, in der ganzen Welt Hoffnungen erweckt zu haben, die fürs erste unerfüllbar seien. Zangwill nämlich hatte behauptet, die BaJfottrsehe Erklärung sei in der ganzen Welt mit Recht als die Ankündigung der Errichtung eines jüdischen Staates aufgefaßt worden. Es sei bei dieser Gelegenheit wieder einmal festgestellt, daß der ״Israelit“ sich! in trautem Verein mit der Assimilation befindet. Wie er bereits die Bestimmungen über den Minoritätsvertrag in einer Weise auslegte, die von der durch Pate Nathan 'int Berliner Tageblatt gegebenen nur wenig abwich, so versucht er auch jetzt, dieselben politischen Manöver anzuwenden, die von assimilatorischer Seite wiederholt angewandt und von uns festgenagelt wurden. Die Methode ist immer die alte, die Forderungen der Zionisten maßlos zu übertreiben, um dann wenn diese maßlosen Forderungen nicht erreicht wurden — einen zionistischen Mißerfolg konstruieren zu können. Es erscheint wirklich überflüssig;, wieder einmal festzustellen, daß die Zionistische Organisation durch den Mund ihrer Führer und in ihren sonstigen Verlautbarungen nieraals einen jüdischen Staat verlangt hat, sonderin, daß ihre Forderungen im1 absoluten finMang mit dem Wortlaut der Balfourschen Erklärung nur dahin gingen, die Errichtung der nationalen Heimstätte des jiidisehen Volkes in Palästina durch ein zu diesem Zweck errichtetes englisches Mandat zu ermöglichen. Die zionistischen Führer haben also nichts zu bedauern und nichts zurückzunehmen, denn sie haben, nichts vot allem behauptet, was man ihnen unterschiebt. Es wäre gut, wenn der ״Israelit“ aus seiner Traumwelt zur Wartelichikeit erwachen würde. Es muß klar gesagt werden, daß Emir Faistu• Bereitwilligkeit, den Juden in Palästina, als einer Provinz des arabischen Reichs, freie Einwanderung zu gewähren, nicht genügt. Die Zionisten verlangen keineswegs nur freie Einwanderung und kulturelle Auto״ notitie, sondern wünschen, daß unter der Mandatarmacht Großbritanniens alle Mittel ergriffen werden, um die Bildung einer jüdischen Majorität im Lande zu erzielen und zu einem jüdischen Gemeinwesen z« gelangen, das freilich seinerseits den Arabern Gleichberechtigung und Freiheit des louJturellen Lebens veitriirgt. Auch vielen Juden schwebt der Gedanke vor, daß Araber und Juden in gemeinsanier Arbeit den vorderen Orient zu neuem Leben erwecken. Für ein solches Zusammenarbeiten stad Ar, wie Emir Faisul ricÜMjr betont hat, brüderliche Gefühle von beiden Seiten erforderlich. Die Juden wenden Sie verlangen in Durchführung der Balfowrscben Erklärang die Möglichkeit, Palästina selbständig zu entwickeln, wie es die Araber für die weiten Gefilde Arabiens, Mesopotamiens und Syriens verlangen. Es wird aller Kräfte der arabischen Nation bedürfen, um in absehbarer Zeit die Verwaltung dieser Länder in die eigene Hand nehmen zu können. Palästina wild von de» zurückkehrenden Juden erbaut werden und dann, wenn beide semitischen Völker wieder auf ihrer Scholle wohtten, wird die Möglichkeit gemeinsamer fruchtbarer Kulturarbeit gegeben sein. Wir sind überzeugt, daß Emir Faisul durch die vollendete Entwicklung der Tatsache* dahin gelangen wird, die Gerechtigkeit des zfonfstisehen Wunsches anzuerkennen und daß eine volle Verständigung zwischen arabischen und jüdischen Wünsch*« erreicht werden wird. IlisWÄf