Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 72 (14.10.1919)
- Date
- 1919-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion u. Verlag■ W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u. Freitag, Abonn.be! d. Exp, o. d. Postämtern »iertelj,!11.6,— in Deutschland,in Oesterreich Kr. 15, i, Ausland M.10ץ— An»eigeB-Verwalt nag: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraSe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 a. 4815, Nummer72l Berlin, 14. X. 1919 Anzeigenpreis für die sedtsgespaltene Nonpareillezeil 75 Pf., Tenerangsznsdtlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 n.846. Postscheckkonto: Berlia Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkasienamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag a, Mittwoch nachm, 20 Thischrl 5680 | XXIV. Jahrfr Das nationale Problem der Wanderung Dr. Nathan Birnbaum hat eine Broschüre erscheinen lassen, die er ״Vor dem Wandersturm“ betitelt und in der er eine Emigrationskonferenz verlangt. Der immer wache Hüter der jüdischen Volksinteressen, der alte Rufer im Streit, sieht mit großer Angst auf den kommenden Wanderstarm der entwurzelten, heimatlos gemachten Volksmassen und verlangt, daß die jüdischen Organisationen Zusammenkommen und beraten, wie der drohenden ungeheuren Emigrationswelle begegnet werden kann. Wir müssen Mathias Acher Dank sagen für die Leidenschaft, mit der er das Gewissen der jüdischen Welt aufruft, aber es scheint uns, als ob er am Kern des Problems vorbeigeht. Was heute die Lage des jüdischen Volkes so furchtbar und so hoffnungsvoll gestaltet, ist, daß die Verhältnisse so groß und so ungeheuerlieh geworden sind, daß sie weit über das Maß aller Organisationen hinausragen, und daß man ihnen nur beikommen kann, wenn man sie nicht mehr von Organisationswegen, sondern von Volkswegen behandelt. Die Organisationen haben sich als unfähig erwiesen, den Bedürfnissen des jüdisehen Volkes gerecht an-weiden. Im Frieden und im Krieg war ihre ,Arbeit Vereinspolitik, und haben sie die Fragen des jüdischen Volkes behandelt, wie Unterstützungsvereine und politische Klubs ihre Agenden zu erledigen pflegen. Es war der Zionisraus, der andere Wege ging. Mathias Acher mag noch so sehr an der Zionistischen!Organisation rhenunmäkeln, und der ״Israelit“ und die Blätter seines Niveaus mögen noch so sehr den Fluch der Massen auf die Zionistische Organisation herbeirufen, die Tatsache bleibt bestehen, daß es die Zionistische Organisation gewesen ist, die die Frage cfe. jüdischen,.Volkes...aiteiner, ,poiitisdhen. [ Frage erhoben und sie damit der einzigen Lösungsform zugeführt hat, die für ein Problem von der Größe des jüdischen überhaupt nur in Betracht kommt. Wir wollen auf diese Mäkeleien nicht eingehen, die in keinem Augenblick so überflüssig waren wie jetzt. Wir begnügen uns mit der Fest- Stellung׳, daß Acher ebenso wie sein neugewonnenes Organ, indem sie die Verpflichtung der Zionistisehen Organisation z!ur Lösung der Auswanderungsfrage so laut hinausrufen, das immer wieder bestrittene Recht der Zionistischen Organisation, als politische Vertretung der Judenheit m gelten, anerkennen. Halten wir uns dabei nicht auf, stellen wir Idie Frage: Kann der ״Massensturm“ durch eine I Emigrationskonferenz der Organisationen geregelt I und zum Guten gelenkt werden? Er kann es nicht. I Das war einmal vor Jahren so, wo es sich um ver- I hültnismäßig kleine Mengen handelte, wo das Juden- I Problem noch nicht so scharf und nicht so allseitig I in Erscheinung trat wie heute. I Inzwischen hat sich aber nicht nur die Zahl [der zur Auswanderung Gezwungenen ins Unge- | messene gesteigert, sondern ist auch die Welt von | einer Flut des Judenhasses überschwemmt worden, I gibt es fast kein Land in Europa mehr, in dem nicht [Pogrome stattgefunden haben oder drohen und I haben sämtliche Einwanderungsländer die Türen I zugemacht oder schicken sich an, es zu tun. In- I zwischen aber ist auch die politische Bedeutung I der Judenfrage, ist auch der politische Charakter I des jüdischen Volkes von der Welt anerkannt wor- I den. Es dürfte schwer fallen, namens eines Wohl- I tätigkeitsvereins mit den Mächten unterhandeln zu I wollen, nachdem die Welt sich daran gewöhnt hat, I mit der Vertretung des jüdischen Volkes politische I Gespräche zu führen. Was kann auf einer Organisa- I tionskonferenz besprochen werden? Birnbaum [selbst beschreibt es: die technische Regelung der | Auswanderung, die statistische Erhebung der Auswanderungslustigen und ihrer ökonomischen Verhältnisse, die Sichtung der in Frage kommenden Einwanderungsländer, die Siebung und Ordnung der Auswanderungsmassen. Schon dieses Programm kann wahrscheinlich mit den vorhandenen Ein riehtagen der Organisationen, so gut sie eingeölt sein mögen, nicht mehr bewältigt werden, weil alle Einrichtungen zu klein geworden sind für das, was jetzt kommt, und weil es nicht aus reicht, sie m ״Der Zionismus erstreM für da» jadisdhe Volle die Schaffung einer fiffenüld1>reci»iiid> gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. vergrößern, wenn es steh nicht mehr um Aus- Wanderer, sondern um ein wanderndes Volk hanüelt. Was not tut und was von allen Seiten verlangt werden muß und verlangt werden wird, ist die politisch-organisatorische Erfassung der Auswanderungsfrage, ist die Gestaltung der Auswanderung zu einer nationalen Angelegenheit. Es ist damit nicht gedient, daß irgend welche unverantwortlichen Organe irgend eines Vereins oder Komitees, das Geld oder gute Beziehungen hat, die Auswanderung ״regulieren“. Wir haben genug von den Mißständen, die sich daraus entwickelt haben, von der Dispersionspolitik, von den Skandalen der Schiffahrtsgesellschaften. Das jüdische Volk will nicht mehr Objekt irgend einer Auswandemngspolitik sein, die es nicht selbst bestimmt und in der Hand hat. Glaubt denn einer, daß diese Riesenauswandeiumg, besonders wenn sie wirklich der Massensturm werden wird, von dem Acher spricht, sich von Organisationen lenken lassen wird, die das Volk nicht selbst eingesetzt hat? Und glaubt einer, daß die Mächte, daß die Länder, auf die es an kommt, mit den Organisationen verhandeln werden, auch wenn diese noch soviel Einigungskonferenzen gehabt haben, wenn das Volk als solches dagegen auftritt und! seine selbstgewählten Organe vorschickt? Der ״Israalit“ mag über die angeblich: exklusive Politik der jüdischen Nationalräte schelten, wie er will, er kann an der Tatsache nidit vorbei, daß diese Nationalräte es sind, die heute die jüdische Galuthpolitik machen, und die ein Recht und die Möglichkeit dazu* haben, weil sie einen — wir geben es zu, noch unvollkommenen -- Ausdruck de! wirklichen jüdischen Volksmeinung darstellen. . Es, .wäre,gwt, wenn die ,.Qfpais^ticweR, 4»« Ästet: steh der Behandlung der Auswanderungsfragen des jüdischen Vouces gewidmet haben, rechtzeitig erkennen würden, daß sie von dem Vereinspiedestal, auf dem sie stehen, herabsteigen müssen, wenn sie nicht gänzlich ausgeschaltet werden wollen (was aus mancherlei Gründen Techt unerfreulich wäre). Und es wäre noch besser, wenn sie dies bald sichtbar zum Ausdruck brächten, indem sie ihre Einrichtungen und ihre Fonds aus der Enge der Vereinsparagraphen entlassen und sie den gewählten j Organen des jüdischen Volkes zur Verfügung stellten. Gewählte Organe des jüdischen Volkes müssen geschaffen werden. Das kann nicht auf einer Konferenz der Organisationen geschehen, dam ist der Kongreß, der alljüdische Kongreß nötig. Die Frage des jüdischen Kongresses ist in den letzten! Jahren in mancherlei Variationen aufgetaucht und hat zu mancherlei Diskussionen geführt. Es soll hier nicht die Frage untersucht werden, wie er zustande kommen soll, ob er sich mit politischen Fragen beschäftigen oder sich auf ökonomische beschränken soll, cs soll nur das eine festgestellt werden: daß die dringendste Aufgabe eines jüdischen Kongresses, die Aufgabe, die allein seine Einberufung zu einer Angelegenheit von höchster Aktualität macht, die Frage der jüdischen Massenwanderumg ist. Das Volk soll aufgerufen werden, über seine Wanderung zu beschließen und ihr die Organe vorzusetzen, denen es sein Vertrauen schenkt. Und die Fragen, die die jüdische Auswanderung bestimmen, sollen ausschließlich nach den Interessen des jüdischen Volkes gelöst werden. Steht das Volk hinter dieser Lösung, so haben die Juden auch die Macht und den Einfluß, die gefundene Lösung durchzusetzen in einem Ausmaß■, wie es noch so große und kapitalkräftige, aber ganz volksfremde und autokratische Organisationen niemals vermögen. Dann kann vor allen Dingen die Frage: wohin mit den Aiswanderungsmassen? ganz anders aufgefaßt werden, als es bisher geschah. Dann kann sie, wie dies neulich in einem ausgezeichneten Artikel der Wiener ״Jüdischen Zeitung“ für eine andere jüdische Frage prägnant verlangt wurde, auf dem Wege der Verständigung von Volk zu Volk eine Regelung finden. Als Einzelobjekte einer Auswanderung, als versprengte Flüchtlinge irgend welcher Eiementarereignisse sind wir überall ״Indesirables“, je mehr wir kommen, in desto stärkerem Maße. Als Exponenten einer bewußten jüdisehen Volkspolitik, die geben und nehmen kann, die Vorteile und Nachteile beider Parteien auszsugleichen imstande ist und die alleinige Macht hat, den Auswanderungsstrom zu lenken (was bisher noch keiner Organisation gelungen ist), werden wir ein höchst erwünschtes Element darstellen, je mehr wir kommen, in desto stärkerem Maße. Wenn alle Mittel konzentriert werden, unsere politischen Möglichkeiten, unser finanzieller Einfluß, unsere intellektuellen, moralischen und ökonomischen Fähigkeiten, wenn alles auf einen Nenner gebracht und alles einem Zweck dienstbar wird, dann können wir nicht nur der Einwanderung Türen öffnen, die heute verschlossen sind, wir können auch vor der Auswanderung wieder Türen zuschließen, die mit allzu einladender Geste aufgemacht werden. Es ist nicht damit getan, daß Länder gesucht werden,! die Juden hineinlassen. Es muß auch dafür gesorgt werden, daß es nicht zum Sport wird, Juden hinauszuweisen. Das ist keine Rettung vor dem Wanderi sturm, die daraus nur eine Emigrationsangelegenheit macht. Es braucht kein Wandersturm zu werde«, wenn das jüdische Volk zu einem geschlossenen politir sehen Organismus wind, wenn der fiktive Begriff ״jüdisches Volk“ zu einem realen wird. Wenn das jüdische Volk aus einem Objekt fremder Gelüste zu einem Subjekt der eigenen Interessen wird, dann verliert die lAuswanderungsfrage die enorme Schärfe, die sie haben muß, so lange die Angelegenheiten des jüdischen Volkes •״on seinen Organisationen und nicht von ihm selbst geregelt werden. An der Zionistischen Organisation ist es, auf dem Wege zu diesem Ziele, den sie erschlossen hat, bewußt wellerzugehen. Sie hat heute die Füll- '|ung der jüdischen Angelegenheiten, und sie gilt allgemein als die Vertretung des jüdischen Volkes. Sie darf sich natürlich nicht damit begnügen, ßnigrationsämter für ,Palästina zu schaffen. Es mag «io, dnA-auf diesen Gebiet nicht mit der Energie und dem Bewußtsein der großen Aufgaben, die vor uns liegen, bisher vorgegangen worden IsV wie es erwünscht und nötig gewesen wäre. Jeder versteht, daß die politischen Aufgaben, die zu teisten waren, und die zunächst darin bestehen mußten, das jüdische Volk aus der Aschenbrödelrolle, in die es seine Organisationen gestoßen hatten, zu einem gleichgeachteten politischen Faktor zu machen, unsere Führer nicht dazu kommen ließen, den materiellen Aufgaben der nächsten Zeit die Energie zu widmen, die sie vertagen. Wir sehen ja auch, daß in der Frage des Aufbaus Palästinas von manchen Seiten, und nicht von den schied!- testen, unserer Leitung ein zu langsames Tempo und ein zu kleiner Blick vorgeworfen wird. Und wir können nur wünschen, daß die berechtigte Sorge um die Realitäten des Tages und der Stunde nicht das Auge trüben für die enormen Aufgabe» und Möglichkeiten, die unserer harren und die nur bewältigt werden können, wenn wir uns entschlossen auf der großen Linie fortbewegen. Jetzt, da man die Resultate der politischen Arbeit einigermaßen übersehen kann und Raum und Zeit gewinnt für die Forderungen materieller Art, können wir erwarten, daß unsere Leitung großzügig an die Lösung der ökonomischen Probleme des jüdisehen Volkes herangeht, die wie alle Volksnot- Wendigkeiten nur geordnet werden können, wenn sie als politische Fragen anerkannt und politisch geordnet werden. Es wird Zeit, daß die Politik der Offices und Conseils einer Politik der breitesten Oeffentlichkeit weicht, daß so schnell wie es nur geht und in wachsendem Maße das jüdische Volk in den Stand gesetzt wird, seine Politik zu kontrollieren und ihr neuen Anstoß zu geben. Der jüdische Kongreß muß kommen und sollte bald von uns einberufen werden. Und die Frage der Ordnung der jüdischen Auswanderung, ihrer Verhütung, ihrer Regelung und ihrer Ausnutzung, ihrer Lenkung nach Palästina und wenn und so lange und soweit dies nicht möglich ist, nach׳ solchen Zentren, die den Interessen des jüdischen Volkes am meisten entsprechen, muß den ersten und haiuptsächlichsten Punkt der Tagesordnung des jüdischen Kongresses bilden. Bis dahin aber kann schon vielerlei geschehen, können Erhebungen an gestellt, können Verhandhingen gepflogen, können vor allen Dingen Einrichhingen geschaffen werden, von denen das Volk