Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1919-10-07 · Heft 71 (7.10.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 71 (7.10.1919)
Date
1919-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652135-2652206--12553-2670199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JODBCHE RUNDS Redaktion n. Verlag W. 15, Säciiische Str, 8. Erscheint jeden Dienstagu.Freitag. Abonn.bei d. Exp. a. d. Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr, 15, i, Ausland M. 10,— Nummer 71 Berlin, 7. X. 1919 Amelgan-Verwltnng: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstrafio S5. Telephon: Amt Zentrum 4814 a, 4815, Anselgeapreis für die sechsgespaltene NonparaBeseile 75 Pf., TeaeningszascMag 20 %. Telephon: Amt Uhland 845 u.846. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdieckkonto Nr. 156030. Redaktianssdiluß Sonntag n, Mittwoch nachm, 13 Th!sehr! 5680 XXIV. Jahrg. Uebergang Da* Sukkothfest, das Fest der Freude, wie es häufig genannt wird, folgt in engem Anschluß den ersten Tagen von Rpschhaschanah und Jom Kippur. Es ist ein Fest, das die charakteristische« Merkmale der Walfahrtsfeste aufweist: Es erinnert 5׳.u gleicher Zeit an historische Tatsachen und ist auf der. anderen Seite verknüpft mit dem Leben in der palästinensischen Nalitr. Wie Pessadi ,ts Fest des Auszugs aus Aegypten, Schewuoth das der Gesetzgebung am Horeb, so ist Sukkoth das Fest der Erinnerung an den Aufenthalt in der Wüste. Aber zu gleich«־ Zeit ist es das Herbstfest, das Fest, wo die geernteten Früchte des palästdnerisischen Bodens gesammelt und eingebradit werden. Ein Fest des Ueb ergangs ist Sukkoth. Der palästinensische heiße Sommer hat sein Ende gefunden, die Ernte des Jahres ist eingebracht und die Natur harrt des Beginns der Regenzeit, der die Erde wieder fruchtbar für neue Aussaat machen sdl. Zu gleicher Zeit aber erinnert Sukkoth an die Zeit des Liebergangs im Leben des jüdischen Volkes, am die Zeit zwischen Mizrajim und Erez-lsrael. Die leichte Sukkah, in der wir in diesen Tagen wohnen sollen,‘ erinnert an jene Zeiten, da Israel nicht mehr das Brot der Knechtschaft im Hause Aegyptens aß, aber auch noch nicht im eigenen Lande als freies Volk lebte. Dieser Uebergangseliarakter des Sukkoth festes laßt in unseren Heizen manche verwandte Seite klingen. Wir selbst fühlen uns als ein Geschlecht des Ucbergangs. Die Zeit der Knechtschaft ist beendet. Wir Haben uns in unserem Geiste losgemacht von fremdem Wesen und fremder Art. Wir suchen den Weg, der uns geistig und körperlich KB11 Mutterboden unserer Kultur zurückführt. Wir stehen am Beginn des Aufbaus von Erez-lsrael. Wir J-effefl.. ff*od1 «ew3T Lebens sehen af3können. Doch Wir wissen,' daß wir noch kl einem ganz anderen Sinne ein Geschlecht des Uebergangs sind. Wir arbeiten in weit Höherem Maße für unsere Kinder und Enkel als für uns. Erst die kommende Generation, die auf palästinensischem Boden irn eigenen jüdischen Gemeinwesen und dem Hebräischen als Muttersprache großgeworden «in wird, wird den Typus jenes ganzen wirklichen Juden erzeugen können, jene jüdische Persönlichkeit der Welt zeigen, die der Sinn unserer Bewegung ist. Liegt doch in diesem unserem Charakter als Ucbergangstypen, als der Generation, die Ruhe und bequemes Leben für die Zukunft des Volkes opfert, zugleich die Tragik imd der Stole unserer zionistischen Arbeit. Die Reinheit des antizionistischen Gedankens ״Mögen sie uns hassen, wenn sie uns nur fürchten“, so wäre der Zionist versucht zu ^prechcn, der Felix Gold man ns Artikel ,,Jüdische Politik“ in den ״Neuen Jüdischen Monatsheften“ liest. Der kurze Inhalt des Aufsatzes ist die Konstatierung, daß die Nichtzionisten in ihrer Terminologie und in ihren Forderungen in erschreckender Weise dem Einfluß der Zionisten unterliegen, soda-ß man ge. radezu von einer ״Diktatur des nationaljüdischen Gedankens“ sprechen könnte. Der Ausdruck Diktatur scheint freilich etwas imglücklich gewählt; es stehen uns ja keine anderen Machtmittel zur Verfügung, als die Kraft unserer Idee und die Erhabenheit unseres Zieles. Nicht in unseren Händen befinden sich die großen jüdischen Gemeinden, die großen jüdischen Organisationen Deutschlands. Wenn man aber von der Fornndierung absieht, so wird mar! Goldmann nur Recht geben können. Auch wir haben oft genug konstatiert, daß die Ässimilanten, die eines klaren Programms in allen jüdischen Fragen entbehren, dem Einfluß des Zionismus unterliegen, ohne freilieh den innerlichen Anschluß an die Bewegung zu finden. Es ist interessant, Goldmann zu! folgen, wenn er seine Thesen an allen aktuellen Problemen jüdischer Politik erhärtet. Ueberall sieht dieser Zionswächter des Antizionismus Kon- ״Der Zlontimus erstrebt für das jadisdte Volk die Schaffung einer öffenilidi-rcchilldi gesidserten Hehnitttb In PaMsiina.“ Baseler Programm. Zessionen, die die Reinheit der Gedanken des antizionistischen Judentums Hu trüben vermögen. Was hat der von uns geforderte Kongreß, der Teil des jüdischen Weltkongresses, der die Forderungen des jüdischen Volkes in aller Welt unterstützen soll, mit dem zu tun, was Goldman 11 will: einem deutsehen Juden tag, der sich mit den Fragen des Religionsunterrichtes, der Gesaintorganisation und der Trennung von Staat und Kirche befaßt? Freilich, wir können ruhig erklären, daß auch die Fragen des deutschen Judentums, an denen wir brennend interessiert sind, von uns zum ersten Mal erörtert und zur Diskussion gestellt wurden. Während des Krieges ruhten die Probleme des deutschen Judentums, als aber Waffenstillstand und Revolution kamen, da war es die Zionistische Vereinigung für Deutschland, die einen deutschen Judenkongreß nicht nur wegen der allgemeinen jüdischen Fragen forderte, sondern gerade auch um ein neues wahr- Haft nationales jüdisches Leben in Deutschland zu erbauen. Auch Goldmann hält sich hier nicht ganz rein von einer Beeinflussung durch unsere Forde ru 11 gen. Das glückt ihm in höherem Maße in der! beiden Hauptforderungen des Zionismus, in der Palästinafrage und der Autonomieforiierung. Goldmann, bekämpft es, wenn man von nichtzionistischer Seite glaubt, gegen die Wiedererstellung eines jüdischen Volkstums in Palästina keinen Widerspruch erheben zu sollen. Die Assimilation habe schon früher Palästinaarbeit geleistet, sie solle es weiter tun, ohne zu glauben, daß die Erfolge des Zionismus die Art dieser Palästinaarbeit zu beeinflussen brauche. Was soll das bedeuten? Soll es heißen, .jjäft man weiter Geld für einige ־WohMtigkeits- Säten geblühte.;! -dsgeg» ׳• hat, wie in Persien oder Marokko, so auch in Palästina eine Schule oder einen Kindergarten zu unterhalten. Eine Palästinaarbeit, der also die beiden Charakteristika fehlen, auf die es ankommt: Das Gefühl für die außerordentliche Stellung Palästinas als des Landes der jüdischen Zukunft und der Wille, Palästinaarbeit für das jüdische Volk und nur für das jüdische Volk m leisten. Ganz abweisend steht Goldmann zur Autonomiefrage, worin er in sattsam bekannten Argumenten wiederholt, daß Boykott und Pogrome Folgen der national-jüdischen Agitation seien. Symptomatisch ist aber das Argument, daß die Anerkennung der polnischen Juden als nationale Minderheit und die Forderung der Autonomie bedeute, daß auch die deutschen Juden eine nationale Minderheit sind und deshalb mindestens die Volksgemeinde haben müßten. Es Smag dahingestellt bleiben, ob diese Folgerung gezogen weiden muß. Aber den Juden des Ostens (nicht nur den polnischen, sondern auch den russischen, litauischen, ukrainischen und rumanischen) die Autonomie zu verweigern^ um nationale Forderungen in Deutschland zu verh^eni, dürfte das Maß des Erträglichen um ein Bedeutendes überschreiten. Es will Goldmann auch nicht gefallen, daß man jetzt auch in niclitzionistischen Kreisen, gelegentlieh vom jüdischen Volk sprechen hört. Die Erklärung zum Volk bedeute für uns Entfremdung und Entrechtung, denn niemals Würden di« Staaten fremdnationalen Minderheiten einen Einfluß gönnen. Diese Prophezeiung läßt sich durch irgend welche Tatsachen nicht belegen; haben doch selbst die Ministerien des alten Oesterreichs Angehörige ver schiedenster Nationalitäten umfaßt. Bemerkenswert!st in diesem Zusammenhänge auch Goldmanns ■Standpunkt in der Frage der Einheit des Judentums Er leugnet diese Einheit nicht geradezu, aber gegenüber der zionistischen Berufung auf diese Einheit, die in ihr eine Einheit der Gegenwart und der Politik sieht, glaubt er, daß diese Einheit im Got tesglawben, den Gesetzen und der messianischen Zukunft beruhe. Ob wohl Goldmanns Auffassung vom Thoragesetz mit der von Breuer oder der eines Chossid aus Galizien eine Einheit bilden? Oder ob Felix Goldmanns messianisChe Zukunft identisch mit jener Rückkehr nach Zion ist, die Millionen gläubiger Juden täglich erflehen? Mehr übereinstimmen kann man mit Goldman«« Kritik an der neutralen Jugendbewegung. Da berühren sich wieder einmal die Extreme. Die heutige Neutralität bedeutet, wie Goldmann richtig ausführt, daß jeder Verein im Verbände jedem einzelnen Mitgliede die Neutralität zur Pflicht madit, es also zu Vermeidung jeder Stellungnahme geradezu zwingt. Was er statt dessen vorschlägt, ist ein neutraler Verband bestehend aus einzelnen Vereinen, die ihren Standpunkt klar vertreten. Was freilich ein solcher Verband noch »Ute, wird aus seinen Ausführungen nicht ganz klar. Das also ist etwa das Reswme, wenn Goldmann die jüdische Frage überblickt, Ueberall lebt die Assimilation von zionistischen Schlagworten, überall akzeptiert sie zionistische Forderungen, freilich nicht ohne sie gleichzeitig zu verwässern. Was Goldmann statt dessen verlangt, ist, daß die Anti־ zionlsten wenigstens wieder das werden, was sie vorgeben zu sein, eine Religionsgemeinschaft, die ein wirklich innerliches Verhältnis zur Religion hat. Man kann es Geheimrat Fuchs naChfüiile«, wenn er zu Goldmanns Ausführungen In einem Nachwort protestiert, denn sie stellen die vernichtendste Kritik des nichtzionistischen Judentums dar, die bisher geschrieben wurde. Der Versuch, den Fuchs macht, wenigstens den Centralverein vom Vorwurf der Abhängigkeit reinzuwaschen, dürfte nicht glücken. Fuchs zeigt, daß er selbst sich entwickelt hat und sich den ihm durch den Zionismus aufgezeigten Realitäten des jüdischen Lebens nicht verschließen kann. Denn die nationale Autonomie verteidigt er, weil die Juden im Osten wirklieh national von ihrer Umwelt geschieden sind. 1■ der Palästinafrage glaubt er, mit Goldmann einer Meinung zu sein. Goldmann hat den Mut der Konsequenz. Er ist der antizionistische liberale Jude, wie wir ihn aus der Zeit vor dem Kriege so genau kennen, seine Interessen in Jüdischen Dingen liegen awssehließ- ,licff'-'atif ditn Gebiet' der deutsch«« Juctehin&ge und" in dem Wunsch, eine Wiederbelebung der jüdische« Religiosität herbeizuführen, einer übrigens ihre» Charakters vollständig entkleideten Religiosität. Er erkennt eine Weltjudenfrage nicht an, er interessiert sich letzten Grundes nicht für das Schicksal der nichtdeutschen Juden, und er sieht in Palästina ein Land wie jedes andere, wo man eben gelegen!- lieh Wohltätigkeit ausüben kann. Er ist konsequent, und er wirft seinen Gesinnungsgenossen, die sich dem Einfluß des zionistischen Gedankens in nicht so bewunderungswürdiger Weise, wie er, entzogen haben, Inkonsequenz vor. Auch wir sehen keinen Erfolg darin, wenn man sich uns in der Ausdrucksweise anpaßt, aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß die Kraft unserer Idee mehr ׳und mehr nicht nur auf die Ausdrucksweise, sondern ,auf den Geist der Ässimilanten wirken und ihre jüdisch empfindenden Elemente von der Zukunftslosigkeit ihres abstrakten Judentums überzeugen wird F. L. Keine Mythenbildung’ Das ״Berliner Tageblatt" brachte am 19. September unter der Ueberschrift ״Englische Vormundschaft über Palästina“ die ■nachfolgende Meldung: ״Aus London wird gemeldet: Der Korrespondent der ״Times“ in Jerusalem meldet seinem Blatte, daß es sich wahrscheinlich als unmöglich erweiset! wird, die Herrschaft über Palästina den Juden zu übertragen. Der Korrespondent weist darauf hin, daß Palästina tob 500 000 Mohammedanern, 60 000 Christen und 60000 Juden bevölkert ist und daß Mohammedaner und Christen jetzt zur Abwendung der drohenden G$- fahr einer jüdischen Herrschaft sich zusammengeschlossen haben. Komme diese Herrschaft dennoch zustande, dann würden die Christen auswandern und sich anderswo ansiedeln. Sie würden eine britische Herrschaft einem jüdischen Minderheitsregime vorziehen. Die Juden sehen auch selbst ein, daß sie als Minderheit das Land nicht regieren können und daß, selbst wenn sie zur Regierung kämen, dies nicht mit dem Recht der anderen Bewohner vereinbar wäre. Man ״hoffe“ daher in Palästina, daß England sich rar Uebemalune der Vormundschaft bereiterklären wird“ Die Absicht dieser Meldung ist nur allzu durchsichtig. Niemals ist von zionistischer Seite gefordert worden, daß jetzt, wo die Juden eine Minderheit in Palästina bilden, ein jüdischer Staat errichtet werde. Die Meldung verfährt nach der bekannten Methode, de» «■i Kt '1׳ «׳ m IST'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.