Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 70 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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59 JÜDISCHE RUNDSCHAU daktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden enstagu. Freitag. Abonn.bei d.Exp. u.d. Postämtern viertel], 6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 15, i. Ausland M. 10,— Nummer 70 Berlin, 3. X. 1919 Anzeigen-Verwaltung: Welt •Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraÄe 35. Telephon : Amt Zentrum 4814 n. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20 %. Telephon: Amt Uhland 845 u. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Seheckkonto Nr, 156030. RedaktionssdiluB Sonntag u, Mittwoch nachm. 9. Thischri 5680 XXIV. Jahrg. Die ostjfidische Einwanderung ln der deutxchnatkmalen Presse ist seit einiger Zeit hr viel von der ostjüdischen Einwanderung die Rede, angeblich in großem Maßstabe täglich nach Deutschnd stattfindet. Die Disäcusson! ist zu der üblichen!feem irischen Hetze 'gediehen, wird mit der Unaufchtigkeit geführt, die in der Behandlung jüdischer ragen in der öeffentliebkeit gang und gäbe ist, und hat ich bereits eine Anfrage des Herrn Mumm in der stionalversammlung veranlaßt. Die Regierung hat dar■ if die Antwort erteilt, daß überhaupt• sehr wenig Ostden nach Deutschland gekommen sind, und daß die inwamdenmg aus dem Osten durch Paßvorschriften eihu geregelt ist. Die Antwort ist nur formell richtig. Tatsächlich sind eng Ostjuden in Deutschland, und die in der Presse mannten Ziffern sind imgeheuer übertrieben. Tatsächdi findet dauernd eine nicht unbeträchtliche Einwandemg ״stammesfrtmder Elemente“ aus Polen und Gali- «1 nach Deutschland statt. Tatsächlich sind die« Einanderer zunt größer!«! Teile Nichtjuden. Es berührt etwas 1erkwürdig, daß es ausgerechnet die deutschnationalen lerren agrarischer Observanz vom Schlage der ״Deutdien Tageszeitung“ sind, denen die Tatsache einer latken Einwanderung polnischer Nichtjuden naöh leutschland unbekannt «in sollte. Wie während des anzen Krieg«, bemühen sich heute noch dauernd die ffiziellen Stellenvermittlungen der deutschen Landwirtdiaft und amtliche und halbamtliche deutsche Behörden it größtem Nachdruck, polnische Arbeiter m großer ahl als Landarbeiter nach Deutschland hineinzubringen, elbstverständlich handelt es ach Herbei ausschließlich n Nichtjuden. Da die polnische Regierung die« Ausanderung nicht zuläßt, werden von den in Frage immenden deutschen Stellen, amtlichen und halbamtdien, alle Mittel einer üblen SchleppertaktJk angeaitdt, um große Massen polnischer Arbeiter auf allen »glichen SdtlekJh wegen und mit Hilfe aller möglichen ersprechungen nach Deutschland hi neinzuschrrauggeln. s bestehen, besondere Behörden; und Aemter für diesen weck, che vor» den deutschen Landwirtschaftskammern iterbalten werden. Mit Hilfe dieser Aemter werden ufernd SchaÄ polnisdwrr Arbeiter der deiy/'lheä(' Landirtschaft zugeführt. ' Gegenüber der Verheimlichung dieser sozusagen offi- :dien, Massen ei nschmyggelung nichtjüdfedher polnischer rbeiter nach Deutschland berührt der Lärm! eigenitalich, der über die unverhältnismäßig winzigere Ein- ׳anderung polnischer Juden geschlagen wird. Es t eine maßlose Hebertreibung, wenn es so dar- «stellt wird, als ob eine starke Einwanderung vom uden nach Deutschland aus Polen statt gefunden hat der stattfmdet. Wie wir schon oben andeuteten, ist nie Auswanderung aus Polen in großem! Stile heute ur mittels besonderer Einrichtungen möglich, die sich ie deutsche Landwirtschaft für diesen Zweck auch gechaffen hat Es gibt aber nicht eine Jüdische Stelle, sich mit der Auswanderung der Juden aus Wen nach Deutschland befaßt. Bei dem in * Polen ür erwachsene männliche Personen bestehenden absoden Verbot der Auswanderung ist daher der zur Ausanderung gezwungene Jude ganz auf sich angewiesen, :ueh bereitet die Grenzüberschreititng enorme Kosten, kr Betrag, der für eine .,Erlaubnis“ zur Auswanderung in die jeweiligen polnischen Stellen gegeben werden beträgt pro Person mindestens 1000 M. Schon laraus geht hervor, daß es vollkommen ausgeschlossen!t, daß Massen polnischer Juden über die Grenze ommen. Im Kriege war die Einwanderung zeitweise erhebdi stärker. Damals brauchte man eben die polnischen «der» die Arbeiter und hat sich große Mühe gte- ׳eben, sie nach Deutschland hineinzubringen. Immerhin «trägt die Zahl der im Kriege nach Deutschland einrtvanderten Ostjuden nach den amtlichen Statistiken w Deutschen Arbeiterzeiitrale weniger als 20000. Von äsen ist ein großer Teil inzwischen wieder abewandert. Die Einwanderung, die jetzt stattfindet, fügt aber einen ganz anderen Charakter. Die «teil, die heute aus Polen nach Deutschland aus' rindern, sind ausschließlich politische Flüchtlinge. Sie iehen vor der Pogrom!^ tze, vor dem in äußerster ׳chiirfe betriebenen wirtschaftlichen Boykott, vor der klivcrci, die für die Juden heute der Eifitritt in ט polnische Heer bedeutet. So lange den Juden in 1»len die einfachsten Menschenrechte vorenthalten weren, so lange, es die Offiziere und Unteroffiziere der «Inischcn Armee sind, die sich zu Werkzeugen der Modrigsten Pogromhetze hergeben, die die famose Sitte ™es Bartausreißens der Juden eingeführt haben und ihr ®nier noch fröhuen, 90 lange wird es immer eine d^ahl Juden geben, die vor diesen barbarischen Ver ®nissen sich über die Grenze flüchtet. Während also die offiziell betriebene Masseneinwanrturtg nichtjüdischer polnischer Arbeiter ausschließlich wter wirtschaftlichen» Gesichtspunkt zu betrachten ist, «*kielt es sich bei de» Juden, die aus Polen ״Der Zfoalimai erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öf/enlUch-recfaillcfa gesicherten HeimslSffe in Palästina." Baseler Programm. nach Deutschland kommen, tan politische Fluchtlinge, Wir verlangen, daß sie in dieser Eigenschaft respeichert werden, dies um so mehr, als Deutschland keineswegs ohne Schuld an der gegenwärtigen trawigen Lage der Juden im Polen ist Die Politik der deutschen Okkupationsbehörden in Polen gegenüber den Juden gehört zu den finstersten Kapiteln dieses Krieges. Dieselbe deutsche Verwaltung״ die hei ihrem Einmarsch in Pole» sich den Juden als Befreier anpries, hat sie später den Polen politisch: völlloommen preisgegeben, hat in einer ,Bewundernswerten Unfähigkeit alles getan, um den nationalen Zusammenschluß der Juden zu hin־ der» und durch eine ganz üble Einmischung in Ihre inneren Verhältnisse Hie Zersetzungsbestretoungem am polnischen Judentum! zu fördern, und hat sie Wirtschaft- Sch in einer Weise ausgebeutet und ruiniert, die ohne gleichen in der Geschichte dasteht. Viel schlimmer aber noch als die Unfähigkeit und Brutalität der deutschen Besatzungsbehörden in der Behandlung der Judenfrage war das Verhalten einer großen. Zahl der deutschen Militärs und Beamte». Sie haben die polnischen Juden bestottlen, beraubt und vergewaltigt, der schmutzigste jü־ disclie Krämer war diesen: Herren gut genug, um sich an seinem Gelde zu bereichern, sie haben sich von ihnen bezahlen lassen für jede amtliche Verrichtung, zu der sie gezwungen waren, sie haben von ihnen verlangt, daß sie ihnen ihre Töchter in die Büro® sdiidcen, damit der kleinste Reiseausweis bewilligt wurde — dieselben Kreise, die sich jetzt nicht genug tun können in Klager» über die drohende Verseuchung Deutschlands durch eine gar nicht bestehende jüdische Masseneinvranderung, haben den deutschen Namen in Polen geschändet durch ihre skrupellose Beutegier und haben alle moralisehen Begriffe dort so erschüttert, haben die Juden derart unglücklich gemacht, daß auch die ־weitestgehende Wiedergutmachung nicht aus reichen würde, um (fas Ansehen des deutschen! Namens bei den! polnischen Juden wieder herzustellen. Ich rede nicht hn Kaiue hinein. Wir kemje%die Ejälle,.sütel » der»!-•*«.«® zu..bergen, Der Fall jener Offiziere, die in Prwhmy jü&sxhc Frauenl während der zwangsweise» vom Landsturmfeuten (nicht etwa von Schwestern) vorgenommenen Entlausung photograpMerten, ist bei Weitem! nicht da» greulichste Merkmal sittlicher Verwahrlosung, das den Großteil der deutschen Besatzung in Polen auszeichnete. Es mag dem neuen Deutschland eine moralische Befriedigung sein, daß es imstande ist, durch Gewährung des Asylrechtes an ein paar unter dem Druck der polnischen Verfolgungen entlaufenen Juden etwas von dem wieder gutzumachen, was die Träger des früheren Regimes an den polnischen Juden gesündigt haben. Aber diese polnischen Juden sind Schleichhändler, Goldschmuggler, Valutaschieber und dürfen aus diesem Grunde nicht in Deutschland bleiben. Es beweist die ganze Verrottung unserer politischen Zustände, daß diese Argumentation auch von sozialistischer Seite erhoben wird, von der Partei, die heute die Regierung bildet und die wissen muß, wer denn eigentlich heute in Deutschland Träger des Schleichhandels und der Valuta- Schiebung ist. Was bedeuten die Geschäfte der paar tausend polnischen Juden gegenüber den Milliarden- Schiebungen, die jeden Tag und jede Stunde von dem deutschen Kapital vorgenommen weiden? Wir haben ja gelesen, zu welchen Zwecken deutsche Fürsten Flugzeuge bekommen können, und will man allen Ernstes behaupten, die Milliarden deutscher Banknoten, die im Auslände angeboren werden und die deutsche Valuta ruinieren, stammten aus der Grenadier-Straße in Berlin? Dieselben alldeutschen Kreise in Rheinland und Westfalen, die jenen legendären Fonds zur Finanzierung der Judenhetze in Deutschland aufgebracht haben, kaufen und verkaufen über die offene Grenze im Westen, was nicht niet- und nagelfest ist und tragen auf diese Weise zur Hebung der deutschen Volkswirtschaft bei. Man muß im Rheinland gewesen sein, um zu wissen, welches Fieber der Bereicherung die Deutschesten der Deutschen ergriffen hat, 'wie zu jedem! Tag und in jeder Stunde die ganze politische Zukunft Deutschlands verkauft und eingebändelt Wird. Für die Polizei aber ist es natürlich bequemer, die paar galizisehen und polraschen Juden zu verhaften, die nicht zum wenigstens dank der irrsinnigen und von allen Sozialpolitiken! als genftlezu unglaublich empfundenen Bestimmungen des Dernobilmachungsamtes sozusagen gezwungen werden, sich ihren Erwerb im Schleichhandel zu suchen, und es ist einträglicher, die Großindustriellen und Großkaufleute, die Zechenbesitzer und Großagrarier, die ihre Waren Waggonweise verschieben, ungeschoren zu lassen. Wir plädieren nicht für irgend jemanden, der sich gegen die Gesetze vergeht, sei er Jude «1er Nichtjude. Aber man sollte sich hier die billige Entrüstung sparen, mrt der um» über die Ostiudem berfällt Es kann darum auch gar keine Rede davon »ein, daß diese angebliche Massenemwanderung die Wirtschaftliebe Lage Deutschlands ungünstig beeinflußt. Ganz im Gegenteil: so wie im Kriege der größere Teil der Einwanderer sich als Arbeiter in den deutschen Betrieben sehr nützlich erwiesen hat, so wird heute schon ein nicht unbet rächtKdher Prozentsatz der Eingewanderten mit gutem Erfolg der Arbeit in der Landwirtschaft, Bergwerksbet rieben «sw. zugeführt. Wenn erst der Ausbau der zu diesem! Zweck gegründeten Jüdischen Arbeitervermittehmgsstellen, der jetzt geplant ist, durchgeführt sein wird, und wenn erst cSe recht gut gemeinte, aber wirtschaftlich völlig verfehlte Praxis des Dernobdmadiungsaintes an der Wirklichkeit zersdheßt sein wird — Anfänge dazu and heute schon vorhanden — wird diese gesamte Einwanderung mit geringen Ausnahmen vom deutschen Arbdtsmarkt aufgenommen werden, der heute schon sehr dankbar für die mehr als tausend Ostjuden ist, in den letzten Monaten der Landwirtschaft usv. zugeführt worden and, und mit deren Leistungen man durchweg zufrieden ist. Man könnte noch auf die außenpolitische Bedenteig der Agitation gegen de Ost juden hin weisen — ihren innerpolitischen Zusammenhang zu beleuchten, wollen wir uns versagen. Man könnte vom deutsche« Standpunkt aus auf das Bedenkliche einer Agitation hinweisen. die darauf hinausläuft; dem! deutschen Volke auch noch den letzten Rest von Sympathie zu entwinden, den es allenfalls noch draußen in der Welt genießt. Wir wollen auch darauf verzichten, wir halten uns nicht für berufen, in die deutsche Außenpolitik hfneiinZureden, und wir wissen, daß die Drahtzieher der Ostjudenhetze es ja gerade als gescheiten politischen Streich betrachten, sich sozusagen auf dem Rüdeen der Juden die internationalen Sympathien zu verschaffen, die man auf vernünftige und anständige Weise zu erfangen nicht fälligcisy Wir versagen es uns daher auch, auf das Bedenkliche einer Politik der Einwanderung»- Beschränkung für ein Land wie Deutsdiland hinzuweisen, das jetzt selbst gezwumgenemiaßen zu einer» Auswanderungsland geworden ist oder werden muß. Wir beschränken 1ms darauf, unseren jüdischen Standpunkt eindeutig festzustellen, und darum wollen wir zum Schluß noch klar und deutlich zum Ausdruck bringen, daß wir uns mit diesen Ostjuden menschlich und national identifizieren und in rebbt vielen von ihnen einen, wertvollen Zuwachs für das deutsche Judentum sehen. Wir wissen, welche Fülle von jüdischem Wissen, jüdischer Gelehrsamkeit, von inniger Verlaiüpftheit mit jüdischem Volkstum, jüdischem Gesetz und jüdischer Ethik im Ostjuden tum enthalten ist, und wir wissen auch, wie sehr alle diese Dinge dem dcftschen Judentum not tun. Was immer der Krieg, der nicht jüdischem! Geiste entsprungen ist, und wta• immer politische und wirtschaftliche Verfolgung au» einzelnen oder vielen dieser gehetzten Masse gemacht habet», sie stehen in ihrer Gesamtheit wahrhaftig nicht tiefer als die Völker, zu denen sie kommen. Maa erlaube es uns zu sagen, daß heute mehr als je Deutschfand Grund hat, seine Türen rächt zuzusperren gege» die Sittlichkeit, die Frömmigkeit, die Verbundenheit mit dem Unendlichen, die in diesem östlichen Judentum noch lebe«. Julius Berger. Die palästinensische Konstituante Der Waad hasmani (provisorisches Executivoomite) der palästinensischen Juden hat dem Londoner Zionistischen ZentralbüTO folgendes mitgeteilt. Am 10. September hat eine Sitzung, des Waad stattge fanden, an der 2& Mitglieder, darunter Rabbiner Fischmann als Vertreter des Misrachi, teilnahmen. In dieser Sitzung wurde einmütig beschlossen, eine Konferenz von Deputierten auf den achtzehnten November 1919 einzuberufen. Die Wahlen für diese Konferenz werden am 26. Oktober stattfinden. Der Hauptzweck dieser Tagung wird die Schaffung einer permanenten Vertretung der palästinensischen J«- denheit sein. Die Wahlen sollen auf Grund des seinerzeit beschlossenen W a h 1 r £ g! e m e n t s stattfinden, wonach bekanntlich die Frauen das aktive und passive Wahlred)t erhalten sollen (vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 48). Morgenthau und Samuel Die abschließenden Urteile der polnischen jüdische« Presse über die Morgentha «-Kommission lauten nicht gerade günstig. Die ״Hazefirah“ schreibt z. B.: ״Die Gespräche des Herrn Morgenthau, in denc« gar nicht selten gegen die jüdische Nation, gegen die nationalen Forderungen gesprochen wurde, die einer Rechtfertigung der Polen gleichkäme, selbst diese Gespräche haben die polnischen Journalisten und Politiker nicht befriedigt, Morgenthau hat nicht geholfen, 90«-