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Jüdische Rundschau · 1919-09-23 · Heft 68 (23.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 68 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDS Redaktion u. Verlag• W. 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u.Frcitag, Abonn.bei d. Exp. 0. d. Postämtern »iertelj. M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M.10,— Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraBe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 «.4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nenpareilleaeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 «. 486. Postscheckkeato: Berlin Nr. i7392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkont• Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm, 28. ElaT 9־7־56־.'.־־ |XXI^"]8^""" i Victor Jacobson zum 50. Geburtstag Die zionistische Bewegung ordnet tiie Bedingütigen des neuen jüdischen Lebens nach einheitliebem Plan. Sie ist daher eine politische Bewegung im höchsten Simne, da ihre Tätigkeit in der Schaffung gemeinschaftsbikfcnder Faktoren besteht. Unser Volk ist seit Jahrtausenden einer selbständigen Regelung seiner Angelegenheiten entwöhnt und sein Los schien, nachdem das eiserne Joch der alten, die jüdische Volkseinheit verbürgenden Normen gefallen war, Auflösung in zahlreiche Teile und völlige Atomisierung zu sein. Auch die jüdisdhe Bewegung, so stark sie die Geister unseres Volkes erschüttert, schuf gleichzeitig immer wieder neue Differenzierungen, jeder heuen Ausprägung der Idee schloß!sich eine Gruppe an, die mit innerem Zusammenschluß zugleich auch ihr Sonderrecht innerhalb der Gesamtheit proklamierte. Daß es Theodor Herzl gelang, durch ein politisches Programm die zionistische Weltorganisation zu schaffen, ist uns der erstaunlichste Beweis für die unser Volk erneuende Kraft des Zionismus. Der Gedanke aberj daß es gilt, durch die innere Entwicklung des zionistisehen Menschen zur stärksten politischen Wirkung im bewußten Aufbau des jüdischen Lebens in Palästina und im Galuth zu gelangen, daß der Sieg der Idee sidi durch das Zusammenwirken aller menschlichen Kräfte in der politisch geordneten Besitzergreifung Palästinas zeigen würde, lebt auch heute nicht in aller Herzen. Mit dem Begriff Politik verbindet sich bei uns jallzulelcht die Vorstellung vom politischen Geschäft, wie es die Völker Europas im allgemeinen betreiben: Eine kleine Clique volksfremder Personen versucht im Besitz einer raffinierten Technik durch unehrliches Bluffspiel äußere Vorteile für ihren Staat zu erlangen. Auswärtige Politik führt ein Sonderleben neben der inneren Politik, und das Ränkespiel der Diplomaten fühlt sich!durch die freimütige Darlegung der wahren Bedürfnisse der Volksseele gestört, deren mensdiliehe Interessen im Gegensatz zu den nackten Machtinteressen der politischen Geschäftemacher stehen. Aber hinter jenen Diplomaten stand wenigstens die Macht. Die jüdische Bewegung brauchte Männer, die ohne äußere Machtmittel in der politi- »Chen Welt unsere Sache zum Siege führen sollten, und sie konnte nur Männern ihr Vertrauen schenken, für die es einen Gegensatz zwischen innerer und äußerer Politik nicht gab, die im Gefühl der Verantwortung für das Geschick des ganzen Volkes als stärkstes Machtmittel die geistigen Kräfte ’ der jüdischen Bewegung verwandten. Solche Männer hat unsere Bewegung gefunden: Wir feiern heute Victor Jacobson, in dem wir unseren Lehrer im der Erziehung zu politischem Denken und in der Methode politischer Arbeit verehren. Er erscheint als öer neue Typus des jüdischen Politikers, den wir in unserer Bewegung kennen lernen und festhalten wollen. Die Kenntnis alter Richtungen des jüdischen Lebens, der Zusammenhang mit allen Kreisen der zionistischen Bewegung ist die bewußte Voraussetzung seiner politischen Arbeit. Diese Kenntnis der jüdischen Gegenwart ergänzt er durch die ständige Beschäftigung mit den alten Erinnerungen unseres Volkes, aus denen die ewigen Grundlagen für den Aufbau und die Ordnung der jüdischen Zukunft ihm sichtbar werden. Unserem Volk, durch endlose Zeiten dem Machtwillen einer feindlichen Umgebung ausgeliefert, wurde in jedem neuen Geschlecht die eigene politische Ohnmacht offenbar; daher mußte der Glaube an die plötzliche, unwahrscheinliche, wunäerbare Erlösung die Gemüter beherrschen. Auch in der zionistischen Bewegung lebten weite Kreise in Zeiten politischen Stillstands von der Hoffnung auf den großen Moment, von dem Glauben an irgend eine günstige Konstellation, die mit einem Male ohne unser Zutun uns die politische Verwirklichung bringen würde, ln diesen Zeiten der Stagnation schuf Jacobson die Methode unserer politischen Arbeit. Nicht auf Zufall und auf tnechazische Kräfte vertraute er, sondern er zeigte, daß (die Juden für die Zukunft und Entwicklung des vorderen Orients unentbehrlich seien, daß unser ,Volk in Palästina Aufgaben zu erfüllen habe, die nur von ihm geleistet wende» können, und" üafl ״Ser Zionismus cnlrcbt f&r da* JQdlsche Volk die Schaffung einer ötfenfHffc-rtdbiilcfa gesickerten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. die zionistische Politik nicht etwa eine romantische Vorliebe für die Juden erwecken müsse, sondern die Einsicht, daß Palästina als Judenland von allen Völkern, die an der Entwicklung Vorder-Asiens interessiert sind, anzustreben sei. In seinen politischen Darlegungen wurde unser Anspruch auf Palästina vor altem dadurch begründet, daß der Zionsgedanke die Juden zur produktiven Arbeit in ihrem alten Heimatlande befähige und für die Besiedelung Palästinas nur Juden in Betracht kämen. Victor Jacobson, der jahrelang unter Verhältnissen arbeiten mußte, die Erdige erst nach langer Zeit möglich erscheinen ließen, konnte sich das Führergefühl nur dadurch erhalten, daß die gestabende Kraft seiner Phantasie ihm bei jedem vorbereitenden Schritt den Ausblick auf die von ihm geglaubte Entwicklung der jüdischen Zukunft eröffnete. ilSiSI iiiiissi!2. . Seine theoretischen Ansichten über den Sinn des Judentums und das Wesen des Zionismus blieben in stetiger Entwicklung, unverrückbar aber blieb die Ueberzeugung, daß nur in Erez-Israel das Geschick unseres Volkes sich entscheiden könne, und daß von dort aus die stärkste sittliche Beeinflussung der ganzen Welt erfolgen werde, wenn die Juden als Führer des neuerwachten Orients in ihrem Volksleben eine höhere Gerechtigkeit verwirklichen würden. Die starken Kräfte seiner Phantasie werden dadurch fruchtbar, daß Victor Jacobson sie durch unablässige Beobachtung aller lebendigen Wirk- Iichkeit speist. Er kennt die Völker Europas, er hat seinen Geist ihren kulturellen Leistungen weit geöffnet. Das Denken, das geistige und kirnstkriselte Schaffen des russischen Volkes ist ihm von Jugend auf (er ist in Sjmferopol geboren) vertraut. Die Werke der französischen, italienischen, englischen Dichtung und Wissenschaft sind ihm in der Ursprache ebenso bekannt wie das geselLschaftliehe und soziale Leben dieser Völker; den nordischen Völkern galt sein Interesse; die EntwiCklung der Politik und des geistigen Lebens in Deutschland beherrscht er bis in alle Verzweigungen; den türkischen Orient beobachtete er unablässig in alten seinen Lebensäußerungen und enthüllte uns seine Geheimnisse. Seine große Liebe zu aller Wirklichkeit und allem lebendigen Geschehen hat ihn frei von Vorurteilen gemacht und ihm die Fähigkeit verliehen, mit immer erneutem Interesse und liebevollem Verständnis Völker und Menschen zu betrachten. So war er wohl auch der erste, der in der Araberfrage eine auf voller Würdigung des arabischen Wesens beruhende Politik der Freundschaft mit den Arabern empfahl, in denen er die natürlichen Bundesgenossen für eine richtig verstandene jüäische Volkspplitik erblickte. Das tiefe Verständnis für die vielgestaltigen Bedürfnisse der um ihr Judentum ringenden geistigen Kreise unserer Bewegung hat Victor Jaoobson eine einzigartige Stellung zugewiesen. Alle fühlen, daß er jede Kraft nutzbar machen will, und vertrauen ihm, auch wenn sie seinen persönlichen Ansichten widersprechen. Er ist kein Redner, aber die Wirkung seiner Reden auch bei großen Tagungen ist immer tief und nachhaltig. Man will von ihm lernen, will sich von ihm, dem jüdischen Politiker zur Methode politischen Denkens erziehen lassen, sich von ihm einführen lassen in die Kenntnis von der Verwendüng der inneren Kräfte des Zionismus für die Wirkung in der allgemeinen ,Welt, und sich von ihn die Wege weisen lassen, die zum Aufbau und m neuer Ordnung des Volkslebens führen. So wird der wahre jüdische Politiker zum Gestalter der Zionistischen Organisation, und er, der alte Kräfte der Bewegung hat abschätzen lernen, vermag sie über alle geistigen, sozialen und politischen Gegensätze hinweg zur notwendigen Einheit zu verbinden Victor Jacobson hat immer Wert darauf gelegt, im öffentlichen Leben Zurückhaltung zu bewahren. Seine Persönlichkeit ist daher der großen Masse nicht so vertraut wie die anderer Führer der Bewegung. Wir halten es für unser Aufgabe, an diesem Tage die Bedeutung und Eigenart dieses Mannes, der an unserer zionistischen Entwicklung entscheidenden Anteil genommen hat, der zionistisehen Oeffcntlichkeit darzustellen. Er hat uns gelehrt, Völker und Menschen in ihrem Tun richtig zu bewerten, hat uns von Vorurteilen befreit, und hat uns gezeigt, wie Leidenschaft und Phantasie verbunden sein können mit Klarheit und Besonnenheit, wie nur die Menschen ihrem Volke etwas leisten können, die bei vollster Selbstbeherrschung von dem Glauben an die höchste Kraft der Volksseele durchglüht sind. Er lehrte uns, indem er uns z»1p Typus des neuen jüdischen Politikers wurde, daß weder der nüchterne Philister, der auf seinen gesunden Menschenverstand stolz ist, weil er immer nur das nächste Ziel sieht, noch der Doktrinär, der seine Theorie zur Herrin über die Wirklichkeit machen will, die Geschicke unseres Volkes an irgend einer Stelle beeinflussen dürfen. Victor Jacobson wird bisweilen von der Sehnsucht ergriffen, sich ganz der wissenschaftliche« Forschung und der stillen geistigen Arbeit zu widmen, und es wollte ihm scheinen, als ob er außerhalb des öffentlichen Lebens seinen wahren Beruf finden werde. Er teilt diese Sehnsucht mit allen Führern, die echte Menschen sind. Gerade diese Sehnsucht, die seinem Wesen die feine zurückhaltende Form verleiht, befähigt ihn zum öffentlichen Wirken im jüdischen Volk, das Immer der Macht des Geistes vertraute. Sie bewahrt ihn davor, an Demonstrationen und äußeren Effekten Genüge ,zu haben, sie läßt ihm int Moment des Erfolges die klare Einsicht in die tieferen Zusammenhänge finden, und verleiht ihm zuversichtliche Gelassenheit in schwierigen und weniger aussichtsreichen Positionen. Victor Jacobson feiert am 24. September seinen fünfzigsten Geburtstag. Außerordentliche Aufgaben erwarten ihn. Die Zukunft der Zionistischen Organisation wird entscheidend durch seine Arbeit beeinflußt werden. Wir beglückwünschen ihn und versichern ihm heute, daß sein Wirken von unserem Vertrauen begleitet «ein wird. Jahreswende Der Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Weltanschauung zeigt sich vielleicht am stärksten in der verschiedenen Einstellung zum Diesseits, zum Leben auf der Erde. Während das Christentum seiner Natur nach pessimistisch ist, ־während es die Erde als ein Jammertal ansieht, als eine Stätte der Prüfungen und der Vorbereitung auf das eigentliche Leben im Jenseits, während es aus diesem Grunde Mönchstum und Askese nicht nur geduldet, sondern mit allen Mitteln gefördert hat, kann das für (las Judentum nichts charakteristischeres gefunden werden als die Tatsache, daß der Gedanke an ein Fortleben der Seele nach dem Tode erst in ganz später Zeit im Judentum auftritt. ״Die Erde gab er den Menschenkindern“. In diesen Worten liegt ein großes ßtück jüdischer Weltausdhauung beschlossen; der Mensch

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