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Jüdische Rundschau · 1919-09-05 · Heft 63 (5.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 63 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion a. Verlag W, 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag!!.Freitag, Abonn.be! <1 Exp. u. d Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland, in OesterreiA Kr, 12, i Ausland M 10,— Nummer 63 Berlin, 5 IX. 919 Anielgen-Verwaltang: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 0,4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerüngszusdilag 20 9/0. Telephon: Amt Uhland 815 486 ם. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. F Ür Oesterreich: Postsparkassenamt SAeckkonto Nr- 156030. RedaklionsschluS Sonntag u. Mittwoch nachm. 10 Elul 5679 I XXIV. Jahrg. Der Zionismus erstrebt fffir das jfltllsdie Volk die Schaffung einer 3ffe0tllck*reclatlleh gesicherte■ Hekast&tte ln Pai&stina. ״Baseler Programm‘ # Der neue Schritt der englischen Regierung Vollendete Tatsachen Die englische Regierung hat das zionistische Actrons-Oornite und die englische Verwaltung in Palästina davon in Kenntnis gesetzt, daß die natio-; nale jüdische Heimstätte als vollendete Tat- Sache betrachtet werden müsse. In entschiedeitem Tone werden die Behörden angewiesen, dieser Tatsache Rechnung zu tragen ohne Riidksidht darauf, daß die Juden gegenwärtig noch eine Minorität in Palästina bilden. Höchste politische Bedeutung kommt dieser Anweisung der englischen Regierung zu. Sic ist seit der Erklärung Balfours vom 2. November 1917 der wichtigste Schritt in der Palästinafrage. Baifour gab seine Erklärung während des Krieges ab, als Palästina noch nicht von englischen Truppen erobert war; ein allgemeines Versprechen, unübersehbar in seinen Folgen. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte mit Schwierigkeiten verschiedener Art verknüpft ist, daß’ auf der Pariser Konferenz politische Mächte und jüdische Gruppen als Feinde des jüdischen Volkes auf getreten sind, nachdem auch ein Teil der heute in Palästina die Mehrheit bildenden arabischen Bevolkerung■ sich den Plänen der englischen Regierung widersetzt hat die Regierung jetzt nach sorgfaltiger Prüfung der Verhältnisse in Palästina, in voller Erkenntnis aller Widerstände gegen die zionistische Bewegung, einen Beschluß gefaßt, der eindeutig die Erklärung vom 2. November 1917 bestätigt und die Verwaltung anweist, ihre Maßnahmen im Hinblick auf den Aufbau der nationaien jüdischen Heimstätte einzurichten. Volle Klarheit ist geschaffen worden. Unserem neuen politischen Erfolg soll auch die richtige innerjüdisclie Wirkung־ bcschieden sein. Er soll vor dem merkwürdigen Schicksal bewahrt werden, das unsere äußeren Erfolge in der jüdischen Welt Deutschlands bisweilen zu erleiden hatten. Die niclitzionistische Welt, deren jüdische Betätigung größtenteils in antizionistischer Beschäftigung mit dein Zionismus besteht, registrierte widerwillig jireignisse, die nicht verschwiegen werden kannten. Dein in allen Fragen der jüdischen Politik urivorgebildeten, mit antizionistischen Instinkten angefüllten Publikum konnte daher oft gezeigt weiden, daß die Zionisten Schaumschläger sind und daß ihre angeblichen Erfolge einer ernsten Kritik als Uebertreibungen erscheinen oder sich alg unbedeutende Selbstverständlichkeiten entpuppern. ״Die Zionisten haben alles erreicht, weil sie nichts gefordert haben“, meint der eine jüdische Journalist. ״Die Zionisten behaupten, alles erreicht an haben, in Wahrheit sind ihnen aber nur kleine Zugeständnisse gemacht worden", ineint ein anderer nichtzionistischer Führer. Zum Schmerz unserer Gegner sind die ״wahren" Forderungen zionistischer Politik niemals von uns erhoben worden, ln immer neuer Form ruft man uns zu: »Den lieb׳ ich, der Unmögliches begehrt!" Wer nicht auf der Stelle den fertigen, souveränen Juden- Staat mit alten nur erdenklichen Hoheitsrechten fordert und ihm zu unmittelbarer Wirklichkeit verhelfen will, der wird von den Antizionisten als Verräter an dem wahren zionistischen Programm hingestellt, der steckt die Fahne in die Tasche und versucht, die Welt darüber zu täuschen, daß der Zionismus eine politische Niederlage erlitten hat. Unmöglich würde auf die Dauer diese eintönige Entstellung der politischen Wirklichkeiten, wenn nidit häufig Zionisten den Gegnern unserer Sache Anfaß gäben, an den Leistungen zionistischer Politik «1 Eweifeln. Krankhafte Furcht vor der Realität! beherrscht so manchen Zionisten. Im Reich der Ideen ist alles groß, weil Unbegrenztes, allen endliehen Zielen entrückt, in Gedanke und Wort: mühe- 10* darstellbar ist. Tatsachen gehören der Endlichkeit an, alles Erreichte läßt die Angst aufkommen, e8 könnte mit der Verwirklichung der Idee gleichgesetzt werden. Verkünden müsse man also der Welt, daß ein zwar an sich recht erfreulicher Erfolg, an der Größe unseres Ideals gcmessen, doch eine winzige und erbärmliche Angelegenheit sei, daß wir zwar Politik machen und in die Händel dieser Welt verstrickt sind, daß aber beileibe nur niemand auf den Gedanken komme, in den Aktionen für den Aufbau des Juden- Landes eine echte zionistische Tat ziu, erblicken. Zum mindesten vergißt man nicht hervorzuheben, daß auch die Propheten!Politiker waren, daß sie sich durchaus mit den bestehenden politischen Gewalten auseinandergesetzt haben, daß auch zu den Zeiten Esras und Nehemias eine fremde Macht uns die Rückkehr nach Zion ermöglicht hat, daß es also zu rechtfertigen sei, wenn uns durch die gegenwärtige politische Konstellation, durch Völkerbund und England als Mandatarmacht die Rückkehr erleichtert weide. Eigentümlicherweise sind es oft die nämlichen Personen, die zunächst den politischen Erfolg in überschwenglichen Worten feiern, ihn spiritualisieren, ihm symbolische Bedeutang verleihen, um dann wenige Wochen später sich enttäuscht zu fühlen. Schwächlinge, denen die Reinheit der Idee verioren gehtf wenn es sich um die Verwirklichung im Leben handelt, und Erfolglüsteme, für die unsere Bewegung nur durch polittarhe Sensationen die richtige Zugkraft erhält, wirken zusammen, um die zionistische Oeffentlichkeit, die sidh erst langsam an die wirklichen Bedürfnisse unserer Arbeit in Palästina zu gewöhnen vermag, unsicher m machen. Die Erfahrungen der letzten Monate sollten uns helfen, Sicherheit und Klarheit m schaffen. Gewiß wird Palästina nur durch unsere Arbeit zum jüdischen Lande, das neue jüdische Leben wird gewiß nur durch die Erneuung des jüdischen Menschen erwachsen; unzweifelhaft kann uns niemaaid bei diesem Tun helfen. Es ist aber ein Zeichen innerer Unsicherheit, diese selbst verstandliehe Wahrheit bei *jedem politischen Erfolg m betonen. Palästina liegt in der Welt, wir erstreben dieses Land, wie es auch unsere Väter in alter Zeit erstrebt haben, um dort, umgeben von mancher Gefahr, unserem Volke die realen Möglichkeiten für wein Leben zu geben. Unsere Machtmittel sind die geistigen Kräfte der jüdischen Bewegung. Die zur zionistischen Organisation :zusammengeschlossenen Menschen dieser Bewegung erringen heute durch ihre berufenen Vertreter nach langen Jahren, der Vor- Bereitung diejenigen politischen Erfolge, in denen sie die unerläßliche Voraussetzung für die Bcsiedhing des L.andes erblicken. Diese Erfolge sind Leistungen unserer Bewegung, die uns auch innerhalb der judenheit das Recht geben, als Führer und Vertreter des ganzen jüdischen Volkes aufzutreten. Wenn Antizionisten in letzter Zeit den Versuch machen konnten, unsere Sache zu höhnen und zu verkleinern, so tragen wir mit die Schuld daran. Wir, die wir an die Realitäten von morgen und übermorgen glauben, müssen endlich lernen, die Wirklichkeit von heute als vollendete Tatsache zu würdigen, wir müssen die Kraft haben, mit stolzer Würde auf die Leistungen hinzuweisen, die uns den endlichen Zielen unserer unendlichen Sehnsucht näherbringen. Palästina wird jüdisch. In großen Lettern teilten wir diese Wahrheit nach dem 27. Februar der jüdischen Welt mit. Ein neuer Erfolg ist errungen. Schon ehe die letzte Entscheidung gefallen ist, stellt die englische Regierung als vollendet* Tatsache fest, daß Palästina jüdisch wird. K. B. Die nationale Heimstätte ein Fait accompli Wir haben die Rede veröffentlicht, in der Dr. W e i zmann sich über die gegenwärtige politische Lage äußerte und in der er von einer Bestätigung der Balfourscher! Erklärung׳ sprach, die der wichtigste Schritt der britischen Regierung seit der Deklaration Balfours gewesen sei. Dieser überaus wichtige Schritt ist die Order der englischen Regierung an die Okkupation«- behörden Palästinas. Hierüber meldet K. Z. B., wie von uns schon i« der Dienstag-Nummer kurz mitgeteilt: Infolge verschiedener Vorkommnisse in Palästina hat das Britische Auswärtige Amt ein Telegramm an die Okkupa tionsbehörden in Palästina gerichtet, in welchem diese an die Deklaration der Britischen Regierung vom 2. November 1917 erinnert weiden und in dem sie angewiesen werden, es als Fait accompli zu betrachten, daß Palästina die nationale Heilstätte der Juden werden soll. Es wird den Behörden demgemäß dringend ans Herz gelegt, die jüdische Bevölkerung Palästinas in einer Weise zu be h andein, die mit der Entschließung der britischen Regierung, wie sie in der Regierungserklärung zum Ausdruck gelangt ist, i m Einklang steht, und zwar ohne Rücksicht auf die Tatsache, daß die ]11 de 11 gegenwärtig noch eine Mi- . no r i t ä t in Palästina bilden. Der gegenwärtige Stand der Bewegung Ein Zirkularschreiben des Zionistischen Actions- Coinites Das Zionistische Aetions-Comite hat an die Landes- und Softderrerbände folgendes Schreiben gerichtet: London, 25. Tammus. 5679. Sehr g«eehrte Herren Gesinnungsgenossen! ki der letzten Zeit erhalten wir aus den verschiedenen Zentren zahlreiche Briefe und Anfragen, aus denen zu ersehen ist, daß unsere Gesinnungsgenossen über die anormale und •unbestimmte Lage unserer Bewegung sehr beunruhigt sind. Sie sind in der Haupt- Sache deswegen besorgt, weil der Zeitpunkt einer großen Immigration nach Palästina noch fern liege. Wir halten es daher für notwendig, als Antwort auf diese Klagen ein abgeschlossenes ßüd über die gegenwärtige Lage, so wie sie ist, zu geben: Die Ursache der Unklarheit und der angeblichen Unterbrechung unserer• Arbeit liegt erstens und hauptsächlich darin, daß die Lösung unserer Frage von der Friedenskonferenz bis jetzt verschoben wurde; zweitens in dein Umstande, daß Palästina vorläufig abgeschnitten ist, drittens in der Unterbrechung des Postverkehrs mit vielen Ländern, in denen jüdische Massen leben. Diese Ursachen haben' einen Wirrwarr in unserer Beweglang hervorgerufen dnd viele unserer Gesinnungsgenossen in Unruhe versetzt. In Wirklichkeit ist die Lage folgende: 1. Seit jenem historischen Tage, an dem unsere Vertreter vor der Friedenskonferenz erschienen und die Forderungen de* jüdischen VoIkes nach seiner Heimat vorbrachten, hat sich in der Stellung der M ach t f a k 1.0 reu der Welt- Politik zu diesen Forderungen nichts geander t*) Seit der vor zwei Jahren erfolgten Bnlfourschcu Deklaration sind die Versprechungen und das Verhalten unseren Forderungen gegenüber nicht um ein Haar geändert worden. Die Machtfaktoren, in deren Händen das Schicksal der Nationen ruht, namentlich die Vertreter England* und Amerikas, haben bei vielen Gelegenheiten unseren Vertretern gegenüber die feierliche Ver- Sicherung wiederholt, daß unsere Forderungen erfüllt weiden und daß die Friedenskonferenz ihnen zustimmt. Trotz der großen Gegnerschaft, die sieb in der letzten Zeit in gewissen hiesigen sowie in arabisch-politischen Kreisen in Palästina und Syrien geltend macht, hat sich hierin nichts geändert. Wenn die Lösung unserer Frage bis auf den heutigen Tag verschoben wurde, 90 liegt dies einzig und allein daran, daß die Palästinafrage mit d«1 anderen politischen Fragen der alten Türkei aufs engste verknüpft ist. Die türkische Frage, ist bis heute *) (Die Ausführungen des Londoner Rundschreibens aur politischen Lage sind durch die Order au die Okkupationsbehörd*n teilweise überholt. Die Red.)

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