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Jüdische Rundschau · 1919-09-02 · Heft 62 (2.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 62 (2.9.1919)
Date
1919-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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! f J /“N.' ז י! C1 Redaktion u. Verlag־ W. 15, Sadhaischc Str. 8. Erscheint jed Difiostag ».Freitag, Aborm.bei d.Lxp. u. d, Postämtern vlertdj M.6,־־־ *a Deutschland, m Oesterreich Kr. 12, i, Ausland M.10,— *־״er «דיי־׳ ־*־T» 1 ״ עvc.:::r 1 v \ C ..־' •ב...-• >- . .> 5*•־־׳*״ ׳־* j« cn 1 Anxclgcn-Verwaltting: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorolheeastraßa S5. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815. >! ־׳■-. .**־ w r.ncri. ׳ \ tä j! Tclcjrhon: Amt. Uhiand 84S u. 486* Postscheckkonto: Berlia Nr, 17392, Für Oesterreich: Postsparkasscnsrnt Scheckkonto Nr« 156030. RcdÄ^tionsscl!Inß Sonntag lj, MittwctJ! nachm. TSuncTeTi Bcrli.,, 2. IX. 1019 ä A...‘g.,.p,?u E|u| 5Ö79 Oslfragen E* Icaa« keinem Zweifel unterliegen, daß die Balkaaisicrung■ Mittel- und Osteuropas in keiner Weise als eia Glück für die über ncht Millionen Juden dieser Länder angesehen werden kann. Die sechs Millionen russischen Juden, vermehrt durch die angrenzenden 000 000 Juden Galizien« und etwa 300000 Rumäniens bildete» den Kern de« jüdischen Volkes, der trotz aller Barbareien der zaristischen Politik und der Regierung des Bojarealamles, trotz, der kaum vorteilhafteren Lage in Galizien de!׳, festen Halt gegenüber jede«־ Assimilation bot und ein unerschöpfliches Reservoir der jüdischen Volkskraft da, stellte. Jetzt sind eine große Zahl von Juden&chaften aa die Stelle des geschlossenen Ostjudesituins getreten, die unter ganz verschiedenen politischen und Wirtschaftliehen Verhältnissen sieb die Grundlagen einer gesicherleit Existenz .schaffen müssen. Der größte Komplex einer jüdischen Bevölkerung lebt nach der Neuordnung der Dinge auf dem Boden der Ukraine, deren politisches Geschick freilich noch ganz ungeklärt ist und die gerade jetzt der Schauplatz erbittertcr Kämpfe zwischen den Bolschewik! und den Heeren Dentas, Petljuras und Grigorieffs sind. Die Zahl der ukrainischen Juden beträgt etwa 3 Millionen, eine Ziffer, die nur no<!1 von der der amerikanischen Juden erreicht wird, I« der kurzen Frist des Bestehens einer von Oroßrußland unabhängigen Ukraine haben die Juden «liescs durch seine Getreidefelder wie durch seine besonders im Donctzgcbiete befindlichen Erz- und Kohlen- *chiitze wirtschaftlich bedeutsamen Landes die verschiedemütigsten Schicksale durchgemacht. Hier war es, wo rum erstenmal die nationale Autonomie der Jj1.dc n in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, hier hat bolschewisti- «eher Fanatismus den wirtschaftlichen Ruin des jüdischen Mittelstandes herbeigefültrt, hier vor allem aber ballen die Pogrome einen Umfang angenommen, der allgemeinem Unglauben begegnen würde, wäre nicht die Quelle — die Register des nationalen jüdischen Sekretariats — leider über alle Zweifel erhaben. Das reiche jüdische Leben ist fast ganz unterdrückt worden, aber völlig konnte es nicht tiiedcrgeworfon werden; je weniger in der , Ukraine selbst unter Bolsclicwikiherrscltaft von. Juden getan werden kann, um so mehr konzentrieren sich •ile Kräfte auf die Palästinaarbeit. Wenn man für die schreckliche Ermordung von 85000 Juden in der Ukraine eine Entschuldigung sucht, so kann man sie in der Tatsache sehen, dal! im Lande eine völlige Anarchie herrscht. Diese Entschuldigung kömiea die Polen nicht für eich anfiihren, und deshalb sollte» sie nicht versuchen, die unentschuldbaren Vorgange in ihrem Lande durch den Hinweis auf die viel schlimmeren Vorgänge in der Ukraine zu entschuldigen. Obwohl der polnische Staat über eine geordnete Regierung und Beamtenschaft verfügt, obwohl «kr Vcr- (rag mit der Entente die etwa Di; Millionen Juden des Lande* unter den Schutz des Völkerbundes stellt, obwold die Morgenthau-Kommission noch im Laude weilt, hat die Eroberung von Minsk durch polnische Truppen sofort wieder Mordtaten und Plünderungen für die jüdische Bevölkerung gebracht und auch die sonstigen Nachrichten zeigen noch nicht, daß die Juden des wiederersiaudeneu Polens ihre Leidenszeit erschöpft haben. / Es steht noch nicht fest, welchen Umfang Polen haben wird, sowohl gegen Rußland (Minsk) als auch gegen Litauen (Wilna) ist die Grenze noch nicht gezogen. Ex ist nicht verwunderlich, wenn die Juden dieser strittigen Gebiete nicht besonders erfreut von dem Gcdanken sind, vielleicht polnisch zu werden und cs vorziehen würden, dem nettgebildeten litauischen Staate unterstellt zu werden. Denn wenn auch hier noch keineswegs dir Lage der juden als befriedigend aiizusihen ist, so sind doch die Grundlagen׳ der nationalen Autonomie liier gelegt und ihr Ausbau liegt in den Händen des energischen Und klugen Ministers für jüdische Augelegeiilieiten Dr; S 0 lo w c i t 3c 11 i k. Der litauische Staat hat offenbar erkannt, daß er nur dann existenzfähig ist, wenn cs ihm gelingt, mit den vier Nationalitäten zu leben, die daa junge Staatswesen beherbergt und «laß gerade die Interessen der jüdischen Bevölkerung mit denen Litauens in keiner Weise kollidieren. Das hat German Roche in einem schon erwähnten Artikel der ״Les peuples libres" richtig ausgeführt. Daß im Rußland Lenins und Trotzkys ein Paradies des jüdischen Volkes entstanden sei, sollte man annehmen, wenn man den Bolschewismus überall in anlisemitischen Verhandlungen als das Werk des Judentums bezeichnen sieht, ln. Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Der Bolschewismus hat zum völligen Zusamnienbiueh des jüdischen Wirtschaftslebens geführt und hat überdies das gesamte reiche Kulturleben von der Stellung des einen oder .anderen Sowjetkommissars abhängig gemacht, was besonders der zionistischen Arbeit und der hebräischen Entwicklung die schwersten Schäden *״gefügt hat. Das Bild, das heute da* Gebiet des ehemaligen russischen Reiches bietet, Ist erst in Umrissen erkennbar. Die scharfen wirtschaftlicher) Gegensätze, der atifge- ״Der Zionismus ersirebt für das jüdische \dUc die Schaffung einer Offenilich-rcchilldi gcsichcrien Hclmii&iie In Falfisüna." Baseler Programm. peitschte Nationalitäten- und Rassenhaß, die Wirtschaftliehe Notlage, die allgemeine Verrohung: das alles sind Momente, die in ungünstigster Weise auf die Lage der Juden gewirkt haben und noch wirken. Was unsere Hoffnung auf allmählichere Besserung der Verhältnisse begründet, sind vor allem zwei Gesichtspunkte. Dos erstarkende Volksgefühl der Juden, die mit allen gesetzlichen Mitteln für ihre nationale Aneikennung, für die Freiheit ihre* Kultur- und Wirtschaftslebens kärnpfen, wird sie auf die Dauer befähigen, allen Anfeehtungeii zum Trotz diejenige Sicherheit ihres Lebens 3u erreichen, di« sie beanspruchen dürfen und die der Völkerbund stützen und bekräftigen wird, Eia Befehl der englischen Regierung Das Britische Auswärtige Amt bat an die Okkupatkmsbehördc ia Palästina ein Telegramm gerichtet, in welchem diese «1 ge wiesen wird, es als fait accompli zu betrachten, daß Palästina die nationale Heimstiitte der Juden werden soll. Wir kommen in «kr nächste» Nummer noch auf de« genaue* Worttmt der wichtigen Anmeldung zurück. Englische Untersuchnngskommissioa für Polen K. Z. B. Am der Spitze der Kommsssio*, die die englisch.« Regierung zur Untiersuchung der polnischen Pogrome nach Polen »endet, ateht Sir Stuart Samuel, der Präsident de« Board of Jcwish Deputies, und der Kapitän Philipp Wright. Die Kommission reist am 1. September ab. * Die englische Regierung gibt dramädwt «i« •lat.- buch über die Pogrome oeraus. Oie Judenlietzc in Deutschland Jetzt ist es auch ia Berlin zu antisemitische■ Krawallen mif der Straße gekommen, hervorgerufen durch die unerhört provozierende Art, mit der die Verkäufer antisemitischer Hetzblätter ihre Zeitungen anpriesen. Die Regierung tritt nunmehr diesem Treiben dadurch entgegen, daß sie durch den Rcichswchrmimster auf Grund de* Belagerungszustandes zunächst einmal die Verbreitung sämtlicher Flugblätter «׳erbietet Und dann aiikündigt, «laß der Staatskoniniissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung energische Schritte gegen die Pogromhetze vorhabe. Das W. T. B, verbreitet eine Erkläruug, in der behauptet wird, daß in der Reichswehr weder antisemitische Formationen geduldet noch gestattet sind, noch daß irgemfeine antisemitische Werbetätigkeit erlaubt ist. Bekanntlich bestehen die Offizierkorps größtenteils aus konservativen Elementen, die heute weniger denn je abstreiten, auf Grund ihrer alten lieberzeugnng' Antisemiten zu sein. Ab Und' zu geben sich diese Kreise «len Anschein, als wollten sic die Judenfrage sachlieh behandeln. So zwingt sich Graf Reventlow in tler ״Deutschen Tageszeitung“ vorn 17. August zu einer verhältnismäßig objektiven Besprechung tler jüdischen Frage und fordert die Möglichkeit eines ״billigen Ausgleiches zwischen Deutschen und Juden“. Im Berliner Tageblatt vom 23. August behandelt nun Dr. Paul Nathan die antisemitische Bewegung ganz ausführlich und weist nach, «laß «ler Wille zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden zunün- «lestens bei den Konservativen, die die Pogromhetze im Verein mit Schwcrindustriellcn, Polen und angeblich auch gewissen kommunistischen Elementen auf jede Weise fördern, nicht vorhanden ist. Das bringt den Grafen Reventlow vollends aus den» Häuschen: Er ruft, mm sehe man, daß man mit den Julien nicht sachlich verhandeln könne und beklagt sich über die Knebelung «ler Deutschen durch die Juden. Diese Behauptung gehört auch zu den» täglichen Rcpcrtoir der im Ton stets rüden ״Deutschen Zeitung“. Eine besonders gehässige Anrempelung gestattet siel» die ״Rheinisch-Westfälische Zeitung“, die bekanntlich eines der Haupthetzblätter während des Krieges gewesen ist, über eine Sondernumrner der Düsseldorfer Masken zum Tode Gustav Landauers. Es ist unnötig, einen Menschen wie Landauer gegen diese Schmierfinken, die Millionen Mensehen in den Tod hetzten, zu verteidigen. Eine etwas seitsamc Abwehr der antisemitischen Angriffe findet sich in einem Artikel der Münchcn-Augsburgcr Zeitung •von Dr. Fritz Endreß, in dem zunächst nachgewiesen wird, daß die Kriegsgewinnler und Bolschewisten unter den Nichtjmlcn ebenso häufig zu finden sind, dann aber noch ausdrücklich betont wird, daS die ostjüdischea Rcvoluüonäre und Badegäste in Bayern dem Verfasser äußerst unsympathisch sind. Wir unsererseits müssen betonen, daß wir eine derartige Verteidigung der Juden lieber nicht sähen. Von dem kulturellen und ethischen Niveau der Juden Osteuropas könnte nämlich noch mancher Westeuropäer lernen. Ein sympathischer Artikel gegen die Judenhetze findet sich im ״Vorwärts“ vom 15. August. Schließlich sei noch erwähnt, daß die ״Freiheit“ und im allgemeinen die sozialdemokratische Presse beider Riclitungen die Gelegenheit wahrniinmt, der Pogromhetze entgegenzutreten. Am 2(!. August 1910 veranstaltete die ״Unabhängige sozialdemokratische Partei Deutschlands" in Berlin Massenkundgebungen gegen ״Pogromhetze, Militarismus und Konterrevolution“, in denen man in äußerst scharfer Weise gegen die antisemitische Hetze Stellung nahm. Es wurde in allen Versammlungen unter großem Beifall eine Resolution angenommen, in der *• u. a, heißt: ״Als Mittel zur Vorbereitung der offene« Gegenrevolution wird neben einer verleumderischen Hetze gegen die revolutionäre Arbeiterschaft eine schämlose antisemitische Hetzpropaganda entfaltet. Diese aus dunkelsten Quellen gespeiste Propaganda, die nur als Deckmantel für die gegenrevolutionäre arbeiterfeindliche Agitation dient, spekuliert vor allem auf die unaufgeklärten lumpenproletarischeu Elemente, um mit deren Hilfe die Klassenbewegung des Proletariats niederzu- Schlagern“ Die deutsche Regierung gegen die Pogromhetze Das ״Berliner Tageblatt“ berichtet: ״De rücksichtslose Pogromhetze gewisser radikai-antisemitischer Kreise hat in jüngster Zeit die bedenk liebste 11 Auswüchse gezeitigt und wiederholt zu Plünderungen und Zusammenstößen geführt. Es liegt «urf der Haml, daß eine derartige Verhetzung der Massen «len zu dem Wiederaufbau und der Gesundung des» Volkstänzen «(ringend erforderlichen inneren Frieden aui das schwerste eefähixtet. Der Staat skomntisiar für die ueberwachung der offen t- 11c fi enOrdnu 11 ghatsichda hergezwungen gesehen, diese rn gefährlichen Treiben e!» lg egenzu treten. Es bandelt sich dabei nicht uni eine Behinderung legaler politischer Paricipropagnuda, wohl aber wird gegen jede Wühlarbeit, die offensichtlich mir den Zweck verfolgt, die Lei«lcn- »duften der Massen aufzupeitschen, die öffentliche Ruhe und Sidierlieit zu stören, und «Le Festigung «ler Staats״ *utorität zu erschweren, ohne Ansehen der Partei rück- «chtslo* vorgegangen werden.“ Palästina Maßnahmen der englischen Militärverwaltung K. Z. D. Ke englische Militärverwaltung in Palästina gibt bekannt, daß Gesuche wogen Einrcisccrlaubnis nach Palästina umi Syrien (für Verwanilte, die nad» diesen Ländern zurüchkchren wollen) nicht mehr an die Militärverwaltung, oder an die Kanzlei des Militärgouvcmcurs zu richten sind. De Personen, die nach Palästina oder Syrien zürückkehren wollen, haben ihre Gesuche beim britischen Konsul ihres Ortes einzureichen, der dieselben an die entsprechenden In- *tanzen weitergeben wind. m Laut einem Befehl «!es Militärgouvcmcurs von Jcrnsalcm vom 31), Juni 1919 ist cs verboten, die Mietpreise zu erhöhen, Nur nRt schriftlicher Genehmigung der Militärverwaltung ist eine Steigerung zulässig! Uebertretungen werden mit einer Geldstrafe von 50 £ bestraft. Wohniinjjsinietcn Infolge der Steigerungen der Miete 111 Palästina, die bisweilen zu Spekulationen geführt haben, haben sich die;Mieter in einem Mieter-Verein (Agmfath Hascheduimn) organisiert. Sie haben in einer Versammlung gegen die Mietcstcigcrung zu in nächsten Umzugstennin protestiert. Die Miete beträgt jetzt in Tel-Awiw 2—3 £ pro Zimmer im Monat. Andererseits haben sieh auch die Hausbesitzer vereinigt, um für ihre ״Rechte" zu kämpfen. Aus Jerusalem ln Jerusalem bildete sich ein großer Verein unter «fern Namen ״Freunde tler Kinder“, Der Zweck des Vereines ist die Errichtung größerer Spielplätze, wo sich die Kinder nach der Schulzeit von 4 bis 8 Uhr aufhalten sollen. Bei schlechtem Wetter sollen sie in speziell dazu errichteten Baracken spielen. Dem Vcrein wird von der jüdischen Bevölkerung große Sympathie entgcgcngcbrncht; er erhielt zahlreiche Spenden. Die LebcnsmittcJprcise sind in Jerusalem in «ler letzten Zeit gestiegen. Das Kilo Mcfil ist von 2 Frcs auf 3,25 Frcs., das Kilo Zucker von 3,50 Frcs. auf 6 Frcs. (auf Zuckermarkeu) gestiegen. Ohne Zuckerkarten kostet das Kilo Zucker 7,50 Frcs. Dagegen ist der Prei9 für Petroleum sehr, gesunken, da die Reg-en-ng große Petroleummengen zur Verfügung ge-

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