Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 61 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JUDA Redaktion o. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag «.Freitag, Abonn.bei d. Exp. 0. d. Postämtern »iertelj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M. 10,— Nummer 61 Berlin, 29. Vlll. 1919 An«et gen ■Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teaernngszuschfag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 n. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. RedaktionsschluE Sonntag u. Mittwoch nachm, 3 EluI 5679 XXIV. Jahrg. Die große Linie Von Julius Berger Eine Geschichte zu Anfang. Chaim Weizmann hat sie mir in Engelbcrg erzählt. Als er nach seinem vielmonatlichen Aufenthalt in Palästina wieder abreiste und bereits im Auto saß, kamen sehr aufgeregt einige Juden. ״Herr Professor, Sie fahren schon fort?“ ״Ja, ich bin mit meiner Arbeit fertig.“ ״Wieso sind Sie fertig? Nichts ist noch geschehen.“??? ״Sie fahren schon fort, und wir haben nicht einmal Hadassim für Sukkoth!“ ״Wollen Sie, daß ich Ihnen Hadassim verschaffe?“ ״Gewiß, es gibt genug Hadassim in Triest.“ ״Aber, meine Herren, es ist doch Krieg zwischen England und Oesterreich.“ ״Herr Professor, England will uns Palästina geben, und es soll ihm nicht möglich sein, uns Hadassim aus Triest zu verschaffen?“ Wer will, kann diese Geschichte lächerlich finden, wer will, erhaben. Es ist lächerlich, wie liier das •!Große mit dem Kleinen in Verbindung gebracht und vertauscht wird. Es ist erhaben, wie für diese Juden der Begriff der Freiheit und der nationalen Heimstätte in Nichts versinkt vor der Tatsache, daß es nicht möglieh sein soll, die religiöse Pflicht im kleinsten Detail zu erfüllen, ln einer Deklaration nach der anderen, in einer Handlung nach der anderen drückt England, drücken die Mächte ihre feste Absicht aus, Palästina zur nationalen Heimstätte der Juden zu machen. Was bedeutet das dem Juden, der zum erstenmal in seinem Leben Sukkoth in Palästina ohne Hadassim feiern soll? Wir verstehen diese Art des Denkens. Wir wissen, daß sie den Juden ,frei hält von einem Versinken in utopischer Phantastik. Da er die Dinge sieht, ist er den Worten gegenüber mißtrauisch. Er verläßt sich nicht auf die großen Begriffe, er übersetzt sie in ihre realen Erscheinungen. Mit ihnen will er zu tun haben, an ihnen orientiert er sich, sie will er ordnen oder ändern, seine Gesetze sind Gebote und Verbote, und seine Ordaiung drückt sich aus in ganz bestimmten Vorschriften. Diese Fähigkeit, hinter den Worten die Dinge zu »sehen, war uns ein unschätzbares Gut in jenen Zeiten, da wir unsere Existenz zu verteidigen hatten. Sie bewahrte uns davor, die große Linie zu verlieren, auf der ־unser Schicksal uns gegeben* war. An ihrem Faden tasteten wir uns vorwärts durch das Dunkel der Jahrhunderte, eng verknüpft mit dem Vergangenen, eng orientiert von dem Vergangenen. Eine neue Zeit hat begonnen. Neues, Großes sali geschaffen werden, in einer ungeheuren Anstrengung, in einem ungeheuren Wurf soll alte Vergangenheit zu lebendiger Gegenwart gemacht und für eine gedeihliche Zukunft eingerichtet werden. Werden wir die Aufgabe bewältigen, wenn wir nur die Dinge sehen, nur das, was jetzt real in Erscheinung tritt? Die große Linie, auf der wir zu gehen haben, Liegt vor uns. Ein großes Ziel ist vor uns aufgerichtet, werden wir zu ihm gelangen, wenn wir die Schwierigkeiten und Widerstände rechts und links einzeln untersuchen, bei jedem stehen bleiben, jedes werten und abwägen? Es hat manchmal den Anschein, als ob uns die Fähigkeit, groß zu denken, abhanden gekommen ist in der Gewohnheit, das Kleine zu sehen und uns am Kleinen zu messen. Erleben wir jetzt nicht den erhabensten Moment der jüdischen Geschichte? Stehen wir nicht vor Möglichkeiten, so gran- •dios, so kühn, wie sie auch der Gläubigste von uns sich nicht vorstellen konnte, daß sie in seinen Tagen Wirklichkeit Werden sollten? Unser Recht auf Palästina anerkannt, die Möglichkeit uns gewährleistet, jetzt, in unseren Tagen, aus Palästina ein jüdisches Land machen zu können, im Palästina ein jüdisches Volk sein zu können, in Palästina ein jüdisches Leben führen zu können, jeder Tag bringt uns neue Bestätigungen, jeder Tag zeigt uns fester verankert die Zusagen, die man uns gab, alles, was uns immer als Utopie, als Unmöglichkeit vorgehalten wurde, verwirklicht sich oder hat sich bereits verwirklicht. Und was tun wir? Sind ■wir Juden bereit und gerüstet, als geeintes Volk der •ungeheuren Möglichkeit kraftvoll gegenüberzustehen? Hat man bei uns auch nur den Kampf mit dem Zionismus vergessen angesichts der Tatsache, daß er sich durchgerungen hat? Werden nicht die Schwierigkeiten aufgebauscht, die naturgemäß bestehen und bestehen müssen, und sind es nicht jüdische Zeitungen, die immer wieder betonen, — manche mit dem Schein des Bedauerns, manche mit dem offenen Eingeständnis der Freude über die Niederlage der anderen ״Partei“ — daß alles nicht wahr ist, daß wir leichtsinnig sind oder gar Verräter, Uns auf England zu verlassen, daß England gar keine ernsthaften Absichten hat, daß der Zionismus nur ein Vorwand für England ist, daß inan uns in Wahrheit Rechte nicht geben will, daß wir nicht einmal Hadassim haben? Und geht nicht sogar durch die zionistischen Reihen ein Munkeln und ein Greinen, daß es so lange ״Der Zionismus erstrebt für dat jfidisdie Volk die Schaffung einer öffenllich-rechlHth gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. dauert, daß man sich alles größer vorgestellt hat, daß man geglaubt hat, auf einmal ist ein jüdisches Palästina, und jetzt sieht man, daß es nur ein jüdisches Palästina wird, und nicht nur das, daß wir erst das Land sogar selbst dazu machen müssen, und schreibt man nicht schon von Enttäuschung, und ist der Mann nicht schon fast typisch, der das Gold seiner Träume in Kleingeld umgewechselt sieht? Weizmann hat jenen Kleinmütigen neulich geantwertet, wir haben in unserer letzten Nummer darüber berichtet. Er war imstande, den Tatsachen, die wir bisher schon kannten, neue hinzuzufügen, die auch dem Pessimistischsten unter uns Anlaß geben sollten, mit vollem Vertrauen der Entwicklung unserer Sache entgegenzusehen. Die Administration Palästinas, die bisher noch wenig unseren berechtigten Anforderungen entsprach, wird in1 Zukunft dahin gehen, daß sie die Ent- Wicklung des nationalen jüdischen Heims in Palästina begünstigen wird. Die jüdische Heimstätte in Palästina ist, so sagte er, bereits eine politische Tatsache. Wir wissen aus anderen Nachrichten, daß wir in diesen beiden Sätzen nicht bloß eine Redensart zu erblicken haben, daß tatsächlich wichtige Entscheidungen gefallen sind, die uns das Recht geben, zu erwarten, daß die Verwattung Palästinas jetzt schon den Ansprüchen angepaßt werden wird, die wir auf Grund der uns gegebenen Zusagen zu stellen berechtigt sind. Ein erstes Zeichen dieser neuen Entwicklung mögen wir in der Nachricht der heutigen Nummer erblicken, wonach von jetzt ab die hebräische Sprache in Palästina als eine der offiziellen Sprachen des Landes anerkannt ist, in der mit den Behörden verkehrt werden kann. Wir haben nicht den geringsten Zweifel, daß sehr bald weitere Zeichen werden sichtbar werden. Es ist gewiß gegen Kritik nichts einzuwenden, und mit dem Wachstum unserer Aufgaben wird sie nötiger und muß sie lebendiger sein als je. Aber sie darf nicht die große Linie aus dem Auge verlieren, sie darf nicht vergessen, daß tatsächlich Ungeheures bereits gesch ilien ist. Sind sich denn jene, denen alles zu lange dauert, klar.!darüber, was mit uns bereits vor sich gegangen ist? Haben wir Juden denn wirklich soviel dazu beigetragen, um die Entwicklung zu beschleunigen? Wo sind denn unsere großen Leistungen zu dem Zwecke, Palästina heute schon jüdisch zu machen? Was haben wir denn in den Jahren des Krieges getan, um es jenen, die die Entwicklung leiteten, leicht zu machen, das jüdische Palästina zu erlangen? Wir sehen ja, was die anderen Völker enormes tun mußten, um ihre Anerkemutng zu erringen, Wie sie ihr Blut verspritzt haben, wie sie ihr Letztes opfern mußten, und wie sie es gern und willig gegeben haben, um letzten Endes zunächst auch nicht mehr zu erreichen als das, was wir schon haben. Haben wir denn so geeint dahinter gestanden, waren wir nicht und sind wir nicht heute noch zerrissen und zerspalten, und streiten wir uns nicht in diesem Augenblick in Palästina um das Frauenwahlrecht herum, und zeigen sich nicht dieselben, die so enttäuscht sind von dein, was wir bereits in Palästina erlangen konnten, als unfähig, auch jetzt, in diesem Moment sogar, eine einheitliche Front herzustellen? Haben wir, um ein anderes Beispiel zu nehmen, auch nur das bißchen Geld, die lumpigen Millionen beigesteuert, die notwendig sind, das große Werk auch nur zu beginnen, geschweige es schnell zu vollenden? Vergessen wir nicht die große Linie, verlieren wir uns nicht in die Kleinheit der Dinge! Denken wir an das Große, das wir wollen und seien wir uns bewußt des Großen, das mit uns vorgeht. Wenn unsere jüdischen Gegner uns unsere Erfolge neiden, wenn sie ein antizionistischer Verein bleiben wollen, habeant sibi! Wir müssen heraus aus der Enge des Vereins, aus der Kleinheit des Tages. Wir müssen uns erweisen als politischer Organismus, als geschlossenes Volk, zu groß, zu stark, zu selbstsicher, um sich von den Widrigkeiten des Weges von seinem Ziele abbringen, um seinen erhabenen Geist sich in die Kleinheit der Dinge verstricken zu lassen. Vertrauen wir nicht zu sehr darauf, daß es uns i Juden gegeben ist, aus dem Lächerlichen etwas Erhabenes zu machen, auch das Umgekehrte könnte sich , einmal ereignen. ' Eine kleine Geschichte zum Schluß. Doktor Soloweitschrk, der litauische Minister für jüdische Angelegenheilen, hat sie uns erzählt: Der litauische Ministerpräsident konnte sich nicht ohne weiteres gewöhnen an die Tatsache, daß es jüdische Angelegenheiten und einen Minister für jüdische Angelegenheiten gab. Auch er kannte nur Angelegenheiten der Juden. Bei der Verteilung der verschiedenen Eingaben, Beschwerden, Wünsche usw. auf die einzelnen Ressorts sammelte er die, die von Juden herkamen und wollte sie dem Minister für jüdische Angelegenheiten zur Erledigung überreichen. ״Ich warf sie vom Tisch“, sagte Dr. Solowcitschik, ״und erklärte: Diese Beschwerden usw. gehören in das Ressort des Justizministers oder des Ministers des Innern. Ich bin der Minister für die Angelegenheiten des jüdischen Volkes, nicht für die der Juden.“ Und er fügte hinzu, daß der Ministerpräsident schließlich diesen Standpunkt anerkannt habe, aber daß es genug Juden gibt, die jetzt nicht mehr begreifen, wozu man dann überhaupt einen jüdischen Minister braucht. Solange nicht der Standpunkt Soloweitschiks die Richtlinie des politischen Denkens des jüdischen Volkes sein wird, werden wir Hadassim haben, und nicht das jüdische Palästina, Warburg, Hantke, Ruppin in London Die Sitzung des A.-C. vertagt Die bereits angekündigte Sitzung des Großen Actions-Comites in London mußte verlegt werfen. Dagegen haben sich die Herren Prof. Warburg, Dr. Hantke und Dr. Ruppin zu wichtigen Besprechungen nach London begeben. Hebräisch offizielle Sprache K. Z. B. Die Britische Okkupationsbehörde in Pa־ lästina erließ eine Verordnung, wonach der Gebrauch der hebräischen, der englischen, der französischen und der arabischen Sprache für offizielle Angelegenheiten festgesetzt ist. Die amerikanische Kommission über den Minsker Pogrom Die ״Wiener Morgenzeitung“ veröffentlicht ein Tele* gramm ihres Warschauer Berichterstatters über den Berieht, den die Morgenthaukommission über die Vorgänge in Minsk erstattet hat. Daraus geht hervor, daß General Jadwin in einer ziemlich langen Darstellung zwar die Zuvorkommenheit des polnischen Komma«־ damten ■und des Zivilgouverneurs gegenüber den Jude» anerkannt habe, aber sachlich die Pegromuaehridhte»« durchaus bestätigt. Er gibt zu, daß 95 0/0 der 376 geplünderten Geschäfte Juden gehörten, daß von 31 erschossenen Juden nur 8 während der Straßenkämpfe getötet wurden, während der Rest aus militärisch nicht genügend entschuldbaren Gründen getötet wurden. Der Grund der Pogrome hätte in der Tatsache gelegen, daß die meiste! Soldatenabteilungen keine Offiziere hatten und daß die polnischen Soldaten alle Juden des Bolschewismus beschuldigten.; Die polnische Telegraphenagentur verbreitete inzwischen ein Dementi, wonach alte Mitteilungen der Warschauer jüdischen Zeitungen über Pogrome in Minsk aus der Luft gegriffen sind. Man wird diesem Dementi kaum glauben schenken können, nachdem sowohl der jüdische Bericht, wie der der amerikanischen Kommission den Pogrom auch in seinen Einzelheiten im wesentlichen gleich darstellen. « Entsetzlicher Pogrom in Shmerinka Eine Depesche aus Lemberg besagt, daß vährend der Eroberung des Knotenpunkts Shmerinka durch die Ukrainer ein entsetzlicher Judenpogrom stattgefunden hat. Der Pogrom wurde durch die Legende verursacht, daß die Juden Freunde der Bolschewik! seien. Selbst Frauen und Kinder wurden nicht verschont. Die Depesche gibt die Zahl von 450 ermordeten Juden an. B. S. und Austriacus Lichtheini hat sich bereits mit dem Artikel von Austriacus io den K. C.-Biätlerri auseinandergesetzt. Dieser Artikel hat inzwischen weitere Kreise gezogen. Er hat B. S., den Verfasser der ״Jüdischen Rundschau“ der Centralvereins-Zeitschrift veranlaßt, nach einer lobende« Wie :!ergäbe von Austriacus’ Gedankengängen die Mitarbeitdcs Cent ral Vereins in Palästina zu fordern, um den ״falschen zionistischen Methoden“ nicht die ganze Arbeit zu überlassen. Wir freuen uns, daß das ״Deutsche Reich“ 1:ac!1 soviel Bedenken endlich sich der Anschauung des Centralvereinsvorstandes über die Notwendigkeit positiver Mitarbeit am Aufbau Fallstinas angeschlossen hat. Wir erwarten, daß nunmehr in den Kreisen des Centralvereins die Debatte über die Methode« palästinensischer Kolonisation beginnt tina die Debatte über die Notwendigkeit dieser Kolonisation geschlossen wird. Uebrigens hat sich in den Kreisen der deutschen AssimiLanten eine merkwürdige Einheitlichkeit nicht nur der Gedanken, sondern sogar des Stils herausgebildet. Liest inan die Artikel von B. S., von , Austriacus, von einem ״Oesterreicher“, so könnte mm : fast glauben, sie stammten von demselben Autor.