Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 59 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652194--12443-2670077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion 0. Verlag W, 15, Sächsisdie Str 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Abonn.be! d. Exp. u. d Postämtern viertel], M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr. 12, i Ausland M 10,— Nummer 59 Berlin, 22 Vill 1910 Anxelgen-Verwiltung: Welt ״Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene NonpareiOezeile 75 Pf., Teuerungsruschlag 20°/0. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag a. Mittwoch nachm, 26 Ab 5679 ן XXIV. Jehr& Der Anteil des Zionismus an der Palästinakolonisation Von R. Lichtheim. In Nr. 3/6 der ״K. C.-Blätter“, der Monatsschrift des bekannten studentischen Verbandes, der die Weltanschauutig der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens vertritt, findet sich ein Aufsatz von ״Austriacus“ über den ״Zionismus und die landwirtschaftliche Be- Siedlung Palästinas durch Juden“. Die Redaktion der ״K. C.-Blätter“ versichert in einer Anmerkung, daß es ein informatorischer Artikel sei und daß er von einem berufenen Sachkenner stamme, ln Wahrheit handelt es sich um eine höchst unsachliche Darstellung, deren Mangel an Objektivität sich schon durch die grobe Gehässigkeit des Stils verrät. Wir nehmen an, daß sich unter den Mitgliedern des K. C. auch solche befinden, die in der Verhöhnumg und Herabsetzung des Gegners, in plumper Ent- Stellung und Verschweigung bekannter Tatsachen keine genügende Information über den Zionismus erblicken, vielmehr den ehrlichen Wunsch haben, über diese Bewegung und die Palästinakotoiiisation die Wahrheit zu erfahren. Solchen ehrlichen Gegnern zuliebe sei hier dem Aufsatz von Austriacus eine Erwidern:]״ gewidmet, die einem Solchen Produkt bedenkenfreieg• Parteijournalistik im Grunde nicht gebührt. Auch den über die zionistische Bewegung wenig unterrichteten Lesern der ״K, C.-Blätter“ dürfte es auffallen, daß ein anonymer Autor den Versuch unternimmt, den Zionismus nicht als solchen — d. h. als Tendenz Oder Auffassung — sondern in seiner praktischen Aus- Wirkung als kolonisatorische Bewegung anzugreifen. Auch der Gegner des Zionismus wird vernünftigerweise annehmen, daß die Zionisten sich bemüht haben und bemühen weiden, die Ansiedlung vap Juden in Palästina zu fördern. Wenn uns ein ehrlicher Freund der Paläsänäkokmisation zu zeigen vermag, daß wir bei unseren kolonisatorischen Versuchen falsche Wege eingeschlagen haben, daß wir dies •oder jenes hätten besser machen können, so müßten wir für solche Kritik dankbar sein. Darum aber handelt es sich bei Austriacus nicht. Er will seinem Publikum ^inreden, daß die Zionistische Organisation in Palästina überhaupt nichts nennenswertes geleistet habe u«! da ß tef jhres׳Schnief sei,, wenn das Koloiusat&onswerik nicht besser vorwärts kam. Austriacus schreibt: ״Die Haupthindernisse der Entwicklung der palästinensisch■:« Kolonisation liegen in dem G rund ged anken und den Methoden des Zionismus“*), und feiner ״Der An teil des eigentlichen Ziomismus, nämlich der von Herzl 1897 angefachten Bewegung, schrumpft in nichts zu sam men“.*) Wir werden sehen, durch welche aberwitzigen Konstrukttonen Austriacus diese Behauptungen zu stützen sucht. Austriacus bedient sich zunächst des Tri dis, den agitatorische« Aufwand des Zionismus in Gegensatz zu der» verhältnismäßig geringen kolonisatorischen Fortschritten in Palästina zu stellen. Er rühmt .die Ica, an deren Spitze nur ״einige wenige Männer stehen“ und spottet über die Leistungen der zionistischen ״Welt- Organisation“, die seit 20 Jahren, den Gesprächsstoff aller jüdischen Kreise bilde, elf weltberühmte Kongresse abgehalten habe und deren Idee ,^zahlreiche Verbände und Institutionen mit bedeutsamen Titeln“ dienen. Dabei vergißt Austriacus nur die nicht unerhebliche Tatsache mitzuteilen, daß der Ica-Verwaltung hunderte von Millionen für kolonisatorische Zwecke zur Verfügung standen, während die Mittel des Zionismus bisher viel zu gering waren, um ein größeres Kotanisaäonswetk zu leisten. Es gefällt Austriacus, in diesem Zusammenhang unsere Mittel ״sehr bedeutend“ zu finden. Er erwähnt Schekel und National fonds, ״dessen jährliche Einnahmen sich in der letzten Zeit auf mehr als eine Million Mark beliefen.“ Daß man mit solchen Beträgen — ja selbst mit einem mehrfach® dieser Beträge — nicht in großem Stil kolonisieren kann, begreift wohl auch der Laie. Die agitatorischen Anstrengungen der Zionistischen Organisation hatten ja unter andern» gerade den Zweck, die Juden der ganzen Welt für die Besiedlung Palästinas zu interessieren, um so die erforderlichen großen Mittel zu beschaffen. Die unmittelbare Absicht bei Gründung der Zionistischen Organisation war, wie 'Austriacus wissen müßte, nicht die sofortige Aufnahme der Kolonisation, sondern •die Bildung eines durch Mittel und Anhängerschaft starken jüdischen Verbandes, der die politischen Vorbedingungen einer systematischen Kolomsation schaffen sollte. Daß dieser politische Grundgedanke Herds sich nicht sogleich verwirklichte, ist zutreffend. Die Gleichgültigkeit und die Feindschaft der Juden selbst, insbesondere de^ besitzenden Kreise Westeuropas und Amerikas,״hinderten das Wachstum der Organisation, und die politischen Verhältnisse boten zunächst unüberwindliche Schwierigkeiten. Aber der Ge- ״Der Zionismus erstrebt für das JfidUdie Volk die Schaffung einer df.'enllidh-rcchiUdi gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Im Orginal gesperrt. danke selbst war richtig und fruchtbar, wie die jetzigen Ereignisse beweisen. Es war begreiflich, daß Herzls politische und organisatorische Pläne in den ersten Jahren das Denken und Tun des Führers und seiner Mitarbeiter ganz erfüllten. Als aber die ,Hoffnungen sich nicht so rasch verwirklichten, (Vollzog ^d» die Synthese des ״politischen“ und dem ״praktischen‘■:‘ Zionismus: Die Organisation beteiligte sich in ständig wachsendem Maße an der Kolonisation Palästinas1, in der richtigen Erkenntnis, daß die Kolonisation eines Landes ein Vorgang ist, der nicht je nach der politischen Konjunktur abgebrochen oder vertagt werden kann, »011den! auch Unter ungünstigen Bedingungen ständig fortgeführt werden muß, und ferner in der Erkenntnis, daß jede sichtbare kolonisatorische Leistung geeignet war, auch den politischen Kredit der Bewegung zu stärken. Niemand beklagt sich mehr als wir, daß die Mittel, die uns dabei zur Verfügung standen, gering waren. Aber es ist doch der Gipfel der Unverfrorenheit, wenn die Feinde des Zionismus, die unsere Sache stets bekämpft und die Mittel zu ihrer Verwirklichung verweigert haben, ans heute vorwerfen, daß unsere Leistungen in Palästina unbedeutend seien. Von dieser Seite dürfen wir uns jede Kritik unserer Palästinaarb&it verbitten. Es kennzeichnet Herrn Austriacus, daß er unseren Geldmangel, den er beim Vergleich unserer Organisation mit der lea nicht nur verschweigt, sondern in ״sehr bedeutende Geldmittel“ verwandelt, an anderer Stelle mit hämischer Genugtuung verzeichnet: ״Den Charter schätzte n:::c! auf der Hohen Pforte seinem vollen Werte nach ein, und erbot sich, ihn an Herzl auszühändij gen, gegen die Summe vom fünfzehn Millionen j Rübe 1. Ein wahrer Spottpreis für ein so weltbedeu- 1 tendes Dokument! Aber Herzl hatte nicht ein einziges j Milliönchen zur Verfügung! Es war ein Jammer.“ Diese Darstellung ist zwar falsch* denn so billig war der Charter nicht zu haben, aber es Jst dotih lehrreich zu sehen, wie Herrn Schmock alle Mittel der Beweisführung recht sind. Von den» Nationalfonds, ״dessen jährliche Einnahmen s|d1 in der letzten Z9H auf mehr als'׳ eine Miilkto' llmk'iie-Meftia“, wttnÄ’*r«r ׳nÄÄä'4;a*;t striacus gar gewaltigjiäfte kolonisieren müssen, heißt es am Schlüsse der. Artikel׳:,. •ja« er ״ia dt» 16 Jahren seines Bestehens kaum drei Millionen Mark zu־ rücklegen“ konnte, und zwar deshalb, weil ״der weitaus größte Teil“ der Einnahmen für Agitationsredner Reisen, Broschüren usw. verausgabt würde. Hier hat der Herr Sachkenner ganz einfach geschwindelt: Das Vermögen des Nationalfoadis beträgt über 10 Millionen Franks, wovon die Hälfte in Palästina investiert ist, die Spesen betragen, noch nicht V5 dei Einnahmen. A11 dieser Stelle soll aber der Geldmangel des Nationalfonds zum Beweis dafür!dienen, daß die zionistischen Kolonisationspläne undurchführbar seien. Es sind 11 ämlieh «ach Austriacus mit einem Male dreißig t{d i 1 - Harden Mark erforderlich, und derselbe Nationalfonds, der vorher mit seinen ״bedeutenden Einnahmen“ von 1 Million Mark so viel mehr hätte leisten soUen, kann in Zukunft (obwohl seine Mittel jetzt viel größer sind, als Austriacus wahr haben will) gar nichts in Palästina anfangen, weil er nicht 30 Milliarden besitzt! — Das zweite Hindernis, das sich neben dem Mangel an Mitteln bisher der Kolonisation in den Weg stellte, das politische Hindernis nämlich, übergeht Austriacus bei der Würdigimg der zionistischen Palästinaarbeit völlig mit Stillschweigen. Das Mißtrauen der Türkei, die Schwierigkeit®, die uns von der- Verwaltung auf Schritt und Tritt bereitet wurden, die Unsicherheit des Landes, die Mängel der Gesetzgebung und Rechtsprechung — all diese Flemmnisse werden nicht erwähnt, wo es gilt, die zionistische Tätigkeit herabzusetzen. Jeder wirkliche Sachkenner weiß, daß der Geldmangel und die politisch-rechtliche Lage in der Türkei bisher eine großzügige Kolonisation verhindert haben. Das ist die einfache Wahrheit. Wir dürfen hoffen, daß in Zukunft diese Hchimungen nicht mehr bestehen werden, die zu unserem großen Leidwesen unsere Arbeit in Palästina beeinträchtigt haben. Wir selbst betrachten die Ergebnisse dieser Arbeit nttr als Anfänge, zum Teil nur ab Versuche, die an sich wertvoll und notwendig waren. Ke Kolonisation eines Landes ist eine so schwierige Aufgabe, daß niemand das Recht hätte, unsere Leistungen gering zu achten, auch wenn wir mehr Geld zur Verfügung und günstigere politische Bedingungen gehabt hätten. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen ' i־• zu ringen hatten, sind nämlich du: Ergebnisse unserer Arbeit in den 10 Jahreir seit der Gründung des zionistischen Palästinaamtes weit bedeutender! als Austriacus glauben machen will. Es sei nur an das Wirken unserer Palästinabank, an die Gründung der N. - F. - F a r in er!, die Erschließung wichtiger Lands trecken am Kinereth-See und in der Ebene Jesreel, die Einrichtung der neuen Stadtviertel in Jaffa, Jerusalem und Haifa, die Schaffung eines hebräischen Schulwesens, den Bau von Arbei terhäuser« und den Bezale! erinnert. 1 :.:er an das von uns während des Kriege« •!rganisierte ir.n, geleitete Hilfswerk, das die Koiouien vor den! Untergang gerettet hat, an den p o! i t i s c!1 e 11 Schutz, de« die zionistische Organisation bei den Regierungen für die schwer bedrohte jüdische ti«- völkeruug Palästinas erwirkte, endlich an die v :11 Zionismus ausgehende Belebung des Palästinagedankens in der ganzen Welt, die die Voraus- Setzung für unsere jetzigen politischen Erfolge wrir und die Voraussetzung für die geplante große Kolonisation ist. Angesichts dieser mit geringen Mitteln und unter größten Scliwierigketen vollbrachten Leistungen schrumpft nicht ״der Anteil des eigentlichen Zionismus“, sondern der Angriff des Herrn Austriacus in nichts zusainm®. Soviel über die tatsächlichen Leistungen der Zionistischen Organisation im Verhältnis zu ihren Mitteln. Nun zur zweiten Hauptthese des Herrn Austriacus, den ״Methoden des Zionismus“, die das ״Haupthinder- «is der Entwicklung“ gewesen sein sollen. Wiederum gerät Austriacus bei seiner angeblichen Beweisführung־ in ein Netz von Widersprüchen, die er dem Leser dadurch undeutlich macht, daß er sie durch lange, mit Namen und Zahlen gespickte historische Exkurse trennt, damit die feindselige Tendenz hinter scheinbarer wissenschaftiieher Genauigkeit und Sachkenntnis verschwindet. Da ״der Anteil des eigentlichen Zionismus“ an der Kolonisation ״in nichts zusammenschrumpft“, 90 sind wir sehr begierig zu erfahren, wer eigentlich das Verdienst an der Entwicklung der heute bestehenden vierzig jüdisehen Dörfer in Palästina hat und jvie es kam, daß zugleich der ״Grundgedanke“ und die ״Methoden“ des Zionismus die Entwicklung hindern konnten. Das Verdünnst um die Kolonisation gebührt nach Austriacus der Ica. Man höre: ״Im Jahre 1899 übernahm die Ica ... . die Verwaltung; .... tfe Vervvaltung der Ica sanierte nicht nur die alten bÄehenden Kolonien, denen der Atem auszugehen drohte, sondern erweiterte den Landbau, stellte ihn auf eine gesunde Basis, erwarb neue Terrains hinzu, führte langsam eine geordnete Wirtschaft ein, gründete acht weitere Kolotuen, darunter, eine Mustejfarm, aus ,defc ttAtjge» junge *l;pdwlrte ״heÄlfglslÄiti ■; «&׳ ' pkle .tlw'iäfe das Gedeih® pallstintinsismer RÖionjen. . . . . Die eigentliche A n s i e d 1 un gsa rbei t besorgt also die Ica.“*) Zunächst einige Richtigstellung®: Während Austriacus mit Unrecht bestreitet, daß die Zionistische Organ»־ sation in Palästina etwas geleistet habe, übertreibt er den Anteil der Ica ganz gewaltig. Richtig ist, daß iin Jabje 1899 die mangelhafte Rothschildsche Verwaltung auf Vorstellungen der Kolonist® durch eine neue Verwal״ tang abgelöst wurde, die aber nicht einfach mit der Ica-Verwaltung identisch ist Vielmehr wurde in Paris aus Vertretern der Ica und des Barons Rothschild eine gemischte Kommission gebildet, die die Verwaltung der Kolonien übernahm. Die Ica selbst fiat keinerlei kolonisatorische Tätigkeit in Palästina entfaltet. Sic hat ihren Administrationsapparat zur Verfügung gestellt, aber die Gelder zur Fortführung des Kolonisationswerkes, zum Erwerb neuer Ländereien, wurden nach wie vor vom Baron Rothschild gegeben. Herrn Austriacus mag diese Tatsache unbequem sein, da Baron Rothschild kein Gegner, sondern schon vor dem Kriege ein Freund des Zionismus war, dessen segensreiche Tätigkeit er bei seiner letzten Palästinareise erkannte und anerkannte und den er heute auch formell unterstützt. Wäre aber die Austriacus-Darstellung richtig, hätte wirklich die Ica seit zwanzig Jahren das Kolonisation»- werk geleitet und gefördert, so begreift man nicht, weshalb Austriacus seine Beschwerden über die geringen Resultate der Arbeit nicht an die Adresse der Ica richtet, die doch, nach ihm ״das eigentliche Ansied״ lungswerk besorgt“, sondern den Zionismus dafür verantwortlich macht. Nachdem er den Kolonisten für ihre ״wahrhaft bewundernswerte Leistung“ Lob gespendet hat, erklärt er nämlich tadelnd: ״Allein, es Hätten ihrer jetzt schon zehn- oder fünfzehnmal soviel sein können, wären nicht die falschen Theorien und Methoden, nach denen die Kolonisationstätigkeit geführt wurde“ Von wem geführt wurde? Von der Ica, die seit 20 Jahr® ״die eigentliche Ansiedlungsarbeit besorgt“? Bewahre! Vom Zionismus natürlich, dessen Anteil an dem Kolonisationswerk einige Seiten vorher ״in nichts zusammengeschrümpft“ war. Wie ist das möglich? Vielleicht haben die bösen Zionisten durch ihre ״zahlreichen Verbände und Instituüouen mit bedeutsamen Titeln“ ein® so unheilvollen Einfluß in Palästina ausgeübt, daß die vorzüglichen Absichten der Ica dar® zunichte wurden? *) lm Original gesperrt. J