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Jüdische Rundschau · 1919-08-15 · Heft 57 (15.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 57 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDAICA JÜDISCHE RUNDSCHÄ! Redaktion n. Verlag W, 15, Säduisdie Str. 8. Erscheint jeden Dienstagu. Freitag, Abonn.bei d. Exp. a. 4. Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M.10,— *Nummef 57 j BerUn^"15. VI 11■ 191V Aa «elf» Verwalt wag: Veit-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraSa 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 a. 4815. Anxeigenprei s für die ■echsgespaltene NonpareiMeaeile 75 Pf., Tenernngazuschlaf 20%. Telephon: Amt Uhland 845 n. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdheckkoato Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u, Mittwoch nachm. 19. Ab 5679 I XXIV. JahrgT Der Aufbau des Landes Israel Dr. Ruppins Buch4‘) Von Dr. Elias Auerbach, Haifa. Fast über Nacht ist die Erfüllung der zweitausendjährigen jüdischen Sehnsucht nach Paläfetina in greifbare Nähe gerückt, und der 22 jährigen politischen Arbeit!der zionistischen Bewegung ist so plötzlich ein ungeahnter Erfolg beschieden worden, daß zur Ausreifung wohldurchdachtcr Pläne für den Aufbau des Landes Israel kaum Zeit gegeben ist. Zwar sind zahllose Projekte aus dem Boden geschossen, und jeder Einezline, der etwas ai sagen hat, hält!die Zeit für gekommen, um Seine politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lieblings- Ideen auf diesem Neuland des jüdischen Palästina Wirklichkeit werden zu lassen; aber alle diese Anregungen sind zunächst ohne Zusammenhang miteinander, fast alle ohne Rücksicht auf den Gesamtbau und ohne Ueberblick über die gegebenen Grundlagen und Möglichkeiten, und die in den Menschen und Mitteln liegenden Begrenzungen. Ein Gesamtplan des Aufbaues, der notwendig ist, auCh wenn er lückenhaft und kritikbedürftig ist, kann nur aus einem Kopfe hervqrgehen. Wer ist berufener, einen solchen Gesamtplan eu geben,!als Dr. Ruppin, der Leiter des zionistisChen Koiönisationswerkes in Palästina im vergangenen Jahrzehnt, der beste Kenner des Wirtgdiaftslebens, insbesondere des jüdischen Wirtsdhaftsiebem Palästinas und aller Schichten des jüdischen Menschenmaterials, das für den Aufbau in Betracht kommt? Alle Welt erwartete von Rupp i n ein solches Programm der zukünftigen Arbeit, ein wenigstens; in den Grundzügen utnrissenes Bild des Neuen Palästina, das uns Uebrigen schön wie ein Ideal, aber auch nur nebelhaft wie ein Ideal vorschwebte. Ruppin hat diese schwere Aufgäbe glänzend gelöst. Sein Buch vom Aufbau des Landes Israel wird ein historisches Dokument des Zionismus bleiben; es zeigt uns, was ein führender Geist der Bewegung gewollt und in diesem Augenblick für erreichbar gehalten hat, es wird uns nach einem Menschenalter ein Prüfstein dafür sein, ob unser Können hinter unserem Wollen zurückgeblieben ist und wo die wirkliche Entwicklung unsere Erwartungen übertroffen hat. Ruppins Werk ist, wie alle seine früheren, Von einer außerordentlichen Klarheit und einer unbeirrbaren Sachlichkeit, es verbindet eine umfassende Weite des Blickes mit erstaunlicher Durchdringung im Einzelnen, Ausspannung größter Rahmen mit lebendigster Erfassung des Gegenstündlichen. Von seiner Fülle ,kann auch eine Inhaltsangabe kein Bild vermitteln; man muß es lesen, wieder lesen, durcharbeiten, immer wieder durcharbeiten. Vielleicht das beste am diesem Buch ist die Art, wie Ruppin bei Viel und hitzig erörterten Problemen als über!der Sache Stehender mit wenigen Worten, ohne viel Polemik, Wesentlichstes sagt. Hierzu gehört seine Auseinandersetzung über die schematischen Konstruktionen Ballods, über das Tempo der Siedlungsarbeit und!die notwendigen Vorbereitungen (S. 110—112). Meisterhaft, obwohl in den einleitenden Gedanken anfechtbar, ist auch die Darstellung des Araber-Problems (S. 124—135). Ruppins Behandlung der schwierigen Landaibeiterfrage (S. 260—275) gibt in ihrem völligen Freisein von jeder Einseitigkeit und ihrem warmen sozialen Verständnis w-ohl den einzigen Weg, auf dem eine Lösung zu finden sein wird. Und was er in wenigen Worten über Sozialisierung von Betrieben (S. 150—153) sagt, ist von solcher Allge- »neingüttigkeit und Ueberzeugungskraft, daß der ernste Leser mehr daraus lernt als aus wortreichen Abhandlungen, in denen Sozialisierung meist ein schemenhaftes Schlagwort der Tagesmode ist. Lest, ich wiederhole es, lest alle dieses Buch; fast auf jeder Seite werdet ihr das befreiende Gefühl der Klärung und Bereicherung empfinden können. Aber gerade ein Mann vom Schlage Ruppins wird nicht davon erbaut sein, wenn man sein Buch nur mit überschwänglichen Worten lobt. Ihm ist *) Der Aufbau des Landes Israel. Ziele und Wege jüdischer Siedlungsarbeit in Palästina. Von Dr. Arthur Ruppin. 1919. jüdischer Verlag, Berlin. 311 S., 8®. ״Der Ziomitmu* erstreb! ffir das jüdische V«tk die Schaffung einer ßllenilidi-redtilidi geiidierien Heimstätte in Paifiitina.“ Baseler Programm. mehr gedient mit einer sachlichen Kritik und Hinweisen auf schwächere Stellen und auf Lücken. Sein beweglicher und rastlos lernender Geist wird nicht an einmal Geschriebenem starr festhalten. So will es uns scheinen, daß Ruppin unter dem Einfluß der jetzt abgeschlossenen Kolonisationsepoche an einige!der neuen Ideen, die für die zukünftige Arbeit grundlegend sein werden, gar zu zögernd herangeht. Das gilt in der Frage der Nationalisierung des Bodens, lieber das Prinzip braucht heute kaum!mehr diskutiert zu werden. Seine Durchführung ist nicht nur eine moralische Notwendigkeit, sondern auch die zweckmäßigste, vielleicht sogar die einzig mögliche Grundlage einer großzügigen Siedlung. Auch kapitalistische Kreise haben sich bereits mit ihm abgefunden, und wir glauben, daß in keinem Falle bei der Zuteilung neuen Bodens von ihm abgegangen werden soll. Ruppins Bedenken in dieser Richtung erscheinen übertrieben. Der praktische Verstand der Siedler, auch derer mit Kapital, wird׳ ohne weiteres begreifen, daß der Wegfall des Bodenpreises eine Erleichterung ihrer Ansiedlung bedeutet, und daß die Dauersicherung ihres Besitzredhtes durch die Erbpacht eine noch festere ist als durch den Kauferwerb. Trotzdem kann der Nationalfonds erhebliche flüssige Mittel dadurch frei erhalten, daß bei der Zuteilung von Boden oberhalb einer Minimalgrenze (und umterha’b einer Höchstgrenze) die Kapitalablösung eines Teiles der Erbpacht durch bemittelte Siedler festgelegt wird. Auch die Ueberführung des bisherigen jüdischen Landbesitzes in National-Eigentum dürfte sich verhältnfemüßig rasch und leiebt vollziehen, wenp jaur den bisherigen Eigentümern, durch gesetzliche Maßnahmen jede spekulative ״Verwertung“ ihres Bode ns abgeschnitten wird. Die kapitalkräftige und mit Vorrechten ausgestattete Jüdische Kolonisationsgeseltschaft hat genug Vorteile und Benachteiligungen als Machtmittel in ihrer Hand, um hier einen sanften Druck auszuüben. Und die Ablösung seines Bodens bietet dem Kolonisten eine Barsumme, deren Lockung unwiderstehlich sein wird. Die hierzu nötig׳en Mittel (Ruppin schätzt den Bodenwert der heutigen Kolonien auf nur 17 Mill. Francs) sind im Vergleich zu den Gesamtmitteln, die der Bodenerwerb erfordern wird, recht unbedeutend. Audi das Bedenken von Soskin, daß die Nationalisierung des jüdischen Bodens ohne die des arabischen zu einer schweren Ausbeutung durch die Araber führen wird, gilt nur, wenn wir aus Mangel an Siedlungsland bald von den Arabern Land kaufen müssen; das dürfte aber bei gesChickter Ausnutzung der heute staatsrechtlich gegebenen Möglichkeiten für lange Zeit hinaus nicht der Fall sein. Die Nationalisierung des jüdischen Bodens muß also mutig, entschieden und lückenlos durchgeführt werden. Ihre Hauptschwierigkeiten liegen anderswo, in der Zuteilung des Landmaßes und in den Problemen der Beleihung. Im Zusammenhang hiermit kann auch gesagt werden, daß die Probleme der städtischen Siedlung und der Anlage jüdischer Stadtviertel bei Ruppin etwas zu kurz gekommen sind. Ruppin ist wohl auch hier noch sehr in! Banne der kleinen Verhältnisse der Vergangenheit. Die große Volkswirtschaftliehe Bedeutung der städtischen Siedlung liegt aber darin, daß hier die Spekulation ihren fruchtbarsten Boden findet und von hier aus auch auf das flache Land übergreifen wird, wenn nicht von vornherein in den Städten eine gesunde Entwicklung herbeigeführt wird. Wir sind nicht der Meinung Ruppins (S. 123), daß die jetzt in öffentlichem jüdischen Besitz befindlichen städtischen Böden zur Sicherung einer solchen Entwicklung gcnügen. Eine Terrainspekulation wird vielmehr nur dann ausgeschaltet werden können, wem der J. N. F. in den Städten dauernd genügend freies Land für Bauzwecke zur Verfügung hält, um eine Platznot immöglich zu machen. Auch hier muß rasch zugegriffen werden; gestützt auf das zurzeit bestehende Verbot privater Landkäufe muß die Jüdisehe Kolonjsationsgesellschaft sich sofort Terrains am Rande der Städte auf weite Sicht verschaffe«. Genaue Pläne für eine praktische Verwendung des Erbbaurechts zur Anlage von jüdischen Stadtvierteln und zur Verhinderung von städtischer Boden- und Mietsspekulation müssen rasch ausgearbeitet werden. Sie sind ebenso wichtig wie Pläne für Pf lau- Zungsgesellschaften; das lehrt der mißglückte Versuch von Tel-Awiw. — Nicht recht verständlich und sicher wohl auch geschäftlich nicht haltbar ist hier Ruppins Anschauung (S. 288), daß, städtischer Baukredit von der zu gründenden Hypothekenbank nur;an feoldie Personen gegeben! werde» soll, ״die über genügende eigene Mittel nicht verfügen“. Was heißt das? ״Kredit“ wird sonst gerade an ״Kreditfähige“ gegeben. Auch der etwas Bemitteitere, der Geld Zum Hausbau hat, wird dieses, wenn er keinen Baukredit bekommt, natürlich I» ein Geschäft stecken und lieber dem Araber oder Juden eine wucherische Miete zahlen, anstatt sich durch den Hausbau von seinen! begrenzten Mitteln zu entblößen. Damit würden wir nur der Spckulation in die Hände arbeiten. Ich muß es mir versagen, liier die Aufsteths*• gen Ruppins. über die für das große Kolonisationswerk erforderlichen Mittel zu analysieren; das wird auch meist die Aufgabe von Sachverständigen der Kolonisation und des Finanzwesens sein. Ich will nur ein Gebiet streifen, das mir besonder« nahe liegt, das der sanitären Arbeiten, weil hier, die erforderlichen Mittel bedeutend unterschätz sind. Ruppin setzt (S. 306) für Bau und Elarkhtung der Wolilfahrtsinstitute (wozu auß^r Kraukenhäusern auch Waisenhäuser, Altersheime, Volk»• küchen usw. gehören) im ersten Jahrzehnt 5 Mill. Francs an. Nun zeigt aber eine genauere Auf- Stellung, daß allein für Krankenanstalten und alleia im ersten Jahrfünft, bei Beschränkung auf das Notwendigste, schon wenigstens 10 Millionen gebtaucht werden; mit Einschluß der Seuchenbekäreiff» fung, der Unterhaltungskosten der Krankenanstalten wenigstens 25 Mill. Francis. Und hier kann niett: gespart werden! Endlich sei etwas ausführlicher auf ein Problem eingegangen, daß für den Beginn einer großr zügigen Kolonisation vielleicht das wichtigste ist: die Frage nach der Form der Landwirtschaft, die wir in Palästina treiben sollen. Ruppin spricht ganz klar, wie schon in seinem Buch' ״Syrien als Wirtschaftsgebiet“, so auch hier (S. 06) aus, daß die landwirtschaftliche Kolonisation Palästinas im wesentlichen auf den Pflanzungs- und Gartenbau zu basieren ist. Aber aus dieser richtigen Erkenntnis, die heute Gemeingut der zionistischen Oeffentlichkeit ist (zum guten Teil dank der unermüdlichen Arbeit von Tri etsch), zieht Ruppin in seinem Buch nicht die notwendigen Folgerungen. £8 scheint, daß Ruppin hier doch noch zu sehr von den Kolonisatiojismelhoden der jetzt abgesdhlossenen Epoche beeinflußt ist. Palästina ist für die extensive Landwirtschaft, den Ackerbau, in großerem Maßstabe nicht geeignet und zu schade. Nun sehe man sich aber Ruppins Aufstellung auf S. 113 an! Von den zirka 6'/s MiU. Dunain, die er für die jüdische Siedlung des nächsten Menschenaltcrs für erforderlich hält, werden 3 Mill. für den Ackerbau eingestellt! Also fast die Hälfte! Damit aber wird die vorher ausgesprochene Erkenntnis zu einer rein theoretischen. Die gewaltige Bedeutung dieser Frage liegt nicht nur darin, daß sowohl das Land wie das jüdische Menschenmaterial zum Pflanzungs- und Gartenbau viel geeigneter sind, sondern auch darin, daß eine dichte jüdische Besiedlung des kleinen Ländchens überhaupt nur bei diesen Formen der Landwirtschaft durchführbar ist. Denn der Pflanzungs- und mehr noch׳ der Gartenbauer können sich mit einem Bruchteil des Bodens begnügen, den der Getreidebauet braucht. So können wir auch die einzelnen Kolonien, ohne ihre Fläche zu vergrößern, weit volkreicher machen — was wieder große Vorteile bietet. Statt langer Auseinandersetzungen sei hier das Schema einer Kolaniesiediung wiedergegeben, wie es Ruppin auf S. 278 darstellt, und ein Äbänderungs- Vorschlag, der den eben geltend gemachten Gcsichtspunkten entspricht.

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