Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 56 (12.8.1919)
- Date
- 1919-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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55 1, Willi JUDDISCHE RUNDSCHAU Redaktion 0. Verlag W, 15. Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Abonn.bei d.Exp. u.d. Postämtern »iertelj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M. 10,— Nummer 56 I Berlin, 12. VIII. 1919 Ameigen-Verwaltung: Welt ״Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareülexeile 75 Pf., Teaerungirusdilag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag a. Mittwoch nachm, 16. Ab 5679 XXIV. Jahrg. i. Uhr nein Str. 8. itr.M tr. 36. )389. 121. Tatgra- ״Pro!eben a ron dron, ), pro 1 Ton smus blik. sehe n der *ren- Die nder- 1ea — 1 Ton Ilijr. Veit. imitz. eiben irauajIN widel 111111111111" Bnd! Die Juden in der deutschen Revolution Betrachtungen eines Zionisten Von Dr. Gustav Krojanker, München. Die nachstehenden Ausführungen Krojankers die einen ■wertvollen Beitrag zu dem Thema: ״Der deutsche Jude und die Revolution“ darstellen, sind im Kunst wart, 2. Juniheft 1919, erschienen. D. Red. Der Geist des Zionismus ist revolutionär. Denn Revolutionär sein, heißt: die Forderungen des Geistes gegen die Materie des Bestehenden verfechten; heißt: der Leidenschaftlichkeit seiner Idee folgend, sic in die Welt der Wirklichkeit umsetzen wollen. Und gegen Jeden Revolutionär — auf was auch immer sein Ziel gerichtet sein mag — steht eine Masse, die, im Gegebenen ganz verharrend, seinem vorwärts treibenden Willen den Widerstand dumpfer Beharrlichkeit entgegensetzt: eine ״Bourgeoisie“. Der Zionist weiß um die Herrlichkeit des revolutionären Erlebnisses: des Ergriffenseins von einer Idee, die ihn nicht mehr läßt. Und er kennt die Qual und die Wonne, 'im Kampfe zu stehen gegen die Trägheit iri sich selber, wie gegen das Beharrutngsvermögen einer ganze« feindlichen Umwelt, die ihm mit Verdächtigungen, Entstellungen, Dialektik, Scheinargumenten (und immer auch einem Körnchen von Wahrheit) die Widerstände türmt. Die Gleichheit dieses Erlebnisses macht den Zionisten zum Bruder jedes wahrhaften Revolutionärs. Sie macht ihn zu seinem Bruder; aber sie macht ihn auch zu seinem einzig ebenbürtigen, weil ihm in Leidenschaft und Pathos gewachsenen Gegner, wenn er aus irgendeinem Grunde dem Ziel des anderen entgegenstehen muß. Wo kritiklose Aeffchen mitlaufen und mit machen, nur weil sie Begeisterung sehen und irgendwie den Baudt einer Idee verspüren, wird er um so eindringlicher nach dem Inhalte dieser Idee fragen und im Inhalt seiner eigenen Ergriffenheit den Maßstab zu rückhaltloser Bejahung oder Verneinung finden. Nun ist zwar die Stellungnahme des Zionisten zu dem gegenwärtigen revolutionären Geschehen durch seinen Zionismus in keiner Weise festgelegt. Um so eindeutiger aber muß sein Urteil über den Umstand lauten, daß Juden in hervorragendem, ihrer Zahl nicht entsprechendem Maße an den revolutionären Bestrebungen zur künftigen Gestaltung deutschen Lebens beteiligt sind. Dies Urteil steht Nützlichkeitserwägungen fern, es Weiß nichts von der bleichen Angst, die sich jetzt sogar an den Straßenecken plakatiert. Es ist vielmehr in der ganzen Ideologie des Zionismus tief begründet, die — hätte sie sich allgemein durchgesetzt — heute zur Folge haben würde, daß kein Jude an entscheidender Stelle im politischen Leben Deutschlands wirkte. Kein Zufall, daß das Gegenteil der Fall ist. Denn die da heute zum Unglück oder zum Segen wirken, sind nicht einzelne, sondern in ihrer Art durch das Geschick des jüdischen Volkes bestimmt — auch sie, so ferne sie uns in ihrem Bewußtsein stehen und so sehr säe sich nur der Menschheit gehörig fühlen. Aus der Verkettung unserer äußeren Umstände und unserer innersten Wesensart ist mit so unbedingter Notwendigkeit he mißgewachsen, was je* t geschieht, daß man bei Kenntnis der Voraussetzungen mit mathematischer Sicherheit jederzeit hätte zu dem Schluß kommen können, der unserer gegenwärtigen Wirklichkeit entspricht. Unsere äußeren Umstände. . . . Und wären wir die politisch konservativste Menschenklasse, ganz im Hergebrachten wurzelnd und allem Umsturz abgeneigt - ־ selbst dann hätte jene politische Geschicklichkeit der!Deutschen, die eine ganze Welt gegen sich auf zubringen wußte, uns unfehlbar in die Oppositionsparteien treiben müssen. So sehr nämlich der Deutsche aus Mangel an innerer Geschlossenheit geneigt ist, fremdes V'esen nachzuahmen, mit so ausschließlicher Feindseligkeit steht er doch allem gegenüber, was seinem germanisehen Normaltyp nicht völlig entspricht.*) Jeder ,Deutsche ist mehr ■oder weniger Judenfeind. Und der herrschende Typ war es am meisten, weil er es am wenigsten notwendig hatte, aus seinen Sympathien oder Antipathien ein Hehl zu machen. Herrschend aber war der Konservative nebst Anhang. Was;das heißt, haben auch Nichtjuden erfahren (und nicht erst im Kriege); der Jude hat es zehnfach erfahren. Und mochte er den konservativen Staatsgedanken noch so sehr bejahen: er konnte nicht vergessen, was ihm täglich, geschah — und daß es ein Tivoliprogramtti gab. Blieb die Zufluch tsstätte des Liberalismus. Aber der war nur für die Masse der Satten und Zufriedenen mit ihrem Zins- «deal, ihrer bürgerliche« Behaglichkeit, dem Mangel an ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilich-rechülth gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. *) Genau im Gegensatz zu dem im Grunde viel verständnisloseren Engländer. ״Jeder Engländer ist eine Insel“, sagt Novalis. Aber er laßt wenigstens die Inseln außer sich auf ihre Art selig werden. Schwung und dem Schwund an Ideen. Er wurde denn auch Asyl der überwiegenden Mehrheit; so sehr, daß sie ihm ganz ihr Gepräge gab. Was konnte also in! vergangenen Deutschland einer, der ein Kerl war, Rückgrat besaß und zum Ethos neigte, anderes tun als dies: in der Opposition zu stehen und die Zähne zu zeigen? ln diese Reihen sind unsere Besten gcgangen, durch die Macht der Umstände gezwungen worden. Das deutsche Bürgertum aber steht jetzt verwundert; in schöner Ahnungslosigkeit, wie sehr es selbst mitgeholfen hat, diesen Zustand der Dinge herbei zuführen. Zu den äußeren Umständen aber gehört nicht nur der Druck von außen; auch die Besonderheit unserer geschichtlichen Lage ist hier von Einfluß. Wir kamen — es ist noch nicht allzulange her — als Fremde in den deutschen Kulturkreis; übernahmen, was wir nicht miterbaut hatten; machten zu unserem besten Besitz, was fremden Quellen entströmt war. Die Beweglichikeit unseres Geistes, die Fähigkeit schneller Anpassung ließ uns in die Kultur der anderen rasch hinein wachsen, 90 daß wir bald aus Nutznießern Träger und Mehrer des deutschen Kulturbcsitzcs wurden. Aber es bleibt schon wahr, daß die letzten Tiefen deutschen Wesens, bestimmt durch Boden und Luft dieses Landes, bestimmt durch Blut Und Schicksal seiner Menschen, uns ewig verschlossen bleiben. Wir können sie ahnend erfassen, aber unseres Wirkens Art kommt aus anderer Sphäre, ist aus anderen Tiefen gespeist, von anderen Quellen um rauscht. Deshalb geziemt uns Takt überall da, wo es entscheidend um die Gestaltung deutschen Lebens und deutscher Zukunft geht. Dieser Situation uneingedenk, verlassen jetzt Philosophen und Literaten (gefolgt von allerhand Schariataneri) Schreibtisch und Kaffeehaus, um dem deutschen Volke seinen Zukunftsweg varzuzeichnen. Gewiß: auch sie vom reinsten Wollen geleitet; ganz hingegeben ihrer Beglückungsidee. Aber im letzten Grunde wurzellos; keiner Gemeinschaft wahrhaft verbunden, durch das historische Werden keiner gehaTf'n und gehemmt. Und wenn es das Merkmal 'des' Revolutionärs ist, der Leidenschaftlichkeit seiner Idee, unbeirrt durch alle Hemmnisse der Materie zu folgen ~ dann haben diese Revolutionäre es leicht, die infolge ihrer historischen Situation an Hemmungen nicht zu leiden haben. Es ist kein Kunststück, zu zerstören, was man nicht miterbaut hat; und leicht begeistert sich für einen vagen Zukunftsplan, wer durch nichts der Vergangenheit wahrhaft verbunden ist. Es ist kein Zufall, daß es fast durchweg jüdische Intellektudle sind, die dem deutschen Volke zu einem Sprung ins Dunkle raten. Wie leicht ist das, wenn man nichts zu verlieren hat; wie schwer, wenn man dabei• eine ganze große Vergangenheit riskieren muß. . . . Und trotz alledem ist es nicht hinreichend, unsere starke Beteiligung an den Vorgängen dieser Tage nur aus den äußeren Umständen zu erklären. Irgendwie liegt sie sicherlich auch in unserem Wesen beschlossen. Im jüdischen Volke wirkte von je stärker als in anderen Völkern der Hang zur sozialen Gerechtigkeit. Von Moses und den Propheten über Jcschua aus Nazareth bis zu Marx und Lassalle haben immer wieder Juden den Heilsruf vernehmen lassen. Wir sind nun einmal das merkwürdige Volk, bei dem unvermittelt nebeneinander die Gegensätze ruhen, das Shyloks und Heilande, Wucherer und Propheten hervorgebracht hat. Nun sind gewiß nicht all die kleinen Beglückungsschreier, die heute die große Rolle spielen, etwa Propheten. Aber noch der letzte von ihnen hat in der Reinheit seines Ethos, der Kraft seines Willens, ja selbst der Dumpfheit seines Fanatismus, in dem Durchglüht- und Besessensein einen Hauch wenigstens Von dem großen jüdischen Erbe, das wir in unserem Blute verwahrt haben. Und so schwankt man zwischen Segen ■und Fluch. All die Menschen sind unsere Brüder. Es ist feige, sich von ihnen loszusagen, und nicht der Wahrheit entsprechend, sie als zufällige Einzelne zu bezeichnen. Aber es situ! Brüder, die in die Irre gegangen sind, weil sie den Boden verloren haben, aus dem sie hervorwuchsen. Menschen beglückt man nicht irgendwie und irgendwo. Einer Gemeinschaft ׳zum Segen gereichen kann nur, wer in seinem Kreise wurzelt, um dessen Bedingungen weiß und nun Wer, selbst gehemmt durch Blut und Vergangenheit trotz allem seiner Idee folgt und sie zum Siege führt. Von hier kann er das Beispiel geben; von hier der ganzen Menschheit zum Wahrzeichen ihres Weges werden: Der Zionist weiß sich als Angehöriger des jüdischen Volkes. Damit ist ihm seit! Ausgangspunkt gegeben. Und er lächelt nur über die Spötter, denen der Rahmen zu eng und die Aufgabe zu klein erscheint. Ein viel Beachteter unter den( neuen Literaten hat uns die ״Flucht ins Herbarium“ vorgeworfen. Er weiß eben nicht, daß man auch im entferntesten Winkel von Palästina die Tiefe der Welt erleben und dort kosmischer empfinden kann, als etwa der nirgends beheimatete Heine im Weltall. Und ihml fehlt die Möglichkeit zu dem Glauben, der uns beseelt: daß nämlich dieses kleine jüdische Volk in seinem kleinen Lande vielleicht eine Ordnung der sozialen Gerechtigkeit zu schaffen imstande ist, die dann von anderer Wirkung auf die Welt sein wird, als es das verhallende Wort verhaßter Literaten im fremden Lande ist. Die Luzerner Sozialistenkonferenz gegen die Pogrome (Eigener Drahtbericht.) Die internationale Sozialistenkonferenz nahm einstimmig folgende vom Franzosen Ren a u d e 1 vorgeschlagene Protestresolution an: ״Die Konferenz protestiert gegen die Pogrome und Verfolgungen, deren Opfer die Juden in den von Polen militärisch okkupierten Teilen Litauens und der Ukraine sind. Sie fordert vom neuen polnischen Staat, daß er seine Unabhängigkeit durch Duldung dieser Verbrechen nicht besudeln lasse. Sie fordert von der Friedenskonferenz, den Bürgen des unabhängigen Polens, daß sie de» polnischen Staatsmännern eine Politik empfehle, welche die Wiederkehr dieser unmöglichen Brutalitäten ausschließt. Sie fordert zugleich die polnischen Sozialistenparteien auf, energisch einzugreifen und die Verwirklich un-g des Verlangens dieser Konferenz durch zusetzen.“ Ferner nahm die Konferenz eine von den jüdischen Delegierten (Poale-Zion) Chasan owitsch und Kaplansky vorgeschlagene Resolution an. Diese lautet: ״Die internationale Sozialistenktonferenz beschließt die Entsendung einer Kommission zur Untersuchung der gegen die Juden in Polen und in den von Polen oldkupierten Teilen Litauens und der Ukraine gerichteten IV grome und Verfolgungen. Das Aktionskomitee der Sozialistenkonfereilz wird beauftragt, die Zusammensetzung dieser Kommission zu bestimmen und den jüdischen, polnischen, ukrainischen und litauischen sozialistischen Parteien eine Vertretung in dieser Konferenz eützuräumen.“ Beratung des Weltverbandes der Poale-Zion (Fortsetzung und Schluß.) Die Berichte der Vertreter der Landesparteien und der Bericht des Verbandsbüros über seine Tätigkeit im Laufe der Kriegszeit, der von Chasanowitsch er• stattet wurde, rief eine leidenschaftliche Debatte hervor. Die Versammlung konstatierte dann mit Genugtuung, daß die Tätigkeit des Verbandsbüros in dieser schwie- * rigen und verantwortungsvollen Zeit erfolgreich lind energisch war, bedauerte aber, daß es dem' Verbandsbüro nicht gelungen war, die Einheit des Verbandes und aller seiner Teile zu wahren und daß es sich manchmal zu Schritten habe hin reißen lassen, die nicht den Tendenzen der Bewegung entsprechen. Einen besonderen Dank sprach die Konferenz den Herren Chasan«- w; i t s c h , K a p 1 a n s k y und Locker aus, die in dieser Zeit die Bewegung geleitet haben. Der A n t rag der auf dem Boden des Kommunismus stehenden Wiener Delegation, aus der zweiten Internationale auszutreten und sich der dritten Internationale anzuschließcii, wurde von der Versa m m 1 u 11 g e i n s t i ni m i g abgelchnt. Die Beratung erklärte, daß sie nach wie vor auf dem Boden der zweiten Internationale stehe und widmete eine Reihe von Sitzungen der Behandlung der- )eiligen Fragen, die auf der Tagesordnung der demnächst in Luzern stattfindenden Sitzung des Permanenzaus- Schusses der Internationale stehen werden. Die Vertreter des Verbandes in dieser Permanenzkominission, die Herren Kaplanskv und Chasanowitsch, begaben sich noch vor Schluß der Konferenz nach Luzern, um an den Sitzungen der Kommission teilzunehmen und dort im Sinne der hier gefaßten Be- Schlüsse zu wirken. Nach einem eingehenden Vortrag über die Aufgaben eines jüdischen Arbeiterkongress.s beauftragte die Konferenz das Verbandsbüro' entsprechende Schritte einzuleiten, die die Einberufung dieses Kongresses ermöglichen. Die letzten zwei Tage der Konferenz waren den Fragen der Palästinatätigkeit in allernächster Zeit gewidmet.‘Ueber die Prinzip׳en\md Formen der Palästinaaufgaben, referierte eingehend Ipgenieur Kaplanskv־. Die Beratung schloß sich dann ueu Vorschlägen des Verbandsbüros und einzelner Landsmaiinschaften an, umgehend eine p o a 1 e z i o n i s t i - sehe Delegation nach Palästina zu entsenden, die an Ort und Stelle die eingebrachten Vorschlage prüfen und später der Weltkonferenz, ein Projekt für die Tätigkeit der jüdischen Arbeiterschaft für und m f alästina festlegen soll. Die Beratung wählte eine Delegation, die _ aus den Vertretern der an der Konferenz nicht beteiligten Landsmannschaften ergänzt werden muß, die steh umgehend nach Palästina zu begeben hat. In das neue Sekretariat des Verbandsbüros wurden gewählt die Herren Chasanowitsch |ahrblum, Kapla11sky, Locker und SokaL Die Tagung• beauftragte auch das ־Verbandsbüro, führende Genossen nach Amerika und Rußland zu entsenden.