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Jüdische Rundschau · 1919-08-08 · Heft 55 (8.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 55 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u.Freitag, Abonn.bei d, Exp, a. d. Postämtern viertel), M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr, 12» i, Ausland M 10,— Nummer 55 I Berlin, 8. VIII 1919 Um Deutsclitum und Judentum I>cr Centralverein deutscher Staatsbürger jüdisclien Glaubens hat unter dem Titel: ״Um Deutschtum und Juden tu m״ Reden und Aufsäte seines Vorsitzenden Eugen Fuchs veröffentlicht, die vom Jahre 1894,!kurz nach Gründung des Centralvereins, bis zum Jahre 1919 reichen. Es ist ein stattlicher Band von fast 400 Seiten, in dem sich der langjährige Führer des Central Vereins und des Verbandes der Deutschen Juden über die verschiedensten Probleme äußert: Antisemitismus, Deutschtum, Christentum, Weltkrieg, Friedenskonferenz, Palästina, Zionismus. Wer die Aufsätze von Fuchs liest, wird ohne Zweifel mandien Genuß! davon haben. Die Abwehr ,antisemitischer Uebergriffe geschieht nicht ohne Würde, nicht ohne schlagende Logik, und der Kampf gegen die national-jüdische Bewegung־,wird überall mit einer Ehrlichkeit und in einer Form geführt, die der Gegner an Fuchs so hoch schätzt. Wer allerdings erwartet, in der Spanne von 25 fahren, die das Sammelwerk umfaßt, eine eigene Entwicklung in den Ideen des Verfassers aus sich selbst heraus zu finden, der wird das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Man nehme etwa zum Vergleich Martin Bubers ,,Jüdische Bewegung“, auch ein Sammelwerk, das Aufsätze und Reden des Verfassers aus einer, übrigens kürzeren Reihe von Jahren enthält. Beide Verfasser haben vom ersten Tage ihrer jüdisch-publizistischen Tätigkeit a!1 einen festen Standpunkt zu deti Dingen gehabt. Aber welche Fülle neuer Probleme, welche Lösungen bietet Bubers Werk und wie wenig zeigt auf der anderen Seite FuChss, daß er mit der, jüdischen Entwicklung, die sich zu keiner Zeit so schnell vollzogen hat, wie jetzt, Schritt gehalten hat. Und dieser Unterschied liegt nicht nur in dgr ltensQn..dffi,JVerfasset,, sondern in. der An sch au- . tttig begründet, «Sie sie vertreten. Das Charlieteristische für den Standpunkt des Centralvereins ist, daß aus der Idee, die ihn geschaffen hat, keine Anregung zu einer neuen Entwicklung entstehen konnte. Wenn heute der Gentralverein — wir »werden darauf noch zurückWotnmen, — etwas anderes ist, als er bei seiner Gründung war, so ist ihm diese Entwicklung von außen aufgedrängt worden. Wenn er heute für1 vieles eintritt, das er früher heftig bekämpfte, so sind!das Konzessionen, die seinem innersten Wesen widersprechen, nicht organische Entwicklung. Ehe zionistische Idee trat am ersten Tage mit dem Anspruch auf, die jadiscfhe Frage in ihrer Totalität zu lösen. Das mußte mit Naturnotwendigkeit immer neue, große Aspekte eröffnen: so wurde?|iie Wiedererweckung des.Hebräischen und der jüdischen Kultur, so die jüdische Jugendbewegung, so der Gedanke der körperlichen Regeneration und so der Gedanke des Aufbaues Palästinas im Geiste in sozialer Gerechtigkeit aus der leitenden Idee des Zionismus entwickelt. Der Centralverein entstand äls Abwehrverein. Gegen die antisemitische Bewegung hatten sich Anaelgcn-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstrafie 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 n. 4815. Anzeigen preis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerung־!zuschlag 20%. I ״Der ,Zionismus erstrebt für das jüdische Volk I die Schaffung einer dfüniiich-rechtlldi gesicherten | Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. » ■■ . . bisher nur' einzelne jüdische Notabein und der von Nichtjuden gegründete ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ gewandt: jetzt (1893) forderten Raphael L ö w c n f e 1 d und Eugen Fuchs, denen sich Maximilian Horwitz anschloß, einen mögliehst viele deutsche Juden umfassenden Verband zur Abwehr des Antisemitismus und zur Erringung der Gleichberechtigung. Daß dieser Gedanke, und nur dieser, die Begründung des Centralvereins verursacht hat, spricht Fuchs noch 1903 aus. Dainals, zum zehnjährigen Stiftungsfest des Central- Vereins, führte er aus: ״Unser Verein hat eine Sonderart; er ist ein Kind bedrängter Zeit und nicht für die Dauer geschaffen. In einem Rechts- und Kulturstaat hätte er nicht gegründet werden sollen.“ Also noch! 1903, ein Jahr vor Herzls Tod, sah Fuchs) im Centralverein einen reinen Abwehrverein, dessen Aufgabe darin beschlossen liegt, die Gleichberechtigung restlos durchzuführer! und sich dann wieder aufzulösen. Die Notwendigkeit einer solchen Organisation ist nie verkannt worden, zahlreiche Zionisten arbeiteten damals im Centralverein mit Er hatte kein eigenes jüdisches Programm, sondern er wollte deutsche Juden, gleichgültig welchen Standpunkts, zusammenschließen, um ein in sich: begrenztes, sicherlich erstrebenswertes Ziel zu erreichen. . Acht Jahre später, als Werner Sombarts Broschüre ״Die Zukunft der Juden“ und seine Vorträge über dasselbe Thema eine gewisse Erregung in das deutsche Judentum brachten, können wir einen Einfluß dieser äußeren Momente auf Eugen Fuchs bemerken. Zaun ersten Male hören wir von einem Standpunkt desCemtratvereins, der dem '®*,ft—־ ׳ *s4!E_ «itni _ Freilich betont Fuchs sehr* stark die gemeinsamen Aufgaben des deutschen Judentums. Er ist einig mit den Zionisten, ״nicht bloß ׳im Stolz und Selbstbewußtsein, und in dem Bestreben, den Geist zu bannen, der im Assimilantentum so gefährlich für die Judenheit geworden, wir sind auch einig mit ihnen durch ein Werk friedlicher Kulturarbeit die soziale Lage der Juden zu verbessern. Wir sind nicht einig über die Begriffe ״völkisch“, ״staatlich“, über die Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit eines jüdischen Staates sowie darüber, ob es möglich und nötig sein wird, einen Staat zu schaffen, der nicht bloß die Heimat des Volkskörpers der östlichen Juden, sondern auch die Heimat für die westliehen sein soll. Aber diese Differenzen, in Ansehung des Ziels, sind so nebensächlich gegenüber der langen und Weiten Strecke, die wir miteinander gehen müssen, daß wir 'dringend alle bitten, einig darin zu sein, daß wir vorerst den gemeinsamen Weg gehen, wonach jüdischer Geist auf dem Bßden unserer Kultur wiederbelebt wird.“ Schon hier macht sich eine Annäherung an die zionistische Phraseologie geltend, die wir seither Telephon: Amt Uhknd 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm, —־' ... “'V־ Jahr& nicht selten konstatiert haben, im der Sache selbst aber bewirkt die zunehmende Nationalisierung der deutschen Zionisten beim Ccntraiverein ein langsanres Entstehen einer theoretischen Fundierung, die den jüdischen Nationalismus ablehnen zu müssen glaubt, weil er den deutschen Juden das Gefühl ihrer unlöslichen Verbundenheit mit dem Deutschtum zu nehmen scheine, und damit die Grundlage gefährde, von der aus der Centralverein bissher seinen Kampf um die Gleichberechtigung geführt hat. Rücksicht auf die bessere Durchführung der Abwehr zwingt zum Kampf gegen den Zionismus; wieder nur Opportunitätsgründe. Die nächsten Monate nach der Sombart- Rede bringen zum ersten Male einen heftigen Kampf zwischen Centralverein und Zionisten, bis dann die Delegiertenversammlung des Centralvereins vom 30. März 1913 den Bruch vollzieht. Auf dieser Tagung hat Fuchs das eine der beiden Referate über das Verhältnis zum Zionismus erstattet. Die von ihm vorgeschtagene Resolution ist dann im wesentlichen angenommen worden. Sie versuchte, die Geschlossenheit der deutschen Zionisten zu zersprengen, indem sie einen Unterschied machte zwischen deutschen Zionisten, die sowohl jüdischnationales wie deutsch-nationales Gefühl in sich vereinigten und auch fürderhin dem Ccntraiverein angehören dürften und einer radikalen Gruppe, die sich rein jüdisch-national fühle und dem Deutsehen Staate nur alß Staatsbürger gegenüberstände. Die Eliminierung der letzten Gruppe verlangte Fuchs und bewirkte dadurch, daß die Zionistische Vereinigung für Deutschland den Austritt aller Zionisten aus dem Centralverein veranlaßte. So hat die Entwicklung des deutschen Zionismus die Entwicklung des Centralvereins beeinflußt, und es ist das Schicksal des Centralvereins geblieben, sich auch weiterhin die Wege seiner Ent- Wicklung von außen vorschreiben zu lassen. Gewiß '^s^eftikrieges~*seeftä1:_g«S’en@fflihf'aBerJiÄ^'~' mals hätte ein Zionist aussprechen können, was Eugen Fuchs am 23. November 1914 sagte: ״Was wir Vor Ausbruch des Krieges verbrannt haben, beten wir jetzt an, und1 was wir damals angebetet haben, verbrennen wir heute.“ Das sagte nicht ein Mitläufer, sondern der anerkannte Führer des Centralvereins. Die letzte Phase in der Entwicklung wird wieder ganz durch den Zionismus diktiert. Seine ungeahnten politischen Erfolge, das jüdische Palästina, die nationale Autonomie,! die Judenfrage auf der Friedenskonferenz, die Nationalisierung des deutschen Judentums, die Kongreßbewegung: das sind die Probleme, mit denen sich Eugen Fuchs, vor allem in den beiden Aufsätzen ״Glaube und Heimat“ (1917) und ״Was nun?“ (1919) auseinandersetzt, sämtlich Fragen, die der Zionismus in die aktive jüdi sehe Politik getragen hat, fremd dem passiven und nur auf die deutschen Probleme eingestellten Geist des Centralvereins. Diese Tendenzen sind stärker als er. Schritt für Schritt weicht der Centralvercim vor der übermächtig ge- Zionistensteuer Der Aufbau der jüdischen Zukunft in Palästina hat begonnen. Die ersten Grundlagen des neuen Palästina werden gelegt. Das Actions-Comite fordert für das laufende Jahr 1919 die Aufbringung von 400 000 englischen Ptund. Der größte Teil dieser Summe wird für Palästina selbst gebraucht, wie sich aus folgender Etatsaufstellung £ j-r jas Schul- und Erziehungswesen in Palästina; 84 000 £ für das öffentliche Gesundheitswesen in Palästina; 48000 £ für die Außechterhaltung der Polizei in den jüdischen Stadtvierteln und Dörfern, für Unterstützung der Soldatenfamilien, für Darlehen und Subventionen an öffentliche Einrichtungen; 38 000 £ für die zionistische Palastina-Kommission in Jerusalem und Jaffa; 23 0M( £ für Expertisen und Untersuchungen über Irrigationen, Regelung der Wasserkräfte, Kultivierung von Oedländereien, Immigrationseinrichtungen, für ein allgemeines Kolonisationsschema usw.; 50 000 £ für Unvorhergesehenes. Die restlichen 50000 £ sind für den Organi- Mtionsapparat in der Diaspoia, sowie für die Errichtung einer Einwanderungszentrale und von Einwanderungsämtern bestimmt. Von der Zionistischen Vereinigung von Deutschland wird von dieser Summe der Betrag von 350 000 Mk. gefordert. Zu dieser Summe treten weitere 250 000 Mk. hinzu, die die Zionistische Vereinigung für Deutschland für ihre eigenen Arbeiten gebraucht. Wir haben daher jährlich 600 000 Mk. aufzubringen. Das Zentralcomite der Zionistischen Vereinigung für Deutschland war sich bewußt, daß Beträge wie diese nur aufgebracht werden können bei einer grundsätzlichen Aenderung unserer bisherigen Finanzordnung. Demgemäß hat das Zentralkomitee beschlossen, zur Aufbringung dieser Mittel den Weg der Besteuerung aller Zionisten in Deutschland einzuschlagen, indem zugleich alle bisher betriebenen Einzelsammlungen — mit selbstverständlicher Ausnahme des Jüdischen Nationalfonds ־— aufhören sollen. von mindester«, M. 60.— jährlich, wobei vorausgesetzt wird, daß jeder, der dazu einigermaßen imstande ist, einen den höheren Stufen entsprechenden größeren Beitrag zahlt. Die Steuer soll in der Regel vierteljährlich erhoben werden. Für Jugendliche ist eine Sondersteuerstufe von M. 30.— jährlich vorgesehen. Alle anderen Sammlungen — Mischmar, Zentralfonds, Schulwerk, Propagandafonds, Kriegsbeitrag — fallen dann fort. Bestehen bleibt neben der Zionistensteuer lediglich der Landesbeitrag und der Beitrag für die Ortegruppe, die bekanntlich zusammen von den Ortsgruppen eingezogen werden. An alle Ortsgruppen und Vertrauensmänner ergeht hiermit die Aufforderung, sich mit ganzer Kraft der Einziehung der Zionistensteuer zu widmen und damit sofort zu beginnen. Als das erste fällige Vierteljahr gilt das 3. Quartal 1919. Zionistische Vereinigung für Deutschland Der Geschäftsführende Ausschuß H a n t k e

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